Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll

Böll hat ein gutes Zeitdokument geschaffen, das im Verlauf des Textes für mich immer verständlicher wurde – auch ohne diese Zeit selbst zu kennen.

Nachdem im Buch das Wort „Sublimierung“ fiel, fiel der Groschen. Ja, das erklärt, warum der Text für mich keine greifbare Form hat und ich ihn als eine absolut unproduktive Schieflage las.
Die Sublimierung liegt in dieser gezeichneten Gesellschaft als soziale Verdrängungsmaschine vor: Etikette, Schweigen, „darüber spricht man nicht“, moralische Fassaden. Jeglicher Affekt wird klammheimlich unters Spitzendeckchen gekehrt. Und das erzeugt einen fruchtbar neurotischen Resonanzraum.
Hans ist sein Symptom.

Was den Text so inkohärent macht, ist Hans’ Unmittelbarkeit, die überhaupt kein Gegenmodell einnimmt, sondern ein privater Spiegel mit verschobener Begehrensstruktur ist, die keine Symbolisierung findet.
Hans spricht zwar alles aus, er verletzt Etikette, verweigert Höflichkeit – lebt aber nicht frei.
Er lebt in seiner Abwehr rein in affektiver Triebenergie, die keine Form kennt.
Er behauptet sich in Monologen und Dialogen als moralisch überlegen und kippt in seiner eigenen Begehrensstruktur völlig weg.

So wie der Text aber sprachlich gestaltet ist, schützt er Hans’ Position.
Böll arbeitet nämlich in einer Art Thesenpapier. Sämtliche Gedanken und Gespräche sind in einer Frontstellung konzipiert, die Meinungen sendet und sendet und sendet … mir aber überhaupt keine Möglichkeit gibt, mich dazu zu verhalten. Böll arbeitet leider antikommunikativ, sodass viele Szenen nur wie eine Art Ausstellungsstück einer Zeit anmuten, die mit mir nichts mehr zu tun hat.

Durch diese formale Entscheidung ist sämtliche Psychologie, die Hans so interessant macht, dahin.
Der Typ ist nämlich in einer krassen Fixierung gefangen. Marie ist lediglich eine Art Stabilisierung seines Selbstbildes – wozu selbstverständlich sein ausgeprägter Sexualtrieb ihr gegenüber gehört, der eine Art Regression darstellt. Allein das Körperliche mit Marie bedeutet für ihn Wahrheit.
Was als Vermittlungsgeste zwischen dieser Triebenergie stünde, wird als Lüge radikal bekämpft.
Wer in dieser Haltung lebt, hat nur die Möglichkeit zur Entladung, Fixierung und/oder Kränkung.
Und was der liebe Hans gekränkt ist – in einer Verletzung des Egos sondergleichen.
Er trauert um verlorene VerfĂĽgbarkeit.
Zudem lässt er mit einer Selbstverständlichkeit und einem Anspruchsdenken andere Leute für sich zahlen, die einem die Augen übergehen lassen, wenn er im gleichen Atemzug von Charakterfehlern der Anderen spricht.

Damit macht Böll zwei Stellungen auf, die problematisch sind.
Zum einen scheint er aufzeigen zu wollen, dass diese Gesellschaft kein Gegenmodell kennt. D. h., ich kann nur negativ zu ihr stehen, wenn ich die symbolischen Formen nicht mitspiele.
Allerdings öffnet er mit der strukturellen Anlage Hans’ ein neues Feld, indem er die Negativität, die sich aus dieser Gesellschaft ergibt, ausgerechnet im Ich-Erzähler einsperrt und durch dessen Unmittelbarkeit, die ihn blockiert, genauso leer laufen lässt wie das, was kritisiert werden soll.

Sackgasse, will ich da meinen.

Der Text kann sich dadurch über weite Strecken nicht selbst reflektieren. Das gelingt lediglich hier und da in den Dialogen, die etwas aufreißen und Denken ermöglichen.
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich bei etwa 60 % aufs Hörbuch gewechselt bin – aber die restlichen 40 % leben von starken Dialogszenen, die vieles von der spröden Art des Buches für mich wettmachen.

Mit dem Ende ist Böll sehr konsequent. Und das muss ich ihm lassen.
Er belässt Hans in einem handlungsunfähigen Dissens. Er bleibt in einem symbolischen Außen, ohne es zu verändern.

Aber er öffnet dennoch. Denn Hans’ Vater ist die Schlüsselfigur: jemand, der Risiken eingeht, Entscheidungen fällt, Verantwortung übernimmt – ohne jegliche moralische Pose.
Er ist eine ambivalente Figur. Gesellschaftlich angepasst, ja, aber mit Momenten realer GrenzĂĽberschreitung im Leben.
Und auch darin liegt eine Wahrheit.
Ich kann mich noch so moralisch empören und den Clown spielen, der nicht dazugehört: Laute Ablehnung, die nichts transformiert, bleibt folgenlos.
Vielleicht liegt genau hier Bölls bitterste Einsicht – ob beabsichtigt oder nicht:
Dass selbst verachtenswürdige, kompromittierte Existenzen mehr Wirklichkeit erzeugen können
als ein moralisch reiner Dissens, der sich jeder Vermittlung verweigert.

Nachtrag:

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass „Ansichten eines Clowns“ als Antithese zu „der Fall“ von Camus gelesen werden könne.

Nachdem ich mir meine Rezension zu „der Fall“ nochmal angesehen habe, kann ich das bestätigen. FĂĽr mich eine Antithese auf Umwegen.

Hans ist dem Bußrichtiger in vielerlei Hinsicht strukturell ähnlich. Er setzt ebenfalls vieles absolut und kippt in einen Begehrensdogmatismus Marie gegenüber. Die Antithese ist tatsächlich der Vater, dem die Absicht der Handlung definitiv nicht voraus ging. Der setzt sich als Subjekt auch nicht absolut. Das scheint mir inzwischen der Kernpunkt des Buches zu sein.
Beide Bücher teilen sich tatsächlich viele thematische Punkte.

Ich denke ich weiĂź jetzt, warum die Mutter keine groĂźe Rolle spielte. Böll scheint es tatsächlich um eine Art existentialistische Moralphilosophie zu gehen, die egal aus welcher Ecke sie kommt – obs der religiöse Anstrich, sonstige Ettiketten sind ODER von einem AuĂźenseiter, der ohne Relativierieung alles bekämpft und ablehnt, das das System zu bieten hat – leerläuft und scheitert, sofern sie sich absolut setzt.
Die Mutter bleibt blass, weil sie nichts zu verhandeln hat. FĂĽr sie ist Moral leer, lediglich ein Label, das je nachdem was grad angesagt ist, austauschbar ist. Die ist schon im Endzustand, wenn man so willst.

Für mich bekommt das Buch immer mehr Schärfe.

Und zu aller Freude, lese ich doch gerade eben in „Differenz des Fichte’schen und Schelling’schen Systems der Philosophie“ von Hegel folgendes:


„ DaĂź die Dinge an sich, – wodurch nichts, als die leere Form der Entgegensetzung, objektiv ausgedrĂĽckt ist, wieder hypostasirt und als absolute Objektivität, wie die Dinge des Dogmatikers, – gesetzt, – daĂź die Kategorieen selbst, theils zu ruhenden todten Fächern der Intelligenz, theils zu den höchsten Principien gemacht worden sind, vermittelst welcher der Ausdruk,in dem das Absolute selbst ausgesprochen wird, wie z. B. die Substanz des Spinoza, vernichtet werden, und somit das negative Räsonniren sich nach wie vor an die Stelle des Philosophirens, nur mit mehr Prätension unter dem Nahmen kritischer Philosophie, setzen konnte – diese Umstände liegen höchstens in der Form der Kantischen Deduktion der Kategorieen, nicht in ihrem Princip, oder Geist;“ [Hauptwerke 1 – Jenaer kritische Schriften]

Das Absolute ist bei Hegel kein fertiger Inhalt, sondern ein Prozess, eine Bewegung der Vermittlung.
Sobald ich ein Prinzip (Substanz, Moral, Negativität, Authentizität, Kritik) fixiere, höre ich auf zu philosophieren. Deshalb schreibt Hegel : „das negative Räsonnieren an die Stelle des Philosophierens“.

Das ist fast eins zu eins das, was ich bei Hans beobachte. Urteilen, Abgrenzen, Verwerfen, Feststellen, Moralisch positionieren. Aber ohne Vermittlung, ohne Selbstbewegung, ohne Risiko. Und genau das verbindet Hegel mit „mehr Prätension“: Das Denken gibt sich kritisch, radikal, konsequent – ist aber leer. Hans setzt seine Unmittelbarkeit, Negativität und Anti-System-Haltung absolut. Deshalb werden sie wie Hegel schreibt, „hypostasiert“. Das Denken erstarrt. Die Kategorien werden zu „toten Fächern“. Es gibt kein Werden mehr, nur noch Urteil. Keine Vermittlung, keine Handlung, kein Ereignis.

Nur dass Böll leider die formale Bewegung verhindert, die Hegel einfordert.

Ist mir aber dennoch eine Aufwertung auf 3,5/5 Sternen wert.

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