Von dieser Welt von James Baldwin

Ein brutales Buch, das jegliche Differenz durch Umcodierung absorbiert, die bestehende Ordnung stabilisiert und erfahrbar macht, in welcher paradoxen Situation sich Menschen befinden, die systemisch eine reine Differenzerfahrung des Ausschlusses machen – Differenz, die nur als Gefahr gekannt wird.
Baldwin schreibt tatsächlich ein Buch der Schließung – und es geht auf. Es ist formal offen gearbeitet. Die Literatur beobachtet sich selbst als System. Sprache wird ästhetisiert, nicht die Normen, die vertreten werden. Das ist von vorne bis hinten grandios durchkomponiert – ihm ist ein Begehren eingeschrieben, das permanent die Systemenge zum Beben bringt.
Ich versuche einmal nachzuzeichnen, welche Funktion diese übersteigerte Religiosität des Buches erfüllt, die in einem „Erweckungsexzess“ mündet, den man als frohlockenden Sieg Gottes lesen könnte.
Die Kommunikation des Buches wird über Codes strukturiert, die in diesem Fall an andere Systeme gekoppelt werden.
Der Primärcode des Buches lebt eindeutig von den Paaren des religiösen Systems Glaube / Unglaube, die durch den moralischen Untercode Reinheit / Sünde weiter konkretisiert werden. Gekoppelt wird das Ganze an die rassistische Umwelt und deren Code Schwarz / Weiß und Mensch / Untermensch.
Dazu kommt eine zeitliche Stabilisierung durch die Paare eines Metacodes: Heil / Verdammnis.
Der Begriff von Freiheit ist in dieser systemischen Konstellation für Baldwin nicht erzählbar.
Diese Menschen kennen nur Ausschluss und Entwürdigung. Die Religion, die Hoffnung und Raum von Schutz, vielleicht auch Widerständigkeit sein könnte, erfährt hier eine destruktive Pervertierung – als Reaktion auf ein äußeres, feindliches System.
Die Religion hat sich aus einer Ohnmacht heraus gebildet: der einzige Ort, der innerhalb der Ausgrenzung Sinnproduktion ermöglicht. Nur geschieht dies innerhalb der Unterdrückungsverhältnisse.
Die Religion reproduziert in diesem gezeichneten System das Gefühl der Machtlosigkeit.
Wer aus dem religiösen System ausbricht – dem Code Unglaube, Sünde verfällt – geht in die Verdammnis ein. Nicht nur religiös, sondern auch physisch, strukturell, da für ihn im System der Weißen kein Ort existiert. Eine tödliche Umwelt.
Und das zeigt das Buch auch: Diejenigen, die ungläubig sind, sterben in der Erzählung. Es gibt keine Produktivität in der Differenzerfahrung.
Also erhält die Religion die Funktion einer geschlossenen ideologischen Vereinnahmung als Gegenreaktion auf die Zersplitterung – die einzige Möglichkeit, ein kohärentes Selbstgefühl zu stabilisieren.
Die Überforderung der Menschen, gerade der Gabriels, ist so groß, dass die eigene Systemkomplexität radikal reduziert wird.
Armut, Gewalt, Tod werden in einer einzigen moralischen Gotteslogik zusammengeführt.

„Dein Daddy schlägt dich“, sagte sie, „weil er dich liebt.“

Ein Beispiel für die Absorption der Differenz: Gewalt wird als Gotteserziehung rationalisiert und in Liebe umgeformt.
Das System Familie wird dem religiösen System der Reinheit untergeordnet – und so kommt es zu dieser Aussage von Roy:

„Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben mit einem Dad, der nicht will, dass man ins Kino geht, der nicht will, dass man auf der Straße spielt, der nicht will, dass man Freunde hat, der dies nicht will und das nicht will und nicht will, dass man überhaupt irgendwas macht. Was haben wir es gut mit einem Dad, der immer nur will, dass wir in die Kirche gehen und die Bibel lesen und vor dem Altar rumbrüllen wie die Blöden und zu Hause bleiben, schön brav und leise wie die Mäuschen.“

Der Vater Gabriel ist das Gesetz, das das Gesetz Gottes durchsetzt. Die Familie wird von der Welt entkoppelt, um ihre Reinheit zu sichern.
Reinheit und Sünde als Sekundärcode gleiten zudem durch das Erotische, durch die körperliche Struktur des Begehrens im Plot. Sünde wird von Scham durchzogen.

„Ja“, antwortete er, stand auf und wandte sich ab, „Satan hat mich versucht, und ich bin gefallen. Ich bin nicht der erste Mann, der zu Fall gebracht wird von einer ruchlosen Frau.“ – „Pass auf, wie du mit mir redest“, sagte Esther. „Ich bin auch nicht die erste Frau, die entehrt wurde von einem Mann Gottes.“

Der religiöse Code spiegelt den Code der Weißen. Der Unmensch ist wild und unmoralisch, was im eigenen System als Sünde verinnerlicht wird.
Baldwin macht die Internalisierung des weißen Blicks sichtbar. Man gleicht sich der Moral des Unterdrückers an.
Gleichzeitig verschiebt der religiöse Code Heil / Verdammnis die ungerechte Gegenwart auf ein Jenseits, in dem alles Leid abgegolten wird. Ich würde es als eine Duldungsstarre bezeichnen, die stabilisiert, aber verhindert, dass sich etwas verändert.

„Sie waren in der Welt und von der Welt, und ihre Schritte führten in die Hölle.“
„Die Herrlichkeit der Ewigkeit wegzuschleudern für einen Augenblick der Unbeschwertheit!“

Schmerz wird auf Sinn hin umgelogen.

An den paar Zitaten wird, denke ich, bereits etwas Weiteres deutlich – die Entweder-oder-Struktur.
Das ist die erbitterte Frontstellung zwischen Niederstem (der Welt) und Höchstem (Gott), die Baldwin erfahrbar macht.
Diese Gedanken Johns im Kino unterfüttern das noch einmal gut im Code von Heil / Verdammnis:

„Sein Vater und seine Mutter und alle Gläubigen lehrten ihn seit frühester Kindheit den Willen Gottes. Entweder erhob er sich aus diesem Kino, um nie wiederzukehren, und ließ die Welt und ihre Freuden, ihre Ehren und ihren Glanz hinter sich, oder er blieb hier bei den Lasterhaften und nahm mit ihnen die sichere Strafe auf sich. Ja, es war der schmale Weg – John rutschte auf seinem Sitz herum und wagte nicht, Gott, der ihn vor eine so grausame Wahl stellte, als ungerecht zu empfinden.“

Eine Wahl, ohne wählen zu dürfen. Die Unfreiheit als moralische Prüfung. Der Glaube wird zur Fremdsteuerung des Denkens – Selbstzensur. Das darf ich doch nicht denken (wisper: Ungerechtigkeit) – SCHULD!

Florence, die Schwester von Gabriel, bekommt eine Sonderrolle im Roman.

„Kind“, sagte ihre Mutter, „willst du damit sagen, der Teufel hat dein Herz so hart gemacht, dass du deine Mutter einfach liegen lässt auf ihrem Sterbebett und dich im Leben nicht drum scherst, ob du sie noch mal siehst in dieser Welt? Liebes, sag mir nicht, so böse bist du geworden.“ Sie spürte, wie Gabriel sie musterte, um zu sehen, wie sie die Frage aufnahm – die Frage, die sie bei aller Entschlossenheit am meisten gefürchtet hatte. Tief durchatmend straffte sie die Schultern, wandte den Blick von ihrer Mutter ab und sah durch die kleine, gesprungene Fensterscheibe. Dort, da draußen, hinter dem langsam sich lichtenden Nebel, weiter weg, als das Auge sehen konnte, wartete ihr Leben auf sie. Die Frau in dem Bett war alt, ihr Leben schwand wie der Nebel draußen. Für sie lag ihre Mutter bereits im Grab, und von den Toten würde sie sich nicht würgen lassen. „Ich gehe, Ma“, sagte sie. „Ich muss.“

Sie wagt es, die Kommunikation des religiösen Systems zu verlassen, und kann damit das System als Beobachterin kommentieren. In ihrer Figur pulst die Dringlichkeit und der Bewusstseinszustand durch das Buch. Sie ist die Störung des Systems – und wie sie stört! Herrliche Streitszenen mit ihrem fanatischen Bruder.
Aber das System weiß doch zu reagieren: „Hartes Herz“ – klar doch, ihr wird mal flux ihre soziale und symbolische Identität genommen. Ihre Differenz wird direkt mit Schuld neutralisiert. Eine tragische Figur des Möglichen, das unkommunizierbar bleibt.
Nun ja, wird jetzt klar, warum das Buch so endet, wie es endet?
Das Ende ist die logische Schließungsfigur – totale Rekodierung. Der Widerspruch wird in Ekstase übersetzt. Eine gnadenlose Überwältigung, die das Denken und damit die Reflexion auslöscht und emotional jegliche Differenz lobpreisend wegsingt.
Und der Leser? Euer Widerstand gegen die religiöse Ideologie des Buches ist Baldwins Punkt: die Erfahrung der totalen Schließung. Keine Erlösung.


Diese Form der Rezension ist ein Versuch, in einer erweiterten Anlehnung an Luhmann’s Systemtheorie das Buch zu erschließen. Für mich war diese Arbeit sehr produktiv. Zumal sie mir ermöglicht hat, das Religiöse als Funktion zu denken und somit Emotionalität und Affekt abkoppelt. Dadurch kann ich mich viel besser auf den Text konzentrieren, die Komposition und die Bewegungslinien gezielter herausarbeiten. Bin mir nicht sicher, ob ich das sobald wiederhole. Ich stehe mit Luhmann immer noch am Anfang und muss viel improvisieren. Außerdem finde ich, dass sich diese Form der Rezension äußerst abstrakt und schwerfällig liest. Für einen ersten Versuch bin ich aber zufrieden.