Ich, die ich MĂ€nner nicht kannte von Jaqueline Harpmann
20. MĂ€rz 2026Das Buch hat mich ĂŒberrascht. Habe es als Hörbuch gehört (weshalb ich keine Zitate liefern kann). Und zu Beginn dachte ich, es hört sich gelesen, wie ein Jugendbuch an. Eine einfache, klare Sprache, die sehr eingĂ€ngig ist. Eine IcherzĂ€hlerin ohne Namen schreibt retrospektiv einen Bericht um die Ereignisse ihres Lebens. Sie nutzt dies gleichzeitig um sich zu ordnen und den Erlebnissen evtl. ZusammenhĂ€nge zu geben, derer sie sich zuvor nicht bewusst war. Es ist dennoch ehr wie eine nĂŒchterne Chronik verfasst, bei der ich unweigerlich an Haushofers âdie Wandâ denken muss. Sprachlich ist es tatsĂ€chlich knapp, als registrierender RĂŒckblick gestaltet. Dieser RĂŒckblick entsteht aber durch das sehr spezifische Bewusstsein der ErzĂ€hlinztanz, die dem Text einen provokant eigenwillen Drive verpasst, den ich sehr anregend fand.
Interessanterweise war gerade die sprachlich eher schlichte Gestaltung fĂŒr mich produktiv. Weil der Text im Untergrund so viele philosophische, soziologische und psychologische Fragen aufreiĂt, konnte ich mich umso klarer auf seinen Kern konzentrieren. Die Sprache steht dem Denken nicht im Weg, sondern erleichtert es und senkt zugleich die EinstiegshĂŒrde.
Die Grundlage ist folgende: eine Welt, in der Frauen in einem GefĂ€ngnis gehalten werden, ohne zu wissen warum, und spĂ€ter durch eine fast leere, entvölkerte Welt ziehen, in der es offenbar keine Zivilisation mehr gibt, keine MĂ€nner, kaum Tiere, Zukunft Mangelware. Das Buch erklĂ€rt diese Welt nicht aus, und das ist durchaus eine StĂ€rke. Es lĂ€sst vieles offen: den Bus mit den toten Aufsehern, die BĂŒcher ĂŒber Raumfahrt und Pflanzenanbau, diesen Bunker mit den Resten von Zivilisation. Dadurch entsteht ein sehr existenzialistischer Ton. Die Welt gibt ihre GrĂŒnde nicht preis, und die Figuren mĂŒssen trotzdem in ihr leben.
Philosophisch interessant wird das Buch fĂŒr mich vor allem dort, wo es die Frage stellt, was vom Menschen ĂŒbrig bleibt, wenn man ihm fast alles entzieht, was wir sonst mit Menschsein verbinden: kulturelle Ăberlieferung, soziale Rituale, Erotik, Anerkennungsbegehren, Spiel, Wettbewerb, Geschichte, vielleicht sogar ein GefĂŒhl dafĂŒr, in einer Kette von Vergangenheit und Zukunft zu stehen. Die ErzĂ€hlerin ist in diesem Sinn fast eine Grenzfigur des Menschlichen. Sie kennt nur den GefĂ€ngniskeller, da sie als Kind bereits dort mit den anderen Frauen eingesperrt wurde â ohne Erinnerung an Zivilisation, an ein Davor. Zudem bekommt sie keine Menstruation, da sie die PupertĂ€t nie richtig durchlebt hat. Ihr Körper ist bezĂŒglich sekundĂ€rer Geschlechtsmerkmale stark zurĂŒckgebildet. Sie besitzt eine starke BerĂŒhrungsaversion, eine auffĂ€llige Distanz zum eigenen Körper, extreme Affektkontrolle und wirkt insgesamt eher funktional als libidinös. Man kann das als Folge von Gefangenschaft seit frĂŒhester Kindheit, möglicher Mangelentwicklung oder Traumafolgen lesen. Jedenfalls ist sie keine Figur, die einfach nur âandersâ ist, sondern eine, an der durchgespielt wird, was vom Menschen ĂŒbrig bleibt, wenn man ihm fast alle symbolischen und affektiven ĂberschĂŒsse vorenthĂ€lt.
Eine ganz kurze Szene in der spĂ€teren âFreiheitâ hat bei mir Eindruck hinterlassen, in der sie nicht versteht warum die Frauen Spiele spielen. Sie hatten sich ein Damespiel zusammengebastelt. Ein Spiel ist ja kein bloĂ funktionaler Vorgang. Es hat seinen Sinn gerade darin, dass es zweckfrei ist und trotzdem Bedeutung erzeugt. Man will gewinnen, obwohl es nichts âbringtâ, und genau darin zeigt sich, dass der Mensch nicht nur funktional lebt. Spiel, Erotik, Eitelkeit, Anerkennung, Ritual, Erinnerung, ErzĂ€hlung â das sind alles Bereiche, in denen Menschen Sinn erzeugen, der nicht einfach biologisch notwendig ist. Die ErzĂ€hlerin steht zu diesen Formen merkwĂŒrdig quer. Sie kann mit Umwelt umgehen, Dinge herstellen, beobachten, ĂŒberleben, sich orientieren. Aber sie scheint keinen Zugang zu jenen Formen des Ăberschusses zu haben, aus denen Kultur eigentlich besteht. Die Dinge sind fĂŒr sie da, aber sie bedeuten ihr nichts. Dadurch wird sie fast zu einer Negativfolie der Zivilisation.
Und das finde ich irritierend gut gesetzt. Denn der Roman fragt dadurch: Reicht Ăberleben eigentlich aus? Reicht Anpassung? Reicht HandlungsfĂ€higkeit? Oder braucht Menschsein gerade jene scheinbar sinnlosen Dinge, die sich funktional gar nicht rechtfertigen lassen: Spiel, Geschichten, Schmuck, Erotik, Anerkennung, Erinnerung, das Begehren des Anderen? Dass die ErzĂ€hlerin all das oft als sinnlos erlebt, ist deshalb nicht einfach nur ein Charakterzug, sondern fast eine philosophische Provokation. Sie legt den Finger darauf, dass groĂe Teile unserer Kultur zwecklos sind. Aber vielleicht ist genau diese Zwecklosigkeit das, was das Menschliche ausmacht. Das Spiel bringt nichts und ist dennoch unverzichtbar. Erinnerung ist oft schmerzhaft und ânutzlosâ, aber ohne sie gibt es keine Geschichte. Auch SexualitĂ€t ist mehr als reine Biologie.
Interessant ist dabei auch, dass der Roman die ErzĂ€hlerin nicht einfach als die reinere oder vernĂŒnftigere Gestalt darstellt. Im Gegenteil: Sie spĂŒrt ja selbst eine Leerstelle. Sie merkt, dass den anderen etwas zugĂ€nglich ist, das ihr fehlt. Und genau das macht die Figur literarisch spannender. Sie bleibt nicht bloĂ Behauptung, sondern verkörpert ein Problem. Sie hat Weltbezug, aber kaum kulturelle Tiefendimension. Sie hat Verstand, aber wenig Teilnahme. Sie hat Kompetenz, aber wenig Mit- und Gegenbewegung. Sie scheint nicht in jene KreislĂ€ufe von Anerkennung, RivalitĂ€t, Eros und Spiel eingelassen zu sein, in denen sich SubjektivitĂ€t normalerweise bildet. Gleichzeitig ist sie aber nicht tot oder völlig leer. Sie staunt ĂŒber die Farben der Natur, ĂŒber SonnenaufgĂ€nge, liebt es, unterwegs zu sein, ist neugierig auf eine Welt, die ihr so wenig zurĂŒckgibt. Das macht sie durchaus plausibel und verhindert, dass sie bloĂ eine theoretische Figur bleibt.
Sehr gelungen erscheint mir der Aspekt, dass die ErzĂ€hlerin sich zudem sehr stark ĂŒber Zeit konstituiert. Sie zĂ€hlt Tage, Jahre, Strecken. Zeit ist fĂŒr sie nicht nur Verfall, sondern das Einzige, woran sie sich festhalten kann, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Wo andere sich vielleicht stĂ€rker ĂŒber Beziehungen, Begehren, Erinnerung oder Anerkennung bilden, tut sie es ĂŒber MaĂ, Dauer und ZĂ€hlung. Dadurch schafft sie sich ein strukturelles Gegengewicht auf einer anderen Ebene: Weil ihr die ĂŒblichen Formen symbolischer und affektiver Einbindung weitgehend fehlen, erzeugt sie ĂŒber Zeit eine eigene Ordnung, die ihr Halt gibt. Das öffnet die Figur philosophisch noch einmal, weil hier sichtbar wird, dass ein Mensch sich selbst auch ĂŒber reine Sequenz, ĂŒber Wiederholung und ĂŒber das Vermessen der Welt stabilisieren kann. Zeit wird bei ihr fast zu einem GerĂŒst des Selbst. Gerade weil ihr so viel an kultureller, körperlicher und zwischenmenschlicher RĂŒckbindung fehlt, gewinnt die Zeit eine tragende Funktion. Sie lebt dadurch nicht einfach bloĂ reduziert, sondern auf eine eigentĂŒmlich verschobene Weise strukturiert.
Auch die Frage nach Kultur fand ich interessant. Das Buch zeigt ja schon, dass Kultur nicht einfach Luxus ist, sondern etwas, womit Menschen ihre WĂŒrde aufrechterhalten. Dass die Frauen sich waschen, respektvoll miteinander umgehen und bestimmte Rituale beibehalten, ist im Grunde schon ein Versuch, nicht völlig in Barbarei oder bloĂe Verwahrlosung zu kippen. Gleichzeitig stellt das Buch aber die viel hĂ€rtere Frage: Wie lebt man ĂŒberhaupt, wenn man weiĂ, dass es kein Nachher mehr gibt? Diese Frauen wissen ja, dass sie die Letzten sind. Sie können sich nicht reproduzieren, es gibt keine nĂ€chste Generation, kein Weitergeben, kein klassisches Nachleben in Kindern. Und genau da wird es philosophisch stark: Woraus entsteht Sinn, wenn man weiĂ, dass mit einem selbst eine Linie endet? Aus Gemeinschaft? Aus WĂŒrde? Aus Gewohnheit? Aus bloĂem Ausharren? Oder nur noch aus dem Versuch, irgendeine Spur zu hinterlassen?
Das macht das Ende fĂŒr mich auch zum stĂ€rksten Teil des Buches. Die ErzĂ€hlerin, die die ganze Zeit so nĂŒchtern und fast unberĂŒhrbar wirkt, schreibt am Ende ihre Geschichte auf, in der Hoffnung, dass irgendjemand sie liest und sie so in dessen Gedanken weiterexistiert. Das heiĂt: Auch sie will sich einschreiben, will eine Spur hinterlassen, will nicht einfach restlos verschwinden. Das ist fĂŒr mich fast die schönste Pointe des Romans. Denn obwohl sie NĂ€he hasst, BerĂŒhrung meidet und mit vielen menschlichen BedĂŒrfnissen scheinbar nichts anfangen kann, zeigt sich am Ende doch, dass auch sie nicht ohne symbolische Fortdauer auskommt. Sie will nicht unbedingt geliebt werden, aber gelesen. Nicht körperlich gehalten werden, aber im Denken eines anderen weiterleben.
Ich bin hin und hergerissen ob ich die Perspektive dieser sehr reduzierten Frau, die viele Begehrens- und Anerkennungsstrukturen gar nicht versteht, zu reduktionistisch finde. Das ist als Entscheidung erstmal konsequent. Aber es glĂ€ttet mir auf Dauer zu viel. Sie lebt mit 39 anderen Frauen zusammen, ĂŒber viele Jahre, und dafĂŒr ist mir in dieser Gruppe viel zu wenig an Konflikt, Eifersucht, RivalitĂ€t, KrĂ€nkung, Machtbildung oder ĂŒberhaupt thymotischer Dynamik spĂŒrbar. Ja, es gibt Randbemerkungen ĂŒber Paarbildungen, Streit und Versöhnung, aber das bleibt blass. Mir fehlt da einfach die soziale Wucht. Selbst wenn die ErzĂ€hlerin das alles nicht richtig versteht, mĂŒsste der Roman es doch irgendwie fĂŒhlbar machen. Man mĂŒsste spĂŒren, dass hinter ihrer nĂŒchternen Wahrnehmung eine viel unruhigere und begehrendere Wirklichkeit brodelt. Genau das bleibt mir zu sehr ausgeblendet.
Man kann das zum Teil psychologisch erklĂ€ren, und darin liegt auch ein interessanter Kniff des Buches. Die Frauen wurden ja am Anfang klar unter ein Regime der EinschĂŒchterung gestellt: Aufseher mit Peitschen, frĂŒhere SchlĂ€ge, spĂ€ter reicht schon das Knallen der Peitschen an ihren Ohren vorbei, um sie gefĂŒgig zu halten. Dazu kommt das Verbot von BerĂŒhrung. Also genau das, was Menschen in Extremsituationen Halt geben könnte, wird systematisch unterbunden. Wenn man das mitliest, kann man die spĂ€tere PassivitĂ€t und UnterwĂŒrfigkeit der Frauen durchaus als Folge tiefer Disziplinierung und Traumatisierung lesen. Dann wĂ€ren sie nicht einfach âfriedlichâ, sondern gebrochen, in ihrem Begehren und ihrer Eigeninitiative beschĂ€digt. Die Freiheit nach dem GefĂ€ngnis wĂ€re dann keine wirkliche Freiheit mehr, weil das Regime lĂ€ngst in ihre Körper ĂŒbergegangen ist. Diese Lesart wĂ€re fĂŒr mich ĂŒberzeugend,wenn der Text sie plausibilisieren wĂŒrde. Aber der Roman selbst trĂ€gt sie nicht immer stark genug aus sich heraus. Man kann sie gut anschlieĂen, aber manchmal hat man eben doch das GefĂŒhl, dass man dem Text damit etwas zur Hilfe kommt. Und genau da wird es etwas unrund. Das Buch legt eine beschĂ€digte SubjektivitĂ€t an, aber es macht sie nicht immer mit genug psychischer und sozialer Dichte erfahrbar.
Am meisten gefĂ€llt mir an dem Buch, was das Ende noch einmal deutlich macht: Die ErzĂ€hlerin wirkt lange wie jemand, der nur in einer Minimalform im Symbolischen lebt. Aber das Begehren verschwindet nicht, es verlagert sich ins Schreiben. Gerade darin zeigt sich, dass vielleicht schon eine minimale Form von Kultur genĂŒgt, um Mensch zu sein: der Wunsch, eine Spur zu hinterlassen und im Denken eines anderen weiterzuleben.
Insgesamt ist das fĂŒr mich ein interessanter und ernster Roman, der gute Fragen nach Endlichkeit, Kultur, Einsamkeit und Sinn stellt. Er zeigt die Leere und die Reduktion sehr ĂŒberzeugend, aber weniger das, was im Menschen selbst dann noch weiterarbeitet: Begehren, Konflikt, KrĂ€nkung, RivalitĂ€t, Leidenschaft, dieses ganze unruhige soziale und libidinöse Material. Aber vielleicht spricht darin auch nur mein eigenes Begehren, und vielleicht war es gerade wichtig, diese Negativfolie einmal an mir selbst zu prĂŒfen.
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