Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe – Teil 3

In diesem Teil möchte ich die letzten beiden Bücher des Wilhelm Meisters Lehrjahre besprechen und auf die Figurenkonstellationen Therese, Natalie, Harfenspieler und Mignon eingehen.

Die Strippenzieher

Wilhelm erreicht Lothario, dem er den Abschiedsbrief der verstorbenen Aurelie übergibt, deren strukturelle Einbettung ich im 2. Teil bearbeitet hatte.

Lothario bildet Teil einer Gesellschaft, zu der Serlo, der Abbé und auch der Arzt gehören, von dem Wilhelm das Manuskript der „schönen Seele“ erhalten hat. Diese halten innerhalb eines Turms ihre Treffen ab. Die Räumlichkeiten und Atmosphäre bei diesen Treffen gestaltet Goethe fast wie nach einer Art Geheimbund, der die Geschicke der sie umgebenden Menschen lenkt und für Aufklärung sorgt.

In Buch 7 und 8 wird alles ans Licht gezerrt, das bisher im Unklaren lag. Dies geschieht in nahezu verschwörerischer Manier. Denn plötzlich wird klar: Wilhelm stand die ganze Zeit unter Beobachtung. Diese Menschen sponnen im Hintergrund die Fäden und intrigierten, was das Zeug hält. Die Illusion, Wilhelm sei in die Welt gezogen, um wandern und irren zu dürfen, zieht sich nun auf einen Mikrokosmos der Verstrickungen zusammen, in dem das Leben Wilhelms und das der mit ihm verbundenen Figuren zu einer Konstruktion zusammenschrumpft. Die Welt schließt sich.

Der Bruch – von Lebendigkeit zur Funktionalität und wieder Zurück

Die Lebendigkeit und Autonomie des Textes, hat unter Goethes Entscheidung, den Text so weiterzuführen, zu leiden. Er erwächst nicht mehr aus seinen eigenen Voraussetzungen. Goethe pfropft das ordnende Element dieser Gesellschaft von außen auf. Die Szenen sind teils überbordend theatralisch gehalten. Sämtliche Figuren wirken plötzlich wie funktionalisierte Marionetten. Als müsse Goethe jetzt etwas nachhelfen, um die Endposition seiner Figurenkonstellation zu erreichen.

Insbesondere Band 8 zergeht in Briefen, Reden und Ansprachen, die didaktisch und traktathaft wirken, als müsse die Erfahrungswelt Wilhelms in ein Bildungsprogramm übersetzt werden. Oder anders ausgedrückt: der Prozess wird programmatisch adressiert. Das zieht einen Kommentar ein, der das vorherige Monument des Empfindungsblocks zerstört.

Im Grunde zieht Goethe zunächst eine Kompositionsebene, die die Unendlichkeit zurückgibt, in der die Intensitäten sich bewegen können. Das wäre für mich eine Definition von gelungener Literatur. Nur sollte sich daraus auch direkt die Architektur des Kunstwerkes ergeben, also der Rahmen. Der wird jetzt aber erst in den letzten beiden Büchern gezogen. Das Buch bildet keinen in sich geschlossenen Komplex, sondern zerfällt in zwei Teile, die aneinandermontiert werden.

Deleuze und Guattari formulieren das im Kapitel über die Kunstebene in „Was ist Philosophie“ so:

„Die zusammengesetzte Empfindung, bestehend aus Perzepten und Affekten, deterritorialisiert das Meinungssystem, das die herrschenden Perzeptionen und Affektionen in einem natürlichen, historischen und gesellschaftlichen Milieu vereinigte. Aber die zusammengesetzte Empfindung reterritorialisiert sich auf der Kompositionsebene, stellt sich hier doch ihre Häuser auf, präsentiert sich hier doch in ineinandergefügten Rahmen oder verbundenen Flächenstücken, die ihre Komponenten abstecken: zu reinen Perzepten gewordene Landschaften, zu reinen Affekten gewordene Personen. Und gleichzeitig zieht die Kompositionsebene die Empfindung in eine höhere Deterritorialisierung hinein, lässt sie eine Art Entrahmung durchlaufen, die sie auf einen unendlichen Kosmos hin öffnet und spaltet.“

„Die zusammengesetzte Empfindung […] deterritorialisiert das Meinungssystem…“
Das ist exakt das, was in den ersten sechs Büchern geschieht. Hier wird das „Meinungssystem“, die bürgerlichen Konventionen, die Vorurteile über Bildung und die gesellschaftlichen Erwartungen zerlegt.

Wenn Wilhelm aus seinem Elternhaus ausbricht, wenn er in die Theaterwelt eintaucht, wenn er mit Serlo diskutiert oder den Überfall erlebt, dann passiert eine Deterritorialisierung. Die gewohnten Koordinaten funktionieren nicht mehr. Das Leben wird zu einem Strom aus reinen Perzepten und Affekten: das Zittern vor Angst, die Ekstase der Liebe, die Leere des Verlusts, die Verwirrung des Scheiterns am eigenen Ideal.

„Aber die zusammengesetzte Empfindung reterritorialisiert sich auf der Kompositionsebene […] präsentiert sich hier doch in ineinandergefügten Rahmen…“
Und hier kommen wir zu dem Punkt der Bücher 7 und 8. Reterritorialisierung wäre in diesem Fall: Ich suche einen neuen Ort, eine neue Ordnung, um das Chaos zu bändigen. Goethe baut diesen Rahmen in Form der Turmgesellschaft und des Bildungsprogramms. Er nimmt die wilden Empfindungen des ersten Teils und ordnet sie:
Aus dem Affekt wird eine Lektion. Aus dem Zufall wird eine Vorsehung. Aus der Person eine Funktion. Daher bleibt dieser Schritt aus: „…zu reinen Perzepten gewordene Landschaften, zu reinen Affekten gewordenen Personen.“
Die Personen sind nicht mehr Individuen in einem Prozess, sondern wirken wie in den Rahmen eingesperrt.

Zunächst dachte ich, er verlasse damit den unendlichen Kosmos und halte den Prozess an, um Wilhelm in eine stabilisierende Position zu bringen. Und dann passierte etwas Seltsames. Ich bewegte mich, um die Figuren zu begreifen, mich an ihnen abzuarbeiten, und stellte fest: Nein, die sind nicht erstarrt. Die sind nach wie vor dialektisch angelegt. Du kannst ihnen verschiedene Möglichkeitsräume zuordnen, sie sind widersprüchlich, je nachdem, aus welcher Position du auf sie blickst und wo du dich in deinem eigenen Prozess befindest.

Dieser Kontingenz, die immer noch herrscht, ist auch die ordnende Instanz der Männer des Turms ausgesetzt. Denn auch dem lieben Lothario passiert es, dass das Leben ihm einen Schnippchen schlägt und am Ende doch wieder alles anders ist als gedacht. In eine klare Eindeutigkeit verfällt Goethe nie.
Nur bedarf es meines Erachtens den Leser, um mitzuarbeiten.

Dennoch bleibt es beeindruckend, wie Goethe das Ganze im Blick behält. Selbst wenn die letzten beiden Bücher die Dinge ordnen, entweicht stetig etwas, das als Überschuss im Raum wirken will.

Therese

Da wäre zum einen die Frauenfigur Therese, eine wohlhabende Frau, die über wirtschaftliche Kenntnisse verfügt, weshalb sie Lothario beim Zustand seines Vermögens hilft. Sie knüpft Freundschaft mit Wilhelm und erzählt ihm ihre Lebensgeschichte. Sie steht für eine Klarheit, die sich einer rein verwaltenden Ordnung entzieht.

„Auf seiner Rückreise hatte er Zeit genug, diese neue, helle Erscheinung lebhaft in der Erinnerung zu betrachten. Welch ein Zutrauen hatte sie ihm eingeflößt! Er dachte an Mignon und Felix, wie glücklich die Kinder unter einer solchen Aufsicht werden könnten; dann dachte er an sich selbst und fühlte, welche Wonne es sein müsse, in der Nähe eines so ganz klaren menschlichen Wesens zu leben.“

Sie steht strukturell der „schönen Seele“ nah. Beide Figuren gehen mit Würde und Integrität durchs Leben. Die eine findet ihre Klarheit bei Gott, die andere im Materiellen. Therese versteht sich auf Haushaltung und soziale Verpflichtungen. Beide werden von einer gewissen Einsamkeit begleitet.
Therese drückt dies so aus:

„Ich scherzte über ihre Äußerung und fügte hinzu, dass zwar der Verstand der Männer sich nach Haushälterinnen umsehe, dass aber ihr Herz und ihre Einbildungskraft sich nach andern Eigenschaften sehne und dass wir Haushälterinnen eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden Mädchen keinen Wettstreit aushalten können.“

Dies erhält eine Traurigkeit, die der „schönen Seele“ fremd ist. Therese ist für die romantische Liebe offen. Das System, in dem sie lebt, kann nur in ihr keine ausreichende Projektionsfläche finden, denn sie lebt eine verlässliche Realität ohne Maske. Hier zeigt sich, wie recht Serlo mit seiner Einsicht über die Menschen und die Masken hat. Auch Wilhelm denkt über sie lediglich als geeignete Partnerin nach, bei der die Kinder (Felix und Mignon) gut aufgehoben wären. Sie wird also weitestgehend von den Menschen in ihrem Umfeld funktionalisiert. Sie ist nicht geheimnisvoll und abenteuerlustig, sondern ein lichtdurchfluteter offener Raum, der die Fundamente für Kompetenz und Menschlichkeit liefert; die aber Natur und Geist in ihrem Denken und Empfinden miteinander vereint.

Natalie

Eine deutlich aufregendere Frau, die ebenfalls für Ordnung und Gesetz steht, ist die Nichte der „schönen Seele“, Natalie, Lotharios Schwester, die mit Bewunderung auf ihre Tante blickt.
Natalie ist übrigens die „Amazone“, die Wilhelm damals beim Überfall gerettet und versorgt hat. Wir erinnern uns: die Dame, der ein helles Licht entströmte. Die also von Wilhelm überhöht als Bild abgespeichert wurde. Auf die sein Begehren gerichtet ist.

Natalie ist eine Frau der Tat, in der Wilhelm eine wunderbare Projektionsfläche eines heroischen Menschen findet. Sie ist seine Kriegerin, stark, tapfer, unabhängig, unumstößlich, frei. Als würde die Kontingenz des Lebens ihr nichts anhaben können. Wäre es nicht schön und erholsam, sich in diese ordnenden und schützenden Arme zu schmiegen? Diese Frau kämpft für dich im Außen, Wilhelm. Sie erledigt das, und du kannst deiner Innerlichkeit fröhnen, dich in deiner Ganzheit erfahren, Füße hoch und so harmonisch beseelt…. Klingelingeling!

Goethe lässt Natalie allerdings ein paar Dinge erzählen, die nicht in dieses Bild passen wollen oder ihr zumindest einen widersprüchlichen Charakter verleihen:

„Das Kind, das noch nicht auf seinen Füßen stehen konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den seinigen erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern, die Unfähigkeit einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen nach einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert kleinen, notwendigen Fähigkeiten, diese überall zu entdecken, schien mein Auge von der Natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand aufmerksam gemacht hatte; ich schien aber auch nur geboren, um das zu sehen. Die Reize der leblosen Natur, für die so viele Menschen äußerst empfänglich sind, hatten keine Wirkung auf mich, beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hülfe aufzufinden.“

„es sei besser, nach Regeln zu irren, als zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur hin und her treibt; und wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz ausgefüllt werden kann.“

Ich habe mal recherchiert, wie Natalie generell rezipiert wird und wie diese Stellen verstanden werden. Ich war verblüfft, dass dies eher positiv ausgelegt wird. Im Sinne dessen, dass auch Humanität Ordnung benötigt. Sie sieht hin, erkennt und organisiert Hilfe. Für sie steht der Mensch im Mittelpunkt – exakt die Weltsicht, die Wilhelm gefehlt hat. Wir erinnern uns an sein Gespräch mit Aurelie darüber, an seinen Innenblick.

Insofern liegt es nahe, sie als Wegpunkt zu lesen, an dem Wilhelm sich in einer konkreten Realisierung einer neuen Stufe befindet. Sie könnte die Bedingung sein, dass Wilhelm aufhört zu irren. Sie stabilisiert den Prozess, indem sie Orientierung liefert und durch ihre eigene Freiheit die anderen nicht bindet, wie man es vielleicht Therese in ihrer Häuslichkeit unterstellen würde.

Ich möchte euch eine erweiterte Lesart anbieten. Denn ich habe bei diesen Zitaten mit massivem Widerstand reagiert.
Da ist ein Mangel, der beseitigt, eine Lücke, die gefüllt werden muss? Für mich liest sich das, als müsse jegliche auftretende Negativität sofort geschlossen werden. Das hat etwas Militantes, Gewaltsames und verfehlt den Gedanken der Negativität als produktive Kraft.
Das Gesetz legt sich über das Unbestimmte. Ja, sie ist eine Amazone, eine Kriegerin – gegen die Kontingenz und die Unmöglichkeit. Was könnte denn eine mögliche Konsequenz dessen sein?

Ich bin der festen Überzeugung, dass das „Ungeheuer im menschlichen Busen“ auf eine andere Weise zurückkehrt. Ich kann einen Mangel nicht vollständig adressieren und durch eine Ordnung oder ein Gesetz aufheben. Im Grunde kastriere ich durch diese Ganzheitsphantasie das Begehren eines Menschen. Die Kontingenz ist etwas, das uns immer begleiten wird. Chaos ist Teil dieser Welt. Es sind die Bedingungen für Erkenntnis und Lebendigkeit. Ihnen eine Konsistenz zu geben wäre die Aufgabe, nicht sie durch irgendein Gesetz zu überdecken.

Da Goethe diese Spannung, die ich in der Figur Natalies sehe, nicht bearbeitet, sondern das Ende offen lässt, werden wahrscheinlich die Wanderjahre Auskunft darüber geben, wohin das Pendel im Einflussgebiet Natalies für Wilhelm schlägt. Jedenfalls führt diese Dynamik zwischen Natalie und mir dazu, im ersten Teil meiner Besprechung Folgendes zu schreiben: „Denn so wie sich die letzten beiden Bücher gestalten, wird der liebe Wilhelm ganz artig in die Spießbürgerwelt integriert.“

Das möchte ich an dieser Stelle durch vorangestellte Betrachtungen relativieren. Meine eigene Position ist entscheidend, wie ich das Ganze des Romans einordne. Das Buch verändert sich also mit der Eigenbewegung des Lesers, weshalb mein Punkt zur verlorenen Autonomie der letzten beiden Bücher auch nicht ganz stimmt. Und das ist ein seltsamer Effekt, den ich so noch nie in einem literarischen Werk vorgefunden habe.

Verlust und die Unmöglichkeit sind auf jeden Fall existentielle Dynamiken, die Goethe sehr beschäftigen und denen er nicht leichtfertig eine verwaltende Ordnung gegenüberstellt. An den Figuren des Harfenspielers und Mignons möchte ich diese Tragweite zum Abschluss durchspielen.

Der Harfespieler

Die Figur des Harfners bildet im Grunde eine eigenständige Binnenhandlung. In Teil zwei meiner Besprechung taucht er im Zuge des Feuers auf, das er legt. Eine Figur, die vom Wahnsinn befallen wird und deren Lebensgeschichte erst ganz am Ende des Buches aufgeschlüsselt wird.

Nach dem Versuch Felix, den Sohn Aurelies (bzw. wie sich später enthüllt, Wilhelms Sohn) zu ermorden, und der Brandstiftung erhält er die Möglichkeit, sich zu rehabilitieren. Arzt und Abbé beteiligen sich daran, ihn durch Tätigkeit wieder in eine Ordnung zu bringen, in der er durch Selbstwirksamkeitserfahrung heilen kann. Das klingt dann so aus dem Mund des Geistlichen:

„Man errege ihre Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen Begriff, dass sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, dass das außerordentliche Talent, das größte Glück und das höchste Unglück nur kleine Abweichungen von dem Gewöhnlichen sind; so wird sich kein Wahnsinn einschleichen und, wenn er da ist, nach und nach wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes Stunden eingeteilt, er unterrichtet einige Kinder auf der Harfe, er hilft im Garten arbeiten und ist schon viel heiterer. Er wünscht von dem Kohle zu genießen, den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suche ich ihm über seine wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tätiges Leben führt so viele Ereignisse herbei, dass er bald fühlen muss, dass jede Art von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann.“

Wenn man das mit einem späteren Zitat des Abbé vergleicht, steckt hinter dieser Maßnahme auch eine Logik, die absolut einleuchtend ist:

„Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können, so arbeiten sie, den Gegenständen ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, außer dem Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert.“

Ich möchte nicht die komplette Geschichte des Harfners spoilern. Der Mann ist tatsächlich durch die Ereignisse seines Lebens formlos und wabert haltlos herum. Die Maßnahmen scheinen auch zu greifen. Er kommt im letzten Buch wieder hinzu. Hat seinen Bart verloren, wirkt frisch und lebensfroh – bis er die Wahrheit über die Hintergründe und Zusammenhänge seiner eigenen Geschichte erfährt und Selbstmord begeht.
Die Wahrheit ist zumutbar –

Anhand dieser Dynamik straft Goethe Natalie Lügen, die meint:
„und wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz ausgefüllt werden kann.“
Es gibt Ungeheuerlichkeiten, die nicht gefüllt werden können. Vor allem dann nicht, wenn die Ordnung oder das Gesetz rein der sozialen Disziplinierung dient.

Christa Wolf zeigt in „Kassandra“, wie eine Form dieser Ordnung aussehen kann, die nicht scheitert. Kassandra verfällt selbst zeitweise dem Wahnsinn und schafft es über zwischenmenschliche Gesten, einer Verankerung im Menschlichen ihren Mittelpunkt zu finden. Sie darf besonders bleiben, ihr bleibt ihr Schmerz (die Lücke) und dennoch ist es die Lust, die sinnliche Wahrnehmung des Augenblicks, die sie im Leben hält. Der Natur des Menschen wird von Christa Wolf eine Konsistenz verliehen, die sowohl Natalie als auch Abbé und Arzt von ihrer Checkliste streichen.

Mignon

Mit dem Kind Mignon treibt Goethe es dann auf die Spitze. Auf sie trifft Wilhelm zu Beginn seiner Zeit bei der Schauspielertruppe. Eine Artistengruppe hat sie in ihren Fängen, aus denen Wilhelm sie befreit.

Man erzählt ihm, sie komme aus Italien und wäre von dort als kleines Kind geraubt worden. Sie wird von einer schweren Melancholie und Sehnsucht begleitet, die sie in Gedichten und Liedern ausdrückt. Ihr haftet bereits als Kind eine Entrücktheit an, die in keinen sozialen Code der Zeit passen mag.

Für Mignon entwickelt sich Wilhelm zur Bezugsperson, die für sie das Zentrum ihres Seins darstellt.
Eigentümlicherweise entwickelt sie ebenfalls eine Beziehung zum Harfenspieler, die durch Mignon lediglich angedeutet, in einem Satz fallen gelassen und nicht weiter erklärt wird. Erst am Ende, nachdem die Zusammenhänge durch die Turmgesellschaft aufgedeckt werden, ergibt sich daraus ein tragisches Bild. Beide Figuren teilen sich die Herzensschwere und können nicht anders leben als ihren Neigungen des Herzens zu folgen. Beide lassen sich nicht ins System integrieren.

Nur dass es im Falle Mignons von Beginn an eine Form der Unmöglichkeit darstellt. Die unendliche Ferne ihres Vaterlandes lastet schwer auf ihr. Der Arzt aus der Turmgesellschaft gibt am Ende die nötigen Informationen. Nach ihrer Entführung schwört sie sich niemandem mehr zu vertrauen:

„Da überfiel das arme Geschöpf eine gräßliche Verzweiflung, in der ihm zuletzt die Mutter Gottes erschien und es versicherte, dass sie sich seiner annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid, dass sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre Geschichte erzählen und in der Hoffnung einer unmittelbaren göttlichen Hülfe leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen hier erzähle, hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut; unsere werte Freundin hat es aus einzelnen Äußerungen, aus Liedern und kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen wollen, zusammengereiht.“

Das heißt, Mignon transzendiert sich selbst ins Jenseits. Die völlige Entwurzelung wird von Goethe strukturell bzw. systemisch angelegt. Keine Ordnung dieser Welt könnte sie integrieren – sie fällt regelrecht aus dieser Welt.

Nur im Gegensatz zur „schönen Seele“ ist ihr Herz nach wie vor auf Anerkennung angewiesen. Sie kann aus sich selbst heraus nichts erzeugen, kein Begehren, worauf sie im Leben bliebe.

Sie teilt mit Aurelie den Blick des Anderen zu benötigen – der seidene Faden, der über das Schicksal ihres Herzens bestimmt.

Mit zwei handfesten Frauen, die mitten im Leben stehen und der Kontingenz, der Unmöglichkeit durch ihre Tatkraft und Gesetzmäßigkeit trotzen, die Wilhelms Zuneigung gewinnen und in deren System er sich nun begibt, zieht es sich Mignon immer enger ums Herz – der Faden reißt.

Nach ihrem Tod wird sie nahezu im Text vergessen, als müsse sie strukturell entfernt werden. Die Unmöglichkeit findet keinen Platz mehr auf dem Weg, den Wilhelm jetzt beschreitet. Das fühlt sich wie ein stummer Zusammenbruch an, der für Wilhelm nicht als Sinn-Ereignis integriert werden könne. Mignon ist die Lücke oder der Bruch, den dieser Roman hinterlässt.
Lediglich in den Exequien wird ihrer in einem Chor gedacht.

Unpoetisch Angekommen?

Wilhelm ist aus meiner Sicht hiermit angekommen. Er verweilt im Dunstkreis der Turmgesellschaft mit Natalie an seiner Seite. Dennoch ist das Ende eher wie ein Zwischenstadium angelegt, um ihm eine Rast zu gewähren.

Die Illusion, in der Kunst Rettung zu finden, hat Goethe gründlich zerstört.

Ich habe gelesen, Goethe habe mit dem Tod Mignons die Poesie geopfert. Daher komme ich noch einmal auf die Kritik Novalis zurück, die ich im ersten Teil meiner Besprechung nicht näher ausgeführt habe. Novalis nennt den Geist des Romans „künstlerischen Atheismus“, weil das Wunderbare, Mystische und eigentlich Poetische im Buch ausdrücklich als „Poesie und Schwärmerei“ abgetan und entkräftet werde. [Wikipedia]

Ja, Novalis, weißt du, was du machst? Du versuchst, ein unerreichbares Objekt oder einen Zustand durch die Poesie zu romantisieren. Goethe hat etwas Entscheidendes verstanden: Poesie ist keine Heilung. Die Poesie, die als Heilung durch Flucht in den Mystizismus verstanden wird, verschleiert die Grenze. Poesie muss immer ans Leben geknüpft sein. Deshalb muss Mignon sterben! Es gibt wenige Menschen, die diese Schwere der Verflechtung tragen können. Ich möchte hier noch einmal an den Luftballon aus dem Goethezitat meines ersten Teils der Besprechung erinnern.

Ich halte den Hyperion von Hölderlin als geeignete Vergleichslektüre, der in der Poesie exzessiv aufgeht, nur um ihre Grenze aufzuzeigen und damit gleichzeitig darüber hinaus zu schießen, also eine Lücke zu reißen. Im Hyperion legt die Poesie den Finger in die Wunde, indem sie selbst zur Wunde wird. Die romantische Verklärung, Poesie als Heilung zu begreifen, ächzt und stöhnt in diesem Werk und befreit sich aus ihrem eigenen Kokon.

Form und Begrenzung

Und irgendwie lande ich immer wieder in Gedanken bei Hamlet, über den Serlo sagt: „eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist.“
Aurelie, der Harfner und Mignon zerbrechen daran.
Serlo vergleicht es mit einem Gefäß. Die Eiche zerbricht den Blumentopf. Der Abbé hat es so ausgedrückt: „Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können“.

Das ist für mich die Essenz des Buches: Form und Begrenzung.

Hermann Hesse hat diesen Stoff aufgenommen und in seinen Romanen weiterverarbeitet. Insbesondere „Narziß und Goldmund“ und „Das Glasperlenspiel“ drücken zwei Weisen dieser Formsuche aus.

Für Goethe scheint die Form ein Filter zu sein. Sie muss der Dynamik des Lebens gewachsen sein und gleichzeitig zur eigenen Temperatur und Denkstruktur passen. Oh Boy, was für eine Aufgabe.

Meine Form, reicht jedenfalls nicht für weitere Ausarbeitungen – über Goethes Kunst- und Wissenschaftsverständnis, sein Verständnis des Bildungssystems oder der Religion. Ich bin mit diesem Dreiteiler in Resonanz zu dem getreten, das sich mir als Bild zeichnet. Diese Reise endet hier.

Ich würde gerne viel intensiver Goethes Begriff des Absoluten beleuchten und seinen Formwillen philosophisch und literaturanalytisch bearbeiten. Ich kann es nur (noch) nicht. Vor ein paar Monaten hätte mich dieses Eingeständnis wütend und frustriert gestimmt.

Goethe weckt in mir das Bedürfnis, in die Unendlichkeit des Existentiellen zu drängen – immer mehr Vernetzungen, Knotenpunkte, neue Räume, weitere Abzweigungen. Meine Unmöglichkeit ist exakt die Grenzerfahrung. Und damit liegt doch ein Bildungsroman vor mir. Goethes Text kommuniziert mit mir und hält mich in einer Dauerbewegung, wenn ich es zulasse. Dieser Text ist von einer unverstellten Dynamik des Lebens durchzogen, die im Schmerz einer jeden Figur und ihrer eigenen Unmöglichkeit, das Mögliche in Raum und Zeit als Zukunft erkennen lässt. Hoffnung. Und nein, Ernst Bloch frickel ich euch jetzt nicht noch unter!

Ich habe mich noch nie so ausgiebig mit einem Buch auseinandergesetzt. Vielleicht verstehe ich irgendwann besser, was es ausmacht. Mich mit diesem Text zu beschäftigen macht mich glücklich.

Jetzt freue ich mich, die Wanderjahre lesen zu können.

Kommentare

2 Kommentare
  1. Phantastische Lesebeschreibung – die dem Auf und Ab, der Komplexität des Werkes, wie ich es gelesen habe, gerecht wird. Ich habe gar nicht so sehr auf die Figurenkonstellation geachtet, vielmehr auf den Kunstbegriff und die Differenz Kunst/Leben. Wir kommen zum selben Ergebnis, aber über andere Treppen und Eindrücke – darin sehe ich aber auch, die codiert und offen-geschlossen Goethe in Lehrjahre operiert. Ich habe nach deiner Rezension Lust, das Ganze nochmals zu lesen. Vielen Dank!!

    1. Anna Carina
      Anna Carina Autorin

      Dankeschön! Im Grunde habe ich deinem Dreiteiler zu verdanken, mich neben den Figuren auch etwas mit dem Aspekt der Poesie und Kritik von Novalis auseinandergesetzt zu haben. Ohne deine Rezensionen wäre ich nie in dem Zuge auf Hölderlin gekommen. Das ist glaub ich meine größte Freude: aus der Kommunikation mit Goethe, in die Kommunikation mit einer anderen Besprechung, meinen eigenen Komplex immer weiter ausdifferenzieren zu können.
      Den Wilhelm Meister werde ich bestimmt auch noch einige Male lesen, sofern es mir vergönnt ist.

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