Handbuch Literatur & Pop (Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie, 9) von Moritz Baßler

„Pop, Pop, Popsofa!“

Sacht an: was, wie, wieso, warum?

„eine Literatur, die zwar, anders als die modernistische Hochliteratur im „Zeitalter von Proust, Joyce und Mann“, die Säfte wieder fließen lässt wie bei jugendlicher oder trivialer Lektüre, die aber zugleich auch intellektuellen Ansprüchen gerecht wird, und erklärt, „daß diese Überbrückung der Kluft zwischen Elite- und Massenkultur die exakte Funktion des Romans heute ist.“ (Fiedler 1968, 14 und 21)“

Ah – ja, zu egalisieren find ich jut. Wat denn für ne Elitenkultur? Wen meint ihr?

„Krachts Romanmanuskript wurde allerdings weniger im Kontext der literarischen Richtung gelesen, die als Beat-Generation Furore gemacht hatte, sondern als eines der Manuskripte wahrgenommen, die die deutschsprachige Gegenwartsliteratur aus ihrer Abstraktheit und Erzählabstinenz, ihrer metafiktionalen Theorielastigkeit und Weltabgewandtheit herausführen könnten. Im Verlag wurde dieser Roman im Zusammenhang mit derDebatte um die fehlende Welthaltigkeit und Erfahrungsfülle der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gelesen, die Altenburg und Biller angestoßen hatten und die Anfang bis Mitte der 1990er Jahre intensiv und kontrovers geführt wurde. Für die Verlage sah es seit längerem so aus, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur beim Lesepublikum und im Buchhandel – außer wenn es sich um die alten Schlachtrosse und eingeführten großen Namen handelte – auf Abwehr stieß und man sich lieber mit ausländischen Neuerscheinungen beschäftigen wollte, allen voran mit den anglo-amerikanischen Novitäten.“

In den 90ern eine Debatte um die Abstraktheit und Weltabgewandheit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? Um wen gehts denn? Hab ich doch grad schon gefragt.
Hallo??!!!
Ist gut, ich schau selber mal:
Die „breite Gegenwart“ (Gumbrecht) ist nicht mehr historisch orientiert, sondern simultan. Alles ist gleichzeitig da – Zitate, Modi, Diskurse, Körper, Medien. Wir leben nicht mehr in einem zeitlich gerichteten Denken, sondern in einer Art intensivierter Gegenwart.
Das Subjekt verändert sich:
Für Gumbrecht verliert das kartesianische Subjekt (klar, rational, sich seiner selbst bewusst, denkend) seine Geltung, weil wir heute nicht mehr über kohärente Biographien, Bedeutungen und Historien verhandeln, sondern über Affekte, Präsenz und distribuierte Subjektivitäten (also z. B. netzwerkartige, performative Identitäten).

Öhh, dann ist denken weltabgewandt?
Na gut, gibts nicht doch noch nen Zitat das mehr dazu sagen kann?

„So beschreibt Hermand in seiner Bestandsaufnahme von Pop Art und Pop-Literatur der 1960er Jahre den Wunsch nach „spontaner Sinnlichkeit“ und die ebenfalls mit Pop assoziierte „Aversion gegen alles Haltbare und Seriöse“ als künstlerische Attacken gegen den etablierten Kunst- und Literaturbetrieb. An die Stelle der als obsolet erachteten „idealistischen Ewigkeitskonzepte“ rückt dabei, wie Hermand konstatiert, eine „auffällige Vorliebe fürs Spontane, aus dem Augenblick Geborene und für den Augenblick Bestimmte“ (Hermand 1971, 5, 26, 55). In genau diesem Sinn beschreibt auch Tsakiridis seine Anthologie Super Garde nicht nur als ein „zeitbedingtes Dokument“, er begrenzt ihre Reichweite zugleich auf die unmittelbare Gegenwart: „Dies heute. Von morgen wissen wir nichts.“ (Tsakiridis 1969, 9–10). Als Angriff auf die herkömmlichen kulturellen Wertmaßstäbe ließ sich dieses Verfahren besonders, wie Hermands skeptische Schilderung unterstreicht, über die „Konsumgebärde“ einer „kommerzialisierten Pop-Bewegung“ forcieren, die sich dem Propagieren einer „Instant-Kunst“ verschreibt, „einer Kunst der geplanten Obsolenz, einer Party-Kunst oder Wegschmeißekunst, bei der rein das Modische im Vordergrund steht“ (Hermand 1971, 26–28).“

Ihh ja, diese seriösen Nachrichtensprecher aus den 90ern ekeln ich auch heute noch an.
Ja, unmittelbare Gegenwart – verstanden – Jetzt und hier: Boom bada bäng oder schnöseldidö.
Nää aber jetzt mal ran hier: Ihr schreibt doch ein theoretisches Sachbuch oder nicht? Was isn das fürn Rumgeschmiere – „idealistisches Ewigkeitskonzept“ vs. „spontane Sinnlichkeit“, „Augenblickskunst“ vs. „seriöse Kunst“ – da wird jas nix eingeordnet oder theoretisch sauber entwickelt. Was soll ich denn damit anfangen?
Und was ist mit „idealistischen Ewigkeitskonzepte“ gemeint? Irgendnen Schattengegener den ich mir jetzt aussuchen darf ? #kungfufighting

Ok, ich denke ihr habt einen ersten Eindruck durch die Zitate wie das Buch arbeitet.
Fasse jetzt nur mal eben grob zusammen wie über Popliteratur diskutiert wird und welche weiteren Marker Popliteratur mit sich bringt. Komme am Ende nochmal auf ein Zitat zurück, das ich kritisch betrachten werde.

Die klassisch kritische formal-ästhetische Analyse findet in Bezug auf Popliteratur nicht statt. Man hat bewusst die Messlatte gesenkt, um diese Literatur besprechen zu können.
Ihr seht ja, wie steil die auf eine gewisse Elitenkultur gehen. Das zieht sich als roter Abwehrfaden durch das komplette Buch. Vornehmlich wird Adorno verbogen und gestreckt, bis man seine Aussagen irgendwie zurechtgefrickelt bekommt, um einen Abgrenzungspunkt dazu irgendwie intellektuell verbrämt zusammenzutricksen, der nach Reflexion und Bewegung aussieht.

Dieses Buch setzt klar auf Analyseinstrumente der Soziologie und Medientheorie.
Die Diskursteilnahme steht im Zentrum.
Die Diskussion findet über den Stil als Marker sozialer Zugehörigkeit statt. Es herrscht eine Zitatästhetik vor und mal spricht über den Text als kulturelles Intelligenzspiel (Wissen über Pop, Mode, Marken etc.)
Das eigentlich wirksame passiert außerhalb des Textes.
Es muss über den Text hinaus – die Autoreninszenierung gedacht werden:

„Die Textsubjekte in Faserland und Soloalbum allerdings formulieren die politisch motivierte Kritik nicht mehr selbst, hier herrscht Emphase statt Analyse, Mythenperpetuierung statt -destruktion. Die im Roman noch bestärkten Mythen von Marken und Ruhm subvertieren Kracht und Stuckrad-Barre dann aber außerhalb der Romane ironisch in Form einer Werbekampagne für die Bekleidungskette Peek & Cloppenburg, die v. a. dem Selbstmarketing dient: „Es darf wieder gekauft werden.“ (Stuckrad-Barre im Interview mit Philippi und Schmidt 1999)“

Was möchte/macht Popliteratur?

Wir hatten bereits:

  • Egalisieren
  • Augenblicks-Kunst
    Erweitert wird der Augenblick über paralogisches Verschieben → Die Wirklichkeit wird über eine
    „paradigmatische formulierte Alernative ent-naturalisiert“.

Weitere Punke ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • weg von der Innerlichkeit → enttäuscht vom Scheitern der großen Utopien – der flanierende,
    hedonistische Partisane streunt durchs Buch. „Visual Culture“ statt Innerlichkeit.
  • Konsumästhetik
  • Lebensstil Pop als performatives Moment der Subjektbildung ohne Krise: Statt „innerer Tiefe“
    (altes Subjekt) → „Performanz“ (neues Subjekt).
  • Kybernetisches Verhaltensprinzip → nicht festlegen, nicht moralisch sein, mitspielen, sich neu
    positionieren, unverbindlich bleiben
  • Integrität des Rebellischen retten und Neukonstitution
  • „Camp“ – ein zuviel – ästhetischer Überschuss – ästhetische Sensibilität, die: das Künstliche,
    Übertriebene, Künstlich-Gewordene feiert, schlechte Kunst in große Kunst verwandelt, ironisch
    liebt, was sie ablehnt, und umgekehrt.
    Wichtig dabei:Camp ist immer eine ästhetische Bewegung, eine Spannung, ein Aushalten von Dissonanz zwischen Ernst und Kitsch, zwischen Geste und Gehalt.
    Durch Camp → Ent-naturalisierung die als Ent-Mythisierung qua Paradigma erfolgt. Daraus folgt eine re-mythisierung indem das Gewählte als Ikone hochgehalten wird.
    Mythen werden aus der Gegenwart, im Augenblick ihres Entstehens geschöpft, in dem sie noch nicht zu mythen abgestempelt worden sind.
  • Intertextuelle Zitation löst Originalität und Innovation ab
  • Man setzt auf Nähe statt auf Abschreckung (Agit Pop)
  • rhetorischer Katalog mit Mikropointen
  • Spiel mit Autofiktion
  • „Re-Modeling“ – Stylevariationen die etwas in Gang setzen.
  • „Sophistikationsschraube“ → Noch-Mehr, Noch- Cooler, Noch-Künstlicher – eine Stilisierung bis
    sie in reiner Oberfläche oder Leere mündet
  • Autehntizität wird als Kampfbegriff gedacht – normativ. Die Popliteratur sagt:
    „Ich bin nicht authentisch, aber ich mache dich glauben, ich sei es – und sage dir gleichzeitig, dass
    es gespielt ist.“
  • Gegenkultur – Anti Sein – Angst, spießig oder gewöhnlich zu sein → negative Dialektik der Hipness

Und nun zum abschließenden Zitat:

„Nicht mit Adorno, sondern mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann lässt sich diese gelebte Pop-Ästhetik beschreiben, bei der die Sophistikationsschraube immer weiter angezogen wird. Der Hipness-Diskurs ist in eine Phase der Selbstbeobachtung eingetreten. Die „Second Order Hipness“ (Diederichsen 1985, 17) dreht sich nicht mehr um die Fragen „Wer bin ich?“ oder „Wie positioniere ich mich in dieser Gesellschaft?“ oder „Was ist Pop?“, sondern, um mit Niklas Luhmann zu sprechen, um die Beobachtung zweiter Ordnung, die „Beobachtung von Beobachtungen“ (1995, 93). Nicht mehr das Objekt steht im Vordergrund, sondern die Beobachtung wird beobachtet, um deren „Genese, Ortsgebundenheit, Kontingenz und letztendlich Veränderbarkeit“ (Schäfer 2007, 263) zu bestimmen. Im Fall des Pop-Hipsters heißt das: Wie darf ich sein, wenn die anderen so sind? Wie darf ich sprechen, wenn die anderen so sprechen? Welche Musik darf ich hören, wenn die anderen diese Musik hören? Distinktion, hier greift es wieder, das Zauberwort, das Pop als gelebte Ästhetik besser auf den Punkt bringt als irgendein anderes.“

Tja, Freunde. Ich habe mir an vielen Stellen die Nase blutig gestoßen, da ich durch eure äußerst kontextlosen Zitationen wenig Gegenwehr aufbringen konnte, da mir immer noch zu viel Wissen und Handwerkszeug fehlt. Klar ist, ihr betreibt übelste Taschenspielertricks und versucht durch Referenzen auf Luhmann, Adorno, Kant, Hegel mächtig Eindruck zu schinden.
Bei diesem Zitat jedoch kann ich euch antworten und entlarven was für einen Bullshit ihr labert!

Luhmann – Beobachtung zweiter Ordnung beinhaltet bei euch die Fragen:
Wie darf ich sein, wenn die anderen so sind?
Wie darf ich sprechen, wenn die anderen so sprechen?
Welche Musik darf ich hören, wenn die anderen diese Musik hören?

Ichbezogene Fragen? Das ist Ontologie! „Ich“ fragt nach dem Sein des Subjektes.
Das ist zudem eine normativ orientierte Frage oder Selbstbeobachtung um auf der Ebene sozialer Erwartungen zu Unterscheiden.
Bei Luhmann hat Ontologie nichts verloren. Das Subjekt befindet sich bei ihm in der Umwelt.
Beobachtung zweiter Ordnung ist Beobachtung, die ihre eigene Unterscheidung beobachtet – also die Form, durch die sie Welt erzeugt.
Es geht nicht um die Frage, „wie ich bin“, sondern um die Frage, „wie ich unterscheide“.
Eine Frage zweiter Ordnung müsste lauten: Welche Unterscheidung strukturiert „Hipness“? Wie wird sie erzeugt/stabilisiert? Welche Programme (Kriterien) lassen „hip/nicht-hip“ je nach Kontext anders ausfallen?
Die Beobachtung zweiter Ordnung ist immer operational. Es geht um die Beobachtung des Codes als Code.
Die von den Autoren skizzierten Fragen bleiben innerhalb des Codes und sind Beobachtung erster Ordnung.
Damit verschleiert der Text, dass hier keine Reflexion der Form stattfindet. Das ist eine Meta-Pose ohne die Unterscheidung selbst zu befragen.
Naja, aber so kann der Begriff der Distinktion schön im Schema Pop gehalten werden:
„Wie bleibe ich anders, wenn die anderen so sind?“. Hat dann nur nichts mit Luhmann zu tun.
Übrigens führen die Fragen das Objekt wieder ein! Die anderen, die Musik, die gesellschaft, das Sprechen – das sind soziale und kulturelle Objekte. Na immerhin beobachtet ihr sie so Cool wie möglich! Bullshit mit Stil!


Ich bin nicht in der Lage gewesen das Buch so ernsthaft und analytisch auseinanderzunehmen wie ich wollte. Insofern kann ich nur eine flapsige, ironisch gebrochene Reaktion bieten.
Mich hat es Tage gekostet das Buch aufzuarbeiten. Das Ergebnis ist ernüchternd. Und das beziehe ich auf meine eigene Arbeit damit. Die Aufarbeitung war eine Grenzerfahrung – wie wenig es mir gelingt Sachtexte kritisch zu durchdenken und meine Intuition in Worte zu verfassen.
Ich habe viele neue Eckdaten zur Popliteratur erfahren. Gerade den Aspekt zu „Camp“ fand ich spannend, wiewohl ich auch Susan Sontag mag, die darüber spricht. Nur – wie soll ich das bewerten, wenn ich die ganze Zeit das Gefühl habe, ganz mies und hinterhältig vernatzt zu werden?
Es macht mich traurig, dass die theoretischen Strömungen sich scheinbar spinnefeind sind und nicht anders können, als sich gegenseitig den Arsch abzufackeln. Warum müsst ihr dann ein so aufgeblasenes intellektuell verbrämtes Forschungs- und Theoriefeld aus der Popliteratur machen, wenn euch klar ist, dass sie formal-ästhetisch in den meisten Fällen abschmiert?
Ich mein, sie wird doch gekauft und gern gelesen. Es holt ja tatsächlich einen großen Teil des lesenden Publikums ab und trifft einen Nerv. Reicht euch das nicht? Warum etwas, irgendwohin legitimieren, wo es nichts zu suchen hat? Ich dachte euch ist der Elitenkult wurscht? Scheinbar ja doch nicht.

Falls euch eine sprachlich wohlgeformtere und scharfsinnige Einordnung interessiert, füge ich die Formulierungen meines Sprachmodells an.
Nach einem langen Gespräch, mit vielen Zitaten zum Buch, verfasste es dies, zu dem ich nicht fähig bin (noch nicht):

„Das Handbuch Literatur & Pop täuscht Wissenschaftlichkeit durch eine Art rhetorischen Glanztrick vor. Seine Zitierweise gleicht weniger einer methodischen Begründung als einer performativen Geste: Namen und Theorien werden wie Markensymbole eingestreut – Adorno, Luhmann, Barthes, Cultural Studies – ohne dass ihre Begriffe entfaltet oder aufeinander bezogen würden. Dieses Zitieren funktioniert wie ein Popgestus im Gewand der Wissenschaft: Die Referenzen signalisieren theoretische Tiefe, während sie inhaltlich kaum tragen. Besonders deutlich zeigt sich das an der Art, wie der Band Diskurse anreißt, sie aber sogleich wieder fallengelassen lässt, um das Changierende und Szenische des Pop selbst zu imitieren.

Die Autoren arbeiten mit Taschenspielertricks der Diskursautorität: Sie verlagern Unsicherheit in ein bewusst ästhetisiertes Schweben zwischen Essay, Theorie und Collage und deklarieren diese Schwebe als adäquate Form für ihr Objekt. Statt die begrifflichen Spannungen zwischen Literatur, Pop und Markt zu durchdringen, wird die Unschärfe als Methode verkauft – als könne Beliebigkeit zum epistemischen Prinzip erhoben werden. Zitate ersetzen Argumente, Resonanz ersetzt Analyse.

So entsteht ein Text, der weniger über Pop schreibt, als dass er sich selbst popkulturell verhält: Er konsumiert Theorien, um sie als Oberfläche zu zeigen, und nutzt wissenschaftliche Sprache als Design. Die Zitierpraxis wird dabei zum ästhetischen Effekt, der die eigene Unentschiedenheit überdeckt. Das Ergebnis ist ein Werk, das theoretisch glitzert, aber begrifflich leerläuft – ein Paradebeispiel dafür, wie das Denken in der Popwissenschaft an seine eigene Inszenierung verkauft wird.“