Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe – Teil2

Krimi und Chaos in Buch 5

Den ersten Teil der Besprechung hatte ich mitten in Buch 5 angehalten, das mit Gesprächen über das Theater und die geplante Hamlet-Aufführung aufwartet. Goethe wechselt nach dieser Inszenierung des Stücks den Modus. Das Unheimliche – Unsagbare bricht in Wilhelms Leben ein. Der Text bekommt nahezu kriminalistische Züge. Nach der Aufführung huscht eine Frau in Wilhelms Zimmer, mit der er wie in Trance verkehrt. Er erinnert sich am nächsten Morgen nur schemenhaft an die Ereignisse und weiß nicht, wer zu ihm kam. Das Laken des Geistes aus der Aufführung liegt in seinem Bett mit der Aufschrift „Zum ersten-und letztenmal! Flieh! Jüngling, flieh!“ und kurz darauf bricht ein Feuer im Haus aus. Mignon eilt herbei und drängt Wilhelm, Felix, den kleinen Sohn Aurelies zu retten, den der Harfenspieler umbringen will.

Der Harfner wird festgesetzt und Wilhelm geht zu ihm, um ein Gespräch zu führen, dessen Inhalt Goethe dem Leser bewusst verschweigt:

„um unsere Leser nicht mit unzusammenhängenden Ideen und bänglichen Empfindungen zu quälen, lieber verschweigen als ausführlich mitteilen.“

Und dann bekommt Philine, eine Frau der Schauspieltruppe, Besuch von jemandem, von dem Wilhelm denkt, es sei Mariannen – seine ehemalige Geliebte und ebenfalls Schauspielerin, die zu Beginn des Buches thematisiert wird. Er möchte zu ihr, mit ihr sprechen. Philine verweigert ihm den Zugang und reist am nächsten Tag mit ihr ab, ohne dass sich die näheren Umstände klären.

Zu allem Überdruss wird Aurelie, die Schwester Serlos, immer kränklicher und stirbt an einer physischen Erkrankung am Ende des Kapitels. Aurelie schreibt vor ihrem Tode einen Brief des Abschiedes an Lothario, der die Geißel ihres Lebens war. Diesen Brief wird Wilhelm überbringen und damit eine neue Station seines Lebens einläuten.Das zuvor entstandene Chaos will ja schließlich geordnet werden 🙂

Drei Ladys

Bevor ich zu den Geschehnissen um Wilhelm und den Besonderheiten der letzten beiden Bücher des Romans komme, möchte ich schon mal einen Teil der Frauenfiguren und ihre systemische Einbettung besprechen.
Goethe legt jede einzelne mit einer anderen Anfangsvoraussetzung und Persönlichkeit an. Er hat Ende des 18. Jahrhunderts aus meiner Sicht eine enorm moderne Auffassung von dem, wie eine Frau ihren Weg innerhalb der Zwänge des gesellschaftlichen Codes gehen kann.

Gut, ein kleiner Einwand könnte sein: wir reden hier von Frauen, die finanziell gut gestellt sind und bis auf Mignon und Philine nicht aus prekären sozialen Verhältnissen kommen. Andererseits wählt er ausgerechnet Philine aus, um ein offenes Modell zu veranschaulichen, das mit allen Konventionen bricht.

Philine

Philine ist eine Parallelfigur des Serlo, die ebenfalls kein Sympathieträger ist und anderen mit ihren Spielchen, Launen und Eigenarten einiges abfordert. Sie lebt die Maske der Verführerin, der Spielerin und durchschaut das Wesen der Menschen. Sie wirkt in vielen Situationen selbstbezogen und wenig daran interessiert, wie es anderen geht. Auch die Theateraufführungen, an denen sie teilnimmt, sind für sie ohne weitere Ernsthaftigkeit behaftet. Als wolle uns Goethe die Sinnlichkeit des Lebens in ungebremster Manier servieren – die keine Ordnung kennt, der sie sich unterzuordnen hat.

Im Gegensatz zu Serlo ist sie flüchtig. Wo Serlo im Zynismus seine Manipulationen vornimmt und bleibt, wo er ist, dadurch Einfluss nimmt, taucht Philine im Roman immer wieder ab. Sie wird von Goethe wie ein flatternder Vogel eingesetzt, der zum Fenster hereinschneit und wieder aus dem Blickfeld huscht. Sie dient als Rauschen und Störfeuer. Philine bringt Unruhe herein, scheucht auf, hat aber keinen informativen Inhalt (im Gegensatz zu Serlo), an dem sich die Figuren abarbeiten oder korrigieren könnten. Sie wird in keine nennenswerte Unterhaltung eingebettet, in der sie ihr Weltverständnis erklären könnte. Sie verhält sich weitestgehend als eine Figur des Affekts. Und bei jemandem wie Aurelie löst ihr Verhalten einen unbändigen Hass aus. Ihre Derbheit und Obzönität stößt Aurelie ab. Wenn wir uns gleich Aurelie näher ansehen, wird sofort klar, welche Wahrheit Philine in sich trägt, die für Aurelie unerträglich ist. Das, was stört, ist meist der Schlüssel.

Philines letzter Auftritt ist der ominöse Abend, an dem sie scheinbar Wilhelms ehemalige Geliebte Mariannen zu Gast hat, mit der sie am nächsten Tag verschwunden ist. Damit hat mich Goethe ziemlich ins Bockshorn gejagt, denn ich dachte mir so: sieh an, sie übernimmt Verantwortung und schützt ihre Freundin. Im letzten Buch des Romans taucht aber Friedrich, der lebenslustige Bruder Lotharios auf, der diese Situation aufklärt. Ich lass das jetzt mal offen, obwohl es genau dieses moderne, aufgeschlossene Lebensmodell einer Frau skizziert, das im 18. Jahrhundert undenkbar und skandalös war, von Goethe aber wie eine selbstverständliche Form einer Möglichkeit im System behandelt wird. Wilhelm wird diese Information am Ende recht locker aufnehmen. Es findet keine Debatte dazu statt.

Aurelie

Was ist denn bei Aurelie los, die Philine so sehr verabscheut?
Als Schwester von Serlo ist sie mit der Schauspielerei aufgewachsen und hat durch ihren sozialen Status reichlich Bildung genossen. Sie ist eine scharfsinnige, intelligente Figur, wenn nicht die mit dem schärfsten Verstand des ganzen Romans. Erinnern wir uns aus meinem ersten Teil der Besprechung, wie sie Wilhelms Innenkehrung aufdeckt und seine Beziehungslosigkeit seziert.

Ihr Leid ist ihr starkes Begehren, das an einem Objekt festhängt. Sie hängt einem Mann nach, der sie verlassen hat. Dieser Mann, Lothario, war für sie ein Hoffnungsträger, in dem sie die Tapferkeit eines Volkes entdeckt, einen Anführer und jemanden, der ihren Blick weitet. Aurelie verfällt nach diesem Verlust des Mannes und der damit verbundenen Bedeutung in melancholische Stimmungen und nahezu hysterisches Verhalten. Leidenschaft vs. Verstand ist bei ihr also die Devise. Nää, das wär ja eine Dichotomie, die ich zu Beginn der ersten Besprechung ausgeschlossen habe.

Goethe sieht natürlich noch ihre systemische Einbettung. Wie wir wissen, ist Serlo eine äußerst schwierige Persönlichkeit, unter der Aurelie leidet. Sie lässt sich von ihm regelmäßig unterbuttern und fügt sich in ihrer Wohlerzogenheit dem gesellschaftlichen Code. Sie analysiert die Missstände, bewegt sich aber kein Stück selber heraus. Als sei sie innerlich leer, habe kein eigenes Gesetz, das ihren Lebenstrieb befeuert. Sie ist gebrochen, ohne innere Instanz. Das Einzige, das sie ausfüllt und gleichzeitig aushöhlt, ist der Schmerz des Verlustes der Hoffnung. Sie ist eine Figur, die den Helden ersehnt. Ein Außen benötigt, das die Rolle der Vernunft übernimmt, Verstand und Emotion versöhnt und als Sinnträger fungiert.

Lothario nimmt also hier die Rolle eines Signifikanten ein. Nach Jacques Lacan ist der Signifikant das Herrschaftssymbol, das Macht über das Subjekt ausübt, solange das Subjekt sich in seinen Schatten stellt. Um deutlich zu werden: das unerreichbare Objekt ist nicht der Mann, sondern seine Bedeutung. Aurelie konstituiert sich als Subjekt nur über die Hoffnung des Anführers, die durch den Verlust Lotharios unerreichbar wird. Lacan bezeichnet dies als durchgestrichenes Subjekt, das registriert: da gibt es eine Nicht-Beziehung. Es ist die „Unfähigkeit, die Leere im Frieden mit sich selbst zu sein und alle Kämpfe abzuschaffen“ (Absoluter Gegenstoß, Slavoj Žižek).

Ist nicht Philine genau das? Sie fechtet keine Kämpfe aus. Sie ist sich völlig ihrer Dezentriertheit bewusst. Sie weiß: unter meiner Maske ist Nichts. Für Philine gibt es keine harmonische Einheit. Sie lebt in Frieden mit ihrer Leere, indem sie trotz widriger Umstände aus sich heraus ihr eigenes Gesetz schafft, danach lebt und handelt. Sie jagt keinem verlorenen Objekt hinterher. Sie verleiht dem Chaos Konsistenz. Eine sehr eigenwillige, streitbare. Aber das ist, um navigieren zu können und handlungsfähig zu bleiben, ziemlich egal. Wahrheit ist nun mal nicht an Moral gebunden.

Ja liebe Aurelie, Philine verkörpert eine existenzielle Wahrheit, die dir weh tut. Ich weiß. Ich kann sie als Person auch nicht leiden. Es ist nun mal ein Leben in der Ungewissheit möglich. Diese Bodenlosigkeit kann dir kein anderer heldenhaft überbrücken. Dein Floß auf diesem Ozean musst du alleine bauen. Du hast vor dieser Unabhängigkeit Angst, nicht wahr? Dein leidensvolles Selbstbild wird dadurch bedroht. Du hast dein eigenes Leid bereits sakralisiert.

Die Schöne Seele

Und jetzt holt Goethe mit seinem genialsten Wurf aus. „Die schöne Seele“, die Bekenntnisse einer Frau eines Manuskriptes, gerät über die Hände des Arztes an Aurelie. Dieses Manuskript wird sie kurz vor ihrem Tod dazu verleiten, ihren Abschiedsbrief an Lothario zu ändern. Die Bekenntnisse verleihen ihr einen gewissen Frieden.

Die Bekenntnisse wurden von einer Frau geschrieben, die zwar zutiefst gottesgläubig war, einen Prozess durchlebt hat, der ihr die Unabhängigkeit von einer äußere Macht oder Ordnung verliehen hat. Später stellt sich heraus, dass die „schöne Seele“ die Tante von Natalie war, eine der Frauenfiguren, die ich ganz zum Schluss beleuchten werde.

Das komplette Manuskript der schönen Seele wird im 6. Buch abgedruckt und bildet somit eine eigenständige Erzählung innerhalb der Erzählung.

„Die schöne Seele“ läuft als Parallelfigur zu Philine, die sich beide das innere Gesetz ihres Herzens teilen, die aber formal im „Wie“, der systemischen Konfiguration und Lebensweise nicht unterschiedlicher ihren Weg gehen könnten. In diesen beiden Figuren findet die Synthese vom Höchsten und Niedersten, vom Göttlichen und Profanen statt. Die Vernunft (das umfassende Verständnis seiner Selbst – die Bewegung des eigenen Geworden-Seins mit Hegel ausgedrückt) bildet sich ausgerechnet bei Figuren höchster Gläubigkeit und triebhafter Obzönität heraus. Hatte ich nicht im ersten Teil meiner Besprechung vom Spiel der Extreme gesprochen? Da wären wir also wieder.

„Die schöne Seele“ ist ein empfindsames Mädchen und verliert früh ihre Wildheit. In Gott findet sie einen Vertrauten, macht dennoch eine Zeit durch, in der sie sich leer und zerstreut fühlt, in der sie zu Gott kaum noch eine Verbindung spürt. Während dieser Zeit verliebt sie sich:

„der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekömmt. Und wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen und im stillen zu nähren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist, durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden und zu erklären.“

Narziß, der Mann ihres Herzens, möchte, dass sie sich bildet, dies aber heimlich hält. Eine Weile lebt sie eine Maske, die sie unruhig werden lässt, da dieses Leben nicht ihrer Natur entspricht.
Sie hat ein immer stärkeres Bedürfnis, ihre Frömmigkeit auszuleben, und tut dies schließlich auch. Narziß zieht sich zurück. Und sie lebt mit dem Unwissen des Grundes, bis sich herausstellt, dass er um ihr Ansehen fürchtet, weil er keinen anerkennungswürdigen Job findet. Damit kann sie nichts anfangen. Der gesellschaftliche Code, dem Narziß hier unterliegt, ist nicht ihrer. Da das Umfeld den Rückzug Narzissens ebenfalls wahrnimmt, muss sie Geschwätz aushalten.

Was mit ihr geschieht, sobald sie versucht, sich des gesellschaftlichen Codes für eine Weile anzupassen und eine Maske des Funktionierens aufsetzt, schildert sie. Ihr Körper bestraft sie mit einem Zusammenbruch. Eine fremde, ihr nicht eigene Struktur signalisiert ihr Körper als Gewalterfahrung:

„Bei der größten Enthaltsamkeit und der genausten Diät war ich doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und meinen Kräften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn und Schlafengehn, Ankleiden und Ausfahren hing nicht wie zu Hause von meinem Willen und meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man nicht stocken, ohne unhöflich zu sein, und alles, was nötig war, leistete ich gern, weil ich es für Pflicht hielt, weil ich wußte, daß es bald vorübergehen würde, und weil ich mich gesünder als jemals fühlte. Dessenungeachtet mußte dieses fremde, unruhige Leben auf mich stärker, als ich fühlte, gewirkt haben. Denn kaum war ich zu Hause ankommen und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erzählung erfreut, so überfiel mich ein Blutsturz, der, ob er gleich nicht gefährlich war und schnell vorüberging, doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit hinterließ.“

Die allgemeine Ordnung, die für den Durchschnittsmenschen Halt und Orientierung liefert, schlägt für Menschen, die anders strukturiert sind, in einen Akt der Bedrohung um.
Wie stark sie auf die Strukturen reagiert, in die das „Was“ eingearbeitet ist, erzählt sie über eine Metapher. Sie könne keinen Vergnügungen nachhängen, wenn ihr die „verdorbene Luft“ des Kellers den Atem raube, in dem sich der Wein des Genusses finde.

„Wie sehr wünschte ich, daß ich mich auch damals ganz ohne System befunden hätte; aber wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eignen Selbsts, ohne fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewußt zu sein? Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich fremdem Ansehn; ich ergab mich völlig dem Hallischen Bekehrungssystem, und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen. Nach diesem Lehrplan muß die Veränderung des Herzens mit einem tiefen Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muß in dieser Not bald mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack der Hölle kosten, der die Lust der Sünde verbittert.“

Das ist eines meiner Lieblingszitate. Vielleicht weil diese Aussage das nachzeichnet, was meinem Erkenntnisweg bisher entsprochen hat. Darüber, was es ist oder etwas nicht ist. Sich selbst über die Negation zu begreifen.

Weiterführend ist das Zitat sogar eine Kritik an der Institution Kirche. Sie fragt sich, warum überhaupt die Angstmacherei um die Hölle errichtet werden muss, wenn das Leben ohne Gott auf Erden bereits die größte Hölle sei, die man sich ausmalen könne und sie im Glauben niemals das Gefühl der Schuld verspürt hätte.

Sie steht für eine intuitive Gläubigkeit, die ohne ordnende Instanz Kirche auskommt, die meint zu wissen, wie wir zu empfinden und handeln haben.

Für sie ist Gott der Natur immanent. Sie transzendiert ihn nicht in ein unerreichbares Jenseits, was ihren Glauben in all seiner Frömmigkeit und Einsamkeit im Irdischen bewohnbar macht. Da Gläubigkeit weitestgehend so nicht praktiziert wurde, fällt es ihr schwer, einen Umgang mit den anderen zu finden, selbst dort, wo vermeintliche Glaubensgenossen zu finden sind.

Durch Philo, den sie als ihren Agathon bezeichnet, kann sie eine andere Möglichkeit der Lebensgestaltung eines Idealisten erfahren. Ich habe den Agathon von Martin Wieland leider nicht gelesen und muss mich daher an Zusammenfassungen aus dem Internet halten, die besagen, dass er ein Schwärmer war, der durch Enttäuschungen lernt, seine Ideale an die reale Welt anzupassen, ohne dabei seine Würde zu verlieren.

Philo wird somit zu einer Art Spiegel, wie sie leben könnte, wenn sie die Bürgerlichkeit wählt. Er versteht ihre Sensibilität, da er selber mal jemand mit einem hohen Ideal war. Der den Weg beschreitet, im bürgerlichen Leben zu überleben, ohne seine eigene Seele und Intensität zu verkaufen. Er zahlt noch viel Lehrgeld. Sie gesteht sich ein, dass sie nicht viel besser ist als er. Er ist ein Warner, der sie in ihrer Reflexion über ihre beiden Leben vor Überheblichkeit rettet. Zum anderen stößt sie durch ihn auf eine pietistische Gemeinde in den Büchern seiner Bibliothek. Dort findet sie das erste Mal eine Art Resonanz, die ihre Natur bestärkt und begleitet.

„Der schönen Seele“ wurde verwehrt, sich an der Erziehung der Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu beteiligen. Grundsätzlich scheint man das Trial-and-Error-Konzept zu verfolgen. Gott oder Religion wird davon ausgespart. „Die schöne Seele“ wird in ihrer Beziehung zu Gott als gefährlich eingestuft.
Ich könnte das ja noch verstehen, wenn sie dahingehend wahnhaft verfahren wäre und jeden versucht hätte zu bekehren. Das scheint ja gar nicht der Fall gewesen zu sein. Spiegelt das Rousseaus Pädagogikkonzept wieder? Das Kind schützen, damit es sich natürlich entfalten kann? Wovor schützt man es denn in diesem Fall? Vor intuitiver Spiritualität? Vor einer Verbindung mit einer Immanenz, die keinem Regelwerk folgt?

Ihre Abschlussworte:

„Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht führet; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß sowenig von einer Einschränkung als von Reue. Gott sei Dank, daß ich erkenne, wem ich dieses Glück schuldig bin und daß ich an diese Vorzüge nur mit Demut denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe, welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.“

Na klar kannst du das regressiv lesen. Gott bewahrt mich vor dem Ungeheuer in mir. Ohne Gott ist der Mensch nichts. Das ist im Grunde nichts anderes als eine Bewältigungsstrategie des Chaos oder die Unendlichkeit zu händeln.
Nur ist das nur ein Teil des Ganzen. Der Trieb ist das Entscheidende, der Philine und die „schöne Seele“ wieder einander zuführt. Beide handeln nicht aus Angst, sondern aus einem inneren Antrieb, der im Falle der schönen Seele eine gewisse Harmonie mit Gott repräsentiert. Sie erlangt in dieser Immanenz eine Art von Freiheit.

Wer noch von der schönen Seele spricht ist Hegel in der Phänomenologie des Geistes, die etwa 11 Jahre nach dem Wilhelm Meister rauskommt, wenn ich das richtig recherchiert habe:

„die Vereinigung, welche noch fehlt, ist die einfache Einheit des Begriffs. Dieser ist an der Seite des Selbstbewußtseins selbst auch schon vorhanden; aber wie er im Vorhergehenden vorgekommen, hat er, wie alle übrigen Momente die Form, eine besondere Gestalt des Bewußtseins zu sein. – Er ist also derjenige Teil der Gestalt des seiner selbst gewissen Geistes, der in seinem Begriff stehen bleibt und die schöne Seele genannt wurde. Sie ist nämlich sein Wissen von sich selbst in seiner reinen durchsichtigen Einheit – das Selbstbewußtsein, das dieses reine Wissen von dem reinen In-sich-Sein als den Geist weiß -, nicht nur die Anschauung des Göttlichen, sondern die Selbstanschauung desselben. – Indem dieser Begriff sich seiner Realisierung entgegengesetzt festhält, ist er die einseitige Gestalt, deren Verschwinden in leeren Dunst, aber auch ihre positive Entäußerung und Fortbewegung wir sahen. Durch diese Realisierung hebt sich das Auf-sich-Beharren dieses gegenstandslosen Selbstbewußtseins, die Bestimmtheit des Begriffs gegen seine Erfüllung auf; sein Selbstbewußtsein gewinnt die Form der Allgemeinheit, und was ihm bleibt, ist sein wahrhafter Begriff, oder der Begriff der seine Realisierung gewonnen; es ist er in seiner Wahrheit, nämlich in der Einheit mit seiner Entäußerung.“

So, und „die schöne Seele“ Goethes entäußert sich durchaus. Sie ist kein Dunst. Ihre Entäußerung wird nur nicht beantwortet. Sie wird systemisch ausgeschlossen. Das System kennt keine Antwort auf sie. Also was macht sie? Sie schreibt. Sie schreibt sich mit ihren Bekenntnissen in die Welt ein, nimmt dadurch Teil am Leben, bewegt aktiv Aurelie, die im Sterben liegt und kommt zur Realisierung ihres Begriffs. Hegels Dialektik vollzogen. Und zum anderen auch noch sich ihre eigene Bedeutung gegeben. Exakt Aurelies Unvermögen auf den Kopf gestellt. Somit watscht Goethe mal alle Verstandes- und Ratiomonster ab, die meinen, sie seien von einem unbezwingbaren Jenseits befreit, wenn sie Gott abschaffen. Siehste ja was passiert. Wenn nicht Gott, dann ist es Lothario, der Gott ersetzt oder das, was man in ihn hineinprojiziert.

Jetzt muss ich mich selber nochmal kurz einholen, denn mir fällt auf, dass ich die Immanenz ins Subjekt lese. Das wäre glaub ich eher Kants transzendentales Subjekt. Hilfe! Und den Kollegen will ich mir nun wirklich nicht ins Haus holen. Aber so schnell geht das. Zack, nicht aufgepasst, Kant am Schuh!

Gilles Deleuze würde mir hier wahrscheinlich auf die Finger hauen und sagen: Die Immanenz ist sich nur selbst immanent und das Subjekt ist Effekt der Immanenzebene.
Deshalb muss ich nochmal etwas anders formulieren, denn der Trieb rettet mich. Nach Deleuze wäre der Trieb die Intensität. Also tausche ich das Subjekt durch die Intensität der Stille und tiefen Versenkung aus. Sie tritt ein ins Werden, indem sie in einem ständigen Prozess des In-sich-Hineinhörens befindet. D. h. die schöne Seele überlässt sich der Immanenz. Ihr Ereignis wäre es vielleicht, der Durchgangspunkt der Immanenz zu sein. Sie ist der spirituelle Kurzschluss des bürgerlichen Systems. Im Grunde verwirft sie ja eine Identität und lebt für die Intensität. Da Gott bei ihr kein Richter ist, sondern auch eher einer Intensität der Natur angehört, würde ich sogar behaupten, könne er bei Deleuze als Begriffsperson der Immanenzebene durchgehen. Bin mir aber nicht sicher. Kann sein, dass Gott in diesem Fall der Stolperstein sein könnte, zumal die schöne Seele ja klar davon spricht, dass er sie vor dem Ungeheuer bewahrtt. Da wird der Grat zwischen Intensität und Personifikation extrem schmal.

Gut, Goethe schreibt ja auch nicht für Deleuzianer. Das beweisen die letzten beiden Bücher, die dafür verantwortlich sind, dass ich keine 5 Sterne geben kann.

Zum Schluss…

Oh weia! Ist spät geworden. Schreibe noch einen Teil 3. Vielleicht sogar Teil 4. Wundere mich selber, wie viel ich zu sagen habe. Finde die Trias von Aurelie, Philine und „der schönen Seele“ in sich ein herrliches Match, das einander die Bälle zuspielt. Macht Sinn, das hier zu beenden.

Diese drei Frauen sind für mich keine bloßen Figuren; sie sind Wege. Dass ich diese drei Pole so gegeneinander ausspielen konnte, liegt an Goethe, der mit Spannungsfeldern, statt Zuschreibungen arbeitet. Welchen Weg man einschlägt, es erfordert Mut, wie Philine oder „die Schöne Seele“ zu einem eigenen Gesetz zu werden, anstatt wie Aurelie auf einen Retter zu warten, der niemals kommt.

Kommentare

4 Kommentare
  1. Deine Figurenkonstellation thematisieren den für mich wichtigen Aspekt von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, nämlich die frühen Stadien der Staatsentwicklung. Zur Zeit, in der Goethe schreibt, gibt es noch keinen Rechtsstaat in dem Sinne, es gibt keine wirklichen verbindlichen Instanzen. Die Gesellschaft war noch ein lockeres Gefüge von Subsystemen, die höchste Freiheit und Individualität erlaubten, repräsentiert durch Philine und Friedrich. Goethe lässt sich als Schnitt-Schriftsteller lesen, der Schnitt zwischen Vormoderne und Moderne, und zwar die Moderne als Staatsratio, als Rechtssprechungen und Urteile, also eine überindividuelle Sprache des Systems, die Goethe noch nicht kennt. Seine Bundsysteme (die Theatergesellschaft, die Turmgesellschaft) sind Vorformen von Institutionen, die es auf diese Weise noch nicht gegeben hat. Hier legt Goethe den Finger in die Wunde, wie viel Lebendigkeit durch Institutionalisierung von Glauben (schöne Seele), von Liebe (die Ehe), von Schönheit (in der „Institution Theater“) verloren geht. Er geht aber auch auf den Preis ein, die Unsicherheit, die Zerstörbarkeit. Ich lese „Lehrjahre“ sehr in diesem von dir bezeichneten Konflikt zwischen lockerer Kopplung von Lebensführungsinteressen und Rationalisierung von Sicherheiten und Verbindlichkeiten. Deine drei Frauenfiguren repräsentieren EXAKT diesen Konflikt. Spannend.

    1. Anna Carina
      Anna Carina Autorin

      Das ist ein wertvoller Hinweis, denn ich habe mich nach wie vor nicht mit der historischen Zeit beschäftigt. Eine übergreifende Institutionalisierung fand wohl erst nach 1815 durch staatliche Verwaltungen und Reformbürokratien statt. Also kann man Goethes Roman eigentlich als Mahnung betrachten, oder eine Vorausschau, darauf, dass durch eine eingreifende Instanz wie die Turmgesellschaft durchaus eine gewisse Verlässlichkeit und Absicherung möglich ist, oder sie Menschen die Möglichkeit gibt sich in deren Dunstkreis von der Kontingenz des Lebens „auszuruhen“, gleichzeitig aber Verpflichtungen damit eingehen, die sie in ihrer Freiheit einschränkt, jedenfalls in einem Ideal von Freiheit. Alles hat seinen Preis. Das lässt mich auch wieder an Alabander aus Hyperion denken – (Übrigens ist Hyperion in exakt derselben Zeit herausgekommen, weshalb es mich wundert, dass die Werke scheinbar gar nicht miteinander verglichen werden). Alabanda symbolisiert ja diesen Freiheitsmensch, der die Lücken des Systems, das noch recht partikular und personal organisiert war zu nutzen weiß und dennoch am Ende sich seinen Verpflichtungen stellt, Hyperion verlässt. Er weiß, dass er in einer absoluten Freiheit fehlen würde und wählt die ordnende Instanz seiner Heimat, um (gerecht) gerichtet zu werden. Was Goethe am Ideal der Bildung bespielt, bespielt Hölderlin am Ideal der Freiheit, der Freundschaft und Liebe.

      1. Anna Carina
        Anna Carina Autorin

        Oh man, ich muss mich korrigieren. Die sind ja im Text Griechen, insofern passt mein Vergleich nur strukturell. Nur Bellamin ist Deutscher oder? Boa, ich habs echt nicht mit Polito-Historischen Kontexten. Gibt eh bessere Knotenpunkte der Texte als sie ausgerechnet an der Übergangszeit Deutschlands zur Moderne mit ihrer Institutionalisierung fest zu machen. Das war jetzt echt völliger Quatsch, wa sich da geschrieben hab.Selber denken ist halt ne schlüpfrige Angelegenheit. Entweder legst dich auf die Fresse und bist eingesaut mit stinkender Grütze oder du rennst irgendwo rein und dann kommt die alte Kankra und rollt dich in ihr klebriges Spinnenzeugs.

      2. Das mit Hölderlin passt dennoch, da er gar nicht historisch argumentiert, und sie in dem Sinne nur allegorische Griechen sind. Eigentlich sind das alles Deutsche, und sie verhandeln tatsächlich dasselbe Thema. Wiederum überzeugt mich die Parallellesung mit Hyperion sehr. Auch über die Frauenfiguren. Hyperion ist tatsächlich ein Jahr später erschienen, aber fast zeitgleich, und alles im Zuge der Nachwirkung der Französischen Revolution, deren Rolle ich in Lehrjahre noch gar nicht kapiere, da Goethe sehr unpolitisch bleibt.

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