Der Schatten des Körpers des Kutschers von Peter Weiss
29. Januar 2026Das Pferd…
…das Pferd
Das ist keine Utopie. Höchstens ein kurzes Aufblitzen dessen, was möglich wäre, wäre man nicht aus der Zeit gefallen. Raum und Zeit sind kein Erfahrungsraum mehr. Raum ist kein Ort mehr.
Ich habe gelacht – viel gelacht. Erst dachte ich, klar wirkt es auf mich befreiend, immerhin nimmt er mir nichts. Peter Weiß gibt dem Symbolischen, der Bedeutungsebene, nämlich keinen Raum.
Jegliche Beobachtung ist rein funktional. Ohne Wertung, ohne Emotion, ohne Psychologie.
Die Situationen wirken alle entkoppelt.
Die Figuren leben auf engem Raum nebeneinander. Speisen zusammen. Kommen sich unfreiwillig zu nah. Sie kennen nur keine Beziehung zueinander. Aus der Zeit gefallen. Kein Vorher und Nachher der Situation. Niemand hat eine Geschichte. Jeder kehrt Tag für Tag in sein Zimmer zurück. Isoliert und bedeutungslos.
Diese Menschen sind nirgendwo eingebettet. Sie sind da. Sie handeln. Situativ, punktuell, schattenhaft – folgenlos.
Es kumuliert in einer absurden Gemeinschaftsszene. Alle sind da. Alle handeln (bis auf den Ich-Erzähler). Ein Wandschrank. Zwei Frauen. Die Axt. Das Brecheisen. Die Tür auf dem Kopf.
Anna Carina lacht, lacht viel.
Eine Gesellschaft, die nur aus Abläufen besteht. Was sie eint, ist die Gleichzeitigkeit im Raum. Die obsessive Enge, ohne sich zu begegnen.
Warum lache ich so viel?
Denn eigentlich verstehe ich den Text nicht wirklich.
Aber er liest sich so offen.
So fühlt es sich an, wenn Welt nicht mehr trägt.
Bleiben dann nur noch die absurden Momente des Lachens? Der Witz hat schließlich keine Pointe.
Erlöst wird in diesem Text nichts. Ich sitze mitten drin, am Tisch, sehe den Zahn von einer Hand in die andere wandern, die Haushälterin die Fusseln von jemandes Jackett fummeln, den Käfer auf die Herdplatte fallen – ich esse – weiter. Es geht nur weiter. Da ist sonst nichts. Und wieso geht es weiter, immer weiter, ohne Sinn?
Ist mein Lachen das Einzige, was bleibt, um nicht zu verstummen? Eine Form des Überlebens?
Vielleicht ist es dieselbe Erkenntnis, die auch Vergil im Tod des Vergil trifft:
ein letztes Begreifen zugeflutet wurde und er blitzhaft erkannte, daß die Zersprengung der Schönheit einfach das nackte Lachen ist und das Lachen die vorbestimmte Aufsprengung der Weltenschönheit, daß das Lachen von Anbeginn an der Schönheit beigegeben ist und ihr für immerdar innewohnt, daß es als Lächeln in ihr schillert an den Unwirklichkeitsgrenzen der Überferne, dann aber brüllend aus ihr hervorbricht an der Wendegrenze ihrer Dauer, hervorbricht als die dröhnende, donnernde Zeitenzertrümmerung, als die dämonische Kraft zur Alleszertrümmerung, das Lachen, Widerpart der Weltenschönheit, das Lachen, verzweifelter Ersatz für die verlorene Erkenntniszuversicht, das Lachen als Ende für die abgebrochene Flucht in die Schönheit, das Ende des abgebrochenen Schönheitsspieles;
Das Pferd trägt Geschichte. Es trägt eine Last über einen langen Weg und muss in derselben Nacht zurück. Es kam am Horizont in der Dämmerung. In seiner Bewegung verschwand es nie in der beginnenden Dunkelheit. Es hat Raum und Zeit auf seiner Seite. Und auf einmal wird Denken möglich. Das Pferd steht in einem Zusammenhang.
Der Mensch – wo ist sein Zusammenhang?
Als biologischer Vorgang mit den Schatten aus dem Blickfeld geraten.