ES von Stephen King
11. Februar 2026
Das Nichts, das sich durch seinen Verlust selbst bestimmt – eine Metareflexion
…es ist der Ăśbergang zur Bestimmung des Werkes als Verkleidung seines Ursprungs
Das BewuĂźt-sein, als BewuĂźtsein, ĂĽber Nichts sprechen zu mĂĽssen, ist nicht das des Ganzen bedĂĽrftige, sondern das durch das Ganze unterdrĂĽckte Be-wuĂźtsein. Es ist das BewuĂźtsein von Nichts, aus dem jedes BewuĂźtsein von Etwas sich anreichern, Sinn und Gestalt gewinnen, und aus dem jede Rede anheben kann. Denn das Denken des Gegenstandes als das was er ist deckt sich schon mit der Erfahrung der reinen Rede; sie aber deckt sich mit der Erfahrung selbst.
Sie weiĂź nicht wohin fĂĽhrt, keine Vorsicht behĂĽtet sie vor jenem wesentlichen Sturz auf den Sinn hin, den sie konstituiert und der im vorhinein ihre Zukunft ist. […] Die Schrift ist fĂĽr den Schriftsteller, auch wenn er nicht atheistisch , sondern Schriftsteller ist, eine notwendige und gnadenlose Schifffahrt.
[Derida aus „die Schrift und die Differenz“]
Das Buch hat mich am Ende schwer getroffen, weil es die Leerstelle von etwas Entscheidenden umspielt, das nicht festgehalten werden kann. Es bleibt nichts zum ZurĂĽckblicken. Hinter einem nur Dunkelheit.
Ja: ES war eine gnadenlose Schifffahrt.
Und wieder erlebt man, dass Stephen King eine Tiefenschärfe auf einer seltsam philosophischen Ebene erreicht, die fast gruseliger ist als Pennywise oder Henry Bowers.
Was am Ende bleibt, ist einzig die Bewegung nach vorn.
Im Grunde ist ES ein Roman über die Unmöglichkeit, Ursprünge festzuhalten.
Derry ist die Verkleidung.
Freundschaft ist nichts, das man halten kann, ohne sie zu verlieren.
Sie ist ein Ereignis, das aus einer temporären Konstellation unter Druck entsteht.
Sie kann nicht konserviert werden.
Sie existiert nur als Bewegung, nur im gemeinsamen Handeln.
Sie ist real, solange sie riskiert wird.
Die formale ebene: Komposition, Dramaturgie, Erzählinstanz, Wiederholungsstruktur, Figurenzeichnung
Damit erklärt sich allerdings noch nicht meine Wertung.
Der Aspekt dieser Metareflexion kristallisiert sich schließlich erst am Ende des Buches heraus. Es besitzt über 1500 Seiten, die locker um 30–50 % gekürzt werden könnten, ohne notwendige Elemente für die Gesamtdynamik und Kohärenz zu verlieren.
King legt dieses Buch in einer zyklischen Struktur an, die leider schnell redundant wirkt. Es beginnt mit den Anrufen der Freunde im Erwachsenenalter und ihrer sozialen Einbettung. Während sie sich auf den Weg nach Derry machen, platziert King Rückblenden in die Kindheit, die jeweils eine Pennywise-Begegnung beinhalten und die familiäre bzw. schulische Konstellation beleuchten. Vor Ort angekommen, treffen sie aufeinander, durchleben die eine oder andere Erinnerung und durchlaufen wiederum – jetzt in den 80er-Jahren – noch einmal ihre Pennywise- bzw. ES-Begegnung.
Die Varianz dieser szenischen oder fast episodischen Erzählmomente ist zwar inhaltlich gegeben, allerdings nutzt King immer wieder die gleiche Dramaturgie. Es stellt sich keine formale Notwendigkeit ein, weshalb das Buch insbesondere auf den ersten 60 % sehr schleppend und ermüdend daherkommt. Ich finde sogar, dass sich der Horror dadurch ebenfalls abnutzt.
Zudem wird mit einem sehr begrenzten Repertoire der psychologischen Sozialdynamik gearbeitet: Gewalt, Alkoholismus, sexuelle Bedrohung, autoritäre Väter. Die Figuren sind kaum differenziert – eher im Gegenteil. In diesem Roman stört mich die harte Dichotomie von hassenswerten vs. liebenswerten Charakteren. Das habe ich in vielen seiner Romane bereits deutlich komplexer und interessanter verarbeitet gelesen.
Hier hatte ich das Gefühl, dass er sehr viel narrative Erzählkunst und Plausibilität zugunsten des Horrors verliert. Der Wechsel seiner gewählten Erzählperspektive erschließt sich mir ebenfalls nicht. Er erzählt personal und wechselt dann bei Mike Hanlon in die Ich-Erzähler-Perspektive. Das Verhältnis dieser beiden Erzählinstanzen zueinander bleibt ungeklärt.
Für mich erzeugt er in der ersten Hälfte einen zu bedeutungsschwangeren Nebel, der Tiefe suggeriert, aber strukturell nirgends wirklich anschließt. Erst mit dem Ende – ich denke, mein Metakommentar erklärt dies – fügt sich diese seltsame Struktur etwas zusammen.
Das Buch zerfällt für mich in zwei qualitative Teile. Auf den letzten 40 % kommen neue Elemente hinzu. Er treibt die Erzählung dichter und spannungsreicher voran, weshalb ich bei guten 3,5 Sternen lande, obwohl die erste Hälfte eher ein 2,5-Sterne-Read war.
Besser kann ich es nicht bewerten, da ich innerhalb des King-Universums bewerte und BĂĽcher wie Friedhof der Kuscheltiere und Carrie deutlich konsequenter gearbeitet waren und von mir 4 Sterne erhalten haben. Selbst The Stand, dieser Brecher, der ebenfalls wie ES ziemlich zerfasert und zu lang geraten ist, hatte mir deutlich mehr auf der Ebene der Figurenzeichnung zu geben und gestaltete sich insgesamt inhaltlich fĂĽr mich interessanter.
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