Lehrjahre der Männlichkeit von Gustave Flaubert

Sieg des Symbolischen, beim Blick in den Abgrund oder warum Flaubert der Popliteratur in ihrer flaneuresken Konsumästhetik zeigt, wo der Hammer hängt.

George Sand in einem Brief an Flaubert:

»Ich weiĂź, Du missbilligst das Eingreifen der persönlichen Meinung in die Literatur. Hast Du recht? Ist es nicht eher Mangel an Ăśberzeugung als ästhetisches Prinzip? […] Mir scheint, dass sich Deine Schule nicht mit dem Kern der Dinge beschäftigt und dass sie allzu sehr an der Oberfläche verharrt. Vor lauter Suchen nach der Form achtet sie den Kern zu gering. Sie wendet sich an die Gebildeten. Aber es gibt eigentlich keine Gebildeten. Man ist vor allem Mensch. Man will den Menschen finden im Kern jeder Geschichte und jedes Geschehens. Das war der Fehler der Éducation sentimentale, ĂĽber die ich seither so viel nachgedacht habe und bei der ich mich frage, warum es derart viel Missmut gab gegen ein so gut gemachtes und so solides Werk. Dieser Fehler war das Nichtvorhandensein von Einwirkung der Figuren auf sich selbst. Sie erlitten das Geschehen, haben sich nie seiner bemächtigt.«

Kommt das nicht bekannt vor? Der ewige Streit – eisiger Formwille, Ästhetik vs. sozial-dynamische Innerlichkeit. Der Mensch will doch emphatisch, emotional, erfahrungsbasiert lesen. Was soll denn da diese sprachlich überkorrekte Kältedusche?
Liebe George, ist es ein Fehler, die Menschen (explizit das Bürgertum) in der Literatur so abzubilden, wie ich sie in der Realität wahrnehme?
Was ist, wenn da nichts ist? Was ist, wenn der Stil nicht der Mensch ist, sondern seine Leerstelle?
Wie kann ich Menschen schreiben, die aus nichts als sozialem Code bestehen, der sie determiniert?
Wie kann ich Menschen schreiben, die ohne eine formale Struktur nicht in Erscheinung treten wĂĽrden?
Flaubert antwortet seiner Freundin bereits im Buch selbst und schreibt folgende Szene:

„Eben hatte er [Hussonnet] im Theater von Dumas den Chevalier de Maison-Rouge gesehen und »fand das öde«. Ein solches Urteil ĂĽberraschte die Demokraten – denn durch seine Orientierung, seine Szenerie vielmehr, schmeichelte dieses Drama ihren Leidenschaften. Sie erhoben Einspruch. Um der Sache ein Ende zu machen, fragte SĂ©nĂ©cal, ob das StĂĽck der Demokratie diene. »Ja… vielleicht; aber ein Stil ist das …« »Na, dann ist es doch gut; was soll der Stil? Es zählt nur die Idee!«“

Da haben wir’s – was wollen wir mit dem WIE? Das moralische Selbstbild als freiheitlicher Dresscode ist doch schick genug. Konkrete Praxis? Verantwortung?
George, sag mir: Wenn ich solche Vögel vorfinde, die sich im Buch nur posenhaft über politische Dinge unterhalten und dann wie Frédéric den desinteressierten Flaneur raushängen lassen – was soll ich denn da für eine Selbstaneignung erfinden? Ich verweigere niemandem etwas.
Das Bürgertum, in dem ich lebe, zu dem ich gehöre, verweigert mir den Stil, den ich als Differenzsetzung benötige, um überhaupt Handlung schreiben zu können.
Oder ist es der Stil, sich dekorativ im Schaufenster zu spiegeln und konsumorientiert Zerstreuung nachzugehen?

„Deslauriers blickte mit halb geschlossenen Lidern in eine nebelhafte Ferne. Seine Brust schwoll, und dann sagte er: »Ach! Schöner war’s doch, als Camille Desmoulins dort drĂĽben auf dem Tisch stand und das Volk hinĂĽberschickte zur Bastille! Damals lebte man, konnte sich durchsetzen, seine Stärke beweisen! Einfache Advokaten befehligten Generäle, Habenichtse schlugen Könige, während heute …« Er verstummte, dann plötzlich: »Pah! Die Zukunft ist verheiĂźungsvoll!« Und auf den Scheiben zum Angriff trommelnd, deklamierte er Verse von BarthĂ©lemy:
»Sie kehrt wieder, die Versammlung des Schreckens, die vierzig Jahre danach den Kopf euch verwirrt, Koloss, furchtlos schreitend mit mächtigem Schritt.
Weiter weiß ich nicht! Aber es ist spät, wollen wir gehen?!«
Und auf der StraĂźe entwickelte er immer noch seine Theorien.
Frédéric spähte, ohne ihm zuzuhören, in den Schaufenstern nach geeigneten Stoffen und Möbeln für seine Wohnungseinrichtung; und vielleicht ließ ihn der Gedanke an Madame Arnoux vor der Auslage eines Trödlers mit drei Fayencetellern stehenbleiben. Sie waren verziert mit gelben Arabesken, glänzten metallisch und kosteten hundert Écu das Stück. Er ließ sie zurücklegen.
»Ich an deiner Stelle«, sagte Deslauriers, »würde mir lieber Tafelsilber kaufen«, und verriet durch diese Liebe zum Protz den Mann von mickriger Herkunft.“

Ich finde, dass in diesem Zitat die Ironie Flauberts sehr gut herauskommt. Im Grunde ist er Voltaire, von dem ich Die Prinzessin von Babylon gelesen habe, gar nicht mal so fern. Nur dass Flaubert die Verspieltheit unter der grausamen symbolischen Verdichtung seiner Form verdeckt. In solchen Passagen blitzt sie durch.
Wie pathetisch überhöht Deslauriers wirkt – aber nur, weil es niemanden gibt, der ernsthaft antwortet.
Und Frédéric, in einer ernsthaften Ausstellung seiner Leere, reproduziert soziale Zugehörigkeit durch Formzeichen, die in ihrer Eitelkeit nichts anderes als Ausgrenzung kennen.
In sentimentaler Verstümmelung wird das Aufblitzen einer möglichen Entwicklung durch Entwertung des Subjekts Deslauriers symbolisch versiegelt und abgewehrt.
Flaubert bleibt in dieser Unbeteiligung konsequent. Die Februarrevolution 1848 ereignet sich und wird wie durch einen Nebel erlebt. Die Figuren des BĂĽrgertums wirken wie entkoppelt von den Ereignissen oder werfen sich ins GetĂĽmmel, ohne dass Flaubert eine innere Bewegung sichtbar macht.
Frédéric verdrückt sich währenddessen aufs Land und erlebt ein paar idyllische Tage in der Natur mit der Marschallin (Rosanette). Zunächst stolpert sie etwas unzufrieden durch das Terrain – und dann stolpern wir plötzlich über eine Offenbarung.
Die Marschallin erinnert mich in der Anlage sehr an die Figur Rosamond aus George Eliots Roman Middlemarch. Sie wirkt oberflächlich, egoistisch und geld- bzw. geltungsgeil.
Allerdings stellt sich heraus, dass auch sie nur innerhalb des restriktiven Codes ihrer Zeit versucht, sich Freiräume zu erstreiten.
Sie kann nicht anders.
Und solch einen Moment schenkt uns Flaubert im Verständnis des Charakters der Marschallin.
Flaubert reicht Frédéric damit die Hand – hier hast du die Chance, dich zu verhalten. Ich zeige dir, wie man hinsieht!
Tja, …
Der für mich abgründigste Blick ereignet sich in einer Szene um Vater Roque, der während der Aufstände einem Jüngling, der um Brot bettelt, den Schädel wegballert, da dieser die Autorität nicht achtet – um sich auf der nächsten Seite des Buches als liebender Familienvater zu zeigen:

„Der Traiteur von gegenüber brachte die Suppe. Doch Vater Roque hatte allzu viel Aufregung erlebt. »Es drückte ihm schwer auf den Magen«, und beim Nachtisch überkam ihn eine Art Ohnmacht. Schnell rief man einen Arzt, der ein Tränklein verschrieb. Als er dann in seinem Bett lag, verlangte Monsieur Roque so viele Decken wie möglich, zum Schwitzen. Er ächzte, er wimmerte. »Danke, meine gute Catherine! – Küss deinen armen Vater, mein Täubchen! Ach! diese Revolutionen!« Und als seine Tochter ihn schalt, er habe sich aus lauter Sorge um sie krank gemacht, erwiderte er: »Ja! Du hast recht! Aber ich kann mir nicht helfen! Ich bin viel zu weichherzig!«“

Flaubert hält in dieser Szene rein strukturell drauf. Keine Moral. Er zeigt die Trennung zwischen Handlung und Affekt – dem, was getan wird, und dem, was das Subjekt über sich denkt.
Flauberts Formwille hält eine eisige Symbolik über dem Abgrund. Da ist keine Vermittlung in dieser Szene für Vater Roque.
Das Subjekt weiß nicht um seine Spaltung. Der Diskurs, in dem es verstrickt ist, ist so dicht verschlossen, dass seine bürgerliche Maske ihn sich selbst als Opfer empfinden lässt.
Für uns existiert aber durch Flauberts Form diese Vermittlung, die durch die strukturelle Entäußerung dem Leser die Möglichkeit zur Befreiung schenkt.
Und als Schatten ĂĽber dieser Dramatik, die ich beim Schreiben zu dieser Szene empfinde, habe ich ein schrecklich langweiliges Buch gelesen.
Was für langweilige Leben, die sich rein am Außen festklammern. Nach der Uhr funktionieren, wann und wo das nächste Dinner stattfindet, bei wem man wann und wo vorstellig werden muss, um einen Teil vom Kuchen abzubekommen, wann und wo der Ehemann auswärts ist, um der Gemahlin nachzustellen, und wann und wo man nicht teilnehmen kann, weil der passende Dress fehlt.
Diese Langeweile haben auch Rezensionen nach Erscheinen des Buches Flaubert vorgeworfen.
Ich habe es mal als Schreiben hinter der Glasscheibe bezeichnet.
Völlig unbeteiligt schleiche ich in dieser Nullpunktbewegung an der Glasscheibe vorbei und fühle mich selber so leer und erschöpft von diesen Gestalten.
Wo ist denn euer scheiĂź Eros??
Und dann wurde mir klar: Wenn ich eure stumpfe Gleichförmigkeit spiegle, hat Flaubert mich bereits strukturell gekoppelt. Ich bin drin, ohne es bemerkt zu haben. Ich lebe diese leere Gesellschaft mit.
Da war ein Riss, den ich nicht bemerkt habe.
Und so funktioniert m.E. operative Geschlossenheit von Systemen in der Literatur.
Der Text beobachtet den Leser und neutralisiert jegliche kommunikative Affektanfrage.
Und das ist beängstigend, was Flaubert vollzieht.
Nicht der Text wird durchlässig – der bleibt knallhart formal geschlossen.
Aber in seiner operativen Geschlossenheit öffnet er sich kommunikativ dem Leser,
und der Leser wird durchlässig.
Flaubert lässt keine Position außerhalb des Textes zu. Reproduktion durch Ereignisvermeidung.
Und kann nur mich als Differenz zu dieser Reproduktion beobachten.
Wisst ihr was? Genau das hat Flaubert fĂĽr sich getan.
Nur Flauberts Präzision – sein Stil, der Differenz kennt, der sich operativ schließt –
kann diese Strukturen ausstellen und ans Licht zerren.
Er ist der Einzige, der sie dadurch reflektiert und hinter sich lassen kann,
während für die anderen das Ungelebte das Beste im Leben war.
Und so wird das Prinzip Langeweile und Entleerung zum Befreiungsschlag.

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