Toxibaby von Dana von Suffrin
17. März 2026„Schlüpfrige kleine Scheißerchen“, hat Julia Roberts in Pretty Woman treffend formuliert.
Und was bleibt?
Für mich nicht viel.
Das schrieb ich vor einigen Tagen in meiner Goodreads-Rezension direkt nach Beenden des Buches.
Und das hat sich inzwischen weiterentwickelt zu: Ich erinnere mich kaum noch an etwas aus dem Buch.
Daher kann ich mit dieser Rezension dem Text weiterhin nicht gerecht werden. Ich kann es nicht anders sagen: Ich bin unter die Räder gekommen.
Allerdings möchte ich versuchen, diesen Totalausfall meinerseits etwas schärfer zu zeichnen, als ich es bisher getan habe.
Zunächst: Dana von Suffrin ist für mich eine der interessantesten und sprachlich dynamischsten Gegenwartsautor:innen, die ich bisher gelesen habe.
Ich mag die Reflexionen, die sich in Gedankenketten immer weiter schieben, den Rhythmus, der dadurch entsteht, ihre witzige Wachheit, die Energie, die durch den Text fließt, und den Mut zur Boshaftigkeit und Negativität.
Im Vordergrund steht die On-off-Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin und Toxi.
Toxi ist Sozialpädagoge, arbeitet die meiste Zeit nicht und verschanzt sich hinter seinen philosophischen Büchern. Er wirbelt mit Marx und Lacan herum, verabscheut die Gesellschaft und stößt spätkapitalistische Debatten an. Er wirkt stolz, gekränkt, depressiv, paranoid und ängstlich.
Seine besserwisserische Theorieversessenheit wirkt wie ein Panzer gegen Nähe und Beziehungsarbeit.
Wir erfahren ein wenig über seine Eltern, die scheinbar eine harmonische Beziehung führen.
Die Ich-Erzählerin, meist als Herzchen bezeichnet, ist ebenfalls von Ängsten durchsetzt. Sie verliert sich in Projektionen ihrer Bedürftigkeit, die durch die Einschübe ihrer Familiengeschichte die größte Klarheit und Struktur bekommen. Ihre Verlustgeschichte und Verlassenheit werden gut plausibilisiert.
In der Beziehung zu Toxi kippt sie komplett in die Phantasie, einen Menschen retten zu wollen.
Dadurch schreibt sie Toxi eine Tiefe, Bedeutsamkeit, hier und da eine gewisse Überlegenheit zu, die er gar nicht besitzt.
Der Stil des Buches lebt komplett von den selbstreflexiven Verschiebungen der Ich-Erzählerin.
Darüber wird der komplizierten Beziehungsstruktur der „Liebenden“ zusätzlich die Dynamik des Gegenwartsdiskurses und seiner Marker mitgegeben – ebenso wie durch ihre Familie eine jüdische Lebens- und Denkweise.
Ich habe durchaus sehr viele Anhaltspunkte, um die Figuren beschreiben zu können. Dennoch glitschen sie mir wie Fische aus den Händen. Ich weiß zwar, worin sie gefangen sind, in welchem Strom sie treiben und sich winden. Die einzelnen Elemente werden aber nicht zu einer komplexen, lebendigen Figur zusammengesetzt.
Hier eine typische Gesprächssituation der beiden:
„Toxi, sagte ich, als ich doch nicht einschlief, du findest also auch, dass es eine idiotische, romantische Vorstellung ist, jemanden mit Liebe zu heilen, und er antwortete, Herzchen, lass mich doch schlafen, ich sage nur, dass es keinen Ausweg gibt, und dann sagte er noch, dass er mit allem recht habe und ich ihm besser zustimmen solle, schließlich seien wir keine Kinder mehr und ich sei sogar so etwas wie eine öffentliche Intellektuelle, und ich war plötzlich wieder ganz wach und widersprach und sagte, ich schreibe nur dumme Bücher und fürchte mich vor Ladegeräten, und dann flüsterte ich, wirklich intelligent sind die, die glücklich leben, und Toxi lachte leise, und dann sagte er, intelligent und intellektuell sei nicht das Gleiche, und ich wiederholte den Satz wieder, aber Toxi sagte, das ist Ideologie, Herzchen, das ist brandgefährlich, was du da sagst, niemand ist glücklich, und außerdem muss ich schlafen. Niemand ist glücklich, das stimmt, dachte ich, und dann schlief auch ich wieder ein. Doch manchmal gingen unsere Streitereien, wie gesagt, viel schlechter aus, und während ich noch die Tassen vom Frühstück trocknete, warf Toxibaby sich schon den Mantel über, verzog das Gesicht, als hätte er grässliche Schmerzen, stotterte vor Wut und lief aus der Wohnung.“
Dasselbe geschieht mit den Motiven.
Die Kugelmenschen von Platon werden als Aufhänger gesetzt. Dazu wird mit Lacans Lücke gespielt, die zwischen dem aufreißt, was man sagen oder kommunizieren möchte, und dem, was man tatsächlich symbolisch ausdrücken kann.
Also Motive, die hier die ganz großen Themen des Seins aufreißen.
Nur passiert damit nicht allzu viel. Ja, sie spielt immer wieder damit. Das bleibt für mich allerdings nur an der Oberfläche.
Auch andere Szenen, die an sich in eine dramatische Zuspitzung führen müssten, werden kaum verdichtet.
Dies liegt unter anderem an der kurzen Verweildauer ihrer Reflexionen.
Ein Bild nach dem anderen peitscht durch diesen Strom.
Keine Szene bekommt einen stabilen Schwerpunkt. Es konkurrieren mehrere Bedeutungen und Themen gleichzeitig um Aufmerksamkeit, die dann sehr schnell gedanklich weitergeschoben werden.
Mich überflutet diese Technik irgendwann nur noch, und mein Gehirn schaltet ab.
Denn genauso schlüpfrig wie die Figuren werden auch die Szenen visuell gestaltet.
Es gibt sehr viele Details, die sich seltsamerweise aber nicht räumlich zu einem Bild fügen.
Sämtliche Beschreibungen wirken nur wie Oberflächenreize.
Die Kommunikation fällt gleichfalls in diesen merkwürdigen Entzug von Schwere.
Die beiden Figuren und auch alle anderen funktionieren nur über gewisse Codes, Rollenbilder und theoretische Konzepte, die sie sich an den Kopf werfen, und dann folgt die Ausweichbewegung.
Die Sprache ist Spiel, Abwehr, Kontrolle oder Verzögerung.
Und das soll sie auch sein, denn immerhin stellt Toxibaby das Symptom eines Milieus aus, und das sehr konsequent: Menschen, die sich selbst nicht ausstehen, sobald es ernst wird.
Menschen, die ihre Reflexivität als Schutzschild benutzen.
Menschen, die lieber Rollen, Witze, Theorien und Trennungsrituale produzieren, als ein schweres Gespräch wirklich auszuhalten.
„Ich trage noch mein langes schwarzes Kleid, ich habe nur mein Haar geöffnet, aber ich fühle mich entblößt, auf eine unpassende, obszöne Art, wie in einem Traum, in dem man nackt auf der Arbeit erscheint. Wir sehen uns an. Es kommt mir das erste Mal so vor, als würden wir nicht nur so tun, als wären wir erwachsen, wir sind plötzlich keine 40-jährigen Teenager mehr, die an großem Leid irgendwie auch immer große Freude haben und sich wie Laub lachend durch den kalten, gemeinen Herbst wirbeln lassen. […]
Ich will gerne einen Witz machen und sage Toxi, dass sogar er viel zu gesund ist, um meiner Mutter zu ähneln, und Toxi sagt, ihm sei nicht nach Scherzen zumute, es sei ihm sehr ernst, und für mich macht das alles noch ein bisschen seltsamer, denn wir sind plötzlich beide Schauspieler ohne Publikum und ohne Text, und mir bekommt diese Erwachsenen-Nummer nicht besonders gut, ich wollte nie mit Toxibaby ein »ernstes Wort reden« oder mit ihm »etwas besprechen«, unsere Regel ist schließlich, dass wir wegen Kleinigkeiten aus der Haut fahren und uns gegenseitig aus unseren Leben verbannen und alles Ernste, Schwere unausgesprochen bleiben muss.“
Im Grunde ist das Buch ein großes Eingeständnis von Blockade: Ich kann nicht.
Wirklich produktiv waren letztendlich für mich nur die Familienszenen mit ihren Eltern.
Vielleicht, weil sie mehr Distanz dazu hat?
Ja, ich denke tatsächlich, dass das der Knackpunkt des restlichen Erzählens ist. Sie ist in ihrer Selbstreflexion so dicht und intensiv bei sich, dass sie daraus nicht mehr handeln kann. Sie vollzieht den Schritt in die Ernsthaftigkeit nicht.
Ihr eigenes Unvermögen mit Toxi ist bei all ihrer Klarsichtigkeit für mich daher eine Leerlaufmaschine. Der Roman verbraucht seine eigene Energie für lauter Nebenschauplätze, um bloß keinen Ereignischarakter zuzulassen.
Für mich ergibt sich daraus kein Formgewinn. Oder ich sehe ihn nicht.
Meine Leseempfehlung gilt eher Menschen, die dieses ständige Umschalten, Weitergleiten und Neuaufziehen aushalten können, ein gesellschaftliches Symptom der Reizkonkurrenz ausloten möchten und nicht davor zurückschrecken, dass all das jederzeit wieder unterlaufen wird.
Wahrscheinlich merkt man der Besprechung die Erschöpfung an.
Das tut mir Leid – dem Text gegenüber und Dana von Suffrin. Mir fehlt hier der Zugang es produktiv besprechen zu können.
Liebe Dana, auch ich „kann nicht“. Vielleicht ist das unsere Schnittstelle von „Toxibaby“.
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