Die Sprache der Möwen von Gyrðir Elíasson

Lyrik scheint kognitiv anders zu wirken als Prosa.
Auch wenn dieser Band viele ähnliche Motive bedient und mit einer gleichmäßig lakonischen, reduzierten Sprache des Ausgesetzt-Seins agiert, fällt es mir schwer, einen bewegten, zusammenhängenden Gedanken dazu auszuformulieren.
Die einzelnen Momente stehen sehr für sich. Als würde dieser Band mehr von einem Weltbezug oder Nicht-Bezug oder Versetzt-Sein handeln.
Die eingesetzte Symbolik wirkt auf mich stark eingeengt. Es gibt wenige Einzelgedichte bzw. Miniaturen, die ausuferndes Gedankenschweifen zulassen. Die karge Sprache baut dennoch eine intensive Atmosphäre auf, sodass zwar der Geist nicht weit kommt, durchaus aber ein resonantes Stolpern und weit entferntes Dröhnen und Ächzen durch den Körper schleicht. Unmittelbar und dicht vernehme ich nur die Stille, den Rückzug, das Scheitern des kommunikativen Verstehens.
Zunächst habe ich „falsch“ gelesen und die Pausen bzw. Zeilenumbrüche nicht mit einem Stocken bedacht. Macht man das, ergibt sich ein völlig neues Bild – von einer Sprache, die sich selbst nicht mehr über den Weg traut. Tatsächlich spiegelt die Form dann die inhaltliche Fragmentierung wider. Ein Daneben, wie Dissonanzen, etwas, das sich erst noch finden muss oder aus dem Rahmen gefallen ist und nicht mehr zurück kann.

DIE WANDERUNG
Von der Hochheide oben blickt man hinunter /
auf den Fjord. Die Häuser schmiegen sich aneinander/
zu einem Haufen am Strand, unter/
steilen Bergen, die bereit zu sein/
scheinen, sich ins Meer zu stürzen,/
und nur darauf warten, dass die Trompete/
des Jüngsten Gerichts erklingt/


Das Meer ist grünlich, es/
ist sonnig und der Wind hier/
oben heult. Auf gewundenen Pfaden,/
die sich durch Heidekraut/
und anderen Pflanzenwuchs/
schlängeln, wandern wir/
in die Windstille hinab./
Wir bewegen uns langsam,/
fast widerwillig, weil/
wir nur ungern auf Menschen stoßen wollen

Dieses Zitat führt die Motive gut zusammen. Die Natur, in der man verweilt, sich aufhält, zu der das lyrische Ich eine Beziehung hat, kommt ohne Kitschcharakter aus. Sie ist einem steten Wandel unterworfen und bietet keinen gleichbleibenden Rückzugsort, keine Sicherheit. Mal ist sie gleichmütig, mal in harter Schwarz-Weiß-Symbolik, mal karg und trist, mal wärmend und ein Sehnsuchtsort der Erinnerungen, aber stets eine Möglichkeit der Bedrohung.
Das lyrische Ich zeichnet sich durch eine passive, träge Art aus.
Es lebt zurückgezogen, scheu und erinnert dennoch an Menschen und Gespräche, die es misst.
Da ist nur kein Zurück. Wieso dann erinnern? Leeren ist der Wunsch.
Das lyrische Ich steht auf Land, auf Stein und Moos. Mitgerissen durch Kräfte, denen es sich ausgeliefert fühlt. Und keine Kraft, die es in Eigenbewegung versetzt. Sterne fallen – wieso immer hier? Behausungen verfallen. Ein dunkles Tal.
Und dann plant er dennoch eine Reise, verreist gerne?
Das lyrische Ich aus einer Zeit vor der Stille? Denn gegen Ende lese ich Gedichte auf Beziehungsebene mit anderen Personen. Rückblenden oder merkwürdige Zusammenschnitte, die in die Begehrenslosigkeit der meisten Gedichte nicht ganz hineinwollen.
Da Lyrik Neuland ist, besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass ich die Komposition und Anordnung nicht verstanden habe. Für mich geht es nicht ganz auf. Das Schlussgedicht passt wieder hervorragend, sodass ich die paar mich logisch irritierenden Gedichte nicht allzu stark in der Wertung gewichten lasse.
Um dem lyrischen Ich in die dynamische, wärmende Bewegung zu verhelfen, schließe ich mit einem Auszug aus „Die Tänzerin“ von Modiano, das motivisch phänomenal gut passt:

„Ich dachte, die Erinnerung an sie käme zu mir, wie das Licht von einem seit tausend Jahren erloschenen Stern, nach den Worten eines Dichters. Nein. Es gab keine Vergangenheit, keinen erloschenen Stern und keine Lichtjahre, die uns für immer voneinander trennen, es gab nur diese ewige Gegenwart.“