Haus zur Sonne von Thomas Melle
29. September 2025Ein besonderer Text, der die klassische Sinnstruktur verweigert.
Der Text gibt keine Hoffnung, keine Wandlung, keine Auflösung.
Er erfĂĽllt keine narrative Erwartung und lehnt symbolische Sinngebung explizit ab:
„Ich will – ich will ein anderes Leben […] Aber das ist hier nicht zu haben. […] Die einzige Kontinuität in meinem Leben ist die Diskontinuität.“
Der Text leugnet nicht, dass es SinnbedĂĽrfnis gibt,
aber er zeigt, dass der Versuch, sprachlich oder simulierend Sinn zu erzeugen, leerläuft:
„Sie sitzen da dem Irrtum auf, alles, was mit Sprache gesagt werden kann, könne auch in die Welt gesetzt werden.“
Das Begehren nach Sinn wird nicht befriedigt – aber es wird ausgestellt.
Und das ist entscheidend: Der Text bricht nicht ab, sondern bleibt dort, wo es weh tut.
Er hält das Scheitern offen – nicht als Katastrophe, sondern als Zustand.
„Der Schmerz hat sich zu Tode perpetuiert und seine Zähne, seinen Stachel, seine Schärfe verloren.“
„Ich wäre immer der, den es eigentlich schon nicht mehr gab.“
Es ist ein Sprechen aus der Taubheit, aber dieses Sprechen ist nicht nichts – es bezeugt, dass überhaupt noch gesprochen wird.
Nicht zur Sinnbildung, sondern gegen die Stille des Verschwindens.
Das ist die radikale Geste des Buches: Nicht Sinn statt Scheitern – sondern Sinn durch das Halten des Scheiterns.
Er schafft einen Raum jenseits der Botschaft.
„Wie wäre es also mit einer Geschichte, in der keiner gerettet würde?“
Diese Frage ist nicht resignativ. Sie ist ästhetisch radikal:
Sie stellt die Frage, ob man trotzdem erzählen kann – ohne dass daraus etwas folgt.
Und in dieser konsequenten Erzählverweigerung – in der das Buch kein Warum und kein Wofür liefert – entsteht ein Raum, in dem der Leser nicht geführt, sondern ausgesetzt wird.
Gerade dadurch öffnet sich eine andere Art von Bedeutung:
Ein Sinn, der im Aushalten liegt, nicht im Verstehen.
Und dadurch wird der Text zur Form des Scheiterns. Ein „es geht nicht weiter“, „aber ich bin noch da“.
Dies erreicht Melle u. a. durch die ständigen Wiederholungen der inneren Verkeilung.
Es ist eine verschwommene Bewegung der Selbstsuche.
Und darin entsteht eine seltsame Komik.
Der Ich-Erzähler spricht ständig davon, sterben zu wollen, er spricht es immer wieder neu aus. Und dennoch lebt er noch und teilt noch einen Absatz mit uns, und noch einen… Er unterläuft seinen Todeswunsch damit selbst.
Er entleert das Todesthema. Es kollabiert an seiner Wiederholung, da jedes Mal seine Bedeutung verfehlt wird. Und diese Verfehlung erzeugt Komik, ein Stolpern, das sich zu einem Trotzdem entfaltet.
Diese Komik bewahrt den Text davor, ins Pathos oder Sentimentale abzudriften.
Sie bewahrt aber auch vor der Erstarrung oder dem Ersticken des Textes.
Melle inszeniert hier eine paradoxale Bewegung einer Autonomie, die Form stiftet, die trägt und den Text atmen lässt.
Ich habe hier eine Poetik des Paradoxons gelesen.
Radikal und mutig, da Melle eine fragile, fragwürdige Struktur wählt – mit einem Erzähler, der aus der Ortlosigkeit spricht und keine Vermittlerrolle einnimmt.
Er erzählt aus dem Bruch, als Symptom. Kein Sicherheitsnetz. Ein Paddeln im Ozeanischen.
Die Inhaltsebene ist komplett ungewiss. Wir wissen nur: Er hat überlebt, da er retrospektiv erzählt. Das ist die einzige Stabilität, die wir haben. Der Rest ist eine Echostruktur, die rein über Resonanz im Imaginären funktioniert.
Sprache erzeugt lediglich Bilder, die in keine Bedeutungsstruktur überführt werden. Körpererfahrungen, die für sich stehen, ohne irgendwo drauf zu verweisen.
Diese radikale Verweigerung, sich in eine symbolische Ordnung einordnen zu lassen, scheint in diesem Buch noch eine zusätzliche Ebene zu haben: die der Ökonomisierung der Simulation.
Was wäre, wenn unsere individuellen Fantasien zur Rohstoffverwertung genutzt werden – als Konsummuster für die Gesellschaft?
Die Ă–konomisierung des Todes.
Aus dieser Unverfügbarkeit und den daraus resultierenden Wünschen, Träumen strickt das System Simulationen, die Sinn erzeugen – und dieser simulierte Sinn dient als Sedativum für die Gesellschaft.
Und schon haben wir eine 1A-Dystopie gelesen.
Der Text mag nach klassischen MaĂźstäben scheitern. Ich kann dieser Rezension von Alexander, des Blog’s Kommunikatives Lesen, tatsächlich zustimmen, wenn ich seine BewertungsmaĂźstäbe anwende.
Ich erlebe Haus zur Sonne dennoch als eine Form von Grenzsetzung. Meine Perspektive ist eine andere. Melle zieht einen Horizont ein – nicht durch klassische Symbolik, sondern durch wiederkehrende Motive, rhythmische Satzfiguren, somatische Marker. Das Buch rahmt also minimal sich selbst: Es erzeugt eine paradoxe Kohärenz, die gerade aus der Inkohärenz des Erzählers hervorgeht.
In meiner, und wohl auch in Melles Welt, braucht das Ozeanische keine externe Rahmung. Der Text kann sich selbst im FlieĂźen rahmen.
Das macht ihn fĂĽr mich zu einem Ereignis.
In seinem Motiv und der inhaltlichen Setzung steht er Kaleyta’s Heilung sehr nahe.
In seiner Konsequenz auf das Nicht-Wissen, die UnverfĂĽgbarkeit, dem was sich der Symbolisierung entzieht, reicht er Navarro’s Ăśber die See die Hand.