Hasenprosa von Maren Kames

Shortlist deutscher Buchpreis 2024
Rezension des 2. Durchgangs

Vor der Landung im Unbekannten, dem selbstbewussten Schmettern „I did it my way“, kommt der Fall.
Der Sturz aus Rollen und der eigenen Positionierung, dem was war.
Der Sturz vom Kippen der Welt, dem eigenen Verlust, in die Hoffnungslosigkeit.
Der Sturz in die „Falschbuchstabiertheit“ und „Ausversehentlichkeit“
– eine kelchförmige weiße Feder schwebt vorbei.

„I have got to leave to find my way
Watch the road and memorize
This life that pass before my eyes
And nothing is going my way“ [R.E.M „find the river“]

Maren reflektiert Veränderungen ihres Lebens. Das Leben als Autorin, ihre Beziehungen.
Was macht das mit ihr?

„Things I once enjoyed
Just keep me employed now
Things I’m longing for, mmh
Someday, I′ll be bored of
It’s so weird
That we care so much until we don′t“ [Billie Eilish „getting older“]

Hasenprosa:
„Sind die krassen Zeiten vorbei?
Ich glaube ja.
Tut das weh?
Ein wenig.“

Die Frage um die es geht, wie stürzt man sanft? Wie stürzt man ohne seine Authentizität zu verlieren?

„Can’t shake the feeling that I′m just bad at healing
And maybe that’s the reason every sentence sounds rehearsed“ [Billie Eilish „getting older“]

Maren reflektiert den Sturz (fall in love) in die Liebe – verrückt genug, nicht genug für die verrückte Welt
„fast wäre etwas von uns geblieben“ [Buntspecht „unter den masken“]
Matthes ein Leuchtturmmensch. Fragil die Beziehungen zuvor. Verlust von Freundinnen.
Wer führt einen?

„It’s time we all reach out for something new
That means you too
You say you want a leader
But you can′t seem to make up your mind“ [Prince „purple rain“]
Antwort:
„There’s no one left to take the lead
But I tell you and you can see“ [R.E.M „find the river“]

Wie lange kann ich mich im „Dazwischen“ aufhalten, von lila Regen begleitet – Traurig und Aufgehoben zugleich?
Was wenn die Welt nicht auf dich vorbereitet ist?
Dein vermeintliches Wissen, dein einziger Schutz ist. Schutzbehauptungen.
Woher kommt der Mut für den Sprung?

„Strength and courage overrides the privileged and weary eyes of river poet search naïveté.“ [R.E.M „find the river“]

Ach ja, fliegen lernen. Hat schon Mr. Sebald gewusst.
Mit Maren und Hase im Strichflieger unterwegs. Ordnung und Wissen über Bord.
Diese Stille im Weltall! Weit weg vom ewigen Möbel rücken, der Unruhe.
Die Einsamkeit des Glenn Gould und einer Agnes Martin genießen – bis alles wesentliche verschwindet.
Weiter durch Schleifengebilde – unendliche Selbstbezüglichkeit – Paradoxien.
Einmal in Gang gesetzt in ewiger Bewegung. Und die dunkle Oma bewegt sich durch Erinnerungen, in ihrem „inneren Abtrenntsein“, ihrer Bitterkeit, die Marens eigene manchmal aufhebt und dennoch für sich bleibt, in ihrem Stolz und Trotz.

„There is nothing left to throw
Of ginger, lemon, indigo
Coriander stem and rose of hay [R.E.M „find the river“]

Es gibt im Laufe der Zeit immer weniger zu verlieren/wegzuwerfen, alles vergeht, braucht sich auf.
Noch ist etwas Zimt in Omas Dose. Dennoch, Oma bleibt opak, das „fast ozeanschwarze Fossil“.
Maren und Oma, verwoben, verflochten und jeder für sich.
Die Verantwortung trägt jeder für sich selbst. Lasse ich mir meine Zukunft von familiärer Biografie diktieren, meiner versteinerten Interpretation der Vergangenheit, dem Sitzen am Platz der Verhärtungen?
Die Zeit ist irreversibel, der Fluss mündet im Ozean, dem Ort des Loslassens. Altes wird weggespült, Neues angeschwemmt.
Eine Welle der Bitternis und des Stolzes,
eine Welle der Unsicherheiten und Scham,
eine Welle „coriander stem and rose of hay“,
eine Welle für Opa Erichs kalte Maßstäbe,
eine Welle für den Bruder im Baum,
eine Welle für die „stark verzweigte Oma mit ihrer ganzen mühelosen Liebe“.
Was davon nimmt Maren mit in die Gegenwart und Zukunft? Immer einen Moment zu spät. Die Unmöglichkeit der eigenen Vollständigkeit. Und trotzdem – unmaskiert, ungepanzert, offen, verletzlich, emotional, versöhnend.


Dieser Blog existiert ua. um Prozesse sichtbar zu machen. Ich möchte meinen Weg und die Irrwege des Verständnisses nachzeichnen.
Dementsprechend freue ich mich sehr, Hasenprosa als Beispiel für solch eine Bewegung verwenden zu können.
Ich bin selber fassungslos wie stark ich meine eigene Realität der Lektüre konstruiere.
Die Erstfassung der Rezension zeigt eine Verweigerung der Kommunikation auf meiner Seite.
Ich erkenne das Motiv nicht. Die Horizonte sind da! Sie befinden sich auf der erzählerischen Zeitebene und in den Songtexten. Und nein, es ist viel weniger ein poststrukturalistischer Text als ich behaupte. Er spielt auf der Showbühne des Surrealismus.

Inzwischen ist das Buch in meinem Kanon 😀


Erste Rezension vom 15.09.2024 – 2 Sterne Wertung

Ein avantgardistischer Text der mit dem Poststrukturalismus spielt, dekonstruiert, Horizonte auflöst, anarchisches Chaos produziert und sich darin als Kunstsystem selbst beobachtet – ein Netzwerk von Zeichen und Codes – die Sprache wird selbst zum zentralen Gegenstand der Reflexion.

Er legt diese Spur selber, da er im Mittelteil auf Roland Barthes verweist und kurz darüber reflektiert. Zudem streut er häufige Erwähnungen und Zitationen von Friederike Mayröcker ein.

Zudem konzentriert sich das Buch auf die Zersetzung von Macht- und Wissensstrukturen, indem es mit dokumentarischem Wissen aus Naturwissenschaften spielt und popkulturelle Referenzen aus Sport, Musik, Literatur in ihrer mythologisch aufgeladenen Bedeutungstruktur spiegelt und auseinderreißt.

Es bespielt die Flüchtigkeit – versucht ein in sich bewegliches Gefüge zu schaffen, indem es die Zeit durchbricht, sie sich überlagern lässt. Darin wird die Frage nach dem Erinnern und Verbindung zur eigenen Historie – den Großeltern – gestellt.
Der Text ist ein Schwebezustand, den man meines Erachtens am griffigsten mit folgendem Zitat verdeutlichen kann:

Die Zeiten des Fliegens und die Zeiten des Stürzens, Zeiten des Wachsens und Zeiten des Schrumpfens, die Zeiten der Aufruhr und die Zeiten der Ruhe. Alle unüberschaubar vielfältigen Ausprägungen beckenartig ausgedehnter, brocken-und keilförmiger oder schleierhafter Phasen von Zeit, und wie schlecht sich ausmachen ließ, in welcher davon man sich momentan befand. Die lang zurückliegenden Momente des Klaffens und das eben erst erfahrene Klaffen, wie es immer wieder klaffte, wo man doch dachte, so was kommt nicht wieder vor. Eine aus Kupfer gegossene Form. Wie sich ebenso schlecht einschätzen ließ, wie lange es dauerte, bis man ein Klaffen überstand, bis es sich ausschlich und verschwand. Ob die Welt sich das auch manchmal dachte. Wie das auf alle Arten von Infrastrukturen in allen Parzellen und Schachtkammern, Schlafstätten, Wachstätten zutraf. Also quecksilbrig pulsierte, ohne dass jemand sagen konnte, wohin. Ob etwas wie eine Hauptbewegungsrichtung in diesen Dimensionen überhaupt existierte. Die Gelegenheiten, die Reisen, das Vergessen, Wiederholung. Der Wind beim Radfahren, Wind beim Fliegen, das Tauchen, das Rauchen. Dass der Nussbaum vor dem Haus meiner Großeltern sehr lang schon nicht mehr stand. Wie jung mein Neffe war. Dass das hohe Alter meiner Eltern erst begann. Wie ich wohl tatsächlich demnächst vierzig wurde.

Das Leben als chaotische Ansammlung von Momenten, die nicht miteinander verbunden sind. Feste Sinnzusammenhänge werden unterminiert und die Mehrdeutigkeit von Erfahrung und Bedeutung betont.
Diese Auflösung jeglicher Form soll Öffnung ermöglichen. Möglichkeitsräume schaffen.

Die Autorin nimmt sich zudem aber noch der Schnelllebigkeit der Moderne an. Sie spiegelt wie moderne Medien durch schnell wechselnde Bilder, verkürzte Narration und fragmentiertes Erzählen, eine nur sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne generieren. Kurzlebigkeit und Reizüberflutung.
Dh. die Frequenz ist so hoch, dass es mir nicht möglich ist in diesem unstrukturierten, anarchischen Chaos eine Tiefenstruktur zu erkennen. Der Text bleibt am Ende des Tages substanzlos. Eine Dynamik die schnell ermüdet und Denkprozesse wegballert. Mein kognitives System ist jedenfalls nicht in der Lage mit diesem schnellen Wechsel und der willkürlichen Chaoslage sinnvoll zu arbeiten.
„Hasenprosa“ geht nicht in die Verarbeitung. Er bleibt beim Aufzeigen, in der Dekonstruktion, in der Schwerelosigkeit, dem Warten darauf „bis man ein Klaffen überstand“ und wirkt dabei völlig überladen.
Ihm fehlt die Anschlussfähigkeit.

Ich stelle hier die Frage nach fruchtbarer Dekonstruktion.
Es muss immerhin eine Konsequenz erfolgen können. Es kann doch nicht sein, das wir uns in die Unendlichkeit werfen, was der Text tut, und dann hoppelnd, mümmelnd, wortbrausend, ohne den Willen zur Handlungsmacht oder eines Sinnzusammenhangs aus der Zeit geschossen kommen und Liedchen trällernd, genauso verloren wie vorher das Buch zuklappen.
Soweit ich weiß, versuchen poststrukturalistische Texte durch rekursive Strukturen und Selbstreflexion Anschlussfähigkeit zu erzeugen. Also eine Zirkularität, die mich immer wieder an gewisse Punkte zurück bringt, die als Moment immer wieder eine neue Handlungsmöglichkeit erzeugen. Das versäumt Hasenprosa. Sie kehrt zwar physisch immer wieder in die Gegenwart zurück und kehrt gedanklich zu den Großeltern zurück. Durchlebt diese Momente nur nie neu.

Ich vermute jetzt einen Aufschrei, da ich das Projekt Hasenprosa mit „Tod des Vergil“ vergleichen möchte, das ich zugegeben erst 100 Seiten belesen habe.
Meine ganze Wahrnehmung und Einordnung von „Hasenprosa“ bewegt sich auf dünnem Eis, da es mich mit dem Poststrukturalismus auf fremdes Gebiet schickt. Dennoch versuche ich, meinem Problem mit dem Text, etwas Grund zu verleihen, den ich tatsächlich in der Gegenüberstellung mit „Tod des Vergil“ gewinnen kann, das ich gerade lese.
Herman Broch legt ähnliche Motive zu Grunde: Zeit, Vergänglichkeit, was ist Wahrheit oder Wissen und die Rolle des Künstlers, die Sprache als sein eigener Beobachtungsgegenstand.
Broch arbeitet allerdings mit strukturiertem Chaos.
Er lässt Vergil reflexiv durch die Zeit und die Dunkelheit wandern und ihn in den Schwellen-Übergängen verweilen, den Dämmer auskosten. Mit einem fundamentalen Unterschied: Horizonte bleiben erhalten. Und trotzdem wird sich nicht an dem Ding abgearbeitet. Die Differenz ist Stabilitätsfunktion. Hasenprosa nutzt die Differenz für haltloses Chaos.
Dieser Unterschied um Umgang mit der Differenz ist für mich entscheidend, ob ich dem Text eine Kohärenz und eine Anschlussfähigkeit bescheinigen kann oder nicht.
Nur durch den Erhalt einer Grenze von Innen und Außen kann ich sinnvolle Operationen vornehmen. Nur so kann ich selektive Entscheidungen einer Sinndimension treffen, die sich aus einem unendlichen Raum von Möglichkeiten schöpfen. (Jedenfalls nach meinem aktuellen Verständnis. Für Einwände und weiterführende Gedanken bin ich an dieser Stelle sehr dankbar).
„Tod des Vergil“ ist ebenfalls in Dauerbewegung. Hier gelingt aber ein Durchdenken, weil Broch den Mut hat auf dem uferlosen Ozean auszuharren und sich Zeit nimmt nicht von einer Situation in die nächste zu spurten. Der Leser kann Konsequenzen daraus ziehen.

Ich komme mit dieser seltsamen Dynamik in „Hasenprosa“ nicht klar. Dabei schließe ich nicht aus, ihn einfach nicht verstanden zu haben. Die Autorin traut ihrer Leserschaft ordentlich was zu, bei all den Bezügen zur Literaturtheorie,Philosophie und wohl klingender Wortakrobatik.
Im Grunde bleiben mir nur 2 gute Bilder im Kopf, die ich als gelungene Öffnung von Möglichkeitsräumen sehe. Kann sein, dass mein Hirn zu früh abgeschaltet hat und der Rest in trüber dekonstruierter Brühe – Glenn Gould und Michael Stich im Duett der Tennissockensonate in adornitisch-polytonaler Aleatorik, versauert.