Moby Dick von Herman Melville

Ich nenne dich Ismael, den Zeugen eines überzeitlichen Ereignisses – Überlebender durch Erzählen.
Ich nenne dich Ismael, einen Heimatlosen, am Rande der Geschichte.
Ich nenne dich Ismael, das Medium der Erzählung – das Spiel der Vermittlung.
Ich nenne dich Ismael, eine Formbewegung des Textes – seine Bewusstseinsstruktur.

Voller Lebenslust, Affekt und Lebendigkeit rauscht Ismael los.
Angst vor Kontrollverlust. Körperlich ausdrucksstark.
Es folgt: verständige Stille und Freundschaft. Geteilte Existenz im Angesicht des Unverstandenen.
Die Erzählhaltung ist spielerisch, unmittelbar. Die Leichte trägt die Schwere.
Ein freiheitlich drängender Wind wirbelt an Deck des Schiffes.
Dann – Aufbruch.

Die Wahrheit, daĂź alles tiefe, ernsthafte Denken nur das unerschrockene Streben der Menschenseele ist, sich die hohe Freiheit ihrer Meere zu bewahren; dieweil die wildesten Winde zwischen Himmel und Erde sich verschworen haben, uns an der elenden Knechtschaft der KĂĽste scheitern zu lassen.
Da jedoch die höchste Wahrheit recht eigentlich im Uferlosen zu Hause ist, in einem Reich ohne festen Grund und Boden, einer Welt ohne Ende, wie Gott selber, so ist es besser, in jener tobenden Unendlichkeit unterzugehen, als schmählich am Legerwall zu stranden, selbst wenn dies Rettung aus aller Not bedeutete!

Wer jetzt denkt, dieses affektive, direkte Erleben des Ozeanischen gehe so weiter, hat sich geschnitten. Der Kopfsprung ins Unbekannte bleibt aus.

Auch wird im Verlauf der Ereignisse deutlich werden, daß sich Ahab dieser äußeren Formen und Gepflogenheiten gewissermaßen als Tarnung bediente, um sie insgeheim zu Zwecken zu mißbrauchen, für die sie von Rechts wegen nicht bestimmt waren. Ein gewisses Machtmenschentum, das sich bis dahin zu einem guten Teil der Beobachtung entzogen hatte, setzte sich später mittels ebendieser Formen unwiderstehlich durch. Die geistige Überlegenheit eines Menschen mag noch so unbestreitbar sein, sie wird sich nie handgreiflich Geltung verschaffen können, ohne sich hinter einer gewissen Mache zu verschanzen, die stets etwas Kleinliches und Erbärmliches an sich hat. Das ist es auch, was die wahrhaft fürstlichen Menschen allezeit vom Gewühl der Welt fernhält, so daß hienieden die höchsten Ehren jenen zufallen, die ihr Ansehen nicht so sehr ihrer unzweifelhaften Überlegenheit über die breite Masse verdanken, als vielmehr ihrer unendlichen Minderwertigkeit im Vergleich zu jener erlauchten heimlichen handvoll, der in göttlicher Untätigkeit Verharrenden. …
Auch wird der Dichter, der im Trauerspiel den überlebensgroßen Menschen in seiner ganzen Unbändigkeit vor uns hinstellen will, sich über einen für seine Kunst so bedeutsamen Sachverhalt, wie den soeben namhaft gemachten, nicht leichtfertig hinwegsetzen.

Also! Zähmen wir das Zuviel durch die Form.
Ich nenne dich Ismael. Du darfst dich zeigen, aber auch verstecken. Ich gewähre dir Aufschub.
Nimm diese Struktur und spanne einen Raum. Dehne die Zeit. Gib dem Prozess genügend Möglichkeiten der Bedeutungsproduktion.
Sinn in der Sinnlosigkeit.
Aber bedenke: Der Ozean duldet keine eskapistische Abstraktion.
Nimm deinen Körper, ziele auf das Konkrete und stelle dich den Naturgewalten.
Einbalsamiert in honigsĂĽĂźe Ideen nutzt du nichts.
Und somit zieht Ismael sich in eine symbolisch-reflexive Struktur aus Wissen, enzyklopädischen Auslassungen, Zitaten, Typologien, Analogien, Systematisierungen zurück.
Der Wahnsinn Ahabs, das Grauen, wird umkreist.
In kleinen Pulsen kehrt Ismael zurück, indem er am Ende einiger Kapitel philosophische Denkbewegungen und ironisch gebrochene Beobachtungen setzt – oder eine Erlebnisszene folgt, in der man auf ein anderes Schiff trifft, Wale jagt, sie zerlegt, in körperlicher Arbeit aufgeht und dem Sturm trotzt.
Diese Passagen ermüden mich irgendwann zutiefst, da sie auf mich wie eine künstlich aufgeblähte Dauerschleife wirken, in der Symbole und Muster ständig wiederholt werden.
Ich drifte immer weiter ab – so sehr, dass selbst solche Knaller mich dann nicht mehr zurückholen:

Der Mensch, der mehr Freude als Trauer empfindet, kann deshalb nicht wesentlich sein; er ist unwahr und unfertig. Das gilt auch für die Bücher. Der wahrste Mensch, der je gelebt hat, war der Mann mit der Dornenkrone, und das wahrste aller Bücher, das des Predigers Salomo, ist aus ehernem Leid gehämmert.
«Es ist alles ganz eitel.» Alles. Noch sträubt sich die Welt gegen die Weisheit des vorchristlichen Predigers.
Wer aber Kerkern und Krankenhäusern aus dem Wege geht und seine Schritte beschleunigt, wenn er einen Friedhof durchquert, und lieber von Opern als von der Hölle spricht; wer Cowper, Young, Pascal, Rousseau gemütskranke arme Schlucker nennt und seiner Lebtag auf Rabelais schwört, als einen überaus weisen und deshalb fröhlichen Menschen; wer so denkt, ist nicht der Mann, um sich mit dem unergründlich wunderbaren Salomo auf einen Grabstein zu setzen und Trübsal zu blasen.
Doch selbst bei Salomo steht zu lesen:
Ein Mensch, der vom Wege der Klugheit irrt, der wird bleiben in der Toten Gemeindes, nämlich bei lebendigem Leibe. Gib dich daher nicht dem Feuer hin, damit es dir nicht den Sinn verwirre und abstumpfe, wie mir damals geschah. Es gibt eine Weisheit, die traurig ist; es gibt aber auch ein Trauern, das Wahnsinn ist. Und es gibt einen Adler in manch einer Seele, der in finsterste Abgründe niederstößt und sich wieder aus ihnen emporschwingt, um sich in sonniger Höhe zu verheren. Selbst wenn er ewig in den Abgründen verweilt, befinden sich diese doch im Hochgebirge, so daß der Bergadler noch bei seinem tiefsten Flug in gröberer Höhe schwebt als andere Vögel im Flachland, so hoch sie sich auch schrauben.

Diese Formverschiebung zum Anfang ermöglicht es Ismael aber, ein Anderer zu werden.
Er fällt aus der vorgegebenen Ordnung heraus und ordnet sich durch diese formale Struktur des Abschweifens neu.
Ein netter Seitenhieb am Rande: Die christlich-westliche Ordnung fällt als Rahmen weg.
Religion als Vermittlung versagt.
Jetzt geht es nur noch um das Halten der Lücke – eine gespannte Leere.
Melvilles, Ismaels Form des Überlebens. Posttraumatisch als Symptom in die Erzählung eingeschrieben.
Und Ahab?
Der ist egal. Der kommt nicht damit klar, etwas nicht zu wissen, und will die volle Kontrolle – Beherrschung der Welt.
Insofern verzeihe ich Melville, dass er am Ende dann den symbolischen Sack zumacht – die zähe Offenheit des Textes wegrasiert, Ahab seine Prophezeiungen erfüllt und Bedeutungszuschreibungen noch und nöcher platziert.

Jede Erzählung fordert ihren Preis.

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