Der geteilte Himmel von Christa Wolf

Die dramatisierte literarische Form der Spannung zwischen dem Noch-Nicht und Nicht-Mehr.

„Sie hatte geglaubt wie ein Kind, wie sollte sie sich das verzeihen! Sie war auf dieses ganze Gerede— Gerede, das war es!— hereingefallen: Der Mensch ist gut, man muß ihm nur die Möglichkeit dazu geben. Welch ein Unsinn! Wie dumm die Hoffnung, dieser nackte Eigennutz in den meisten Gesichtern könnte sich eines Tages in Einsicht und Güte verwandeln.
Sie war gescheitert, wie wahrscheinlich jeder außer ihr selbst vorausgewußt hatte, und ihr blieb nichts, als sich wenigstens den Folgen zu entziehen. Es lohnte sich nicht.
Ihre seelische Kraft war ganz plötzlich bis auf den Grund erschöpft.“

Ist denn alle Hoffnung verloren, wenn meine naive Begegnung mit der Zeit, durch sie korrigiert wird? Zeit als innere Erfahrung der Desillusionierung.
Verlust, Verrat, Enttäuschungen sind unumkehrbar. Zeit – immer fort – schreitend, tropfend, Abgrund reißend.

„Einen Preis für Verbrannte Erde? Man schweigt.
Die Wunde liegt offen. Kein schöner Anblick.
Dort standen sie, die Erwachsenen. Die waren dabeigewesen, als solche Losungen über riesige menschenvolle Plätze gebrüllt wurden; die hatten sie nachgebrüllt, waren hinter ihnen hermarschiert wie hinter einer Fahne, durch die halbe Welt. Und hier waren wir, die Kinder. Ausgeschlossen, wie Kinder immer von den ernsthaften Beschäftigungen der Erwachsenen ausgeschlossen sind. Ein nachzitterndes Entsetzen vor dem schrecklichen Geheimnis…
Wohin führt sie auf einmal die gemeinsame Erinnerung? Dieses Dickicht in den Leuten! Wieviel Menschenalter schleudert es sie zurück? Eiszeit, Steinzeit, Barbarei?
Und dann Seifferts scharfe Stimme: »Wer nichts vertragen kann, sollte nicht trinken!“

„Rita erinnert sich später deutlich der Verwirrung, mit der sie sich fragte: Haben wir denn etwas zu fürchten vom Fortgang der Zeit? Schnell, fast hastig, wie vom schlechten Gewissen getrieben, löste die Gesellschaft sich auf.“

Die Zeit legt offen – was trägt, was nicht. Trägt sie deine Naiviät Rita? Deine Lebendigkeit?
Was enthüllt sie?

„Der Bodensatz der Geschichte ist das Unglück des einzelnen.“

Also Zeit als Vermittlungsinstanz. Das Allgemeine zeigt sich im Besonderen.
Die historische Last unterbricht das Noch-Nicht. Jeder Moment des Jetzt, fragil und in Gefahr.
Das Wissen in der Zeit verändert unwiderruflich das Verhältnis zur Zeit.
Was also tun? Wir stehen vor und unter dem geteilten Himmel – einer offenen, wenn auch prekären Zukunft. Let’s make love Manfred und Rita. Liebe machen, ja. Das passt, denn nur in der Handlung liegt die Möglichkeit der Zukunft. Mit Manfreds Kulturpessimismus wird’s dünn ums Liebesglück.
Wir sind gebrochen, traumatisiert und desillusioniert. Utopische Öffnung? Oder Schließung?
Was denn überhaupt für eine Utopie? Die der Liebe? Der sozialistischen Utopie? Alles für den Dackel, alles für Club?
Wofür denn wenn alles in der Zeit zerrinnt?
Gibt es denn nichts von Dauer? Außer dem Zyklus der Jahreszeit – so vertraut:

„Kurz vor der Dunkelheit bekam das Land, das wellig zu beiden Seiten wegfloß, noch einmal eigentümliche Klarheit. Die weißen Schneeflecken auf dem braunen Ackermeer traten scharf hervor. Morgen würde der erste wärmere Wind aus Westen alle Konturen auflösen und neue, härtere hervortreten lassen. Millimeter unter der Erdkruste warteten Schneeglöckchen. Rita lächelte. Wie sie alles kannte! Wie es ein Teil von ihr war. Danke für jeden Vogelruf, für das kühle Flußwasser, für die Morgensonne und den Baumschatten im Sommer.“

Durch die Kälte gehen um klar zu sehen und den Abgrund, im freien Fall, mit Ritualen der Wärme, Güte und Freundlichkeit durchziehen. Das Private ist politisch und trotzdem gibt es diese Räume, auf die das System keinen Zugriff hat. Meine Angst bekommt ihr nicht! Und da ist sie, Christas Utopie. Im leisen und alltäglichen. Erschöpft… Trotzdem!

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