Herz der Finsternis von Joseph Conrad

Ich habe jetzt lange damit gerungen, Worte fĂĽr diesen Text zu finden, die nicht in theoretische und abstrakte Ebenen entgleiten.
Was war dieser Text fĂĽr mich? Und meine erste Antwort war: ZU VIEL.
Herz der Finsternis ist wie eine Ausdehnung – Welt über Welt, Ebene über Ebene, Sinn über Sinn.
Er vermittelt zu viel Wahrheit auf einmal. Ăśberdehnt, alles gleichzeitig.

Diese Welt, die Conrad hier ausbreitet:

Die Bedeutung einer Begebenheit lag für ihn nicht im Innern wie der Kern, sondern außerhalb; sie umfing die Geschichte, die sie sichtbar machte, wie Licht einen Dunst, ähnlich dem nebligen Hof, den die Streuung des Mondscheins von Zeit zu Zeit zum Vorschein bringt. Die äußerste Wildnis hat ihn eingeschlossen – all das geheimnisvolle Leben der Wildnis, das sich im Wald regt, im Dschungel, im Herzen wilder Männer. Geheimnisse, in die es keine Einweihung gibt. Er muß inmitten des Unbegreiflichen leben, das gleichzeitig abscheulich ist. Und doch geht eine Faszination davon aus, die in ihm zu wirken beginnt. Die Faszination des Abscheus – versteht ihr. Stellt euch seine wachsende Reue vor, den Wunsch zu fliehen, den ohnmächtigen Ekel, die Kapitulation – den Haß.

– die äuĂźerste Wildnis, die umschlieĂźt, ist ein Sinnraum, der größer ist als der, aus dem Marlow und Kurtz kommen.
Und diese Bewegung, in eine Welt zu stoßen, die die meine umschließt und – je nach Position, von wo aus ich das betrachte – die eine wahrer ist als die andere, reflektiert Lévi-Strauss in Traurige Tropen

Wenn sich der Mensch innerhalb seines Rahmens fortbewegt, trägt er alle Positionen mit sich, die er bereits eingenommen hat, und auch alle, die er noch einnehmen wird. Er ist überall gleichzeitig, er ist eine Menge, die gemeinsam voranschreitet und in jedem Augenblick auf eine Totalität von Etappen zurückblickt. Denn wir leben in mehreren Welten, von denen jede wahrer ist als diejenige, die sie in sich schließt, aber falsch in bezug auf diejenige, von der sie umschlossen ist. Der scheinbare Widerspruch, der sich durch ihre Koexistenz ergibt, wandelt sich in den Zwang, den uns am nächsten befindlichen Welten einen Sinn zuzugestehen und ihn den entferntesten zu verweigern; während die Wahrheit in einer allmählichen Ausdehnung des Sinns in umgekehrter Reihenfolge liegt, bis es zur Explosion kommt.

An der Figur Kurtz erfahren wir diese Explosion.
Er bringt die Welt der Zivilisation, des Fortschritts, mit einer Idee und einer Mission.
Er tritt in die Welt der Rituale, Macht und unmittelbarer Anerkennung. Aber auch eine Welt des Dschungels, wie obiges Zitat sagt: „Geheimnisse, in die es keine Einweihung gibt“ – etwas, das sich jeglicher Symbolisierung entzieht.
Kurtz ist charismatisch und intensiv. Er erweitert den von Lévi-Strauss beschriebenen Sinn absolut. Kurtz trägt alle Positionen mit sich. Er setzt jegliche Ordnung zugleich – in sich als absolutes Subjekt.
Zivilisator.
Gottfigur.
Prophet.
PlĂĽnderer.
Richter.
Die UmschlieĂźung des Dschungels ist kein Rahmen mehr, sondern Kurtz beginnt, sich mit ihm zu identifizieren.
Was daraus folgt, lässt Conrad durch Marlows Erzählung erfahren.
Was passiert mit einem Menschen, wenn kein Gesetz mehr existiert, das strukturiert?
Es reißt ihn in eine ontologische Einsamkeit, in die völlige strukturelle Entbindung:

„Ich versuchte den Bann zu brechen – den mächtigen stummen Bann der Wildnis – die ihn an ihre erbarmungslose Brust zu ziehen schien, indem sie vergessene, brutale Instinkte weckte, ihn an ungeheuerliche, erfĂĽllte Leidenschaften erinnerte. Das allein, davon war ich ĂĽberzeugt, hatte ihn hinaus an den Rand des Urwalds getrieben, in den Busch, zum Glanz der Feuer, dem Pochen der Trommeln, dem Singsang unheimlicher Beschwörungen; das allein hatte seine gesetzlose Seele ĂĽber die Grenzen zulässigen Strebens hinausgelockt. … …dass ich nicht im Namen von irgend etwas Höherem oder Niedrigerem appellieren konnte. Ich muĂźte ihn selbst anrufen […] – ihn – in seiner ĂĽberspannten und unglaublichen Entartung. Denn es gab nichts, das ĂĽber oder unter ihm war – und das wuĂźte ich. Er hatte sich von der Erde freigetreten. Verdammt sei er! Er hatte die Erde selbst in StĂĽcke getreten. Er war allein – und ich, der ich vor ihm stand, wuĂźte ich nicht, ob ich Boden unter den FĂĽĂźen hatte oder schwebte.“

Diese Bodenlosigkeit ist das nackte Grauen.

Marlow bleibt durch sein Erzählen in der Vermittlung. Er weicht zurück. Hat aber eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, die Grenze zu reißen und einen Menschen zu erleben, der sich diesem Moment der Erkenntnis stellt, nicht ausweicht, der mit einer schrecklichen Wahrheit in den Tod geht: Der Mensch als Leerstelle – unhaltbar zu sein.

Siegreiche Finsternis.

Und der Mensch spinnt weiter seine „rettenden“ Illusionen des Lichts, seine Mythen. Was der Dschungel zerbricht, will neu gesetzt sein.

Vielleicht ist das, was Conrad mit Marlow als Erzähler macht, die Gegenbewegung.
Das Grauen wird in Sprache gebracht. Damit bekommt es Form, Widerstand und eine Grenze.
Damit erzeugt er Differenz, die in der Totalität und absoluten Position Kurtz verloren gegangen ist. Darüber kann sich Marlow die Faszination für diese Intensität erlauben. Und er erlaubt sie sich in Lord Jim, gegenüber Jim, der aus seinem Ideal von sich herausfällt und nach dem Sturz eine neue symbolische Einschreibung sucht.
Das Erzählen macht es Conrad möglich, die Grenze der Subjektformen zu erkunden, zurückzuweichen und sich selbst nicht über dem Abgrund zu verlieren.

Und genau deshalb (die Grenze der Subjektformen zu erkunden) ist dieses Buch für mich kanonwürdig, da es in einer außerordentlichen, formalen und dichten Bewegung vom ALLES erzählt.

Kommentare

2 Kommentare
  1. Tolle Rezension! Auf seine Weise lässt sich Marlowe als das absolute Subjekt Hegels lesen, als dasjenige, das in Bewegung verbleibt, von Satz zu Satz, sich dynamisch abarbeitend, sich selbst durch die WidersprĂĽche treu bleibt, indem es als Erzählinstanz erzählt, ohne selbst zur Erzählung zu werden. Ich muss unbedingt noch „Der Agent“ lesen, da darin auch Marlowe vorkommt. Ich denke, es gibt vier Romane, in denen sich diese Variante der gedoppelten Verschachtelung der Erzählung wiederholt. Eindrucksvoll ist auch, dass dies eben von einem Schriftsteller stammt, der sich sich selbst dem Ozean ausgeliefert hat (dem Freudschen Ozeanischen). Toll (aber vielleicht auch Zufall).

    1. Ich habe ja bereits Lord Jim im hegelianischen Sinne gelesen und teile deine Einschätzung zu Herz der Finsternis komplett.
      Den Geheimagenten lese ich gerne nochmal mit, da ich mich kaum an etwas erinnere. Mir ist Joseph Conrad regelrecht unheimlich, wie gut er das Schreiben im und ĂĽber das Ozeanische beherrscht.

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