Monstergott von Caroline Schmitt

Gegenwartsrealismus, der die Notwendigkeit seines Konflikts erst im letzten Drittel entfaltet und mit viel emotionaler Glätte die Figuren in eine offene Zukunft entlässt.

Ich muss Caroline Schmitt zugestehen, dass sie eine der wenigen Gegenwartsautorinnen ist, die im Rahmen einer gewählten Alltagssprache – einer Mischung aus Jugendsprache und Diskursintegration, die formal völlig entgrenzt daherkommt – einerseits großen Unterhaltungswert erzeugt und andererseits (ich habe inzwischen zwei Bücher von ihr gelesen) eine besondere Dynamik entwickelt, die sich für mich in gewissem Maße produktiv liest.

Ich möchte auf eine Irritation meinerseits eingehen, die selbstverständlich nur aus meinem Erfahrungshorizont heraus spricht, aus meiner Sicht jedoch einen entscheidenden Aspekt liefert, ob man das Buch als gelungen empfindet oder nicht.
Der Text steht vollständig im Zeichen der Religion, des Glaubens an Gott und der Erlöserfigur Jesu.
Nun ist es so, dass mir religiöse Symbolik eher in Form der Sublimierung begegnet ist: Triebenergien werden im Glauben nicht nach außen geleitet, sondern symbolisch transzendiert, indem sie in ein sakrales, heiliges Verhältnis zu Gott umgelenkt werden. Selbst wenn ein Affekt nach außen ausgelebt wird, wird er symbolisch – in der Sprache, in der darüber kommuniziert wird – in die Gesetzmäßigkeit Gottes mit all ihren Umdeutungen und Verschiebungen (etwa: Gewalt wird zum Ausdruck der Liebe) zurückgebunden und in ein getragenes, erhöhtes Stimmungsverhältnis überführt.
Das geschieht in Monstergott nicht. Ganz im Gegenteil: Besonders die erste Hälfte lebt von massiv exponierter Triebenergie. Die Figuren – einschließlich des Pastors – agieren sprachlich hip, modebewusst und im Code des gegenwärtigen Diskurses. Eine Gemeinde, die sich sehr an die Social-Media-Welt angepasst zeigt. Diese Oberfläche überlagert und dominiert die Seite, eigentlich den Geboten Gottes und der Bibel treu sein zu wollen, und zeichnet einen merkwürdigen Kontrast, der eher in die Richtung weist: So wie die christliche Religion anhand der Bibel gelebt wird, ist sie nicht mehr zeitgemäß und muss erneuert werden, wenn man die Menschen nicht verlieren möchte.
Ich denke, Caroline Schmitt wollte genau das erreichen. Es gibt im Buch kurze Diskussionen zu diesem Thema, die jedoch halbherzig bleiben und die Dramatik des Konflikts – zwischen den ewig gültigen Gesetzen eines sich nicht wandelnden Gottes und der kontingenten Welt, deren Gesellschaft sich in ihren Begriffen und Deutungen ständig verändert – nicht wirklich erfassen. Denn wenn man die Bibel als von Gott inspiriertes Wort begreift, muss die Thematik meiner Meinung nach umgekehrt aufgezogen werden: Wenn ich glaube, dann ist die Bibel meine höchste Autorität – und ich stelle die gesellschaftliche Entwicklung nicht als etwas dar, dem sich der Glaube unterordnen oder anpassen muss, damit es für uns bequemer wird.

Vielleicht ist es die Intention des Buches, ein gesellschaftlich simuliertes Religionssetting zu entwerfen. Vielleicht ist es auch Absicht, dass die meisten religiösen Dialoge sich selbst nicht über den Weg trauen und keine Dringlichkeit einer existenziellen Verortung erzeugen, sondern eher einer Medienlogik folgen.
Mir geht es hier um die Konsequenz einer inneren Spannung, die durch den modernen Weltbezug geglättet wird – und leider im Ende völlig verseift herausrutscht.
Das heißt: Wenn ich die Geschichte schon in dieser Logik anlege – womit ich grundsätzlich einverstanden bin, auch wenn es nicht meiner Erfahrung entspricht –, dann muss ich die Brüche, die dadurch entstehen, auch austragen und ausformen.
Das geschieht aber erst im letzten Drittel. Zuvor beherrscht ein ästhetischer Effektstau die Landschaft: Alles ist spürbar, nichts wird geformt.
Die religiöse Symbolik bleibt im Imaginären verhaftet; sie steht als Motiv oder Oberfläche neben der erzählerischen Struktur, ohne in deren symbolische Vermittlung einzutreten. Dadurch entsteht keine formale oder sprachliche Transformation des Glaubens, sondern nur seine Darstellung.
Erst mit Ben’s Thematik wendet sich der Text im letzten Drittel dieser Vermittlung zu. Dann entsteht endlich Druck auf dem Kessel, und der Konflikt „Gott dienen und Ich sein“ spannt sich zum Zerreißen.

Im Groben nimmt sich die Autorin der typischen Themen oder Konfliktzonen an, die aus christlicher Gläubigkeit erwachsen:

  • Die Frau ist dem Manne untertan, darf nicht lehren in der Gemeinde und hat zu schlucken, wenn der Mann seine autoritäre Position ausnutzt.
  • Der Pastor trägt besondere Verantwortung und darf seine Machtstellung nicht missbrauchen oder die Bibel nach eigenem Belieben dehnen.
  • Gott sagt: Homosexualität ist SĂĽnde.
  • Kein Sex vor der Ehe, Masturbation ist verboten.
  • Viele Tabus (u. a. Medien mit Zauberei, dämonischen oder kriegerischen Elementen sind verpönt).
  • Die Gemeinde und ihre Treffen beanspruchen viel Raum im sozialen GefĂĽge, was in der Arbeitswelt Irritationen erzeugt.
  • Der Glaube trifft auf das Leben – und plötzlich zeigt sich, dass ein eng gefasstes Gesetz oder seine Auslegung den komplexen systemischen Strukturen nicht mehr entspricht, die weit darĂĽber hinausweisen.

Ich verfahre hier ähnlich wie bei Anne Freytag: Die Lebhaftigkeit der weitgehend formlosen Sprache und die Intensität mancher Szenen machen Monstergott für mich dennoch zu einem guten Buch, von dem ich denke, dass eine bestimmte Zielgruppe eine produktive Auseinandersetzung damit erleben wird. Schmitt gelingt es, Diskurse sehr organisch und auf der Ebene des Affekts und der Emotion in einen spezifisch persönlichen Erfahrungsraum zu überführen.
Als Literatur: 2 Sterne.
Plus 1 Stern fĂĽr alle, denen Analyse egal ist und die vor allem auf sozial-dynamische Interaktion Wert legen.
Ich habe gelernt, dass für viele das Außen mehr zählt als das Innen – und dass eine Vermittlung beider Ebenen für das literarisch positive Erleben nicht zwingend notwendig ist.