Der Grüne Heinrich – Band 2 Kapitel 4 bis 7
13. April 2026Jetzt habe ich mit dem Update zu lange gewartet. In jedem Kapitel passiert so viel. Ständig ein neuer Ideen- und Diskurswechsel, dass durch die langen Pausen, die ich einlege, im Kopf sehr viel verloren geht. Ich versuche dennoch die Kapitel 4-7 zu bündeln und die Themen herauszuarbeiten.
Band 2 Kapitel 4 – Künstlerverschleiß und Jean Pauls entfesselung
Heinrich denkt über die Berufswahl nach und geht bei Habersaat, einem Künstler, der in einem Kloster wirkt, in die Lehre.
Er thematisiert bereits die kapitalistische Seite, in eine Produktionskette zu geraten, statt Zeit zu haben sich zu entwickeln und etwas zu lernen.
die unter der Walze ihrer Pressen die zu bemalenden Blätter unerschöpflich, endlos hervorzogen. So begriff er vollständig das Wesen heutiger Industrie, deren Erzeugnisse um so wertvoller und begehrenswerter zu sein scheinen für die Käufer, je mehr schlau entwendetes Kinderleben darin aufgegangen ist. […] Weil Nachdenken und geistige Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren, so bestand alles Können in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äußerlichkeit.
Ein Raum, in dem nicht alles sofort eingehegt wird, findet Heinrich in Jean Pauls Literatur. Jean Paul als Rausch, der völligen Entgrenzung, des Überflusses. Da wir wissen, wie arg Heinrich unter eine moralische Ordnung gezwungen wird, ist er für dieses Erlebnis maximal anfällig, so dass Jean Pauls Literatur für ihn eine Wahrheit darstellt. Er in ihm einen neuen Gott erkennt, in der er seine eigene innere Bewegung wiederkennt.
In demselben schien mir plötzlich alles tröstend und erfüllend entgegenzutreten, was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden gefühlerfülltes und scharf beobachtetes Kleinleben und feine Spiegelung des nächsten Menschentums mit dem weiten Himmel des geahnten Unendlichen und Ewigen darüber; heitere, mutwillige Schrankenlosigkeit und Beweglichkeit des Geistes, die sich jeden Augenblick in tiefes Sinnen und Träumen der Seele verwandelte; lächelndes Vertrautsein mit Not und Wehmut, daneben das Ergreifen poetischer Seligkeit, welche mit goldener Flut alle kleine Qual und Grübelei hinwegspülte und mich in glückliche Vergessenheit tauchen ließ; vor allem aber die Naturschilderung an der Hand der entfesselten Phantasie, welche berauscht über die blühende Erde schweifte und mit den Sternen spielte wie ein Kind mit[304] Blumen, je toller, desto besser! Diese Herrlichkeit machte mich stutzen, dies schien mir das Wahre und Rechte! Und inmitten der Abendröten und Regenbogen, der Lilienwälder und Sternensaaten, der rauschenden und plätschernden Gewitter, die der aufgehenden Sonne das Kinderantlitz wuschen, daß es einen Augenblick sich weinend verzog und verdunkelte, um dann um so reiner und vergnügter zu strahlen, inmitten all des Feuerwerkes der Höhe „und Tiefe, in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche, groß, aber voll Liebe, heilig, aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend aus einem Kindesauge, wie das Osterhäschen aus Blumen! Das war ein anderer Herr und Gönner als der silbenstecherische Patron im Katechismus!“
Jean Paul nimmt für Heinrich die Vaterrolle ein. Eine Autorität, die keine Autorität ausübt, sondern jemand, der ihn annimmt. Im folgenden Zitat sieht man, wie schnell Heinrich wieder mal zu groß denkt, zu voreilig glaubt eine Lösung für alles auf einmal in seinem Leben gefunden zu haben.
„Dazumal schloß ich einen neuen Bund mit Gott und seinem Jean Paul, welcher Vaterstelle an mir vertrat, und mag diesen die wandelbare Welt in ihrer Vergänglichkeit zu dem alten Eisen werfen, mag ich selbst dereinst noch meinen und glauben, was es immer sei ihn werde ich nie verleugnen, solange mein Herz nicht vertrocknet! Denn dieses ist der Unterschied zwischen ihm und den andern Helden und Königen des Geistes bei diesen ist man vornehm zu Gaste und geht umher in reichem Saale, wohlbewirtet, doch immer als Gast, bei ihm aber liegt man an einem Bruderherzen! Was kümmert uns da der wunderliche Bettlermantel seiner Kunst und Art, der uns beide so närrisch umhüllt? Er teilt ihn mit uns, noch liebevoller als St. Martin, denn er gibt uns nicht ein abgeschnittenes Stück, sondern zieht uns unter dem Ganzen an seine Brust, während jene sich stolz in ihren Purpur hüllen und im innersten Winkel ihres Herzens sprechen Was willst du von mir?“
Band 2 Kapitel 5 – Frühling der verkrüppelten Bäume
Es ist Frühling. Heinrich geht mit selbstgefälliger Borniertheit an die Kunst. Er streift durch die Wälder – Müßiggang – und fertigt Phantasiebilder aus der Natur an, die sein Lehrer Habersaat für real hält.
Heinrich malt nur noch Unholde und verkrüppelte Bäume. Dies stößt auf Kritik und man versucht ihn auf den rechten Pfad zu bringen.
Seit Omas Tod, ist nun 1 Jahr vergangen und er erinnert sich an Anna.
Am Ende des Kapitels verliert er den nächsten Freund:
„In diese Bewegungen herein spielten abwechselnd das gepflegte Andenken an Anna und die Hoffnung auf ihr Wiedersehen sowie die Angst vor meinen gemütlichen Gläubigern, wenn sie mit Rechnungen kamen für allerhand alte Schwarten, Kupferstiche und verstümmelte Gipsfiguren, so daß ich komischerweise früh den Spruch auf mich anwenden konnte:
Widersacher, Weiber, Schulden – Ach, kein Ritter wird sie los!“
Band 2 Kapitel 6 – Bildung eines jungen Mannes unter gesellschaftlichem Druck
Der nächste Frühling steht ins Haus. Heinrich geht auf die 16 Jahre zu und Anna kommt nach 2 Jahren wieder nach Hause.
Das Spiel der Geschlechter und seiner Codes macht Heinrich zu schaffen.
Der trotzige Stoizismus, welchen ich gegen das jungfräuliche Selbstgenügen aufwandte, warf mich um so schneller in eine isolierte und gefährliche Stellung, als ich in meiner Einfalt augenblicklich selber daran glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr.
Auch mit Anna tut er sich nun schwer, da ihre Bildung und Verfeinerung sie in eine unnahbare Distanz ihm gegenüber zwingen, die er als Verlust erlebt.
Die Gesichtszüge waren in ihrer Eigentümlichkeit ganz gleichgeblieben, nur hielten sie sich nun viel ruhiger, und die armen, schönen blauen Augen hatten ihre Freiheit verloren und lagen in den Banden vornehm bewußter Sitte.“
Zu allem Übel erlebt er dann auch noch einen Moment in dem seine soziale Klasse ihm ein Bein stellt. Weil er Fisch und Huhn aufgrund seines einfachen Hauses nicht zerteilen kann, wird er verspottet und ihm fällt nichts Besseres ein als einen blöden Witz zu reißen, mit dem er Annas neu erworbenen frommen Schliff beleidigt.
Ich behielt nun freilich wieder recht in den Augen der Spötter, doch Anna hatte gerade solche Grobheit Nicht verdient, da sie mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen hatte. Sie wurde über und über rot, Ich fühlte augenblicklich mein Unrecht und hätte aus Reue gern den Knochen verschlungen.
Und dann kommt auch noch die Sprache als Distinktionsmerkmal oben drauf. Anna spricht inzwischen hervorragend Französisch, welches am Tische gesprochen wird.
Heinrich, in seinem Ärger über sämtliche Situationen, verplappert sich dann bei seinen Basen, dass er den jungen Herren auf der Leiter vor ihrem Fenster gesehen habe.
„So hatte ich das Geheimnis, das Ich am Morgen großmütig zu verschweigen gelobt, noch vor Untergang der Sonne ausgeplaudert. Dadurch, war der Krieg zwischen mir und den Schönen erklärt, und ich sah mich plötzlich himmelweit von dem Ziele meiner Hoffnungen gerückt; denn Ich dachte mir alle Mädchen als eng verbündet und gleichsam eine Person, mit welcher man im ganzen gut stehen müsse, wenn man ein Teilchen gewinnen wolle.“
Heinrich kann seine Impulse nicht steuern und wird sofort sozial bestraft. Eine eindrückliche Zeit, in der jegliche Affektivität an der Oberfläche gesellschaftlicher Codes zerbricht. Ein regelrechtes Zwangssystem. Ich habe mich gefragt: hätte er in unserer Gegenwart auch diese Probleme? Und ich denke, ja. Er ist nämlich Hesses Goldmund in dieser Hinsicht sehr nahe, oder ich glaube, dass Hesse seinen Goldmund aus dieser Heinrich Struktur gewonnen hat. Er war auf der Suche nach einer eigenen Form, einer Form in der man für die Gesellschaft tragbar wird. Naja, und beide – Goldmund und Heinrich – wollen das irgendwie nicht. Denn eine Form, trägt immer eine Art Verlust in sich. Verlust an Lebendigkeit. Ich schlage mich mit dieser Thematik bereits seit längerem herum. Das macht den grünen Heinrich für mich sehr tragisch, da ich sehe, wie sehr er versucht bei sich zu bleiben und sich an der Gesellschaft reibt – aufreibt. Da gibt es wenig Vermittlung, die eine entsprechende Form tragen würde. Dementsprechend bleibt jegliche Interaktion mit der Gesellschaft eine holprige bis schmerzhafte Angelegenheit.
Band 2 Kapitel 7 – Philosophie, Religion, Vater
Ein krasses, ausschweifendes Kapitel, das meinen Formgedanken aufnimmt und die pädagogisch-geligiösen Systeme zeigt, die das Subjekt formen wollen. Das Kapitel ist wie ein Ideengespräch angelegt, wie man zur Welt stehen kann.
Heinrich bekommt einen neuen Lehrer, der erst 17 Jahre alt ist und sich selbst Philosoph nennt und ausgiebig beschrieben wird.
Gleich einem Stare wußte er alle Systeme von Thales bis auf heute herzusagen, allein er verstand sie immer im wörtlichsten und sinnlichsten Sinn, wobei besonders seine Auffassung der Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug hervorbrachte. Wenn er von Spinoza sprach, so war ihm nicht etwa die Idee aller möglichen Stühle der Welt, als ein Stück zweckmäßig gebrauchter Materie, der Modus, sondern der einzelne Stuhl, der gerade vor ihm stand, war ihm der fertige und vollständige Modus, in welchem die göttliche Substanz in wirklichster Gegenwart steckte, und der Stuhl wurde dadurch geheiligt.
Dieser Lehrer meistert den Umgang mit den Frauen prächtig, obwohl er viel Widerstand erhält, scheint er in einer selbstvergessenen Art Freude an diesem Spiel zu haben. Hingegen muss sich Heinrich vor seinen Basen ob seines Umgangs mit Anna rechtfertigen. Er habe eine gewisse Form ihr gegenüber zu wahren und müsse nun Abbitte leisten.
Da im Winter die Konfirmation Heinrichs ansteht, ist die Religion folgend Dreh- und Angelpunkt.
Der Schulmeister – Annas Vater – verkörpert eine aufgeklärte, liebevolle Frömmigkeit. Er ist froh über Heinrichs Widerspruch, weil er ihm geistige Bewegung bringt.
Auch war der Schulmeister eher froh über meine abweichenden Meinungen, indem sie ihm Veranlassung zu geistiger Bewegung gaben und er Ursache fand, mich förmlich liebzugewinnen, der Mühe wegen, die ich ihm machte. Er sagte, es sei ganz in der Ordnung, ich sei wieder einmal ein Mensch, bei welchem das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht der Kirche sein würde, und werde noch ein rechter Christ werden, wenn ich erst etwas erfahren habe.“
Glaube als Ergebnis des Lebens, nicht der Institution.
Der fanatische Lehrer – die längste Satire des Kapitels – steht dazu im schärfsten Kontrast. Er hasst Wissenschaft, verleugnet die fünf Sinne und erfindet dafür neue, um Wunder zu erklären. Er pfeift auf das Neue Testament, wenn es ihm unbequem ist, und nennt es im nächsten Satz das Buch des Lebens. Keller demontiert hier nicht Religiosität, sondern Ressentiment als religiöse Haltung – den Gläubigen, der eigentlich nur die Welt anklagt. Der Satz, er glaube „um so aufrichtiger, als der Gegenstand des Glaubens unerwiesen und unbegreiflich war“, ist bissig: Unbeweisbarkeit als psychologische Entlastung.
Heinrich selbst entwickelt eine dritte Position: die Geschichte mit dem armen Mann auf der Straße. Er will geben, denkt dabei an Gottes Wohlgefallen, will dann nicht aus Eigennutz handeln, läuft zurück, findet aber wieder das Zurücklaufen verdienstlich, kehrt nochmals um – und am Ende hat der Arme nichts bekommen. Moral wird hier nicht als Gehorsam, sondern als List gegen das eigene Ich gedacht.
Daher freue ich mich immer wie ein Kind, wenn es mir passiert, dass ich unbedacht meine Pflicht erfüllt habe und es mir erst nachträglich einfällt, dass das etwas Verdienstliches sein dürfte; ich pflege dann höchst vergnügt ein Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen “ Siehst du alter Papa! nun bin ich dir doch durchgewischt“. Das höchste Vergnügen erreiche ich aber, wenn ich mir in solchen Augenblicken denke, wie ich ihm sehr komisch vorkommen müsse; denn da der liebe Gott alles versteht, so muss er auch Spass verstehen, obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann, der liebe Gott verstehe keinen Spaß.“
Danach gleitet er in Gedanken zu seinem Vater über, der eine aufgeklärte, tolerante Religiosität vertrat – „Freiheitssinn gegen Ultramontanismus und Orthodoxie“, Respekt für würdige Geistliche unabhängig der Konfession. Die Kirche ist für Heinrich kein religiöser Raum im institutionellen Sinne, sondern ein Gedächtnisraum, in dem er den Vater vergegenwärtigt. Sein Vater hat ihm ein Recht auf Unglauben hinterlassen, wofür er nun seines Vaters Lieblingslied mitsingt:
Ich aber stand nun auf einem andern Boden und fühlte wohl, daß ich bei aller Ehrerbietung für den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit mei nem Vater sein würde, während ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die Unabhängigkeit meiner Überzeugung gewiß war. Dieses friedliche und achtungsvolle Ausscheiden in Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn feierte ich nun in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte, und als die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied »Dies ist der Tag, den Gott gemacht!« anstimmte, sang ich es für meinen Vater laut und froh mit, obgleich ich Mühe hatte, den richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein alter Kupferschmied, links ein gebrechlicher Chorherr, welche mich mit den wunderbarsten Variationen von der rechten Bahn zu locken suchten, und dies um so lauter und kühner, je standhafter ich blieb.“
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