Ich, die ich Männer nicht kannte von Jaqueline Harpmann

Das Buch hat mich überrascht. Habe es als Hörbuch gehört (weshalb ich keine Zitate liefern kann). Und zu Beginn dachte ich, es hört sich gelesen, wie ein Jugendbuch an. Eine einfache, klare Sprache, die sehr eingängig ist. Eine Icherzählerin ohne Namen schreibt retrospektiv einen Bericht um die Ereignisse ihres Lebens. Sie nutzt dies gleichzeitig um sich zu ordnen und den Erlebnissen evtl. Zusammenhänge zu geben, derer sie sich zuvor nicht bewusst war. Es ist dennoch ehr wie eine nüchterne Chronik verfasst, bei der ich unweigerlich an Haushofers „die Wand“ denken muss. Sprachlich ist es tatsächlich knapp, als registrierender Rückblick gestaltet. Dieser Rückblick entsteht aber durch das sehr spezifische Bewusstsein der Erzählinztanz, die dem Text einen provokant eigenwillen Drive verpasst, den ich sehr anregend fand.

Interessanterweise war gerade die sprachlich eher schlichte Gestaltung für mich produktiv. Weil der Text im Untergrund so viele philosophische, soziologische und psychologische Fragen aufreißt, konnte ich mich umso klarer auf seinen Kern konzentrieren. Die Sprache steht dem Denken nicht im Weg, sondern erleichtert es und senkt zugleich die Einstiegshürde.

Die Grundlage ist folgende: eine Welt, in der Frauen in einem Gefängnis gehalten werden, ohne zu wissen warum, und später durch eine fast leere, entvölkerte Welt ziehen, in der es offenbar keine Zivilisation mehr gibt, keine Männer, kaum Tiere, Zukunft Mangelware. Das Buch erklärt diese Welt nicht aus, und das ist durchaus eine Stärke. Es lässt vieles offen: den Bus mit den toten Aufsehern, die Bücher über Raumfahrt und Pflanzenanbau, diesen Bunker mit den Resten von Zivilisation. Dadurch entsteht ein sehr existenzialistischer Ton. Die Welt gibt ihre Gründe nicht preis, und die Figuren müssen trotzdem in ihr leben.

Philosophisch interessant wird das Buch für mich vor allem dort, wo es die Frage stellt, was vom Menschen übrig bleibt, wenn man ihm fast alles entzieht, was wir sonst mit Menschsein verbinden: kulturelle Überlieferung, soziale Rituale, Erotik, Anerkennungsbegehren, Spiel, Wettbewerb, Geschichte, vielleicht sogar ein Gefühl dafür, in einer Kette von Vergangenheit und Zukunft zu stehen. Die Erzählerin ist in diesem Sinn fast eine Grenzfigur des Menschlichen. Sie kennt nur den Gefängniskeller, da sie als Kind bereits dort mit den anderen Frauen eingesperrt wurde – ohne Erinnerung an Zivilisation, an ein Davor. Zudem bekommt sie keine Menstruation, da sie die Pupertät nie richtig durchlebt hat. Ihr Körper ist bezüglich sekundärer Geschlechtsmerkmale stark zurückgebildet. Sie besitzt eine starke Berührungsaversion, eine auffällige Distanz zum eigenen Körper, extreme Affektkontrolle und wirkt insgesamt eher funktional als libidinös. Man kann das als Folge von Gefangenschaft seit frühester Kindheit, möglicher Mangelentwicklung oder Traumafolgen lesen. Jedenfalls ist sie keine Figur, die einfach nur „anders“ ist, sondern eine, an der durchgespielt wird, was vom Menschen übrig bleibt, wenn man ihm fast alle symbolischen und affektiven Überschüsse vorenthält.

Eine ganz kurze Szene in der späteren „Freiheit“ hat bei mir Eindruck hinterlassen, in der sie nicht versteht warum die Frauen Spiele spielen. Sie hatten sich ein Damespiel zusammengebastelt. Ein Spiel ist ja kein bloß funktionaler Vorgang. Es hat seinen Sinn gerade darin, dass es zweckfrei ist und trotzdem Bedeutung erzeugt. Man will gewinnen, obwohl es nichts „bringt“, und genau darin zeigt sich, dass der Mensch nicht nur funktional lebt. Spiel, Erotik, Eitelkeit, Anerkennung, Ritual, Erinnerung, Erzählung – das sind alles Bereiche, in denen Menschen Sinn erzeugen, der nicht einfach biologisch notwendig ist. Die Erzählerin steht zu diesen Formen merkwürdig quer. Sie kann mit Umwelt umgehen, Dinge herstellen, beobachten, überleben, sich orientieren. Aber sie scheint keinen Zugang zu jenen Formen des Überschusses zu haben, aus denen Kultur eigentlich besteht. Die Dinge sind für sie da, aber sie bedeuten ihr nichts. Dadurch wird sie fast zu einer Negativfolie der Zivilisation.

Und das finde ich irritierend gut gesetzt. Denn der Roman fragt dadurch: Reicht Überleben eigentlich aus? Reicht Anpassung? Reicht Handlungsfähigkeit? Oder braucht Menschsein gerade jene scheinbar sinnlosen Dinge, die sich funktional gar nicht rechtfertigen lassen: Spiel, Geschichten, Schmuck, Erotik, Anerkennung, Erinnerung, das Begehren des Anderen? Dass die Erzählerin all das oft als sinnlos erlebt, ist deshalb nicht einfach nur ein Charakterzug, sondern fast eine philosophische Provokation. Sie legt den Finger darauf, dass große Teile unserer Kultur zwecklos sind. Aber vielleicht ist genau diese Zwecklosigkeit das, was das Menschliche ausmacht. Das Spiel bringt nichts und ist dennoch unverzichtbar. Erinnerung ist oft schmerzhaft und „nutzlos“, aber ohne sie gibt es keine Geschichte. Auch Sexualität ist mehr als reine Biologie.

Interessant ist dabei auch, dass der Roman die Erzählerin nicht einfach als die reinere oder vernünftigere Gestalt darstellt. Im Gegenteil: Sie spürt ja selbst eine Leerstelle. Sie merkt, dass den anderen etwas zugänglich ist, das ihr fehlt. Und genau das macht die Figur literarisch spannender. Sie bleibt nicht bloß Behauptung, sondern verkörpert ein Problem. Sie hat Weltbezug, aber kaum kulturelle Tiefendimension. Sie hat Verstand, aber wenig Teilnahme. Sie hat Kompetenz, aber wenig Mit- und Gegenbewegung. Sie scheint nicht in jene Kreisläufe von Anerkennung, Rivalität, Eros und Spiel eingelassen zu sein, in denen sich Subjektivität normalerweise bildet. Gleichzeitig ist sie aber nicht tot oder völlig leer. Sie staunt über die Farben der Natur, über Sonnenaufgänge, liebt es, unterwegs zu sein, ist neugierig auf eine Welt, die ihr so wenig zurückgibt. Das macht sie durchaus plausibel und verhindert, dass sie bloß eine theoretische Figur bleibt.

Sehr gelungen erscheint mir der Aspekt, dass die Erzählerin sich zudem sehr stark über Zeit konstituiert. Sie zählt Tage, Jahre, Strecken. Zeit ist für sie nicht nur Verfall, sondern das Einzige, woran sie sich festhalten kann, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Wo andere sich vielleicht stärker über Beziehungen, Begehren, Erinnerung oder Anerkennung bilden, tut sie es über Maß, Dauer und Zählung. Dadurch schafft sie sich ein strukturelles Gegengewicht auf einer anderen Ebene: Weil ihr die üblichen Formen symbolischer und affektiver Einbindung weitgehend fehlen, erzeugt sie über Zeit eine eigene Ordnung, die ihr Halt gibt. Das öffnet die Figur philosophisch noch einmal, weil hier sichtbar wird, dass ein Mensch sich selbst auch über reine Sequenz, über Wiederholung und über das Vermessen der Welt stabilisieren kann. Zeit wird bei ihr fast zu einem Gerüst des Selbst. Gerade weil ihr so viel an kultureller, körperlicher und zwischenmenschlicher Rückbindung fehlt, gewinnt die Zeit eine tragende Funktion. Sie lebt dadurch nicht einfach bloß reduziert, sondern auf eine eigentümlich verschobene Weise strukturiert.

Auch die Frage nach Kultur fand ich interessant. Das Buch zeigt ja schon, dass Kultur nicht einfach Luxus ist, sondern etwas, womit Menschen ihre Würde aufrechterhalten. Dass die Frauen sich waschen, respektvoll miteinander umgehen und bestimmte Rituale beibehalten, ist im Grunde schon ein Versuch, nicht völlig in Barbarei oder bloße Verwahrlosung zu kippen. Gleichzeitig stellt das Buch aber die viel härtere Frage: Wie lebt man überhaupt, wenn man weiß, dass es kein Nachher mehr gibt? Diese Frauen wissen ja, dass sie die Letzten sind. Sie können sich nicht reproduzieren, es gibt keine nächste Generation, kein Weitergeben, kein klassisches Nachleben in Kindern. Und genau da wird es philosophisch stark: Woraus entsteht Sinn, wenn man weiß, dass mit einem selbst eine Linie endet? Aus Gemeinschaft? Aus Würde? Aus Gewohnheit? Aus bloßem Ausharren? Oder nur noch aus dem Versuch, irgendeine Spur zu hinterlassen?

Das macht das Ende für mich auch zum stärksten Teil des Buches. Die Erzählerin, die die ganze Zeit so nüchtern und fast unberührbar wirkt, schreibt am Ende ihre Geschichte auf, in der Hoffnung, dass irgendjemand sie liest und sie so in dessen Gedanken weiterexistiert. Das heißt: Auch sie will sich einschreiben, will eine Spur hinterlassen, will nicht einfach restlos verschwinden. Das ist für mich fast die schönste Pointe des Romans. Denn obwohl sie Nähe hasst, Berührung meidet und mit vielen menschlichen Bedürfnissen scheinbar nichts anfangen kann, zeigt sich am Ende doch, dass auch sie nicht ohne symbolische Fortdauer auskommt. Sie will nicht unbedingt geliebt werden, aber gelesen. Nicht körperlich gehalten werden, aber im Denken eines anderen weiterleben.

Ich bin hin und hergerissen ob ich die Perspektive dieser sehr reduzierten Frau, die viele Begehrens- und Anerkennungsstrukturen gar nicht versteht, zu reduktionistisch finde. Das ist als Entscheidung erstmal konsequent. Aber es glättet mir auf Dauer zu viel. Sie lebt mit 39 anderen Frauen zusammen, über viele Jahre, und dafür ist mir in dieser Gruppe viel zu wenig an Konflikt, Eifersucht, Rivalität, Kränkung, Machtbildung oder überhaupt thymotischer Dynamik spürbar. Ja, es gibt Randbemerkungen über Paarbildungen, Streit und Versöhnung, aber das bleibt blass. Mir fehlt da einfach die soziale Wucht. Selbst wenn die Erzählerin das alles nicht richtig versteht, müsste der Roman es doch irgendwie fühlbar machen. Man müsste spüren, dass hinter ihrer nüchternen Wahrnehmung eine viel unruhigere und begehrendere Wirklichkeit brodelt. Genau das bleibt mir zu sehr ausgeblendet.

Man kann das zum Teil psychologisch erklären, und darin liegt auch ein interessanter Kniff des Buches. Die Frauen wurden ja am Anfang klar unter ein Regime der Einschüchterung gestellt: Aufseher mit Peitschen, frühere Schläge, später reicht schon das Knallen der Peitschen an ihren Ohren vorbei, um sie gefügig zu halten. Dazu kommt das Verbot von Berührung. Also genau das, was Menschen in Extremsituationen Halt geben könnte, wird systematisch unterbunden. Wenn man das mitliest, kann man die spätere Passivität und Unterwürfigkeit der Frauen durchaus als Folge tiefer Disziplinierung und Traumatisierung lesen. Dann wären sie nicht einfach „friedlich“, sondern gebrochen, in ihrem Begehren und ihrer Eigeninitiative beschädigt. Die Freiheit nach dem Gefängnis wäre dann keine wirkliche Freiheit mehr, weil das Regime längst in ihre Körper übergegangen ist. Diese Lesart wäre für mich überzeugend,wenn der Text sie plausibilisieren würde. Aber der Roman selbst trägt sie nicht immer stark genug aus sich heraus. Man kann sie gut anschließen, aber manchmal hat man eben doch das Gefühl, dass man dem Text damit etwas zur Hilfe kommt. Und genau da wird es etwas unrund. Das Buch legt eine beschädigte Subjektivität an, aber es macht sie nicht immer mit genug psychischer und sozialer Dichte erfahrbar.

Am meisten gefällt mir an dem Buch, was das Ende noch einmal deutlich macht: Die Erzählerin wirkt lange wie jemand, der nur in einer Minimalform im Symbolischen lebt. Aber das Begehren verschwindet nicht, es verlagert sich ins Schreiben. Gerade darin zeigt sich, dass vielleicht schon eine minimale Form von Kultur genügt, um Mensch zu sein: der Wunsch, eine Spur zu hinterlassen und im Denken eines anderen weiterzuleben.

Insgesamt ist das für mich ein interessanter und ernster Roman, der gute Fragen nach Endlichkeit, Kultur, Einsamkeit und Sinn stellt. Er zeigt die Leere und die Reduktion sehr überzeugend, aber weniger das, was im Menschen selbst dann noch weiterarbeitet: Begehren, Konflikt, Kränkung, Rivalität, Leidenschaft, dieses ganze unruhige soziale und libidinöse Material. Aber vielleicht spricht darin auch nur mein eigenes Begehren, und vielleicht war es gerade wichtig, diese Negativfolie einmal an mir selbst zu prüfen.

Kommentare

2 Kommentare
  1. Das klingt wie ein sehr interessanter Roman, vielleicht die gelungenere Variante von den existentialistischen Romanen, die ich sonst lese. Ich werde mal reinschnuppern, wenn die Kargheit der Sprache die Kargheit der Welt widerspiegelt, kann ich gut damit leben, und die völlige Entblößung des kulturellen Ornamentalen interessiert mich. Was mich wundert, was essen, wie leben diese Frauen, das müsste doch genug Stoff bieten, um sich mit der Welt auseinanderzusetzen – aus den Widerständen der Welt erwächst ja so etwas wie Kultur?

    1. Anna Carina
      Anna Carina Autorin

      Die Welt selber liefert keine oder kaum Nahrung. Die zehren von den Vorräten in den Gefängniskellern, die für Jahre darauf hin ausgelegt waren. Da funktioniert aus unerfindlichen Gründen der Strom weiterhin, auch wenn alle weg sind.
      Sie nimmt der Welt tatsächlich so viel Auseinandersetzungsfläche wie nur möglich.

Antwort an Anna Carina Abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Neuigkeiten

Melde dich für unseren Newsletter an und erhalte Updates zu neuen Rezensionen und Beiträgen!

Mit der Anmeldung erklärst du dich mit dem Erhalt von E-Mail-Benachrichtigungen einverstanden. Du kannst dich jederzeit abmelden.