Sanditz von Lukas Rietzschel

Sanditz ist zwar im übergeordneten Sinne ein DDR-Roman, aber keiner der Systemdiagnose, sondern ein überzeugendes Sediment einer Lebenswelt oder ein Erfahrungsarchiv.
Für mich ging es vorrangig um verschiedene Formen der Freiheit.

Die Zeitstruktur

Bevor ich auf den Inhalt und die Figuren eingehe, möchte ich die episodische Zeitstruktur ansprechen.

Sanditz arbeitet mit kurzen Kapiteln, die zwischen der Gegenwart – dem Jahr 2021/2022 – und der Vergangenheit, beginnend mit dem Jahr 1978, wechseln. Die Vergangenheit treibt hierbei auf die Gegenwart zu.
Rietzschel entzieht sich hierdurch einer eindeutigen Kausalität. Ich denke, dass er dies sehr bewusst so anlegt, um ein Feld der Spannungen zu erzeugen. Das Buch ist nämlich komplett in einem resonanten Erfahrungsraum angelegt. Und eines wird klar: Jede Figur scheint durch Brüche strukturiert. Szenen von Gegenwart und Vergangenheit beleuchten sich gegenseitig, sind aber nie so ausbuchstabiert, dass sie eine vollständig erklärte Figur hinterlassen. Durch dieses Verfahren erhalten wir lediglich eine Annäherung, aber nie eine Erklärung.

Zudem ermöglicht dieses Erzählen, das Motiv der Freiheit dynamischer zu verhandeln. Jede Zeit enthält ihre eigene Unfreiheit und eigene Form von Freiheit, und alles steht nebeneinander – Kontrolle, Orientierungslosigkeit, Übersteigerung und Ideologie.

Es gibt auch keine Schlüsselszene, kein zentrales Ereignis, nichts wird absolut gesetzt. Die Zeitwechsel arbeiten den Menschen als Teil eines Gefüges heraus.
Weshalb selbst revolutionäre Szenen nahezu beiläufig wirken. Aber diese historischen Momente arbeiten weiter in den Figuren. Und ich denke, das ist der Punkt des Buches: nichts erklären oder analysieren zu wollen, sondern zu zeigen, wie Geschichte im Leben weiterarbeitet.
Das mag für den einen oder anderen langweilig sein, da dadurch erzählerisch sehr viele in die Breite gezogene Alltagsszenen entstehen, die scheinbar wenig Inhalt transportieren.
Wie gesagt, Rietzschel entdramatisiert radikal. Kaum Eskalation.

Und mit dieser Struktur muss man arbeiten können. Das Buch funktioniert über Reibung, Missverständnisse, die sich über die Situation entfalten müssen, ohne dass sie je konkret ausgesprochen werden. Dadurch macht es Machtverhältnisse und Verschiebungen völlig gewaltfrei erfahrbar. Ich denke hierbei an die Kapitel um Peter Schulte aus dem Sauerland, der eine Sparkassenfiliale in Sanditz aufbauen und das Personal schulen soll. Weltbilder ohne Eskalation. Eine der besten Stellen des Buches für mich.

Zurück zum Motiv der Freiheit

Rietzschel stellt ein Zitat aus Dialektik der Aufklärung voran:

„Der Listige überlebt nur um den Preis
seines eigenen Traums, den er abdingt,
indem er wie die Gewalten draußen sich selbst entzaubert.“
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno,
Dialektik der Aufklärung

Ich überlebe, indem ich mich anpasse. Passe ich mich an, verliere ich meinen Traum. Meine Freiheit ist also immer schon beschädigt. Ein begrenzter Spielraum innerhalb von Zwängen.
Welche Formen kann dann dieser Möglichkeitsraum annehmen?
Ich beginne bewusst mit den Männern, da die Frauen eine besondere Rolle der tragenden Praxis einnehmen.
Die am komplexesten ausgearbeitete Figur ist meines Erachtens ROLAND. In ihm bündelt sich der Freiheitsbegriff von Sehnsucht und Verfehlung.
Er erlebt schon nahezu einen utopischen Moment in dieser Frühphase des Romans:

„Das Allergrößte war gerade dabei, von ihm entdeckt zu werden: das Etwas, das alles zusammenhielt, das ihn denken und sehen und fühlen und somit die ganze Welt erst entstehen ließ. Es überdauerte Staaten, Kriege und Atommüll, das Meer und die Sonne. Es schützte ihn vor den gleichmachenden Ideologien der Geschichte, ob sie nun faschistisch oder sozialistisch waren. Es löste ihn aus der Macht, die Herrscher über Gruppen hatten, Kollektive. Es begründete den Weg in eine strahlende Zukunft ohne Angst.
Dieses Etwas war sein Ich.“

Seine Freiheit scheitert jedoch an der nicht lebbaren Körperlichkeit, seinem Begehren nach Achim. Während es zur DDR-Zeit eher Selbstzensur aus sozialem Druck ist, weitet sich dies später zur tatsächlichen Gewalt gegen ihn aus.
Aber er lebt während der DDR-Zeit eine stille Freiheit des Widerstandes. Er ist mit daran beteiligt, verbotene Bücher abzuschreiben, um diese anderen zugänglich zu machen. Später ist er an der Besetzung einer Dienststelle beteiligt.

„Roland wurde klar: Sie mussten in das Gebäude der Kreisdienststelle eindringen. Es reichte nicht, auf dem Platz vor der Mauer zu stehen und zu warten. Sie konnten die Einfahrt blockieren, sie konnten die Autos kontrollieren, aber solange sie keine Kontrolle über die Vorgänge im Inneren des Gebäudes hatten, war alles Kinderkram.
Inzwischen fragte auch Jens nicht mehr nach, sondern folgte ihnen vor das kleinere der beiden Tore. Dort standen schon Marion und Frau Haufe. Dreimal und noch dreimal klopften sie. Die Luke öffnete sich, und ein junger Wachmann mit blau gefrorenen Lippen schob sein Gesicht hindurch.“

Zum anderen entscheidet sich Roland für eine gewisse soziale Stabilität, die ihm seine existentielle Wahrheit nimmt. Der Roman zeigt nur den Preis: Leere, Abwesenheit als Familienvater, Fremdheit im eigenen sozialen Umfeld und im eigenen Land.
Roland lebt lange Zeit aufgrund seiner Entscheidungen nicht frei. Aber er lebt doch immer schon auf Freiheit hin. Nicht als souveräner Mensch, sondern als jemand, der Räume sucht, in denen etwas anderes möglich ist. In seinem Fall machen die Zeitwechsel in der Romananlage seine Figur richtig stark. Existentielles Gelingen und politisches Handeln fallen nicht zusammen.

Die Zeitstruktur arbeitet ihn als tragischen Menschen eines beschädigten Lebens heraus. Er verliert Achim, fügt sich in ein falsches Leben, übt später einen Job aus, der ihn nicht als Sieger dastehen lässt. Er hat gehandelt, war nicht bloß Zuschauer der Zeit und steht dennoch unerfüllt und unerlöst im Leben. In seiner Spätphase darf er noch einmal eine Form von Verbindung eingehen.

Zu Beginn des Buches wird ihm im Jahr 2021 Stollenmatsche durchs Fenster geworfen, ohne dass man weiß, dass es Roland ist. Das klärt sich nach und nach auf. Rietzschel eröffnet auf das Leben Rolands einen so liebevollen Blick, dass diese Szene, die später nochmals kurz erwähnt wird, einen nachträglichen Schmerz evoziert. Auch hier zahlt sich das versetzte Erzählen aus. Ein Mensch, den man verteidigen möchte, auch wenn er andere enttäuscht und verletzt hat.
Achim im Jahr 2022 zu ihm:

»Es ging bei uns beiden noch nie darum, was ich will, Roland.«
Er schob ihm die Toastscheibe zu. »Probier mal«, sagte er, »ist wirklich gut.«
»Du musst ganz schön enttäuscht von mir sein, oder?«
»Es geht«, sagte Achim. »Enttäuschter bin ich von den Butterpreisen.“

DIRK, der Sohn von Marion und Bruder von Maria, ist lange Zeit der undurchsichtigste Charakter.
Er ist technikbegeistert und stattet die Wohnung mit einer Hausautomation aus. In diesem Zitat darüber bekommen wir die ersten Anhaltspunkte, die lange nicht weiter ausgebaut werden:

„Vielleicht sind die Kameras ja wirklich nützlich. Nicht für sie, sondern für Dirk. Vielleicht geht es gar nicht darum, dass er sie sieht. Sie soll ihn sehen. Wenn er wieder irgendwo sitzt und nicht hochkommt oder irgendwo eine Maschine läuft, die er eigentlich ausschalten müsste. Wenn er zum Briefkasten geht oder wenn es Zeit ist, seine Tabletten zu nehmen. Vielleicht sollte sie sich doch mit dem neuen Handy beschäftigen, das er ihr zu Weihnachten geschenkt hat. Eines Tages könnte sie dann selbst die Kameras steuern.“

Bis wir noch das hier bekommen:

„Er denkt an den Tag, der vor ihm liegt und sich umso länger anfühlt, je früher er aufsteht. Der lange Atem nicht vergehender Stunden, ein Dämmern von Zeit. Schlaf nach jeder Mahlzeit und auch zwischendurch, um den Tag zu verkürzen. Wenn er Glück hat und den richtigen Moment abpasst, erfasst ihn die Müdigkeit von ganz allein. Dann muss er sich anstrengen, die Augen offen zu halten, und manchmal nimmt er diesen Kampf an, weil es so schön ist, den Widerstand gegen die Müdigkeit irgendwann aufzugeben und sich fallen zu lassen, ganz weich. Es gibt aber auch Zeiten, da kann er nicht schlafen, so gern er es möchte. Dann liegt er da und kneift die Augen zu. Und jeder Gedanke an die Stunden, die er wach verbringen muss, zuhörend, redend, essend, kauend, schluckend, bereitet ihm Angst.
Schlaf jetzt, schlaf jetzt, schlaf jetzt! Früher hat er zum Wein gegriffen.“

Da ich nicht zu viel spoilern möchte, nur so viel: Sein Charakter erklärt sich später. Er ist jedenfalls eine Figur der Angst, des Rückzugs und der Dysfunktion. Für ihn steht der Begriff der Freiheit mit der Überwindung seiner Angst in Verbindung. Er erfährt die DDR als totale Unfreiheit. Ein Krieg, der nach innen geführt wurde.

An dieser Stelle eine nachträglich Ergänzung. Die Rezension von Alexander auf kommunikativeslesen hat einen erweiterten Aspekt an der Figur Dirk herausgearbeitet, den ich sehr gelungen finde. Er verwendet folgendes Adorno Zitat aus Minima Moralia:

Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.

Dirk könnte durch seine Devise, sich aus allem herauszuhalten, diese Form der Freiheit widerspiegeln. Sich dem Zwang zur Aktivität verweigern. Das wäre eine starke Position des Entzugs gewesen. Dirk hätte eine Grenzfigur sein können, die das ganze Gestrampel unterbricht. Leider geht Das Buch ehr in Richtung Heilung, da Dirks Entzug an Angst und Trauma hängt, also einem Defizit.

NORBERT, der Vater von Marion, bekommt nur einen kurzen Auftritt. Als Orgelbauer verfügte er über Reisefreiheit. An ihm wird die Ambivalenz der Freiheit sehr gut sichtbar. Denn es besteht ständig der Rückkehrzwang, und er wird politisch in ein Schuldverhältnis eingewoben.

Und der liebe TOM, Sohn von Marion, Bruder von Maria, ist ein orientierungsloses Wesen auf Sinnsuche. Er kippt durch die Covid-19-Pandemie aus seiner symbolischen Ordnung – wird bei der Polizei entlassen und schließt sich den Impfgegnern an. Er behauptet seine Freiheit gegen Staat, Maßnahmen und Ordnung. Aber nur verbal. Ohne neue Struktur. Zuvor irgendwie eingebunden, kippt er erst scheinbar in der Nachwendezeit weg. Seine Freiheitsidee totalisiert sich später.

Mit ihm erleben wir eindrückliche Kapitel im Ukrainekrieg. Sein Freiheitsbegriff steht dem von Roland gegenüber. Er will die laute Freiheit, mit Pathos und entkoppelt von Beziehung.
Auch steht er quer zu Dirk, der den Konflikt scheut. Tom tritt freiwillig ins Getümmel.
Der Freiheitsbegriff gerät an seiner Figur in die maximale Zuspitzung. Ohne ein Dazwischen. Ohne auf Dauer, Wiederholung und kleine Entscheidungen gerichtet zu sein. Er will die eine Entscheidung im Leben, die den ultimativen Sinn freisetzt. Sein Begriff von Freiheit existiert nur im Ausnahmezustand.

„Er schluchzt. Er könnte wieder weglaufen. Er war doch mutig gewesen, hatte auf der richtigen Seite gestanden, hatte es sich bewiesen, einen Sinn gefunden. Sinn und Unsinn, Leben und Tod. Wie nah das beieinander lag. Den Russen töten oder von ihm getötet werden. Fast vierzig Jahre Leben für einen Halsschuss. Und wer weiß, wie lang der Weg war, den der russische Soldat dafür zurückgelegt hatte. Einunddreißig, zweiunddreißig Jahre vielleicht. So viel Leben für so ein kleines Loch. In dem Alter hatte Tom bei der Polizei gerade Schießen. Kam nach Hause, in den frühen Abendstunden, nach Schmauch stinkend, und wischte die Gummitischdecke des Terrassentisches vom Blütenstaub des Rapses ab, damit Großmutter und Dirk darauf Kartoffeln schälen konnten. Auf der Hollywoodschaukel, die extra vors Haus gestellt worden war. Den vorbeifahrenden Autos hinterhersehend. Schießen lernen, um dann per Zufall zu treffen. In dem Alter kümmerte sich Mutter allein um zwei Kinder. In dem Alter hielt sich sein Vater für einen kritischen Geist und dachte, er könnte einen Staat stürzen. In dem Alter zogen Großmutter und Großvater aus dem Dorf an der Tagebaugrube in das neue Haus mit Flachdach. In dem Alter saß Maria in ihrem alten Kinderzimmer, zurück aus Kassel, und schrieb Artikel über Jugendclubs. Es ist nicht nur das eine Leben, das er hier beendet hat. Es ist das Leben von ihnen allen.“

Wobei wir zu MARIA kommen. In Kassel war sie also. Sie ist die einzige Figur, an der der Text kurzweilig in die Abstraktion verfällt. Sie muss über Strukturen von Ost/West, Vorurteil und Aufklärung und Identität als Kategorie reflektieren.
An der Uni in Kassel kommen diese Gedanken:

„Zum ersten Mal … fühlte sie sich fremd … enttarnt als eine, die nicht dazugehört“[…]
Eine ganze Weile sah sie es als ihre Aufgabe an, gegen die Vorurteile, die ihr täglich auf dem Campus begegneten, anzugehen. Aufklären wollte sie, Wissen vermitteln. Eine nahezu endlose Aufgabe, wie sie bald feststellte, und eine, die ihr zunehmend die Kraft raubte. Sie war zum Studieren hier und nicht zur Völkerverständigung. Außerdem wollte sie mehr sein als die Ostdeutsche, die in Seminaren und Vorlesungen ihre Perspektive ergänzend verlautbarte. Es brauchte einen Befreiungsschlag.“

Maria zieht sich allerdings recht schnell daraus zurück. Sie merkt, dass die Abstraktion sie erschöpft, funktional macht, ihr die Bewegung nimmt.
Ihr Freiheitsbegriff ist stets reflektiert und innerhalb von Grenzen gedacht, durch die sie sich aber nicht gefangen nehmen lässt. Sie geht zurück in die Familie nach dem Studium und bewahrt sich die Fähigkeit, zwischen den Ebenen der Aufklärung und der Beziehungen zu wechseln. Sie bleibt beweglich.

Roland bleibt stets in seinem inneren Konflikt gefangen, Dirk bleibt vorrangig in seiner Erfahrung eines Traumas stecken und Tom hängt in der Idee von Freiheit fest. Keiner von ihnen erkennt die Bedingungen seines Freiheitsbegriffes, ohne sich von ihnen festlegen zu lassen.
Deshalb muss Rietzschel Maria auch nicht zu Ende erzählen. Sie endet mit einer Dönerszene und einem Zugehen auf … Das reicht doch. Maria ist eine offene Existenz, von der wir wissen: Sie packt das. Sie braucht kein Ende. Sie lebt.

Und sehr leise, mit wenigen Szenen bedacht lebt auch MARION, Marias und Toms Mutter. Sie ist die stille Trägerin der Freiheit. Sie stabilisiert die Figuren. Ohne Pathos, ohne Rebellion. Sie hält das Leben zusammen und hat harte Entscheidungen getroffen, die sie selber in Grenzen gesetzt haben.

Sie sagt nicht „ich will …“, sondern wo etwas aufhört. Sie lässt sich nicht in fremde Logiken hineinziehen, sondern bleibt dem treu, was sie für richtig hält. Und richtig ist für sie das, was der Allgemeinheit oder der Familie nützt.

Sie hat eine wahnsinnig stabile Form von Selbstverhältnis und ist dabei ein so liebevoller Mensch – verhält sich stets unterstützend. Sie instrumentalisiert Beziehung nicht.

Sie ist frei, weil sie Beziehungen trägt, statt sie zu besitzen.
Marions Figur zeigt: Leben kann weitergehen, ohne es aufzulösen. Sie führt alles andere als eine perfekte Ehe, es gibt keine große Versöhnung für sie, sie bleibt lediglich in Verbindung.
Freiheit und Bindung werden an ihr nicht gegeneinander ausgespielt.
Marion zeigt, dass der Verlust des großen Traums nicht notwendig in Entzauberung münden muss. An seine Stelle treten kleine, wiederholbare Formen von Sinn – Rituale, Beziehungen, Gewohnheiten.

Der Roman legt nahe, dass völlige Entzauberung nicht Befreiung ist, sondern Verarmung. Gerade in den scheinbar banalen Wiederholungen hält sich ein Rest von Verzauberung, der das Leben überhaupt erst tragfähig macht.
Warum dieses Buch so gut für mich funktioniert? Aufgrund dieser resonanten Struktur:

»Kennst du Aschenbrödel? Den Film?«
Adrian schüttelt den Kopf.
»Meine Mutter liebt den«, sagt Tom. »Vor Weihnachten kauft sie sich immer eine Fernsehzeitschrift, nur das eine Mal im Jahr macht sie das, und schreibt sich dann alle Termine von Aschenbrödel auf.«
Adrian lacht. »Das ist ja bekloppt!«
»Nein«, sagt Tom, »das ist schön.« Er zündet die vier Teelichter auf dem Tisch an und ein Räucherkerzchen in dem orangefarbenen Blechhäuschen aus DDR-Zeiten. »Sie guckt den Film drei-, viermal um Weihnachten herum und freut sich, als wär’s das erste Mal. Manchmal wünschte ich mir, dass ich das auch kann.«

Wenn es in diesem Roman Hoffnung gibt, dann liegt sie nicht in großen Entwürfen, sondern in Figuren wie Marion und Maria – in der Fähigkeit, das Leben trotz allem weiterzutragen.

Kommentare

2 Kommentare
  1. Ich mag die Codierung über die Freiheitsbegriffe. Das passt gut, auch für mich gehört die Peter Schulte Passage zu den gelungensten. Die Freundlichkeit der Familie Wenzel und dieses harte Bild mit der Konkurrenz im Sparkassengewerbe. Leider wird aus dem Zusammenhang überhaupt nicht klar, was aus Peter Schulte wird (er kommt nochmal bei einer Beerdigung vor), und auch nicht, ob er irgendwie in dem Sparkassen-Skandal verwickelt ist (es gab jedenfalls einen, der vor seiner Einstellung liegt). Auch für mich sind die Frauenfiguren Träger des sozialen Systems (wie oft, oder fast immer), nur hier wird Marions Leben fast nur angedeutet, und Marias Strategie verläuft völlig (in den letzten 25% werden beide durch Theresa ersetzt). D.h. tatsächlich liegt in Maria und Marion die Hoffnung, aber der wird erzählerisch kaum Raum geboten. Bei Caro blieb ich dann völlig nach der Hüttenszene in der Luft hängen :O

  2. Anna Carina
    Anna Carina Autorin

    Das Seltsame ist, für mich leben die beiden, Marion und Maria total nach. Er hat so viel Ungesagtes im Bild und Szenen platziert, dass sie für mich überhaupt nicht so dastehen, als hätten sie kaum Raum bekommen. Meine Wahrnehmung ist eine völlig andere.
    Ich weiß ja woraufhin du Texte liest. Ich akzeptiere hier das offene Gefüge. Für mich entsteht hierin kein Widerspruch im Gelingen des Romans. Wahrscheinlich, weil der Text auf mich eine Wirkung hat, die die Leerstellen weitestgehend mitnimmt, ohne sie als unauserzählt oder unentschieden zu finden.
    Mir ist schon klar, dass dieser Zugang naiv dümmlich erscheinen mag. Nur denke ich mir, es geht genau um Menschen aus der proletarischen Schicht, die nie etwas von Theorie und Adorno gehört haben. Vielleicht identifiziere ich mich zu stark damit, aber mir ging bei Minima Moralia durch den Kopf, dass dieses bewusste Entziehen etwas ist, dass viele als Theorie nicht kennen.
    Adornos „bewusstes Nicht-Tun“ als Widerstand ist kein allgemein verfügbares Verhalten,
    sondern setzt bereits eine Reflexionsstufe voraus, die viele Figuren (und Menschen) gar nicht haben können. Und das schätze ich an dem Buch, dass es die Reflexion dann auch nicht leistet. Deshalb wirkt es auch so echt auf mich.

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