Der Baum der Erkenntnis vom Humberto Maturana

„Mit welcher Fragestellung gehst du denn an den Text?“
„Mit keiner. Ich habe keine Fragen.“
„Dann wundert es mich nicht, dass du überfordert bist.“
[Gesprächsauszug zu meiner Lektüre]

Naa, so ganz stimmt es nicht. Ja, ich habe massive Schwierigkeiten grundsätzlich Sachtexte aufzuarbeiten und in eigenen Worten wiederzugeben, was ich für beachtenswert und erkenntnisreich halte. Mich blockieren Sachtexte sehr schnell. Ich finde keine eigene Sprache für sie. Vielleicht, weil ich zu offen an sie herangehe? Keine eigene Form des Lernens besitze, die zu mir passt?
Aber ich hatte einen Grund diesen Text zu lesen. Und das ist doch eine erweiterte Fragestellung, wie mir später in den Sinn kam. Nämlich die: „Welche Ideen hat sich Luhmann bei Maturana für seine Systemtheorie geholt und abstrahiert?“
Ich habe dieses Buch gelesen, da Luhmann auf Maturana oft referenziert und hoffte Luhmann’s sehr abstraktes Denken irgendwie handfester, anschaulicher ĂĽber den Umweg der Biologie begreifen und in meine Struktur einbauen zu können.
Ich habe das Buch gelesen, weil mich Systemtheorie interessiert. Mich interessiert der Konstruktivismus und die Kybernetik. Ich möchte dieses ganze Feld erschließen, das an diesem Denken hängt: Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Spencer Brown, Gotthard Günther, Gregory Bateson…

Ich besitze keine Expertise in diesem Bereich. Insofern muss ich vieles erst einmal hinnehmen, kann nicht kritisch darüber nachdenken, noch auf kritische Einwände von anderen reagieren, denen ich von dem Buch erzähle.
Also ist das jetzt ehr eine Wasserkopfzusammenfassung des Gelesenen, mit persönlichen Highlights.

Die Kapitelübersicht ist in einem kreisförmigen Weg angelegt.

KapitelĂĽbersicht

Es startet mit der zellulären Autopoiese – zur Organisation der Metazeller und deren Verhaltensweise – zur operationalen Geschlossenheit des Nervensystems, bishin zur Sprache, über die wir die Erklärung für das Erkennen des Erkennens erzeugen können.
Es gibt keinen festen Bezugspunkt oder Ausgangspunkt von wo das Erkennen startet. Maturana möchte damit veranschaulichen, dass wir von Interaktion zu Interaktion in diesen Kreis verwoben sind, der unser Sein in einem Werden charakterisiert.

Mit dem Begriff der Autopoiesis steigt Maturana frĂĽh im Buch ein und liefert DEN Begriff, der Luhmann’s Systemtheorie durchzieht.

„Die eigentĂĽmlichste Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, daĂź es sich sozusagen an seinen eigenen SchnĂĽrsenkeln emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als unterschiedlich vom umliegenden Milieu konstituiert.“
…
„Ein Lebewesen ist durch seine autopoietische Organisation charakterisiert.“
…
„So spezifizieren die autopoietischen Einheiten die biologische Phänomenologie als die ihnen eigene Phänomenologie mit Charakteristika, die von denen der physikalischen Phänomenologie verschieden sind. Dies ist nicht etwa so, weil die autopoietischen Einheiten irgendeinem Aspekt der physikalischen Phänomenologie widersprechen; da sie molekulare Komponenten haben, mĂĽssen sie auch die gesamte physikalische Gesetzlichkeit erfĂĽllen. Vielmehr hängen die Phänomene, die autopoietische Einheiten in ihrem Operieren erzeugen, von der Organisation der Einheit ab und von der Art, wie diese verwirklicht wird, und nicht von den physikalischen Eigenschaften ihrer Bestandteile, welche nur den Raum ihrer Existenz bestimmen.
Wenn deshalb eine Zelle mit einem MolekĂĽl X interagiert und es in ihre Prozesse einbezieht, ist die Konsequenz dieser Interaktion nicht durch die Eigenschaften des MolekĂĽls X bestimmt, sondern durch die Art, wie dieses MolekĂĽl von der Zelle bei dessen einbeziehen in ihrer autopoietischen Dynamik gesehen beziehungsweise genommen wird.“

Autopoiesis: Ein System das sich selbst hervorbringt und selbst erhält. Es grenzt sich von seiner Umwelt ab. Und hier, denke ich, ist der Kerngedanke der, dass dies durch die innere Dynamik geschieht. Es gibt kein Außen, das bestimmt welche Veränderungen statt finden.

Das Buch erarbeitet, die strukturelle Koppelung von Umwelt und Lebewesen. Die Umwelt löst Störungen (Pertubationen) aus, die zu Veränderungen in der Funktionsweise oder Struktur führt.
Umgekehrt löst der Organismus im Mileu Veränderungen aus, ohne es zu bestimmen.
Beide Seiten lösen Strukturveränderungen aus, die aber die jeweilige Eigenständigkeit bewahren.

„Solange die Einheit nicht in eine destruktive Interaktion mit ihrem Milieu eintritt, werden wir als Beobachter zwischen der Struktur des Milieus und derjenigen der Einheit eine Verträglichkeit (Kompatibilität bzw. Kommensurabilität) feststellen. Solange diese Verträglichkeit vorliegt, wirken Milieu und Einheit fĂĽreinander als gegenseitige Quellen von Perturbation, und sie lösen gegenseitig beim jeweils anderen Zustandsveränderungen aus – ein ständiger ProzeĂź, den wir als strukturelle Koppelung bezeichnet haben.“

Seine Sichtweise auf Evolution war dementsprechend fĂĽr mich erhellend.
Die Zitate im folgenden untermauen nochmals den zuvor erwähnten Gedanken, dass die Umwelt nicht deterministisch wirkt, sondern es immer darum geht die eigene Organisation aufrecht zu erhalten.
Und auch nicht der gewinnt und ĂĽberlebt, der qualitativ das Beste Gesamtpaket mitbringt.
Das wäre nämlich wieder eine Beurteilung eines Beobachters, der mit Werten und einer bestimmten Beziehung rumjongliert, die außer Acht lässt, dass nur die innere Organisation des Lebewesens bestimmt, wie es auf seine Umwelt reagiert.
Es geht nur darum sich anzupassen. Wie, ist völlig egal. Lebt der Organismus? Ja. Dann ist er angepasst.

„Jede Ontogenese als die individuelle Geschichte strukturellen Wandels ist ein Driften von Strukturveränderung unter Konstanthaltung der Organisation und daher unter Erhaltung der Anpassung.“
…
„Wir sehen die Evolution hier als ein strukturelles Driften bei fortwährender phylogenetischer Selektion. Dabei gibt es keinen «Fortschritt» im Sinne einer Optimierung der Nutzung der Umwelt, sondern nur die Erhaltung der Anpassung und Autopoiese in einem ProzeĂź, in dem Organismus und Umwelt in dauernder Strukturkoppelung bleiben.“
…
„Fassen wir zusammen: Die Evolution ist ein natĂĽrliches Driften, ein Ergebnis der Erhaltung von Autopoiese und Anpassung. Wie im Fall der Wassertropfen ist keine äuĂźere lenkende Kraft notwendig, um die von uns gesehene Vielfalt und Komplementarität zwischen Organismus und Milieu zu erzeugen. Wir mĂĽssen auch keine lenkende Kraft annehmen, damit wir die Richtung der Variationen innerhalb einer Abstammungslinie erklären können. Und schlieĂźlich ist es auch nicht so, daĂź im Verlauf der Evolution irgendeine besondere Qualität der Lebewesen optimiert wird.
Die Evolution ähnelt eher einem wandernden KĂĽnstler, der auf der Welt spazierengeht und hier einen Faden, da eine Blechdose, dort ein StĂĽck Holz aufhebt und diese derart zusammenstellt, wie ihre Struktur und die Umstände es erlauben, ohne einen weiteren Grund zu haben, als den daĂź er sie so zusammenstellen kann. Und so entstehen während seiner Wanderung die kompliziertesten Formen aus harmonisch verbundenen Teilen, Formen, die keinem Entwurf folgen, sondern einem natĂĽrlichen Driften entstammen. Genau so sind wir alle entstanden, ohne einem anderen Gesetz zu folgen, als dem der Erhaltung einer Identität und der Fähigkeit zur Fortpflanzung.“

Maturana plädiert dafür das Nervensystem als „durch ihre internen Relationen definierte Einheit, als eine Einheit mit operationaler Geschlossenheit“ zu betrachten.
Damit stellt er sich gegen den repräsentatorischen Ansatz.
Dh. die Störung von Außen ist keine Information die empfangen wird, die beim Lernen verinnerlicht wird.
Von außen betrachtet sieht es so aus, als hätte das Nervensystem etwas aufgenommen oder gelernt. Aber das ist nur unsere Beobachterbeschreibung. Im System selbst gibt es kein Abbild der Umwelt, sondern nur fortlaufende Anpassung durch innere Veränderungen.

Er schlieĂźt seine Gedanken im Kapitel ĂĽber das Nervensystem mit einem Aphorismus:

„Leben ist Erkennen (Leben ist effektive Handlung im Existieren als Lebewesen).
Im Prinzip reicht dies aus, um die Beteiligung des Nervensystems an allen kognitiven Dimensionen zu beschreiben.“

Mein Merksatz: Menschliches Erkennen als wirksames Handeln.

Am Ende kommt er auf die Kommunikation und soziale Systeme zu sprechen.
Die Sprache ist die Eigenheit eines soziales System. Sie erweitert die Eigenschaften der Mitglieder.
Handeln wird ĂĽber Sprache koordiniert. Und hierĂĽber findet soziales Lernen statt.
Maturana bezeichnet Sprache als „neue Dimension der operationalen Kohärenz unseres gemeinsamen In-der-Sprache-Seins […], das was wir als Bewusstsein oder als unseren Geist und unser Ich erfahren.“

Auch hier wird wieder klar, dass Kommunikation kein Empfangen und Senden von Informationen darstellt, sondern dass sie Teil eines fortlaufenden gemeinsamen Veränderungsprozesses ist, in dem wir miteinander verbunden sind und unser Handeln aufeinander abstimmen.
Und in diesem Abstimmen der Handlungen entsteht die Erfahrung. Meist merken wir erst wie sehr die Erfahrung von der Verbindung zur Kommunikation abhängt, wenn Kommunikation misslingt.
Wenn also die Koppelung zusammenbricht.
Durch Sprache bringen wir laut Maturana eine Welt hervor, die wir miteinander teilen.

Vielleicht ist der letzte Satz etwas, das ich weiterdenken kann, indem ich es auf Literatur anwende.
Literatur gelingt für mich, wenn sie den Leser zulässt und eine Strukturkopplung der gemeinsamen Irritation eingeht. In Kommunikation mit mir tritt, durch die wir eine Welt hervorbringen. Jedes Lesen desselben Textes kann eine andere Möglichkeit hervorbringen und neue Räume öffnen. Aber nur, wenn die Literatur kohärent einen Rahmen vorgibt, in dem eine gemeinsame Koordination möglich ist. Damit wird klar, dass Literatur und Sprache für mich etwas lebendiges sind.
Ein Gedanke, der mir bereits während Luhmann’s AusfĂĽhrungen zur Interpenetration von Systemen kam. Dazu ein andermal mehr…