Jenseits des Unbehagens – „Sublimierung“ von Goethe bis Lacan von Eckart Goebel
14. Dezember 2025Sublimierung meint den Prozess, durch den Triebkräfte, die nicht direkt ausgelebt werden können oder dürfen, in andere Formen überführt werden – etwa in Kunst, Sprache, Denken oder kulturelles Handeln. Was ursprünglich körperlich, drängend oder gesellschaftlich unerwünscht ist, wird verwandelt und bekommt eine neue Richtung. Dabei geht es nicht einfach um Verdrängung oder Verzicht, sondern oft um eine kreative Umformung.
Die Vorstellungen davon, was genau dabei geschieht, gehen allerdings stark auseinander: Bei Freud ist Sublimierung eng mit Ersatzlust und Triebverzicht verbunden. Nietzsche dagegen versteht sie als Ausdruck von Stärke – als ein Weg, Triebenergie zu steigern statt zu unterdrücken. Schopenhauer bleibt asketisch und melancholisch: Für ihn ist Sublimierung eher Rückzug als Gestaltung. Goethe sucht über die Kunst einen Weg, das Maßlose zu tragen. Thomas Mann zeigt die Gefahren des Triebverzichts, aber auch das Lustvolle an sprachlicher Transformation. Adorno begreift Sublimierung als doppelte Bewegung: Sie zeigt, was verloren ging – und bewahrt es gerade dadurch.
Lacan schließlich denkt sie am radikalsten: Sublimierung heißt für ihn nicht, etwas zu veredeln oder zu überhöhen, sondern die Beziehung zum fehlenden Objekt so zu verändern, dass etwas Neues entstehen kann – ohne das Begehren je zu stillen.
Im Folgenden fasse ich die Kapitel dieser unterschiedlichen Konzepte grob, unter BerĂĽcksichtigung der fĂĽr mich interessanten Punkte zusammen:
Goethe
FĂĽr Goethe stellte die Sublimierung eine Form der Entsagung dar.
Sie kulminiert im »Stirb’ und werde!«. Das grob Stoffliche und Vergängliche wird unsterblicher Geist.
Goethes Dichtung ist das weltliche Evangelium, Schilderung der Passion; die Seele geht in der tragischen Erfahrung der Liebe zugrunde, und ihre Wiederauferstehung vollzieht sich sublim und subtil im Gedicht, und nur dort. Es vollzieht sich Sublimierung in der Tat, aber ĂĽber einem leeren Abgrund der Sinnlosigkeit, den die Elegie an ihrem Ende erschreckend aufreiĂźt:
Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prĂĽften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an GĂĽtern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, sie richten mich zugrunde.
…Goethes Elegie als Sublimierung, um ein geliebtes Objekt durch etwas anderes zu ersetzen, um über eine schmerzhafte Erfahrung des Begehrens hinwegzukommen.
An die Stelle des unerreichbaren oder verlorenen Objekts tritt als Surrogat und kompensatorisch die Arbeit am Prozess der Zivilisation, deren hauchfeine, doch sozial womöglich erfolgreiche Blüte das kulturelle Erzeugnis darstellt, etwa ein Klagegedicht, eine Elegie.
Für Goethe stand die Erkenntnis im Raum, dass sich das mögliche Glück einer Einheit nie erfüllt.
Die Passion als Steigerung der Sehnsucht nach einer Wiederherstellung von Gegenwart.
Vermisste Gegenwart → „das Bild der Geliebten flackert im Wiederholungszwang“
Er wiederholt ihr Bild zu tausendmalen, Das zaudert bald, bald wird es weggerissen, Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen; Wie könnte dies geringstem Troste frommen, Die Ebb’ und Flut, das Gehen wie das Kommen?
Goethes Elegie nimmt die von Freud inventarisierten, wichtigsten Formen von Sublimierung – Wissenschaft, Religion, Identifizierung (›Aufhebung‹), Betäubung – erstaunlich vollständig vorweg, aber negativ: Sie funktionieren nicht.
Goethe ersetzt in der Elegie den Selbstmord durch die Geste der Dankbarkeit.
Sublimierung wird möglich durch die Liebe, die die Welt erhebt.
Obwohl die Elegie die fatale Einsicht des Werther-Gedichts in den Zerfall der idealistischen Einheit aus Liebe, Selbst und Welt paradox bestätigt, indem sie dankbar die fruchtbare Illusion bewahrt und sich für die Wiederholung öffnet, stürzt sie die Leser zuletzt in die Traurigkeit über die Endlichkeit des individuellen Lebens. Die letzte Liebe ist nicht nur die Erfahrung fruchtbarer Illusion, sie ist auch die unerträgliche Erfahrung endgültiger Trennung.
D. h. zusammenfassend: Die Ersatzmechanismen Religion, Wissenschaft etc. greifen nicht, solange das Subjekt auf die ständige körperliche Präsenz des geliebten Objekts zielt.
Liebe ist ein Zeitproblem – die Unvereinbarkeit von Dauer und Vergänglichkeit.
In der Trilogie der Leidenschaft entwickelt Goethe den Begriff der Sublimierung weiter. Hier erscheint sie nicht mehr resignativ.
Kunst als Ăśberschreitung in Richtung eines Ungeheuerlichen, das das Sublime ist.
Kunst als Erfahrung des Ungeheuerlichen – unstillbare Passion, das Begehren.
Bei Goethe erscheint es in ĂśberfĂĽlle, Ăśberreichem, Allzuvielem, Allzuschnellem.
Goethes Begriff des GlĂĽcks ist es, in der Kunst zu erfahren, was im Leben vernichtend ist.
Durch die Sublimierung ist es Goethe nun möglich, das Maßlose zu tragen, die Passion zu durchleben, ohne ihr zu erliegen, dem Begehren nicht zu erliegen, sondern ihm Form zu geben.
Die Leidenschaft wird tragfähig.
Ihm gelingt es, sein »individuelles Schicksal« hinter sich zu lassen, an die Stelle der Sucht nach individueller Erfüllung die permanente Transformation treten zu lassen und damit ›Objektivität‹ der Darstellung, das Pathos der Distanz zu erreichen. Damit erreicht er etwas, für das auch Thomas Mann in seinem Werk einsteht und erfüllt mit dem Pathos der Distanz den Sublimierungsgedanken von Nietzsche und Freud.
Schopenhauer
Denkt dualistisch.
Welt und Vorstellung sind für Schopenhauer nur durch Askese zu bändigen – Verneinung des Geschlechts.
Für ihn hängt die Aggression über jeder Sublimierung – Wünsche, auf die wir nicht verzichten wollen. Die verdrängten Wünsche „auf die wir nicht verzichten wollen“ bleiben unerlöst im Raum.
„Feste Kontemplation“ – durchschaut den Schein der Welt als sinnlos.
Die Philosophie als asketisches Ideal – Sublimierung vom Willen ins Wissen.
Er lehnt Vermittlung ab, keine Formbildung zwischen triebhafter Welt und Erscheinung.
Eisig fixierte Welt, ein Dokument klinischer Melancholie.
Keine Entwicklung – das verlorene Objekt wird nicht aufgehoben.
Nietzsche
Sublimierung ist ein Wertkonzept.
Das wilde Tier hat sich vergöttlicht.
Das Apollinische als Sublimierung des Dionysischen.
Kultur, Zivilisation sublimieren das Dionysische.
Sublimierung als Instrument der Entlarvung.
Sublimierung ist Steigerung der Macht – die große Selbstbeherrschung. Wer sublimiert, lebt intensiver.
Gegenentwurf zu Schopenhauer:
»Wer sein Vernunftvermögen nur dadurch entwickeln kann, daß er seine Sinnlichkeit abtötet, hat einen schwachen Geist. Ein starker Geist hat es nicht nötig, die Triebe zu bekämpfen, er beherrscht sie, so wie sie sind; damit ist er, nach Nietzsches Meinung, die Vollendung menschlicher Macht.«
Sublimierung: Vollendung und Gipfel der Freiheit.
Er sieht den Begriff „Laster“ als physiologisches Unvermögen, zu reagieren.
Er denkt Sublimierung jenseits des Unbehagens. Aus der Erfindung des schlechten Gewissens realisiert sich die falsche Sublimierung.
Der Wille zur Macht ist bei Nietzsche kein Trieb, sondern eine habituelle Reaktion auf die Erfahrung des totalen Ausgeliefertseins.
Ursprüngliche Dimension der Sublimierung ist die Einführung einer Regel, um das vorkulturelle Chaos zu strukturieren – in die Sitte (Sittlichkeit) zu gelangen.
Eine Ordnung, die sich auf die Erfahrung der Ohnmacht stĂĽtzt und mit dem Willen zum Ăśberleben korrespondiert. Moral als Ordnung, die auftaucht und die Subjekte unterwirft.
Wissenschaft als höchster Gipfel der Sublimierung, die sich selbst erkannt und durchschaut hat.
Dieser nicht hingeben, sondern über dem Abgrund wohnen – die große Selbstbeherrschung.
Freud
Gegen das Lustprinzip, das sowohl den Partialtrieben als auch dem Sexualtrieb sensu stricto zugrunde liegt, und gegen das Nirvanaprinzip, die aggressiv oder depressiv konturierte Sehnsucht nach Auflösung in anorganische Natur, muss das fragile Ich sich erhalten. Aus der vielschichtigen Herausforderung resultiert die Komplexität des Sublimierungsbegriffs.
Freud und Nietzsche teilen den Gedanken eines Ideals vollkommener NĂĽchternheit, als das Pathos der Distanz bedeutender Einzelner.
Wissenschaft schließlich ist gekennzeichnet durch die reflexive sublime Distanzierung all dieser Stufen, durch die klare Einsicht in die Realität jenseits von Phantasie und Illusion. Wissenschaft als Begreifen ist in der Tat erneut gedacht als das absolute Wissen, als die radikale Lossagung von eben dem Lustprinzip, das zur Produktion von Träumen, Phantasien und Illusionen anregt.
Freud lässt die Dualismen Schopenhauers hinter sich.
Wissenschaft ist ein asketisches Ideal:
»Die Wissenschaft ist eben die vollkommenste Lossagung vom Lustprinzip, die unserer psychischen Arbeit möglich bleibt.«
Sein Sublimierungsbegriff tendiert in Richtung Zwang und Verzicht.
Nicht die Triebe werden transformiert, es werden die Objekte ersetzt. Lust entsteht aus psychischer, intellektueller Arbeit.
Der groĂźe Unterschied zu Nietzsche:
Der Trieb bleibt, was er ist. Seine Energie wird auf sozial akzeptable Objekte umgeleitet: Wissenschaft, Kunst, intellektuelle Arbeit.
Lust entsteht nicht aus gesteigerter Intensität des Triebs, sondern aus der Abfuhr von Spannung in „höheren“ Tätigkeiten. Das ist Ersatzlust, nicht Intensivierung.
Bei Nietzsche wird der Trieb geformt, und es entsteht mehr Leben, nicht weniger Gefahr.
Interessant ist, dass Freud nie eine Theorie der Sublimierung formuliert hat, sich teilweise widerspricht und den Begriff in der Kulturtheorie im Dunkeln lässt.
Das erklärt sich ein wenig über die Abgrenzung zu Nietzsche. Freud müsste, wie bereits angedeutet, die Sublimierung mit einem bitteren Beigeschmack des Ersatzes oder Verzichts formulieren, so wie er sie begreift. Das Ich wäre in dem Fall stets von Trauer und Melancholie begleitet. Er müsste sich eingestehen, dass der differenzierte Mensch ein Problem mit der Sublimierung bekommt, wenn er nicht sein Ideal aufgibt.
Thomas Mann
In Tod in Venedig zeigt Mann, welcher Preis fĂĽr Askese oder Liebesverbot zu entrichten ist.
Mann analysiert in seinem Werk den Triebverzicht. Er sublimiert durch Darstellung der Sublimierung. Er stellt einen Sublimierungsprozess dar, der misslingt, und kritisiert damit gleichzeitig Schopenhauers stillgelegte Sinnlichkeit.
Bei Aschenbach in Tod in Venedig wäre dies eine verdrängte Projektion in Tadzio.
FĂĽr Mann geht es bei der Sublimierung um eine permanente Transformation, bei der die Lust am Wort zu Tage tritt. Die Objekte bleiben flĂĽchtig.
Er sublimiert den Sexualtrieb, die körperliche Erotik, in kulturelle Produkte. Als Beispiel zieht Goebel die Klavierszene in den Buddenbrooks heran.
Herbert Marcuse wird ergänzend dazu erwähnt, der sinngemäß wiedergegeben wird:
„Das Subjekt erkennt, dass die gesamte Existenz, Sein und Denken erotisierbar sind, so dass ihm alle Aspekte der Welt zur Lust gereichen; wird der biologische Trieb mehr als nur der zur Fortpflanzung, wird er nach Marcuse kulturÂbildend.“
Mann wurde von einigen Seiten Regression vorgeworfen, da er alle Transzendenz als tierisch, also triebhaft, formuliert. Als würde er eine Rückkehr zum Ursprung anstreben. Dabei wird übersehen, dass Mann den Begriff der Sublimierung für Mensch und Natur zusammenfasst. Dies ist bei Mann eine sublimierte Rückbindung – im Wissen, dass es kein unmittelbares Früheres gibt, sondern dass erst durch die Moderne, die Bändigung der Natur, Natur als Idylle und frei konstruiert werden kann. Natur wird in wechselseitiger Beziehung von Mensch und Kreatur erhoben.
Adorno
Keine Sublimierung glĂĽckt, die nicht in sich bewahrte, was sie sublimiert.
– Ästhetische Theorie, S. 145
Adorno führt den Begriff der Sublimierung über das „Kunstschöne“ weiter:
Indem das Kunstschöne sich realisiert als Vergeistigung des seinerseits bereits als Emanzipation, als fortgesetzte Sublimierung gedachten Prozesses der Kultur, kehrt in ihm die Natur wieder.
Seine These: Nur durch die totale Entfremdung der Vergeistigung hindurch kann das Wesen dessen erahnt werden, von dem sich der Mensch entfremdet sieht.
Und hierbei wird die Kunst wirksam. Der Mensch hat die Natur vernichtet, um er selbst zu werden. Das lehnt an das an, was ich zu Thomas Mann ausfĂĽhrte. Beide vermeiden die Regression und sehen Natur nicht als verlorenes Paradies, sondern als etwas, das durch die Kultur hindurch wieder erscheint. Kunst stellt diese Wunde aus.
Sie sublimiert durch die Vergeistigung die kulturelle Sublimierung selbst. Dadurch entsteht eine reflexive Form der Entfremdung, die sichtbar macht, was der Mensch opfern musste, um Subjekt zu werden. In dieser Form kehrt die Natur zurĂĽck.
Und hier trennt sich Adorno von Mann:
Die Natur kehrt nicht als Idylle zurück, sondern als Negativität – als das Unterdrückte, Verstummte, Nicht-Identische.
Durch die Vergeistigung des Kunstwerks ist es erst möglich, eine Form zu finden, die die Differenz wiederherstellt, die im Zivilisationsprozess verloren gegangen ist.
Dadurch ist ein Veränderungsprozess möglich, in dem beide – Natur und Subjekt – über sich hinausgelangen.
Lacan
Lacan teilt den Gedanken, dass das Subjekt aus der Natur herausgefallen ist – mit Thomas Mann und Adorno.
Der Schmerz der Trennung treibt uns an, diese Wunde zu heilen, ohne zu erkennen, dass wir die Wunde der Trennung selbst sind. Es gibt keine Heilung. Insofern ist er Adorno sehr nah, der die Natur in ihrer Negativität zurückbringt. Für Lacan ist eine Einheit mit der Natur ebenfalls ein Phantasma.
Bei ihm ist Sublimierung nicht Veredelung, nicht Überwindung, nicht Formgebung – sondern eine Umstellung der Beziehung zum Ding (das Ding als das Ding an sich des Begehrens).
Er denkt die Sublimierung strukturell und radikalisiert m. E. alle anderen Sublimierungskonzepte.
Sublimierung ist der Prozess, durch den ein Objekt, das nie das Begehren vollständig befriedigt, einen neuen Wert bekommt, indem es an den Platz des Dings (das Reale, das nie vollständig symbolisierbar ist) rückt. Das Begehren wird notwendig gestreut. Oder anders gesagt: Lacan schlägt einen ständigen Objektwechsel vor, der die Sublimierung und Befriedung des Begehrens vollzieht. Nicht im Objekt, sondern im Wechsel selbst liegt das Verhältnis zum Begehren.
In der Erkenntnis, dass es kein höchstes Gut gibt, sieht er die Sublimierung als den Königsweg zur Entdeckung der Welt.
Für Goethe war der Begriff des Glücks, in der Kunst zu erfahren, was im Leben vernichtend ist, wenn wir uns erinnern. Für Lacan ist es Grenzerfahrung – an der Schwelle zur Auflösung des Subjekts. Es ist eine Bewegung um das, was fehlt, die sich in Sprache, Kunst, Liebe und Analyse immer neu formt.
Kunst ist somit eine Grenze zwischen uns und der Krise. Lacan verabschiedet sich vom Ideal des GlĂĽcks.
In der Zuflucht, welche wir vor dem Subjekt für das Subjekt retten, kann die Psychoanalyse den Patienten bis zu der Grenze der Entzückung begleiten, wo sich ihm in der Formel ›du bist es‹ die Chiffre seiner irdischen Bestimmung enthüllt, aber es steht nicht allein in unsrer Macht als Praktiker, ihn dahin zu führen, wo die wahre Reise beginnt.