V. von Thomas Pynchon – Abbruch

Was war ich während der ersten 40 % begeistert von dem Buch…
Warum zieht es plötzlich nicht mehr? Warum breche ich es bei 66 % ab?

Bei V. ist die Leere der Motor. Der Text ist reines Bewegungsspiel, das aus seiner ästhetischen Form schöpft.
V. ist nie greifbar. Sämtliche Figuren, Zeiten und Orte kreisen darum. Wir erhalten also durchaus ein wiederkehrendes Muster, an dem sich zarte rote Fäden aufspinnen.
Eines dieser Muster ist die Entseelung und Mechanik. Der Protagonist Profane macht diese Struktur wiederholt deutlich. FĂĽr ihn ist die Welt kalt und entleert.

„Schneeflocken trudelten langsam auf das Wasser; jetzt, um elf Uhr abends, sah es aus wie Zwielicht, oder Sonnenfinsternis. Über ihm ertönte alle paar Sekunden ein Nebelhorn, das alles, was auf ihrer Route war, warnte. Und es schien, als gäbe es auf diesem Stück Wasser nur Schiffe, unbewohnt, unbeseelt, die sich gegenseitig anlärmten, und dieser Lärm wäre nichts mehr als das Wirbeln ihrer Schrauben oder das Zischen des Schnees über dem Wasser. Und Profane ganz allein darin. Manche von uns haben Angst vor dem Sterben, andere vor dem Alleinsein. Profane hatte Angst vor Gegenden wie dieser, wo nichts anderes lebte als er selbst. Und es schien, als ginge er immer in eine dieser Gegenden: um eine Ecke in eine Straße einbiegen, eine Tür zum Freideck öffnen, und er war dort, in einem fremden Land.“

Im Folgenden verdichtet Pynchon dies weiter auf Frauen. Rachel, die mit ihrem MG (ihr Auto) eine Symbiose, als unbelebter Mensch eingeht.

„Sie redeten immer in ihrem Wagen; er versuchte, hinter ihren unergründlichen Augen den Zündschlüssel ihrer selbst zu finden, und sie saß zurückgelehnt hinter dem Lenkrad ihres rechtsgesteuerten MG und redete, redete, nichts als MG-Worte, unbelebte Worte, auf die er keine vernünftigen Antworten wusste.“

In Kapitel 10 kommt er auf diese Analogie zurĂĽck, nachdem er sich Mafia sexuell verweigert hat:

„Nein, ich bin nicht schwul.« Wie könnte man es sagen: Manchmal erinnern mich Frauen an seelenlose Dinge. Die junge Rachel sogar: fast ein MG.“

Die Funktionalisierung des Menschen, in seiner Bewegung, mit steter RĂĽckkehr zur Abwesenheit, wird ĂĽber die Analogie des Jojos extrem ausgereizt.
Der Mensch, der an einer unsichtbaren Schnur gefĂĽhrt wird. Wer ist die Hand, die fĂĽhrt?
Eine führende Hand ist der schnippelnde Schoenmaker. Schön alle Menschen auf einen Standard trimmen. Juhuuu, die Eintrittskarte in den Mainstream.

Ein anderer roter Faden ist die Paranoia Stencils, V. zu finden. Und ĂĽberall Muster erkennen zu wollen. Das verleiht dem Buch etwas von einer Schatzsuche.

Der nächste rote Faden betrifft das Treibenlassen in einer Welt vor, während und nach den Weltkriegen. Zerfall und Wiederaufbau. Wo verortet man sich? Muss man sich überhaupt verorten? Reicht es nicht, einfach nur unterwegs zu sein? Was können wir sicher wissen, können wir etwas wissen? Wer hat die Macht? Ist Wissen Macht? Ach Himmel, ist doch alles völlig absurd, wo wir heute stehen. Komm, singen wir ein Liedchen! Oder Peng! Puff! Awww… Nuckelstunde! Cartoonartige Einlagen lassen die zunächst ernsten Gedanken ins Triviale, Groteske kippen.
Symbole werden so weitergereicht, bekommen keine Bestimmung.
Sogar Machiavelli wird als zirkulierender Maskensignifikant in Florenz durchgereicht. Der eine reklamiert ihn fĂĽr seine Freiheit, der andere fĂĽr Verschlagenheit.

Ach, und dann der Ort Vheissu. Die Projektionsfläche für die Fantasien und Ränkespiele der Regierungen und einzelner Sehnsuchtsbestrebungen.

Und cut! Probieren wir es in Kapitel 9 doch mal mit handfester Realität: Folter, Vergewaltigung und jeglichem menschenverachtendem Zeug, was uns noch so während der Zeit der Sklaverei eingefallen ist.
Da fällt dem alten Godolphin auch nix Besseres als das hier ein:

„Da war ein Krieg, mein Fräulein. Vheissu war ein Luxus, eine Schwäche. Wir können uns so etwas wie Vheissu nicht länger leisten.«
»Aber die Notwendigkeit hat Ferien«, protestierte sie. »Was kann diese Lücke ausfüllen?«
Er nickte und grinste sie an. »Das, was sie schon ausfüllt. Die Wirklichkeit. Unglücklicherweise.“

Ausgefüllt mit Blut und Schande. Darauf erst mal den Plattenspieler an und ’nen geschmeidigen Foxtrott aufs Parkett. Besoffen sein reicht nimmer.

Hab ich’s geschafft, das Kaleidoskopische etwas herauszuarbeiten? Der Roman hat null Kontinuität. Er ist formal sehr konsequent im Modus des Zerfalls und der Leere gearbeitet.

Was hat mir jetzt das Genick gebrochen? Dass genau diese Struktur zu konsequent und redundant gearbeitet ist.
Dieselben Abläufe. Neues Kapitel, neue Figuren. Immer in Form einer Retardierung. Einführung von Material, das verzögert verknüpft wird. Viele Referenzen, Themen aus Politik, Wissenschaft, Kolonialismus, Literatur, Diplomatie, historische Verknüpfungen, die, wenn man sie kennt, vielleicht erfrischend als Zeichen in absurde Unterhaltungen und Szenen weitergereicht werden. Meist als universales Problem gesetzt, in einem spezifischen Diskursfeld durchgespielt.
Metaphern, Referenzsysteme werden dabei frei ineinander ĂĽberfĂĽhrt.
So kommen wir von Elektrotechnik (Flip-Flop-Schaltung) zur Musik und von der Musik zum Krieg.
Pynchon treibt ein Analogiespiel fĂĽr Hartgesottene. Nur wer das Bezugssystem kennt, kommt auf seine Kosten.
Ohne dieses Wissen wirkt sehr vieles wie ĂĽberdrehter Unsinn. Nee, Stopp! Auch mit diesem Wissen.
Jetzt wird’s nämlich paradox. Pynchon will eigentlich Wissen als Herrschaftsinstrument karikieren und ad absurdum führen. D. h. ich muss mir mühselig erst mal intellektuell dieses Wissen aneignen, um den Witz zu verstehen, um ihn dann direkt mit Elvis Presley die Gitarrensaite runterrutschen zu sehen.
Diese Form der Dekonstruktion funktioniert meines Erachtens nach nur bei Menschen, die mit ausreichend Vorwissen ausgestattet sind, das bereits in einem festen Bezugs- und Bedeutungssystem vorliegt. Ansonsten kippt das für jemanden wie mich nämlich genau ins Gegenteil. Ich werde zu häufig ausgeschlossen und gezwungen, diese Wissensherrschaft nachzuholen. Diese ist für mich aber auch überhaupt nicht als festes Symbol verankert, sodass die Dekonstruktion bei mir gar nicht greift und Pynchon mit seinem Analogiewahnsinn bei mir nur auf Verständnislosigkeit trifft.
Bis zu einem gewissen Grad komme ich damit zurecht. Nur 500 Seiten davon? In dieser geballten Form?
Nope.
In Kapitel 11 habe ich das Handtuch geworfen, da ich hier nicht mal mehr den Inhalt kapiert habe. Irgendein Ich-Erzähler in Briefform, der von Faustus I bis V spricht und dabei Paola anspricht. Ja, Bomben auf Malta. Das war’s. …