V. von Thomas Pynchon – Kapitel 1 bis 3

Es wuselt, irrt und wirrt vor sich hin. Liest sich bisher ganz wunderbar.
Ich frage mich – nutzt er die Kamera Eye Technik? Jedenfalls gibt es eine Kneipenszene in der er permanent rumzoomt, auf Schauplätze schwenkt, zu einer Person wieder rumfährt und sehr intensiv die Stimmung, die Mimik, den Tumult und dann wieder Einzelheiten präzise einfängt.

Ich möchte mal an einem Beispiel zeigen wie er ganze Stimmungsfelder erzeugt.

„Schneeflocken trudelten langsam auf das Wasser; jetzt, um elf Uhr abends, sah es aus wie Zwielicht, oder Sonnenfinsternis. Über ihm ertönte alle paar Sekunden ein Nebelhorn, das alles, was auf ihrer Route war, warnte. Und es schien, als gäbe es auf diesem Stück Wasser nur Schiffe, unbewohnt, unbeseelt, die sich gegenseitig anlärmten, und dieser Lärm wäre nichts mehr als das Wirbeln ihrer Schrauben oder das Zischen des Schnees über dem Wasser. Und Profane ganz allein darin.
Manche von uns haben Angst vor dem Sterben, andere vor dem Alleinsein. Profane hatte Angst vor Gegenden wie dieser, wo nichts anderes lebte als er selbst. Und es schien, als ginge er immer in eine dieser Gegenden: um eine Ecke in eine Straße einbiegen, eine Tür zum Freideck öffnen, und er war dort, in einem fremden Land.“

Schneeflocken auf Wasser: Sie „trudeln“ – ein langsames, taumelndes Fallen. Schon das Verb entzieht dem Bild jede Geradlinigkeit, es evoziert Schwerelosigkeit, aber auch Orientierungslosigkeit.
Zwielicht oder Sonnenfinsternis: Zwischenräume, Übergangszustände. Weder Tag noch Nacht, weder Sicht noch Dunkelheit. Das Bild bricht jede Eindeutigkeit auf und schafft einen Schwebezustand.
Nebelhorn: ein wiederkehrender Ton, der zugleich Signal (Kommunikation) und Bedrohung ist. Im Text kippt er ins Sinnlose: die Schiffe „anlärmen“ einander wie leblose Maschinen. Kommunikation wird Geräusch.
Unbewohnte, unbeseelte Schiffe: Das Meer wird von Entseelung und Mechanik beherrscht. Alles Lebendige ist entzogen; die Metaphern fĂĽhren ins Unheimliche (das Belebte wird unbelebt gemacht).
Der Schnee, der zischt: selbst das Naturphänomen klingt wie Maschinengeräusch. Natur wird mechanisch überlagert.

Das Bild, das entsteht, ist eine kalte, entleerte Welt, die zugleich durch Sinneseindrücke (visuell, akustisch) überladen wirkt – alles ist Zeichen, und doch verweist nichts auf Leben.

Profane steht als Einziger „lebendig“ im Text, aber dieses Leben wird sofort ins Leere gestellt: er ist allein in einem überfüllten, aber unbeseelten Raum.

Und so werden viele Szenen von Pynchon bisher angelegt. Sie verweisen auf die Leere, eine Abwesenheit, um die herum sich sämtliche Projektionen sammeln. -> V. ?