Die Gouvernanten von Anne Serre
26. Oktober 2025Der Blick als Ort des Begehrens.
Sehnst du dich danach, gesehen zu werden? Als Subjekt in Erscheinung zu treten?
Durch den Blick des Anderen garantiert zu sein?
Wie abhängig bist du von diesem Blick? Bannt er dich regelrecht? Wie autonom bist du dann in deiner Subjektivität? Wie viel Macht hat das Bild des Anderen von dir über dich? Spiegelst du sogar dieses Bild des Anderen, nur um zu sein – zu existieren?
Welch Quell der Lust diese paradoxe Gefangennahme sein kann, bespielt dieses Buch.
Und gespielt wird viel.
Auch Anne Serre spielt mit dem Leser und seiner Imago.
„Gerade haben sie ein Geheimnis geteilt, das die langweiligen Winterstunden beleben, den hohen schwarzen Bäumen frische, springlebendige Säfte einflößen und unter dem Eis einen wonnevollen Frühling erahnen lassen wird. Fortan wissen die kleinen Jungen, dass es das tamburinklingende Leben gibt und sie nur ihr Ohr an den Boden zu pressen brauchen, um zu hören, wie es schlägt und sein Recht fordert.“
Die Gouvernanten werden wie mythische Wesen eingeführt und beschrieben. Die Sprache Serres hat eine traumhafte, halluzinatorische Anmut. Der Text verführt zu einer transzendenten Lesart, sich selbst in dieser mythischen Oberfläche zu spiegeln und sinnlich zu zerfließen. Als wäre das triebhafte Erwachen ein ekstatischer Naturzustand. Das Drama der Abhängigkeit wird ästhetisch verklärt.
Die Sprache ist eine formale Abwehrgeste, um die Leere der Subjektivität – den Mangel – zu verschleiern.
Die Erzählstimme ist allerdings auktorial, gleichgültig, distanziert. Der kalte Ton steht in scharfer Ambivalenz zu den affektiven, erotischen und ornamentalen Bildern und Szenen. Er ist die Stimme des Analytikers.
Ich denke, diese Disharmonie des Textes lässt manchen daran zweifeln, wie ernst er gemeint ist, oder sorgt zumindest für Verwirrung, wie das Buch zu nehmen sei.
Wenn ihr es ertragt, nehmt es als Hinweis darauf, dass wir hier beinharten psychologischen Realismus lesen, der eine schmerzhafte Erkenntnis zutage fördert.
Aber zuerst – let’s play games!
Es war einmal ein Ehepaar, das sich im Laufe der Zeit voneinander entfernte. Sie wird immer stiller, weniger lebhaft.
„Am Ende belogen sie einander ohne Unterlass. Das war ihr neues Leben geworden. Sie sahen einander nur ungern still in die Augen, aber es war ein Leichtes, das zu vermeiden, und so wichen sie diesem letzten Hindernis bald mühelos aus. Ihr Leben glich in jeder Hinsicht dem früheren, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Zu diesem Zeitpunkt flammte ihre Liebe sogar wieder auf – es war eine solche Erleichterung, nicht mehr kämpfen zu müssen.“
In dieser Phase werden die drei Gouvernanten eingestellt.
Monsieur Auster symbolisiert fĂĽr diese das Gesetz des Hauses.
„Nicht, dass er ihnen jemals etwas verwehrt, aber allein seine Anwesenheit verfügt über eine eigentümliche Macht.“
Indem sie von Monsieur Auster begrenzt werden, erwacht ihr Begehren. Sie benötigen aber seinen Blick und können nur spielen, sein Gesetz zu verlassen, indem sie vorgeben, ihre Stellung aufzugeben und gemeinsam das Haus zu verlassen. Das liest sich dann so:
„Einfach, um das Haus ein wenig aufzurühren, das ihren Ausschweifungen zum Trotz nichts von seiner geradezu apollinischen Strenge einbüßt. So bekommen sie überdies Gelegenheit, Madame Austeur weinen zu sehen und sich am Anblick eines völlig kopflosen Monsieur Austeurs zu weiden, was ihnen ein besonderes Vergnügen ist.“
Die Austers wiederum benötigen das Spiel, um sich zivilisiert zu erleben.
Und Monsieur Auster natĂĽrlich, um sein Machtzentrum zu behaupten, da seine Frau ihm dies ja verwehrt.
„Aber selbst seine einstigen Nachtwachen waren nicht mehr gefragt. Niemand war mehr auf ihn angewiesen, um wieder friedlich auf seine Umlaufbahn gelenkt zu werden. Seine Fürsorge wurde nicht mehr gebraucht. Im Haus hatte sich der Mittelpunkt verlagert.“
Selbst die Kinder werden in dieses Spiel des Blickes des Anderen verwoben.
Hier wird deutlich, dass der Blick von auĂźen internalisiert wird. Man inszeniert eine Freiheit der Autonomie, da man sich als Subjekt selbst nur durch den Blick von auĂźen denken und spĂĽren kann.
Darum tun die kleinen Jungen in Gesellschaft von Monsieur und Madame Austeur so, als wären sie frei und hätten das Bündnis von sich aus gewählt. In etwa so wie bei den Hausmädchen, aber aus anderen Gründen. Diese Komödie spielen sie ganz bestimmt nicht für Monsieur und Madame Austeur, sondern für die Blicke von außen, also für sich selbst.
Diese Struktur des Begehrens legt das Buch zyklisch an. Die Natur spielt für Anne Serre hierbei eine unterstützende Rolle. Es kreist um ein leeres Zentrum, das sein geschlossenes Symbolfeld wiederholt. Das, was begehrt wird, wird nie erreicht – und somit fallen sämtliche Spiele und Lustwandlungen in Stille und Inaktivität zurück, und der Zyklus beginnt von Neuem.
Serre veranschaulicht den Wechsel von Passivität und Aktivität durch intensive Szenen.
NatĂĽrlich springt die sexuelle Energie der drei Gouvernanten einen direkt an.
Ein kleiner Zusammenschnitt:
„Ihre nackten Arme sind zerkratzt, ihre Beine nass vom Regen, ihre Röcke voller Gerüche. Es kommt nicht alle Tage vor, dass hier gejagt wird. Allzu oft fehlt es an Wild. Dieses wird nach allen Regeln der Kunst gepackt, geleckt, gebissen, verschlungen werden. Und wenn er sich restlos verausgabt hat, werden sie von ihm ablassen. Nackt wie ein Säugling wird er auf der salbeigrünen Wiese daliegen, und sie, ja sie werden Erinnerungen für winterliche Abende gesammelt haben, an denen sie sich hinter ihren Fenstern so lange und so verzweifelt nach der Ankunft eines Fremden sehnen.
… Darauf folgen köstliche Orgien, auch wenn sie niemals zugeben würden, dass sie sich dermaßen verführen lassen. Mit der Zeit werden sie aber von ihrem Verlangen überwältigt.
… Wenn sie sich zu dritt in Gelb hüllen, ist mit allem zu rechnen. Das ist die Farbe des Wahnsinns, die Farbe, die sie von ihrem Ich befreit, die Farbe, in der sie sich nackt fühlen, zur Schau gestellt, gebannt. In Gelb sieht man sie nur bei Nacht am Gartentor oder an den Tagen ausufernder Raserei. Gelb macht sie toxisch und grausam. An solchen Tagen bewaffnen sie sich mit kleinen Dolchen, nähren eine Natter an ihrem Busen und mähen die hohen Gräser im Garten ab wie die Herzkönigin die Köpfe ihrer Gärtner. Schon mancher hat es bitter bereut, ihnen an einem solchen Tag begegnet zu sein. Schmal und klingenscharf, wie sie waren, trampelten sie ihn nieder und bissen ihm jegliches Begehren ab. Danach blieb er keuchend auf der Wiese zurück.“
Na, verfĂĽhren diese Passagen nicht dazu, die Gouvernanten als befreite, emanzipierte Wesen zu denken? Zumal das Setting an das 19. Jahrhundert erinnert.
Oder liest es sich für euch schon zu drüber? Die Überkodierung – „Farben des Wahnsinns“, „Raserei“, „Herzkönigin“ – machen daraus einen theatralisch-mythologischen Maskenball.
Die Damen bestehen aus reinem Trieb.
Was folgt?
„Doch kaum hatten sie den hilflosen Fremden verschlungen, wurden sie wieder zu drei armen kleinen Gouvernanten. Wären sie sich nicht so einig gewesen, hätten sie vor lauter Verzweiflung womöglich Selbstmord begangen. Nach erfolgter Eroberung kehrten sie in die geräumige Leere ihrer Behausung zurück.
… Wenn man sich nicht voneinander lösen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man gescheitert ist. Warum sollten sie auseinandergehen? Um zu leben? Und wo? In einem Haus, in dem mehr Trubel herrscht als hier? Aber auch dort würde jemand die Züge von Monsieur Austeur annehmen, jemand anders die des greisen Herrn, der Fremden, der Heiratskandidaten … Überall dasselbe Gartentor, überall derselbe Park, überall dieselbe Welt, gewoben aus denselben Fäden.
… Wenn sie müßig sind, fühlen sie sich dem Urgrund viel näher, als wenn sie entschlossen handeln. Dennoch nötigt sie ein dumpfes Schuldgefühl, von Zeit zu Zeit aktiv zu werden.
… sich in Tagträumen verlieren.“
Ein ewiger Kreislauf, der sie ständig zurückwirft.
Woran liegt das? Ihre Jagd ist nur ein Rädchen im Symbolspiel. All das, was sie tun, verändert nichts. Die Leere bleibt.
Ich möchte nicht alles spoilern, insofern lasse ich die Passagen ihrer Wanderungen und „Scheinaktivität“ aus, die eindrücklich geschildert werden.
Ich lese es als eine Form der Hysterie – das Bedürfnis nach Anerkennung, das verfehlt wird.
Hinter der Maske ist nichts.
Eigentlich kann eine hysterische Struktur die symbolische Ordnung destabilisieren und verschieben.
Nur sind die Gouvernanten unreflexiv angelegt.
Die Zitate zeigen, dass sie lieber resignativ und ergeben in ihre Rolle zurückfallen und zynisch schließen, in der sinngemäßen Bemerkung: „Es hat ja eh keinen Sinn, überall dasselbe.“
Die Damen leben in einem entgrenzten Begehren ohne Sprache. Sie erzeugen Lärm – ohne neues Wissen.
Und jetzt kommen wir zum grandiosen Kniff des Buches.
Ich habe eine Figur bisher ausgelassen: den „perversen“ alten Sack im Nachbarhaus mit seinem „lüsternen“ Fernrohr.
Um euch nicht den SpaĂź zu nehmen, bleibe ich ab hier sehr vage und vermeide weitere Zitate.
Sein Blick ist der entscheidende! Denn er ist reflexiv. Die passive, einsame Distanz hinter einer Scheibe bewegt etwas. Und seine Geschichte – so paradox sie angelegt ist – ist die, die eine schmerzhafte Erkenntnis zutage fördert.
Das, was strukturiert, eine unabhängige Subjektivität ermöglicht, ist die Verzweiflung, nicht am Leben teilzuhaben.
Nicht durch die Illusion und Imago verzehrt zu werden, die symbolische Vitalität nicht zu verlieren, erkaufe ich mir durch Entsagung: gesehen zu werden.
Freiheit ist die Existenz im Mangel – jenseits des Blicks – ohne Erlösung zu begehren, im Wissen:
Ich bin kein Bild.
Einsam, aber (relativ) frei.