Im ersten Licht von Norbert Gstrein

In Im ersten Licht jagt Norbert Gstrein im historischen Galopp durch das 20. Jahrhundert und erzählt eine Epoche äußerster historischer Bewegung durch eine Figur, deren Wahrnehmung im Modus des Stillstands organisiert ist. Wir erfahren das Österreich der Weltkriegszeit aus der Perspektive eines Postbeamten-Sohnes, der sich zwischen den Kreisen der Wiener Gesellschaft bewegt.

Adrian Reiter wird vom Vater mit der Axt zum Invaliden geschlagen, um so der Front des Ersten Weltkriegs zu entgehen.

Das Buch beginnt in den frühen 1920er Jahren. Adrian arbeitet in einem Speiselokal und sieht dort einen im Gesicht entstellten Kriegsinvaliden, der sich als Sohn der Ellers herausstellt, die ihn für tot erklärt haben und in ihrer Villa verstecken. Adrian trifft dort auf weitere Invaliden und ihre Traumata.

»Lass uns aufhören mit diesen Spielchen«, sagte er und schlang noch einmal seine Arme um ihn, legte den Kopf auf seine Schulter. »Wir wissen, was wir verloren haben.« Der junge Herr nickte. »Unser Herz und unsere Seele«, sagte er. »Über alles andere müssen wir nicht reden.« Im nächsten Augenblick war wieder sein Schluchzen zu hören, ein Schluckauf, der in ein anhaltendes Wimmern überging, und Stegner zog ihn noch fester an sich, als wollte er damit das Pathos ersticken.

Zu dieser Zeit wird Adrian noch im hohen Alter gedanklich zurückkehren, während er bis zum Jahr 1988 – dem Ende des Romans – als Konstellationskörper stockender Widersprüche die Geschichte an der Schwelle festhält.

Gstrein möchte durch Adrian kein Leben erzählen, keinen Bildungsroman schreiben. Alles ist bereits passiert – zu spät, halb verschoben. Zeiten und Daten dienen als Pflöcke. Durchlebt wird keine der Zeiten von Adrian.

Die gewählte Erzählperspektive ist sehr interessant. Ich erlebe einen personalen Erzähler, der in abgeschlossener Vergangenheit berichtet und häufig in den Konjunktiv wechselt. Das erzeugt eine große Distanz. Durch Adrian hindurch findet dieses Erzählen statt. Er ist zwar derjenige, dessen Innenleben und Perspektive eingenommen werden. Allerdings ist die Figur von einer solchen Entwirklichung durchzogen, dass er insbesondere aus den Dialogen stellenweise komplett verdrängt wird. Hierbei musste ich an Camus’ Der Fall denken, in dem wir ebenfalls nur die Rede des Erzählers hören, selbst wenn er sich in Dialogen befindet – sein Gegenüber wird stumm geschaltet. Nur dass Gstrein dies umkehrt und die Perspektivfigur gespenstisch herausfallen lässt.

Eine eindrückliche Szene hierzu findet mit seinem (ehemaligen) Schüler Baumgartner statt. Adrian hat inzwischen durch Unterstützung von Frau Eller in Wien Geschichte und Englisch auf Lehramt studiert. Sein Spezialgebiet ist die Kavallerie. Obwohl er sich wahrscheinlich als Pazifist beschreiben würde, hat Adrian eine eigenartige Faszination für den Krieg entwickelt, als müsse er sein „Einhorn-Dasein“, nicht an der Front gewesen zu sein, durch detailliertes Wissen kompensieren.

Dies stachelt einen kriegsversessenen Schüler an, der ihn in den kommenden Jahren verfolgen wird:

»Sehnsucht gehabt, Herr Professor?« Immer die gleiche Begrüßung. »Angst um mich, Angst, was ich anstellen könnte? Trinken Sie erst einmal etwas und beruhigen Sie sich! Jedes zweite Glas geht auf das Haus.« Baumgartner, der über ihn frotzelte. »Nun haben Sie sich nicht so, Herr Professor!« Baumgartner, der ihn vor anderen bloßstellte. »Das ist mein verehrter Herr Professor, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Ein bisschen anders verhält es sich im wirklichen Leben. Er kann Ihnen alles über den Krieg erzählen, aber er hat natürlich noch nie ein Gefecht gesehen.« Baumgartner, der sich herausnahm, was er sich herausnehmen wollte, und ihn am Ende mit immer ausgeklügelteren Gemeinheiten beleidigte. »Sie wissen doch selbst, was für ein armer Tropf Sie sind. Also hören Sie auf, sich zu zieren, Herr Professor! Nehmen Sie lieber noch einen Schluck und entspannen Sie sich ein bisschen.«

Dieser Spott trifft Adrian nicht nur äußerlich, sondern einen wunden Punkt. Er lebt in einer Form der Ohnmacht, Verdrängung und Halbdistanz, da ein Teil von ihm am Heroischen hängt. All dies wird nur verschämt in einer beschädigten Teilhabe erzählt. Der Erzähler deutet ihn nicht aus, moralisiert nicht, kommentiert nicht. Er belässt Adrian als entleerten Knotenpunkt der Geschichte vor sich hingeistern.

Baumgartner wird ihm von einem Ereignis an der ukrainischen Front während des Zweiten Weltkriegs berichten. Hieraus ergibt sich Geschichte als unerlöste Verdichtung. Adrian wird keine Konsequenz aus diesem Wissen ziehen, sondern hält sein Dasein im Zustand eines Vorbewussten auf der Schwelle.

Adrian hatte sich danach wochenlang oder genaugenommen nicht nur wochenlang, sondern in Schüben immer wieder und sein ganzes Leben lang an den genauen Wortlaut zu erinnern versucht, aber umsonst. Es war so schnell gegangen, dass er zuerst nicht einmal richtig erschrak, weil er es ohnehin erwartet hatte, oder er bildete sich im nachhinein zumindest ein, es schon erwartet zu haben, als wäre das eine Erleichterung. Erwartet oder sogar gewusst, falls es diese Art von Wissen überhaupt gab, im Grunde genommen alles schon da, aber wie noch hinter einem Schleier verborgen, der jederzeit weggezogen oder weggerissen werden konnte? Wenn er darüber nachdachte, war es am ehesten mit einer dieser Kinderzeichnungen zu vergleichen, in denen man Zahlen verbinden musste, bis sich die Striche zu einem Bild ergänzten, und in seiner Zeichnung waren alle Zahlen längst verbunden gewesen bis auf die letzte, das Bild war so gut wie vollständig zu sehen, aber er hatte es nicht gesehen und sah es immer noch nicht richtig, als jetzt der letzte Strich gezogen wurde.

Im dritten Teil des Buches wird ihm Vivian zur Seite gestellt, eine Engländerin, deren Bruder im Ersten Weltkrieg als Deserteur erschossen wurde. Sie stellt eine weitere Extremvariante dar, mit der Vergangenheit umzugehen. Während Adrian sich in einem Zustand historischer Lähmung befindet, will sie Geschichte unbedingt aufdecken, füllt Lücken mit Interpretationen, fällt auf einen vermeintlichen Geschichtswissenschaftler herein und verschiebt Geschichte in das äußere Feld von Narrativen, Meinungen und Rekonstruktionen.

Am Ende expliziert der Roman die Konstellation um Adrian, indem er eine politische Deutungsebene einzieht und damit – zumindest meiner Ansicht nach – die zuvor offene Struktur nachträglich erklärend überformt. Das erscheint unnötig, denn der Text ermöglicht bereits durch seine erzählerische Gestaltung eine sehr klare Reflexion: durch die große Distanz, die er zwischen Leser und Figur einzieht, durch die Unmöglichkeit eines identifikatorischen Lesens und durch den dialektischen Moment, den er dem Leser überlässt. Gerade diese Offenheit macht die historische und moralische Dimension des Romans erfahrbar, ohne dass sie eigens ausgesprochen werden müsste.

Ich habe das Buch in der ersten Hälfte sehr gerne gelesen. Die Sprache trägt und liest sich unverschämt geschmeidig. Die erzählerische Hetze und die Sprünge durch die Jahre werden irgendwann jedoch nervig. Gerade in der zweiten Hälfte wirft Gstrein den Turbo an. Das liegt natürlich daran, dass Adrian nun einmal kein Leben lebt, das erzählerisch reich wäre, sondern nur einige wenige Ereignisse relevant sind und er als Durchgangstor für einen größeren historischen Rahmen dient, der durch den kaputten Reflektor Adrian jedoch vage bleibt. Hier beißt sich die Katze ein wenig in den Schwanz. Individualpsychologisch ist das zwar interessant gearbeitet, als Roman eines historischen Panoramas, einer großen Schuld, aber vielleicht zu versteckt.

Die England-Episode mit Vivian wirkt konstruiert. Und das Ende – wie bereits erwähnt – beschädigt für mich etwas die Anlage des Romans.

Was ich aber sagen kann, auch wenn es sich in meiner Bewertung nicht ganz widerspiegelt: Das Buch arbeitet. Gerade die Bremswirkung Adrians lässt das „erste Licht“ als Moment erscheinen, in dem Verdrängtes sichtbar wird. Etwas Unerträgliches wird enthüllt.

„Und was jetzt?“

Kommentare

8 Kommentare
    1. Das freut mich – ich würde gerne eine begeisterte Rezension zu dem Buch lesen :D.
      Direkt nach Beenden dachte ich auch noch, ich würde es besser bewerten, zumal ich merkte, dass es arbeitet. Nachdem ich eine Unterhaltung darüber hatte, war schnell klar, dass es zwar ein paar gewisse Punkte gab, die mich beschäftigen (insbesondere die Erzählperspektive),das Buch aber nach der intensiven Arbeit damit seltsam leer bleibt.

      1. Mal sehen, wann ich überhaupt dazu kommen werde. Jetzt ist erst einmal „Solaris“ dran.

      2. Hehe, hast das Zeichen also angenommen 😉… Hoffe du findest Zeit ordentlich Updates zu posten. Das Buch ist so irre gu(h)ut.

  1. Nachdem ich nochmals deine Rezension gelesen habe, bin ich versucht, die Erzählperspektive eingehender zu beleuchten. Vielleicht hat das Buch schlicht keine – ich bin etwas zu faul dafür, aber im Grunde verstößt diese Perspektive gegen ziemliche viele Lesegewohnheiten, was es zu Anfang aufregend, gegen Ende immer schwächer werden lässt. Ich denke immer noch, dass es ein sich versteckender allwissender Erzähler ist, der einfach hinterm Berg hält mit seinem Wissen (also jemand, der allwissend tut, sich allwissend aufführt, es aber unreflektierterweise gar nicht ist). Diese Perspektive hat für mich etwas von einem gestohlenen Brief – und da lande ich bei meinem schlechten Lacan-Wissen. Irgendetwas stößt mir hier mächtig auf :O … schöne Besprechung!!

    1. Anna Carina
      Anna Carina Autorin

      Habe meine Notizen zum gestohlenen Brief rausgekramt.
      Du könntest richtig liegen, dass wir einige Parallelen dazu finden.
      Was könnte der Brief als Signifikant sein, das Determiniert? Für mich Adrians verpasste Kriegserfahrung und die Bedeutungen die sie enthält.
      Lacan: „Der Signifikant ist Einheit daraus, dass er einzig ist, da er von Natur aus Symbol nur einer Abwesenheit ist.“
      Und eine andere Notiz von mir dazu: „Der Brief, der von Hand zu Hand geht, bleibt selbst unverändert, aber seine Bedeutung wird vollständig durch die jeweilige Position der Akteure (die ihn besitzen oder nicht besitzen) bestimmt. In diesem Sinne spiegelt der Brief die Struktur des Signifikanten wider: Nicht der Inhalt des Briefs ist entscheidend, sondern sein Platz innerhalb eines Netzwerks von Bedeutungen.“
      Er wechselt den Platz für Adrian, durch die Invaliden, die Scham und später dann durch Baumgartner in etwas martialisches, das sich weiter in ein Geheimnis und Schuld verschiebt. Vivian fügt nochmal weitere Bedeutungen hinzu: den Krieg symbolisch zu enthüllen, die Geheimnisse zu entlocken oder vielleicht die symbolische Lücke zu füllen.
      Adrian ist Absender des Briefes Krieg und bekommt seine eigene Botschaft in umgekehrter Form zurück. Etwas das Lacan zu der Situation aus dem Buch des gestohlenen Briefes sagt.
      Nochmal Lacan: „Einzigartigkeit des Briefes das wahrhafte Subjekt der Erzählung. Er kann einen Umweg erleiden, hat eine Wegstrecke die ihm eigen ist. Ein Zug, in dem sich hier Seine Wirkung als signifikant bestätigt.  Der signifikant hält sich nur in einer Verschiebung aufrecht. Er verlässt seinen Platz um gegebenenfalls in einer Kreisbewegung wieder dorthin zurückzukehren.“

      Die Erzählperspektive geht deshalb durch Adrian hindurch. Er wird lediglich verschoben.
      Die Erzählperspektive ist daher eine Art Tier, das sich tot stellt:
      „typisch imaginären Situation gefangen sieht: dadurch, dass er sieht, dass man ihn nicht sieht, die reale Situation zu verkennen, in der er gesehen wird, dass er nich sieht. Und was sieht er nicht? Gerade die symbolische Situation, die er selbst so gut zu sehen gewusst hat, und worin jetzt er, siehe da sich nicht gesehen zu werden sehend gesehen wird.“

      All das deutet für mich darauf hin, dass wir hier nur die Struktur von Gstrein bekommen, in der das Spiel der Verschiebungen statt findet. Deshalb bleibt die Erzählperspektive auch genauso uneindeutig.

      Nur ist das irgendwie bei Gstrein etwas verdrehter als im gestohlenen Brief. Da Adrian als Absender des Briefes, den Inhalt nicht kennt und begehrt, dass der Brief (Krieg) bei ihm ankommt.
      Tut er aber nicht. Jedenfalls nicht als Erfahrung. Also ein Brief der zwar existiert, für Adrian aber eben nur als Symbol das nicht ankommt, aber genau deshalb ankommt. Und das in Form des Echos – da würde ich wieder mein Zitat zur Stille herausziehen aus Goodreads. Er hört in der Stille den Donner der Kanonen.
      Dh. der Brief wurde für mich bei Gstrein nur imaginär verschickt. Er existiert nicht physisch (für Adrian) und dennoch hat er Macht. Daher kann Adrian auch nur als Blockade auftreten. Er kann sich nicht Einschreiben in diese symbolische Ordnung. Und dann kommt Baumgartner und erzählt ihm etwas, das ganz klar Symbolisch wirksam ist und Adrian erkennt diese Bedeutung des Signifikanten nicht an.

      Tja und diese Erzählperspektive, die vielleicht wirklich keine ist, schwingt da so seltsam mit rum.
      Ich sag es nochmal. Da in vollendeter Vergangenheit erzählt wird, weiß der personale Erzähler alles, aber versucht die Leerstelle Adrian als Perspektive zu wahren.
      Das ist nen Zwischending. Aber gerde weil der Erzähler das Erzählte in Erkenntnis umsetzen könnte und es nicht tut, liegt mir die personale Lesart näher, da er sich ganz klar für die Perspektive Adrians entscheidet, der keinen Zugriff auf die Erkenntnis hat.
      Und damit wird der Erzähler witzigerweise zu einer Art weiteren Brief. Er enthüllt keinen Sinn obwohl er die symbolische Ordnung darstellt.
      Und er positioniert nur die Dinge in Gstreins Geschichte zueinander.

      Das ist ein Roman rein über Struktur 😀
      Das hatte mich auch so daran fasziniert. Aber irgendwas daran läuft schief.
      Weiß nicht, vielleicht fällt dir nach meinem Geplapper mehr dazu ein.

    2. Anna Carina
      Anna Carina Autorin

      Ahh ich habs!! Der Erzähler kann ja nur Signifikant, reine Struktur sein, wenn sie nichts entscheidet.
      Und hier fährt Gstrein zweigleisig. Du sagst es ja selber, dass du nicht findest, dass der Erzähler sich neutral verhält. Gestrein lässt den Erzähler dennoch keine Verantwortung übernehmen. Ich denke aber dass er das bewusst so setzt, um eben die Struktur der Differenz von Wissen (Informationen liegen alle da, nur folgt daraus nichts) und Erkenntnis (also ein Wissen das ihn handlungsfähig macht oder ihn verändert) herauszuarbeiten. Und am Ende versaubeutelt er es doch mit der historischen Einordnung. Er hätte das noch viel offener auf der Schwelle lassen müssen. Dann hätte das jedenfalls für mich funktioniert. Das Schließen am Ende ist unsauber für die Anlage.

      1. Ich sehe das genauso. Das Ende, vor allem der Abschluss, das Finale, das er mit „der Autor“ bezeichnet, verhagelt mir das Ganze, auf der Schwebe halten, bis zum Schluss, passt. Da hätte ich auch gut diese leere Struktur ertragen, die ich am Anfang auch mochte – der Krieg als das Abwesende, aber alles zentrierende. Es ist formal keine Eindeutigkeit gegeben, und diese müsste als Struktur aber vorhanden sein, um zu überzeugen, denke ich, da es ein experimentelles Erzählverfahren ist, das aber traditionell rumschleicht. Schöne Analyse. Das hat mir geholfen!!

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