Fiktionalität und Ästhetik – Eine Philosophie der Dichtung – Kapitel 2

In Kapitel 2 Fiktionalbewusstsein und vor-empirischer Status des Menschen scheint Petersen den ontologischen Status fiktionaler Rede grundlegend klären zu wollen. Er fährt schweres philosophisches Geschütz auf, um nachweisen zu wollen, dass Fiktionalität den Wirklichkeitsaussagen nicht nur nicht nachgeordnet ist, sondern ihnen vorausliegt: transzendental, ontologisch, entwicklungsgeschichtlich.

Ich hatte das Buch bereits letztes Jahr bis ins 3. Kapitel gelesen und es dann weggelegt, da ich mich massiv an seiner Argumentation stoße – diese nicht nachvollziehen kann und das ungute Gefühl habe, dass sich hier einer extrem weit aus dem Fenster lehnt und mir Unfug erzählt. Daher habe ich jetzt meinem Sprachmodell einige Passagen gegeben und es gebeten diese einzuordnen.

Kant und die Zeitlosigkeit

Fiktionale Aussagen sind zeitlos gültig — nicht an gestern, heute und morgen gebunden. Diese Zeitlosigkeit entspricht Kants reiner Anschauungsform der Zeit, die der Erfahrung vorausliegt und nicht aus ihr abgeleitet werden kann. Also können auch fiktionale Aussagen nicht aus der Empirie abgeleitet werden.

Das Problem: Hier liegt eine Mehrdeutigkeit vor. „Zeitlos“ im Sinne von „nicht an ein empirisches Datum gebunden“ (was auf fiktionale Sätze zutrifft) ist etwas kategorial anderes als „zeitlos“ im Sinne von „apriorische Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung“ (was Kants reine Anschauungsform meint). Dass „Es war einmal ein König“ kein Datum trägt, macht den Satz nicht zu einer transzendentalen Struktur. Es macht ihn schlicht: nicht empirisch datierbar. Ein viel bescheidenerer Befund, der keinerlei Kant-Apparat benötigt.

Heidegger und die Unmittelbarkeit

Fiktionales Sprechen artikuliert „unmittelbares Sein“ und ist daher „unmittelbar schlechthin wahr“. Es spricht aus dem Raum der vorgängigen Erschlossenheit des In-der-Welt-Seins (Heidegger). Im Gegensatz dazu sind Wirklichkeitsaussagen stets vermittelt und daher nie unmittelbar wahr.

Das Problem: Erstens eine petitio principii: Dass fiktionales Sprechen „unmittelbares Sein artikuliert“, wird vorausgesetzt, nicht begründet. Zweitens ein non sequitur: Aus der Abwesenheit empirischer Vermittlung folgt nicht die Anwesenheit absoluter Wahrheit. Dass man einem fiktionalen Satz nicht mit „Stimmt nicht!“ begegnet, heißt nicht, dass er „unmittelbar wahr“ ist — es heißt, dass die Frage nach empirischer Wahrheit hier nicht gestellt wird. Das ist ein ganz anderer Befund als „vollständige und unvermittelte Unverborgenheit des Seins“. Heidegger selbst hat die Aletheia als Grundstruktur des Daseins beschrieben, nicht als Eigenschaft einer bestimmten Sprachform.

Das Monadische und Vorsprachliche

Sprache orientiert sich an der Realität und verschüttet dabei ein vorsprachliches, monadisches Erleben. Poesie geht dorthin zurück und arbeitet mit vorsemantischen Elementen. Da manche Dichtung mit entsemantisierten Mitteln arbeitet (Lautpoesie, Dadaismus), zeigt sich, dass Fiktionalität grundsätzlich im Vorsprachlichen angesiedelt ist — und daher den Wirklichkeitsaussagen vorausliegt.

Das Problem: Ein unzulässiger Schluss vom Besonderen aufs Allgemeine. Petersen räumt selbst ein, dass der Großteil der Literatur mit den ganz normalen Wörtern der Alltagssprache arbeitet. Dass einige avantgardistische Strömungen mit entsemantisierten Mitteln experimentieren, sagt über das Wesen von Fiktionalität als solcher nichts aus. „Kann auch mit vorsemantischen Elementen arbeiten“ ist ein völlig anderes Argument als „liegt grundsätzlich vor der Semantik“.

Der Griff in die Entwicklungspsychologie

Am problematischsten wird es, als Petersen seine transzendentalphilosophische These durch Verweise auf die pränatale und frühkindliche Entwicklung zu stützen versucht. Der Embryo im Mutterleib, so argumentiert er, kenne keine Trennung von Ich und Nicht-Ich, lebe in einem „monadischen Dasein“ des unvermittelten Bei-sich-Seins — und dies entspreche dem Zustand, aus dem fiktionales Bewusstsein stamme. Ähnlich sollen die Lallwörter des Säuglings als „vorkommunikativer, monadischer Ausdruck“ die vorsprachliche Grundlage fiktionalen Sprechens belegen.

Hier kollidiert alles mit allem. Wenn Fiktionalität transzendental ist — also eine apriorische Bedingung der Erfahrung —, dann kann ein embryologischer Befund sie weder bestätigen noch widerlegen. Petersen will es aber in beide Richtungen: Wo die Empirie seine These zu stützen scheint, nimmt er sie gerne; wo sie sie gefährden könnte, erklärt er die transzendentale Ebene für immun gegen empirische Einwände. Zudem ist die Beschreibung des pränatalen Erlebens als „Harmonie“ und „Unverborgenheit des Seins“ hochgradig spekulativ — eine Romantisierung des Ungeborenen, die mehr über die Wunschvorstellung des Autors verrät als über den tatsächlichen Sachverhalt.

Und selbst wenn man all das akzeptierte: Ein Zustand vor jeder Ich-Nicht-Ich-Unterscheidung ist kein fiktionaler Zustand. Es ist ein Zustand vor jeder Unterscheidung — also auch vor der Unterscheidung von fiktional und nicht-fiktional. Lallen ist keine proto-poetische Tätigkeit, sondern eine sensomotorische Übung. Das Fehlen von Bedeutung ist kein positives Merkmal, das auf eine tiefere Seinsschicht verweist — es ist ein Noch-nicht.

Das Strukturmuster

Was sich durch das gesamte Kapitel zieht, ist immer dieselbe Bewegung: Petersen sammelt aus verschiedenen Bereichen — Transzendentalphilosophie, Fundamentalontologie, Entwicklungspsychologie — alles, was irgendwie vor etwas anderem liegt (die reine Anschauungsform vor der Erfahrung, die Seinserschlossenheit vor dem Seienden, das pränatale Erleben vor der Geburt, das Lallen vor der Sprache), identifiziert all dieses „Davor“ miteinander und mit Fiktionalität. Das Verbindende ist aber nur das formale Merkmal der Vorgängigkeit — und das ist eine viel zu dünne Gemeinsamkeit, um eine substanzielle These zu tragen.

Jede einzelne Analogie operiert zudem mit Mehrdeutigkeit: „zeitlos“ wird in zwei Bedeutungen verwendet, „unmittelbar“ in zwei Bedeutungen, „monadisch“ in zwei Bedeutungen. Aus diesen Doppeldeutigkeiten werden dann logische Schlüsse gezogen, die so nicht zulässig sind. Drei fragwürdige Analogien übereinandergestapelt ergeben keinen Beweis — sie ergeben drei fragwürdige Analogien.

Was bleibt

Die Ironie ist: Petersens Grundintuition verdient es, ernst genommen zu werden. Dass fiktionale Rede einen eigenen Geltungsmodus hat, der sich nicht als Nachahmung oder Negation von Wirklichkeit erschöpfend beschreiben lässt — das ist eine produktive, vertretbare These. Man könnte sie nüchterner ausarbeiten, ohne Fiktion gleich zum Organ absoluter Wahrheit und zum Urgrund der Sprache zu erklären.

Aber genau diese Maßlosigkeit des Anspruchs stört mich. Petersen will nicht beschreiben, er will absolut begründen. Und dafür greift er nach allem, was irgendwie passt — Kant, Heidegger, pränatale Psychologie, Lallforschung —, ohne die methodischen Grenzen dieser Bezüge zu respektieren. Der performative Selbstwiderspruch, der sich durch das Kapitel zieht, bringt es auf den Punkt: Er behauptet, fiktionale Sätze entzögen sich „jeder Argumentation“ — und argumentiert seit Dutzenden von Seiten genau dafür.

Eine weitere unschöne Formulierung „so belehrt uns die Philosophie“,ist, wie ich finde, doch rhetorisch sehr verräterisch und widerspricht dem Wesen philosophischen Denkens. Da scheint sich einer mal fett hinter Autoritätsverweisen verschanzen zu wollen.

Eigentlich wäre hier ein Punkt für mich erreicht, an dem ich das Buch abbrechen würde, da ich schlicht kein Vertrauen mehr in die Ausführungen des Autors habe. Da mir das Buch aber geschenkt wurde und die Person vertritt, dass es produktive Ansätze verfolgt und ich die literarische Arbeit und Meinung dieser Person sehr schätze, werde ich es zu Ende lesen.

Kommentare

2 Kommentare
  1. Kapitel 2 von Petersen ist einfach nur fürchterlich – es gibt hin und wieder ein paar Ausrutscher wie diese, aber Kapitel 2 versucht etwas so Absurdes, nämlich ontologisch das Nichtfiktionale zu begründen, dass es mir die Haare gesträubt hat. Ich habe sehr viel geschimpft an diesen Stellen und auch beinahe das Buch beiseite gelegt. Was mich (unabhängig von der Begründung) überzeugt hat, ist, dass Nichtfiktionalität als eigener Modus des Sprachverwendens betrachtet werden kann (ob das a priori, oder wie auch immer entsteht, im Mutterbauch 🙁 … keine Ahnung). Als Modus und Abgrenzung zum Diskursgebrauch verwendbar ohne Erklärung, fand ich. ✌️

    1. Anna Carina
      Anna Carina Autorin

      Das ätzende ist einfach, dass mir zu viel Hintergrundwissen fehlt und ich ständig nur auf meine Intuition angewiesen bin, einem unangenehmen Bauchgefühl beim Lesen nachzugehen. Ich habe mir auch keine Mühe gegeben, davon irgendetwas nachzuvollziehen, sondern habe es direkt dem Sprachmodell vor die Füße geworfen und einen Großteil hier einfach reinkopiert. So was mache ich an sich nicht. Kapitel 1 war dahingehend für mich auch schon schwierig. Ich muss schon sagen, dafür dass ich jetzt 70 Seiten gelesen habe, lässt sich das für mich Wesentliche vielleicht auf 5-10 Seiten zusammenfassen. Ich hoffe wirklich, dass er in den nächsten Kapiteln etwas zügiger seinen Punkt macht und nicht ewig rumlamentiert oder irgendwelche Gegenpositionen erfindet, gegen die sein Kettenargument aufgebaut wird.
      Ja die Abgrenzung Fiktional- und Wirklichkeitsbewusstsein ist mir auch ohne die absurden Versuche einer Erklärung einleuchtend – ✌️

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