Die Abgebrochenen – 1.Quartal 2026

Das Abbrechen von Büchern fällt mir leicht. Oft lese ich nur 20-30 Seiten an und sortiere das Buch aus. Diese Bücher erscheinen hier nicht. Ich behalte mir vor, nur diejenigen in den Abbruch-Beiträgen zu erwähnen, zu denen ich ausreichend Notizen und gelesene Seiten vorweisen kann oder die in irgendeinem Zusammenhang eine spezielle Bedeutung für mich haben.

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Das Jahr begann direkt mit diesem Tiefschlag. Hatte mir das Buch vor 2 oder 3 Jahren bei der Büchergilde bestellt und war davon ausgegangen, dass mir dieses Schmuckstück gefallen wird. Ich wusste anhand von Goodreads Rezensionen, dass es ein behäbiges Erzählen ist, das die Zeit dehnt. Die Kulisse und Zeit sagten mir ebenfalls zu. Also hatte ich mich auf etwas fremdartiges, entschleunigendes in opulenter Sprache eingestellt.

Erlebt habe ich eine rhetorische Sprache, die sich im sich Wettbrüsten verliert und Metaphern stapelt, die den stämmigsten Seebären übertrumpfen. Für mich ergibt sich aus so einem Text überhaupt keine Notwendigkeit.

Wie ein Seehund im Wasser wand sich der wohlbeleibte Alastalo durch die Schar seiner Besucher. Die schnelle Hand geschmeidig, das schnelle Wort geschmeidiger, das Denken hinterm Stirnbein aalglatter noch. Wenn ein Mensch der Koch bei einem Fest ist, braucht er eine Kelle in jedem Topf und Würze, um die Suppe zu verlängern! Ohne Quietschen läuft das Rad nicht, wenn die Achse nicht mit Seife geschmiert und das Räderwerk nicht gefettet ist! Der Uhrmacher ist’s zufrieden, wenn er Zange und Pinzette, Feilen und Hammer, etwas zum Bearbeiten auf der Schraubstütze und klaren Stahl zu schlagen hat, aber ein geschickter Daumen ist gefragt, wenn man im weichen oder kantigen Denkschädel von zwanzig Männern den Verstand ins Gewinde drehen und das Räderwerk zum Schnurren bringen will, wohl wissend, dass jene über die Geldbörse in ihrer Brusttasche selbst verfügen!

Für mich stellt sich beim Lesen überhaupt keine Differenz ein. Und das erzeugt schwerste Langeweile. Ich hatte von Beginn an keine Ahnung was ich mit so einem Text soll.

Ich glaube, wenn man sich für Macht als feines Spiel von Gesten, Blicken, Worten interessiert, könnte das gut funktionieren. Aber es bleibt äußerlich. Es bleibt beobachtend.

Habe bis in ins 2. Kapitel hineingelesen und es mit traurigem Herzen abgebrochen. Für mich stellte sich das Buch als ein in sich verriegeltes Wortungetüm dar, das mich völlig überschwemmt und rein gar nichts zum Denken oder Genießen gibt.


FUTUR.RE von dimirty Glukhosvsky

Eins der Bücher die auch schon Jahre bei mir rumstehen. Für das Jahr 2026 habe ich mir vermehrt Science Fiction auf die ToRead Liste gesetzt. Der erste Kandidat war dann hiermit schon mal ein fail. Ich möchte zu dem Buch gar nicht viel sagen. Es ist sprachlich unter aller Kanone und prescht direkt mit Triebverhalten auf Niveau dieser Mittagstalkshows aus den 90ern voran.


Oroppa von Safae El Khannoussi

Das war das erste Buch aus meiner Liste der Verlagsvorschauen, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Ich weiß nicht wieso, aber ich hatte die Erwartung, dass es vielleicht in Richtung von Sister Europe gehen könnte. Fragt mich nicht wieso ich das dachte. Hat nichts damit zu tun.

Das Buch hat mich sprachlich völlig fertig gemacht. Es versucht die Gleichzeitigkeit der Stimmen einzufangen und arbeitet mit rotzig, harter Diktion und übersättigten Metaphern. Es wirkt gewollt diskursgesättigt mit polemisch-ironische Zuschreibungen.

Dann gab es noch Abel, der alte Sprachen studierte und sich gerne über Dinge ausließ, die niemand kapierte, wobei sie inzwischen gelernt hatten, einfach zu nicken und zügig das Thema zu wechseln. Abel stammte aus einer Familie von—in Rafaels Worten—Feuilletonlinken, will sagen neoliberalen Wohltätern, will sagen heuchlerischen Arschlöchern. Rafael zufolge litt Abel an akutem ethischen Drehschwindel, der sich nur mit dem selbstherrlichen liberalen Dauergeschwätz erklären ließ, dem er als Kind ausgesetzt gewesen war und das in seinem porösen jungen Hirn nachhaltige Verwirrung gestiftet hatte.

Der Stil liest sich kalkuliert und wirft mit importierten Codes um sich. Es ist personal erzählt und produziert ungelenke Brüche von Innenperspektive zur Außensicht.
Das ist Formal-ästhetisch die reinste Folter.

Der Mittag war schwindelerregend. Lange Sonnenlichttentakel glitten über das Bett und schienen dabei mit Absicht Hinds ungewaschenen Körper zu meiden. Salomés Bett war eine Lokomotive, die durch eine Schneelandschaft bretterte, das blendende Weiß war eine Eisfläche, und alles donnerte auf das Ende der Welt zu, wo die Fläche in einem 90-Grad-Winkel abrupt abfiel. Ein schriller Ton zerschnitt ihre Tagträume.
Zwischen Hinds geschwollenen Lidern kamen zwei blutunterlaufene Augen zum Vorschein. Es klingelte zum zweiten Mal.
Sie rappelte sich auf. »Pfff …«
Vor der Tür stand ein Mann mit der Visage eines Raubtiers, aber einem Blick, als hätte er sein Leben in Geiselhaft verbracht. Salomés Sohn warf einen flüchtigen Blick ins Haus. »Ist meine Mutter da?

Mir fehlt an diesem Text eine innere Notwendigkeit, die Ambivalenz in der Sprache. Sie zielt lediglich auf Effekt und Affekt. An dem Zitat kann man gut erkennen, wie wenig die Sprache in eine Bewegung hinein geht. Es findet keine Entwicklung der Szene und des Denkens statt. Hier gibt es nur Zuschreibungen. Alles fertig vorgebacken und überinszeniert.

Im Grunde ist das wieder einer der vielen Texte, die mit Entlastung arbeiten. Die im Spiel der Zerstörung aufgehen, ohne etwas Substanzielles hinzuzufügen oder daraus entstehen zu lassen. Wenn ich es zugespitzt formulieren soll, würde ich sagen, Oroppa ist nichts anderes als eine Spätform der Popliteratur, die über ihre Pose nicht hinaus kommt. Ja, die alten Utopien sind gescheitert. Aber was haben ich von diesen Nebelbombentexten, die dieses Scheitern nicht durcharbeiten, sondern nur als Spiel der Resteverwertung inszenieren?

Etwas Grundsätzliches

Viele Gegenwartstexte erlebe ich als diskursiv aufgeladenen Stoff. Das heißt, die Autor:innen schreiben in ein bestehendes Bedeutungsfeld hinein, wodurch Sprache nicht mehr als Entdeckungsraum funktioniert. Ich setze klare Themen, zitierfähige Sätze, schnell erkennbare Haltung. Das erzeugt ein Mittelmaß, das wenig mit rhythmischer Eigenlogik oder Formarbeit zu tun hat. Und das Schlimmste für mich: diese Texte sind nicht reflexiv. Sie simulieren die Reflexion lediglich durch das Setzen von Markern. Als Bebilderung, aber nicht als Denkraum. Ich benenne etwas ohne mir die Mühe zu machen es darzustellen.

Weder unterhält mich so etwas, noch deuten diese Texte eine transformative Kraft an, die ich benötige um Literatur als gelungen zu erleben.

Ich muss mich auf die meisten Figuren dieser Literatur gar nicht mehr einlassen, weil der Code bereits alles erledigt hat. Dazu kommt eine Geste der inszenierten Verachtung als Stilmittel, in der ich alles sagen kann, ohne etwas zu riskieren.

Ist es so schwer eine Form zu finden, die Komplexität zulässt, ohne sich im Distinktionsgetümmel zu verlieren? Eine Form die Innerlichkeit möglich macht, ohne gleich in zynische Zerstörungswut zu verfallen?


Karte und Gebiet von Michel Houellebecq

Ich habe den Roman bis ca. 25 % gelesen und empfinde ihn als strukturell langweilig. Die Erzählweise besteht überwiegend aus Kartierung, Kategorisierung und soziologischer Beobachtung.

Karte und Gebiet arbeitet stark mit kulturellen Referenzen und Diskursmarkern, erzeugt aber bis zum aktuellen Lesezeitpunkt keine innere Spannung oder existenzielle Verdichtung. Da sind wir wieder bei meiner Grundsatzbemerkung.

Die Kartierungslogik dominiert den Text, ohne dass sie sich selbst radikal reflektiert oder unterläuft. Die Figuren erscheinen funktionalisiert, nicht konflikthaft. Der Text wirkt wie eine soziologische Oberfläche, nicht wie ein literarischer Bewegungsraum.

Auf Goodreads hatte mein Unmut zu dem Buch eine Diskussion losgetreten. Ich sagte, ich würde die Sprache unpoetisch finden. Außerdem ist der Stil sehr nahe an dem wie Popliteratur arbeitet. Hier mein Kommentar aus Goodreads dazu mit vorangestelltem Zitat aus Karte und Gebiet:

„Der in ganz Frankreich zunehmende Erfolg von Kochkursen, die seit kurzem zu beobachtende Entstehung lokaler Wettbewerbe, um die Kreation neuer Fleisch- und Wurstwaren oder neuer Käsesorten auszuzeichnen, die massive, unaufhaltsame Entwicklung der Wanderbewegung und schließlich das Outing von Jean-Pierre Pernaut – all das trug zu einem neuen soziologischen Sachverhalt bei: Zum ersten Mal seit Jean-Jacques Rousseau wurde in Frankreich alles Regionale wieder trendy. Dieser Tatbestand schien der französischen Gesellschaft ganz plötzlich, vermittelt durch die wichtigsten Tageszeitungen und Zeitschriften, bewusst zu werden, und zwar innerhalb weniger Wochen nach dem Beginn von Jeds Ausstellung. Und die Michelin-Karte, ein an sich völlig unbemerkter Gebrauchsgegenstand, wurde innerhalb derselben Wochen zum bevorzugten Einführungsmaterial dessen, was die Tageszeitung Libération ohne sich zu schämen die »Magie des Regionalen« nennen sollte.“

„1. unpoetisch: H. arbeitet mit einer Sprache die feuilletonischnisch geprägt ist. Sie funktioniert über Register, Klassifizierungen. Er lässt die Figuren in der Regel nicht erleben. Es gibt kaum Ereignisse, sondern geschlossene und bilanzierende Aussagen.
Poetische Sprache lässt Raum, etwas offen. Sie verdichtet sprachlich, über innere Spannung der Form. H. verdichtet über Aufzählungen, über qantitative Signale. Die Sprache wird rhetorisch eingesetzt. Wie hier „die französische Gesellschaft“ als kollektives Subjekt behauptet. Dadurch ist der Bruch in eine Singularität ausgeschlossen. Differenz ebenso.
Mal abgesehen davon, dass ich die Sprache nicht sonderlich rhythmisch finde. Ist ja auch gar nicht sein Ziel. Er will ja die Kühle. Und dieses Zitat verdeutlicht gut was ich mit Popliteratur meine. Hatte zuletzt ein Sachbuch darüber gelesen.
Popliteratur arbeitet exakt mit derselben Oberflächenästhetik.
Mit Wiedererkennbarkeit, etwas das im Trend liegt.
Für Popliteratur und H. zählen der Diskurs. Innerlichkeit ist out.
Bei H. ist die Innerlichkeit arg beschnitten. Und wenn es sie gibt, arbeitet sich am Diskurs ab. H. funktioniert wie Poplitartur über Marker eines Zeitgeistes. Das zeigt das Zitat. Trends werden medial sichtbar.
Diese Coolness gewisser Pointen, der ironische Gestus. Klar Popliteratur.
Auch H. geht in eine Art Metapose, in die Zirkulation von Zeichen = Popliteratur.
Die Michelin Karte wird zu einer Art Ikone. Warum? Weil der Diskurs sie dazu erhebt. 1:1 Stil der Popliteratur.
Und Rousseau funktioniert nur über den Code der Zugehörigkeit. Wenn du nicht weiß was es mit seinem Denken auf sich hat, bleibt die Dynamik des Kontextes was H. hier macht hängen.H. hebt das ganze nur in einen Philosophisch aufgeladenen Raum. Oder in diesem Buch in Richtung Konstruktivismus-Debatte. Aber das Prinzip ist dasselbe wie in der Popliteratur. […] Selbst wenn später melancholischere oder existenziellere Töne auftauchen, arbeitet der Text am Anfang (und das ist nun mal ein erheblicher Teil) mit Marker-Ästhetik, Zeitgeist-Katalog, medialer Selbstbeobachtung. […] Bei Jelinek zum Beispiel entsteht die Reibung sofort auf der Ebene der Sprache. Der Diskurs wird nicht nur thematisiert, sondern im Satz selbst zerlegt. Bei H. wird Diskurs eher gerahmt und kommentiert. Das kann man mögen, deshalb verstehe ich auch warum viele auf seine Texte abfahren. Ich merke nur, dass es mich formal nicht trägt. Und sie wird für mich nicht dadurch aufgehoben, dass am Ende eine zusätzliche Schicht eingezogen wird. Das mag jetzt arrogant klingen. Nur habe ich keine Lust den Text zu beenden, um meine These bestätigt zu sehen. Dafür kenne ich meine Lesesensorik inzwischen zu gut“

Man bestätigte mich dann darin, dass formal nichts riskiert würde.

Zusammenfassung

So ausformuliert springen mir 2 Dinge ins Auge:

Meine Kritik richtet sich stets gegen Stilmittel die in der Popliteratur üblich sind, woraus sich für mich scheinbar eine fehlende Notwendigkeit ableitet. Wer meinen Stress mit der theoretischen Seite der Popliteratur nachvollziehen möchte, kann sich meinen Beitrag zu diesem Buch Handbuch Literatur & Pop ansehen.

Wie würde ich Notwendigkeit definieren. Ganz simpel zunächst wenn ein Text nicht anders sein kann, als er ist – weil seine Form aus einer Spannung hervorgeht, die er selbst erzeugt und nicht einfach übernimmt. Wo diese Spannung fehlt, bleibt der Text beliebig, egal wie klug, aktuell oder stilistisch souverän er sich gibt. Dazu gehört auch ein Erfahrungsraum mit Eigenzeit. Damit meine ich ua. Widerstände in der Sprache, Spannungen im Satzgefüge, Bewegung von Perspektiven, nicht aufgelöste Differenzen.

Die Eigenzeit ist bei Kilpi, Im Saal von Alastalo zwar da. Extreme Dehnung der Zeit. Sie erzeugt für mich aber keine Spannung. Sie wird nicht erfahrbar. Der Erfahrungsraum fehlt. Und das liegt aus meiner Sicht daran, dass der Text eben keine Notwendigkeit besitzt. Die Dehnung der Zeit wird zum Stillstand, statt eine formale Bewegung frei zu setzen.