Die Passion nach G.H. von Clarice Lispector

Das ist ein völlig absurder Text.
Er ergibt erst auf den letzten 10 Seiten Sinn, da hier eine Klammer geschlossen wird, die den Rahmen bildet, in dem ein einzigartiges logisches Trümmerfeld haust, das haarsträubend roh und unvermittelt durch den Kosmos trudelt.

Die Klammer würde ich folgendermaßen zusammenfassen: Ich bin in einer organisierten Lüge gefangen und will zur rohen Wahrheit – dem Fleisch, der Materialität – weiß aber nicht wie.
Da Sprache als Erkenntnisinstrument scheitert, höre ich auf es zu versuchen und lasse mich einfach fallen – ich gebe auf. Mit dieser Geste, das Unsagbare in den Händen zu halten, erlange ich den Eintritt in die Materialität – über das Individuelle, Personalisierte hinaus.

Die Ich-Erzählerin spricht ein unbestimmtes Du an, als würde es ihr gegenübersitzen, und erzählt von einem einschneidenden Erlebnis, das sie zu der Schlussfolgerung des Endes bringt.

Sie hat die Kammer des Dienstmädchens betreten, das gekündigt hat, um diese aufzuräumen. Findet dort eine leere Ordnung vor, die sie irritiert. An der Wand eine Kohlestiftzeichnung, durch die sie sich bedroht fühlt, und ein Kleiderschrank, aus dem eine Kakerlake krabbelt, die sie in der Tür zerquetscht. Durch die Kakerlake hindurch wirbelt sie ihre Gedanken und Ängste hin zu einer Neutralität, die sie versucht zu erreichen, um die Maske und Begrenzung ihres Ichs aufzuheben.
Sie versucht eine Form zu finden, die sie als Ich in der Unendlichkeit des Kosmischen trägt. Und dieser Weg führt durch die niedrigste Bewegung, durch die Differenzaufhebung von ihr und der Kakerlake. Beide zu einer Vielheit bzw. Gleichzeitigkeit und Allgemeinheit verschmolzen.

Dieses Buch ist also mehr eine explosive, unkontrolliert affektive Reaktion. Es ist eine poetisierte Zustandsbeschreibung oder ein Versuch, das Scheitern in einem äußert pathetischen Ton einzufangen, weniger ein Roman, der über einen Plot erzählt.
Durch die Anrede signalisiert sie ihren rohen und unvermittelten Zustand.
Sie heizt den Text also durch ihren intensiven Tonfall an, der leider lediglich kosmetisch bleibt, da sie kaum etwas von ihren Überlegungen strukturell verankert und in Beziehung zueinander setzt.
Die komplette inhaltliche Füllung der Klammer besteht aus willkürlicher Bedeutungsproduktion, deren Symbolik nur ihr bekannt ist.

Ich möchte jetzt anhand von drei aufeinanderfolgenden Zitaten, die zu ein und demselben Gedankengang gehören, zeigen, wie chaotisch sie mit Begriffen umgeht, weshalb ihr Gequatsche für mich absolut unbrauchbar und ärgerlich ist. Dieser Aspekt verleidet es mir auch, diesen Text philosophisch lesen zu können.

„Ich will keine Schönheit mehr, ich will Identität. Schönheit wäre Beiwerk, und das werde ich jetzt aufgeben müssen. Die Welt hat nicht die Absicht, schön zu sein, und das hätte mich früher empört: Es gibt auf der Welt keinen ästhetischen Plan, nicht einmal den ästhetischen Plan der Güte, und das wäre für mich früher empörend gewesen. Das Ding ist viel mehr als das. Der Gott ist größer als die Güte mit ihrer Schönheit.“

Mal davon abgesehen, dass nicht klar ist, inwiefern sie von Schönheit auf Identität kommt – das ist ein Gedankensprung, den sie nicht erklärt, der auch aus dem Vorangestellten nicht hervorgeht –, müssen wir hier merken: IDENTITÄT.

„Auch ich verbrenne mich an dieser Entdeckung: dass es eine Moral gibt, in der die Schönheit von einer großen und ängstlichen Oberflächlichkeit ist.
Jetzt ist das, was mich anspricht und mich ruft, das Neutrale. Ich habe keine Worte, um es auszudrücken, und da spreche ich von neutral. Ich habe lediglich diese Ekstase, die auch nicht mehr ist, was wir Ekstase nannten, denn sie ist kein Höhepunkt. Aber diese Ekstase ohne Höhepunkt drückt das Neutrale aus, von dem ich spreche.“

Um diesen Absatz zu erklären, ist es vielleicht einfacher, das Neutrale als etwas zu beschreiben, das unbestimmt ist. Sie möchte ihre Ekstase, die für mich ihr Begehren darstellt, also ihren Lebenstrieb, die Neugier und das Verlangen, in die Welt zu ziehen und sich an ihr abzuarbeiten, ohne ein Objekt, auf das sie ihr Begehren richtet und das dann wieder eine Symbolisierung erfahren würde, leben. Neutral, also im Sinne eines Begehrens, das sich von einem Objekt loslöst, unter dessen Macht sie dann stünde.
Da sie die Neutralität aber nicht sonderlich gut erklärt, kann man natürlich auch das Fehlen von Differenz hineinlesen. Also die Aufhebung aller spezifischen Eigenschaften.
Naja, nur passt das dann mit gewünschter Identität nicht.
Jetzt wird es noch wilder:

„Die Entpersonalisierung als Abschaffung des nutzlos Individuellen – alles verlieren, was man verlieren kann, und doch noch sein. Sich allmählich mit einer Anstrengung – so aufmerksam, dass man den Schmerz nicht spürt, wie jemand, der sich von der eigenen Haut befreit – sich allmählich die Eigenschaften abziehen. Alles, was mir eigen ist, ist nur die Art, wie ich für die anderen leichter sichtbar bin und wie ich am Ende oberflächlich erkennbar werde für mich selbst. So wie es den Moment gab, in dem ich sah, dass die Kakerlake die Kakerlake aller Kakerlaken ist, will ich von mir selbst in mir die Frau aller Frauen finden.“

Neutralität und Entpersonalisierung tragen sich. Nur bleibt damit nach wie vor die Identität windschief stehen. Ist das dann ein mystischer Sprung in eine höhere Identität? Wie läuft das ab? Wie sieht da die genaue Verbindung aus?
Aber Moment – von der Entpersonalisierung landen wir dann bei der Frau aller Frauen? Öhm – das ist eine Superidentität, die dann wieder hergestellt wird und eine Kategorisierung dazu. Und zack, wieder das Objekt da und nichts mit Neutral.
Sie fegt mal eben in diesen Zitaten ihren kompletten Gedanken vom Tisch und bläht ihn über die mystischen Bilder in einem kosmischen Prinzip auf, das außer Pathos keine logische Verbindung herstellt.
Das sind reine Behauptungen ohne Entwicklung. Sie zeigt nicht an, warum genau diese Wörter und Begriffe zwingend für sie sind.

Kann mir mal einer sagen, was ich mit so etwas anfangen soll? Ich kann doch keine spirituelle Wahrheit durch sprachliche Unpräzision erzwingen.
Für mich ist das inkohärentes Gefasel, das damit endet, eine Kakerlake zu fressen und zu erkennen: Wir können nichts erkennen und Sprache hilft nur zu erkennen, dass es da etwas gibt, das sich der Symbolisierung entzieht. Deshalb geben wir auf und trudeln kosmisch entgrenzt durch die Materie und schwingen ein bisschen umher.

Wär schön, wenn Lispector wenigstens ein bisschen Anstand besessen hätte, mit der Schlussfolgerung ihren Text als Rohmaterial in die Tonne zu treten und zu sagen: So, und nochmal von vorn. Vermittlung an- und Schwingungszentren über die Struktur der Sprache erarbeiten. Begriffe miteinander vernetzen und die Sprache als Teil der Unmöglichkeit nutzen. Die Unklarheiten sprachlich reflektieren. Die Wunde offen halten, die sie entdeckt hat, statt ihren melodramatischen Pathosschleim auszubreiten, dessen Tiefe nicht eingelöst wird.

Aber vielleicht ist diese Flucht in vage Mystik der Avantgardismus, der beklatscht werden will.
Sicherlich könnte ich das als radikale Intimität lesen. Sie organisiert die Bilder so, wie sie ihr in den Sinn kommen. Der Text besteht aus sich selbst heraus und will keinen Leser, der mitvollziehen kann. Das wäre dann eine Form von narzisstischer Unverständlichkeit.
Natürlich könnte ich auch sagen: das ist ein schwieriger Text, da er eine philosophisch Fragestellung verhandelt und auf einer intellektuellen Abstraktionsebene gewoben ist, zu der ich keinen Zugang habe.
Ich kann aus allem Metaphysik machen oder es als poetische Radikalität lesen, wenn ich einfach die Symbolik akzeptiere, auch wenn sie unlogisch ist. Was heilige ich dann dadurch? Hübsches Sprachgeschwurbel nur weil’s in irgend ner Tradition von Erkenntnistheorie – wir treten dem Kant jetzt mal fett in den Arsch – Problem steht?
Also auf mich wirkt das ehr wie Selbstimmunisierung gegen Kritik.
Ich erwarte ein Mindestmaß an informativem Inhalt, um zumindest angezeigt zu bekommen, welcher Aspekt eines Bildes oder Vergleichs übertragen werden soll.
Poetik ist doch keine Willkür!

Mich ärgert dieser Aspekt sehr, denn es schadet dem ernsthaften Versuch, die Unendlichkeit mit ihrer Unmöglichkeit sprachlich zu umfließen. Das Versagen zu inszenieren. Durch solche Texte kippt das Nichtsymbolisierbare, die reine Materialität, in ein esoterisches Mythengespinst aus spirituellem Rumgefühle und orientierungslosem Affektchaos, die den dynamischen Strukturalismus und die Möglichkeit von Sprache der Lächerlichkeit preisgeben.

Um den dynamischen Strukturalismus zu präzisieren, möchte ich am Beispiel meines Lacan-Verständnisses Lispectors Umgang mit der Materialität verdeutlichen. Der Text behandelt die Kakerlake als Zugang zu einem unpersönlichen Leben, zu einer Existenz vor der menschlichen Form. Also die angestrebte Entpersonalisierung und Begegnung mit einer lebendigen Materie jenseits der vertrauten Subjektordnung.

Wie kann die Kakerlake als reine Materialität erscheinen, wenn sie nur innerhalb einer hochgradig symbolisch organisierten Rede als „reine Materialität“ erscheint? Die Kakerlake ist nicht außerhalb des Symbolischen gegeben. Sie wird durch eine Kette von Wörtern, Ekelreaktionen, religiösen Bildern, Geschlechtermetaphern und ontologischen Behauptungen produziert. Das, was als vorsymbolische Materie erscheint, ist bereits eine symbolische Konstruktion des Vorsymbolischen. Hier kann sie durchaus als Widerstand gegen Symbolisierung funktionieren. Er ist aber nur dann produktiv, wenn er als Widerstand nicht geschlossen wird. Und das tut Lispector. Sie spricht vom Neutralen, von Gott, von einer Offenbarung in Verbindung mit der Kakerlake. Sie reflektiert die symbolischen Bedingungen ihrer Behauptungen nicht, sondern platziert eine neue Metaphysik.

Am Ende schreibt sie folgendes:

Aufzugeben muss eine Wahl sein. Aufzugeben ist die heiligste Wahl eines Lebens. Aufzugeben ist der wahre menschliche Augenblick. Und nur dies ist die Herrlichkeit, die meiner Verfasstheit eigen ist.
Aufzugeben ist eine Offenbarung.Zu existieren verlangt von mir das große Opfer, keine Kraft zu haben, ich gebe auf, und siehe da, in die schwache Hand passt auf einmal die Welt.

Der Widerstand wird auch hier in eine Erfolgsgeschichte geschlossen. Die Unmöglichkeit bekommt etwas Sakrales. Eine Art mystische Fülle nachdem ich auf die begriffliche Kontrolle verzichte.

Es gibt keine Einheit nach dem Bruch! Die reine Materialität ist nicht als positive letzte Instanz verfügbar! Hört doch auf, die Exporniertheit der strukturellen Unmöglichkeit in eine Offenbarung verwandeln zu wollen!

Lispector ist eine Schwester im Geiste.
Umso schmerzvoller gestaltet sich diese Kritik für mich und umso trauriger gehe ich aus diesem Kommunikationsversuch, der von meiner Seite einen Abbruch darstellt. Ich hätte so gerne mit dem Text gearbeitet. Ich kann nicht. Rauschen, Mauern, geschlossene Türen und glitschiges Zeug zum drauf ausrutschen.
Wüste ist bei ihr negativ besetzt. Ich gehe zurück in meine Heimat. Wandernde Wüste, die einen Schnitt durchs Chaos zieht. Begriffsarbeit mit Intensitäten und Kräfte die reißen und tragen. Mystizismus, du kannst mich mal.

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