V. von Thomas Pynchon – Weltkriege als Leerstelle?

Gerade beginne ich das Kapitel über Florenz im Jahr 1898.
Ein anderes Kapitel spielte ebenfalls 1898 zur Zeit der Faschoda-Krise in Ägypten.
Die restlichen Kapitel spielen bisher 1955/1956.
Und so langsam frage ich mich: Nutzt er die Weltkriege als Leerstelle? Sind sie Teil von V, dem Fluchtpunkt, um den sich alles strukturiert, der aber selbst nie greifbar wird?

Ein erhellendes Zitat diesbezüglich hatte ich im Kapitel zuvor gelesen:

„Möglicherweise ist die Geschichte dieses Jahrhunderts, will man sie als Gewebe betrachten, so überlegte Eigenvalue, voller krauser Falten und Wellen, und wenn man – wie es bei Stencil der Fall zu sein schien – zwischen ihnen saß, konnte man weder Kette, Schuß, Struktur noch sonst etwas erkennen. Allein das Bestehen einer Falte läßt auf weitere schließen, zu Kreisen geordnet, die wichtiger werden als das Gewebe selbst und jede Kontinuität zerstören. Darum auch sind wir von den lustig aussehenden Automobilen der dreißiger Jahre so entzückt, der verrückten Mode der zwanziger Jahre oder der eigenartigen Moralauffassung unserer Großväter. Wir produzieren und erfreuen uns an Operetten und Musicals über sie und lassen uns in eine falsche Vorstellung darüber, was sie waren, oder in eine idiotische Sehnsucht drängen. Dementsprechend haben wir jeden Sinn für eine kontinuierliche Tradition verloren. Vielleicht wäre das anders, wenn wir auf einem der Wellenkämme in diesem Gewebe lebten. Zumindest könnten wir sehen.“

Die späten 50er der USA müssen noch stark von dieser Nostalgie durchzogen gewesen sein. Dieses Sitzen in den Falten wäre ja die fehlende Reflexion des letzten Krieges und das Verdrängen von Kolonialismus, Rassismus, der Shoah.
Die Vergangenheit wird nur konsumiert, als Oberflächenphänomen behandelt.
Aber Pynchon nimmt die Vergangenheit, das Davor, vor den Kriegen, und spielt diese Dynamiken in verschiedenen Szenen durch.
Durch seine fragmentierte Arbeit bekommt es nur nichts Lineares. Pynchon stellt Geschichte als Feld von Brüchen und Verwerfungen aus. Ich bin unsicher – eigentlich denke ich, dass er prozesshaft arbeitet und denkt. Nur verstellt er es durch die ganzen Leerstellen. Ein Prozess über Umwege? Vielleicht auch, um zu zeigen, wie viel unsere Paranoia, dem Drang nach einer Mustererkennung, in Historie projiziert?
Damit hätten wir dann die zwei Extreme – Sinnerleben in der nostalgischen, reflexionslosen Oberflächlichkeit oder in der Paranoia.
Beide versuchen, die Brüche und Abwesenheiten zu schließen oder zu überdecken, statt mit dem Nichtwissen, der Unvollständigkeit zu leben.