Der Grüne Heinrich (erste Fassung) von Gottfried Keller
10. Februar 2026Der literaturhistorische Kontext
Da ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, mehr im literaturhistorischen Kontext zu lesen, ist der Grüne Heinrich die erste Aufgabe, die mir nach der Lektüre von Peter Carmenzind ins Haus geweht wurde. Hermann Hesse verweist in seinem Buch direkt auf den Grünen Heinrich. Folgende Ausführungen, wie Hesse zu Keller stand, habe ich auf der Seite vom Projekt Gutenberg gefunden:
Der Dichter läßt hier den Helden beim Aufräumen seiner Erstlingsgedichte durch Zufall ein paar Bände Keller in die Hände fallen, die er sogleich zwei- und dreimal hintereinander liest. Da sieht er in plötzlicher Erleuchtung, wie fern seine unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen, und er verbrennt eiligst seine Gedichte und Novellen. […] In der Prosa Kellers aber sieht Hesse wohl seit Goethe die einzige haltbare Schöpfung auf diesem Gebiet. »Er hat aus der Volkssprache, mit der sein Wesen verwachsen war, und die er täglich sprach und sprechen hörte, die nur einer Vulgärsprache eigene sinnfällige Farbigkeit und Drastik in eine aus Überkommenem und Persönlichem erschaffene Kunstsprache herüber gerettet wie außer Luther und Goethe kein anderer Prosaschreiber. Daher die Saftigkeit und Frische des einzelnen Ausdrucks, die oft sprichwörtliche Anschaulichkeit der Sätze.« Dann beleuchtet Hesse das feine Gefühl für Rhythmus und Tektonik, das sich in Kellers Prosa kundgibt: »Überall findet man gleichmäßig lange, schön strömende und dem natürlichen Atem und Herzschlag gemäße Sätze und Satzteile, die jedermann ohne Vorbereitung bequem und schön vorlesen kann.« […] Wo soviel Verwandtschaft der Grundgesinnungen vorhanden ist wie bei Keller und Hesse, da finden sich auch in zahlreichen Einzelheiten Berührungspunkte. Der Leser Hesses wird sie mit stiller Freude feststellen, ohne darüber zu vergessen, daß Hesse mit durchaus selbständiger Eigenart als der Nervösere, Zartgliedrigere, mehr lyrisch und musikalisch Gestimmte dem wuchtigeren Züricher mit seiner größeren Erdenschwere und Herbheit gegenübersteht. Daß Keller bisher auf keinen Schwabendichter so stark und fördersam gewirkt hat wie auf Hesse, wird niemand bestreiten wollen.
Die erste Fassung scheint umstritten zu sein und war wohl zur Zeit Hesses kaum verfügbar. Mir ist es bisher nicht gelungen herauszufinden, welche der Fassungen Hesse gelesen hat oder kannte. Ich habe mich jetzt dazu entschieden beide Fassungen zu lesen und die Unterschiede herauszuarbeiten.
Die Erzählperspektive
ist zweigeteilt. Es beginnt mit einem personalem Erzähler, der auktorial erscheint und Abstand hält. Er lässt Heinrich seine eigene Erzählung seiner Kindheit und Jugend vorlesen, in der zum Icherzähler Heinrich gewechselt wird.
Bisher kann ich keine rechte Gesamterzählung erkennen. Der Stoff wird ehr in einzelnen Erfahrungen, die sich wie Mileustudien lesen erzählt. Sie finden nur nicht zueinander, werden nicht dynamisch miteinander verwoben. Der Text liest sich ehr zerschnitten. Es wird eine Beobachtung angestellt, dann folgt eine Störung.
Band 1 Inhalt
Thematisch habe ich mich bisher in Kapitel 1 durch sozialen Determinismus gehangelt und wie dieser bestimmte Enerinnerungsformen prägt.
In Kapitel 2 wird Heinrichs übermütiges Weltbild skizziert und die nackte Logik einer Gesellschaft, die Humanität an Bildung koppelt, Leid nur duldet, wenn es erquicklich ist.
Als wenn die schöne Seele nur auf Kosten der Hässlichen existiert.
In Kapitel 3 macht er sich auf nach Deutschland und denkt darüber nach, wie leicht sich aus Literatur eine Vorstellung von „ursprünglichem Leben“ eine mystische Identität basteln lässt. Heinrich stellt fest, alles hat einen Stempel in Deutschland – Monarchie.
Deutscher Graf: ihm kommen in der Schweiz die Zustände barbarisch, zufällig, roh vor.
Es folgt ein Gespräch über die Kultur, Wissenschaft, das Volk Deutschland-vs Schweiz.
Wer hat welche Heroen zu bieten?
In Kapitel 4 beginnt das Manuskript über seine Jugend und der Wechsel in die Perspektive des Icherzählers.
In Kapitel 5 bezeichnet Heinrich Gott in der Schule als „den großen Pumpernickel“. Bekommt ärger. „In dem Kind sei etwas Dunkles.“
Mutter sagt er sei eigentlich immer sehr still. „Stille Wasser sind tief“ – Heinrich entlarvt den Spruch als Hilflosigkeit der Schwätzer, die nie einen Menschen dazwischen kommen lassen. Die nüchterne Mittelstraße langweilte Heinrich. Er wird getadelt, undankbar gegen Gottes guten Gaben zu sein. Seine Mutter habe ein einfaches, nüchternes Gemüt.
Kapitel 6 war bisher am eindrücklichsten und enthält eine enorme Dichte. Die Geschichte über Frau Margret und ihnen Mann, die mit Konsequenzen in der Schule verwoben wird, verknüpft Kindheit, Fabulierlust und Schuld und scheint Heinrichs spätere Berufung ambivalent zu deuten. Es offenbart eine Welt, in der das Erzählen selbst ein gefährlicher Akt ist. Hier zeigt sich wie Keller in der Fiktion zur Wahrheit eingestellt ist. Für ihn scheint die Literatur die Pflicht zu haben nichts zu verschleiern, keine falsche Harmonie zu erzeugen. Wenn ich das mit den paar Brocken vergleiche, die ich von Goethe kenne, erscheint Keller in diesem Kapitel radikal modern.
Kapitel 7 und Heinrich verliert durch den Katechismus jeglichen Bezug zu Gott:
„Denn wenn ich recht scharf in jenen vergangenen dämmerhaften Seelenzustand zurückzudringen versuche, so entdecke ich noch wohl, daß ich den Gott meiner Kindheit nicht liebte, sondern nur brauchte und daß damit das lebendige Gefühl der Liebe auch für alles übrige Leben nicht zum Erwachen kam und nur schwer durch die unnatürlich übergeworfene Eisdecke dringen konnte. Jetzt erst wird mir der trübe kalte Schleier ganz deutlich, welcher über jener Zeit liegt und mir dazumal die Hälfte des Lebens verhüllte, mich blöde und scheu machte, daß ich die Leute nicht verstand und mich selbst nicht zu erkennen geben konnte in meiner vollen Natur, so daß die weisen Erzieher vor mir standen als vor einem Rätsel und sagten Dieses ist ein seltsames Gewächs, man weiß nicht viel damit anzufangen!“
Zudem darf er die Schauspieler bei der Faustaufführung beobachten und als Meerkatze mitmachen.
Kapitel 8. Heinrich hat jetzt Freunde mit denen er Lügengeschichten erfindet und man sich gegenseitig beweisen muss, dass sie stimmen. Er wechselt die Schule und ist mit vornehmen Bürgerkindern zusammen. Waffenübungen werden Pflicht. Heinrich stiehlt Geld aus der Truhe der Mutter. Heinrich beginnt sich mit Kunst zu beschäftigen. Zudem eine krasse Einsicht in Heinrichs Charakter. Es entwickelt sich eine Feindschaft zu einem ehemaligen Freund. Dieser stürzt tödlich vom Gerüst:
„Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut, so glaube ich zuversichtlich, daß mich Mitleid und Reue ergriffen hätten; doch das unsichtbare Wort, mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr, gab mir nur Versöhnung, aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes, der Rache und nicht der Liebe. Ich konstruierte zwar, als ich mich besonnen, rasch ein künstliches und verworrenes Gebet, worin ich Gott um Verzeihung, um Mitleid, um Vergessenheit bat; mein Inneres lächelte dazu, und noch heute, nachdem wieder Jahre vorüber gegangen, fürchte ich, daß meine nachträgliche Teilnahme an jenem Unglücke mehr eine Blute des Verstandes als des Herzens sei, so tief hatte der Haß gewurzelt!“
Kapitel 9 – es gibt keine Veränderung wenn alle im altem Saft schmoren. Heinrich wird von der Schule ausgeschlossen:
„Wenn über die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender Streit obwaltet, so kann man füglich die Frage, ob der Staat das Recht hat, ein Kind oder einen jungen Menschen, die gerade nicht tobsüchtig sind, von seinem Erziehungssysteme auszuschließen, zugleich mit in den Kauf nehmen. Gemäß jenem Vorgange wird man mir, wenn ich im spätern Leben in eine ähnliche ernstere Verwicklung gerate, bei gleichen Verhältnissen und Richtern, wahrscheinlich den Kopf abschlagen; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschließen heißt nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben köpfen.“
Er kommt zum Haus seines Oheims.
Band 2 Inhalt
Kapitel 1 beginnt. Und im Hause seines Oheims geht es traumhaft, halluzinatorisch zu. Ich lese ein völlig überzeichnetes Idyll.
Und nun hänge ich in Kapitel 2, das von einer tiefen Entzauberung des künstelerischen Ideals spricht.
Persönliche Gedanken
Habe zuletzt eine längere Pause eingelegt, da mich das Buch ermüdet. Mich interessiert vieles nicht sonderlich, und obwohl Keller keineswegs moralisch oder didaktisch schreibt, sondern die Konflikte spannungsgeladen und offen konzipiert, hat das Buch bisher einen stark diskurslastigen Einschlag seiner Zeit, der durch diese Fragmentierung der Szenen keine treibende Kraft nach vorn entwickelt. Das Buch ist ein Arbeitsprojekt, und so liest es sich leider auch. Ich bin zudem kein großer Freund der bewusst eingesetzten, überhöhten romantischen Sprache, die zwar an Kellers unversöhnlichem Realismus satirisch bricht und dadurch durchaus einen irritierenden Effekt erzielt, dennoch über die Seiten hinweg eine nervtötende Wirkung hat.
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