Peter Camenzind von Hermann Hesse

Hesse, der mit diesem Debütroman einen herrlichen Rahmen in Verbindung mit Das Glasperlenspiel um sein Gesamtwerk zieht.
Statt einen ausgebildeten, durchformten Geist zu setzen, stellt Hesse den körperlich arbeitenden Peter Camenzind ins Zentrum, der eine Schwäche für guten Wein hat und sich gern und schmerzvoll verliebt.
Im Grunde ein Goldmund, mit viel Sehnsucht, der im Reich des Geistes seine Heimat suchen will.
Also einmal das Glasperlenspiel auf den Kopf gedreht. Daher startet das Buch auch mit dem Abenteuer in der Natur (inklusive Absturz mit Ziege), die im Glasperlenspiel für Josef K. erst am Ende des Buches eine entscheidende Rolle spielt. Das Ertrinken im See findet hier bereits seine gedankliche Relevanz.

Peter zieht in die Welt und knüpft Freundschaft mit Richard, der in ihm einen Dichter erkennt.

„Nietzsche? Ja großer Gott, kennen Sie den nicht?“ – „Nein. Woher soll ich ihn kennen?“ Nun war er entzückt, daß ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde ärgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er sagte, über keinen, tat ich darüber ebenso spöttisch erstaunt wie er vorher über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: „Sie sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt. Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind. Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und haben so ein tüchtiges Oberländergesicht. Und ganz gewiß sind Sie auch ein Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.“

All seine Erlebnisse der Bildung, Stationen, Bekanntschaften und Sehnsüchte berichtet er retrospektiv als Ich-Erzähler.
Diese Erzählperspektive ist dadurch natürlich stark vermittelt. Er nutzt sie ausgiebig, um zu ordnen und zu kontrollieren, ob und wie er davon erzählt.
Er entscheidet sich bewusst, das Kapitel seiner Abwege in Paris auszulassen, schneidet viele Stationen nur kurz an und ermöglicht sich immer wieder eine schützende Distanz über berichtendes und einordnendes statt erlebenden Erzählens. Er glättet also bewusst. Und das spricht er auch aus, indem er sinngemäß schreibt, dass er nur über das „Reinliche, Gute“ reden möchte. Verlorene Zeit sei verloren.
Das sorgt aber dafür, dass Hesses naiv-kindlicher Schreibstil, der gerade in der Suchbewegung und Affektivität eines Goldmund (aus Narziß und Goldmund) so herrlich unmittelbar, unmaskiert und produktiv durchrauscht, hier als Stolperstein der Einfachheit keine Spannung erzeugt.
Das Wechsel- und Zusammenspiel von kühlem Geist, der ordnet, im Symbolischen lebt, und der Lebendigkeit einer naiven Körperlichkeit wird in Peter Camenzind sprachlich noch nicht angemessen durchformt. Irgendwie sorgt das für einen Kurzschluss.

Die ordnende, vermittelte Distanz, die Peter häufig einnimmt, benötigt eine Sprache, die die Lücken und Brüche, die durch den Erzähler erzeugt werden, auch tragen kann. Im Glasperlenspiel passiert genau das – durch die intellektuelle, verbildete Sprache.
In Peter Camenzind läuft das durch die einfache Sprache zu glatt durch. Ich erhalte zu wenig Resonanzraum. Und auf mich persönlich wirkt diese formale Entscheidung wie eine Abwehrgeste, sich und den Text nicht aufs Spiel setzen zu müssen. Der Text wird dadurch bequem.

Es ist ein ehrlicher Text, der seine erzählerischen Erfahrungsmomente hat, die mir sehr gut gefallen, der aber durch die Erzählperspektive und Sprache strukturell leider unterkomplex bleibt – im Sinne dessen, dass die Form ihre eigene Vermittlung nicht aushält.

2,5 Sterne + 1/2 irrationalen Herzensstern der Nähe

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