Gym von Verena Kessler

Gym arbeitet mit einer psychotischen Icherzählerin, die Teil der Handlung ist und retrospektiv erzählt.
Der retrospektive Icherzähler ist eine Wahl der Erzählperspektive, die wie bei Christine> von Stephen King eine strukturierende, ordnende, rahmende Funktion erfüllt, die der Geschichte eine gewisse Kohärenz verleiht. Die zeitliche Versetzung und Distanz ermöglicht eine strukturelle Kontrolle. Es ist an sich ein hochreflektiertes Stilmittel.
Nun geht Frau Kessler aber den Weg von Nabokovs Lolita – versieht die Icherzählerin mit einer psychotischen Persönlichkeitsstruktur und entzieht sich genau der gerade gezeichneten Funktion.
Das ist ein tolles Spannungsfeld, aus dem ein komplexer, spannender Text entstehen könnte. Er muss nur sehr bewusst gestaltet werden, damit er nicht unglaubwürdig wirkt.
Ich denke, dass Frau Kessler auf ironische Maskierung setzt. Es wird zwar zu Beginn klar, hier spricht eine verstörte und unbeholfene Person, die einfach mal ein Baby erfindet um den Job zu bekommen und sich ziemlich naiv, dümmlich gebärdet, aber das kann ja Gründe haben, die evtl. noch im Laufe plausibilisiert werden. Wie es zB. Bei Jelinek und die Klavierspielerin der Fall ist. Psychotisches Verhalten wird dort für den Leser verständlich eingebettet, ohne dass ich ihr glauben muss.
Auf Gym bedeutet dies übertragen: wir begleiten die Icherzählerin bei ihrer lügenhaften Selbstinszenierung.
Sprachlich ist sie dabei in realistischer, szenischer Gegenwartsprosa unterwegs, die leicht ironische Züge hat, mit sozialen Codes, die kommentiert und mit Zeitkolorit versehen werden.
Der Ton bleibt in der Regel kühl.

Es ereignen sich daraus dann solche Gespräche :

„Ich kann dir einen guten Preis machen«, sagte Şeyda und sog an ihrem Metallstrohhalm. Ich steckte bis zur Armbeuge im Abwasser und pulte Fruchtstücke aus dem Sieb, damit es ablaufen konnte.
»Du müsstest dich nur diese Woche noch entscheiden, so lange gilt das Angebot auf die alten Modelle, dann kommen die neuen, aber unter uns, die sind auch nicht besser, alles nur Design-Schnickschnack, keine krassen Funktionen oder so.«
Der Ausguss gurgelte. Es war nicht das erste Mal, dass Şeyda versuchte, mir einen Thermomix anzudrehen.
»Gerade für Babybrei ist der einfach unschlagbar, guck mal, du kannst dir hier die Rezepte raussuchen und direkt an deinen Thermomix senden, dann hat der das drin, und du musst eigentlich nur noch auf Start drücken, der sagt dir genau, was du machen musst. Also selbst denken musst du da nicht mehr, ist doch geil, oder? Fütterst du schon zu?«
Kurze Panik, Kopfrechnen: Mein Kind müsste mittlerweile gut vier Monate alt sein, was aß man da, hatte man Zähne, brauchte man welche? Ich meinte, mich dunkel an ein Foto im Hochstuhl mit breiverschmiertem Gesicht zu erinnern, das ich neulich gescreenshottet hatte.
»Ja«, behauptete ich also, »hin und wieder kriegt er ein Gläschen.«
»Oh«, sagte Şeyda Also Fertigbrei? Gekauft?«
Weiterlügen, einfach weiterlügen.
»Stiftung Ökotest hat einige mit sehr gut ausgezeichnet. Also von den Biomarken natürlich.«
»Echt? Welche Marke kaufst du denn?«
Welche Marke, welche Marke.
»Hof Bio Gut.« Klang doch realistisch. »Gibt es nur in wenigen Biomärkten.«
Şeyda nickte, aber ich meinte, leichte Zweifel über ihr Gesicht huschen zu sehen.
»Na ja«, sagte sie schließlich. »Mit dem Thermomix ist es auf jeden Fall superschnell gemacht. Auch bio und natürlich viel günstiger. Überleg’s dir!“

Hier sieht man bereits wie schlecht die eigene Form trägt. Es werden zeitrealistische Elemente und Marken verwendet (Thermomix, Ökotest, Screenshot-Erinnerung), die in kein größeres Motiv überführt werden. Es steht unverbunden im Raum.
Die Pointen sind gut „selbst denken musst du da nicht mehr“, das Lügen, die verlorene Zeitrechnung (Entfremdung, Überforderung) nur werden sie nicht ausgespielt. An keiner Stelle des Buches. Pointen ohne Nachhall.
Auch sprachlich ist das mit der erwähnten Wahl der Erzählperspektive viel zu dünn. Der Werbesprech besitzt keine Schärfe, wie bei BEE American Psycho, die nötig wäre um diese Struktur der Erzählhaltung zu gestalten.

Der Text besteht aus 3 Zeitebenen. Die Zeit aus der erzählt wird, auf die wir am Ende treffen, die Zeit im Gym und der Zeit vor dem Gym – die Zeit einer Karrierefrau.
Äußerst fragmentarisch und entkernt erfahren wir aus dieser Zeit vor dem Job im Gym.
Stets nur in kleinen Sznenischen Abschnitten, die in die Erzählung im Gym eingebettet werden.
Es liest sich daher wie eine Montage. Schnittfolgen, denen das Schnittgefühl fehlt.
Diese Zeiten – Vorgänge im Gym und das Ereignis davor, rasen in immer engeren Schnitten aufeinander zu und durchdringen sich auf ihrem Höhepunkt. Für mich allerdings auf eine künstlich montierte Weise, deren Wahn bei mir auf keine Resonanzebene stößt.
Ich denk mir dabei nur: was fürn übersteigerter Unfug. Kommt an den Slapstickcharakter von der Lolita Szene mit Quilti heran. Die Absurdität zieht durch diese unbeholfene Montage bei mir null.
Kein Vergleich zu den Szenen von Muratas das Seidenraupenzimmer , die Gym nur in Ansätzen versucht zu bedienen.
Ich denke, das liegt auch einfach an der Alltagssprache, mit der Kessler es nicht hin bekommt ästhetisch zu durchformen.
Ja gut, ist halt ne psychotische Erzählerin. Macht das Ganze aber insofern problematisch, als sie sämtliche Hintergründe und Motivationen weglässt, die nur die Reaktionen der Erzählerin wiedergeben, ohne dass man versteht wie es dazu kam.
Der Wahn, die Obsession als psychologische Tiefe wird in dieser kühlen Inszenierung der Figuren und Szenen nicht erfahrbar. Auf mich wirkt der Text wie eine Simulation, da die Icherzählerin gar keine Perspektive aus ihrer Figur entwickeln kann, die unproduktiv in ihrer Setzung bleibt.
Es gibt keine innere Kette, die den Zusammenbruch dieser Figur nachzeichnet.

Gut, hab ich mir gedacht. Wahrscheinlich möchte der Text genau diesen Effekt erzeugen. Vielleicht möchte er diese Gegenwart spiegeln, in der es keine Entwicklung, keine Motivation – nur Oberfläche und Funktion gibt. Damit rücken wir im Motiv sehr nah an Hefters Hey guten Morgen, wie geht es dir? heran.
Ein Buch das zeigen will, dass unsere Gegenwart solche Figuren hervorbringt.
Nur müsste der Text dann ästhetisch radikal handeln.
Wenn ich hier ein leeres Träger-Ich inszenieren möchte, kann ich nicht so unentschieden rumspringen. Dann darf es keinen Einbruch ins Emotionale geben, dann müsste die Fragmentierung aus Überladung, Auslöschung oder Entfremdung entstehen, wie es bei Elfriede Jelinek der Fall ist.
Die Figuren müssen radikal übercodiert sein, leer, steril, funktional.
Sie versucht das, das sehe ich. Es gelingt ihr nur nicht. Sie schwimmt zu fahrig herum, schreibt unkonzentriert und schafft es nicht zu zeigen was die Icherzählerin ist. Sie entscheidet sich nicht und springt zwischen Nähe und Distanz herum.

Zudem wird die Transformation der Icherzählerin und ihre Entwicklung der Obsession zu hastig erzählt. Die naiv-dümmliche Art der Icherzählerin mutet irgendwann nur noch unglaubwürdig an. Menschen die eine Obsession entwickeln werden Experten auf ihrem Gebiet. Sie heuert im Studio an ohne scheinbar vorher solche Geräte zu kennen. Sie arbeitet hinter dem Tresen und mixed Shakes und weiß nach Wochen nicht wie die Geräte heißen, wie viele Sätze mit Wiederholungen man man üblich macht, welche Lebensmittel geeignet sind…. als hätte sie unter einem Stein geschlafen. Immerhin ist der Fitness- und Gesundheitstrend ja nichts, das erst seit kurzem im Deutschland aufgeschlagen ist, zumal sie definitiv Instagram nutzt. Und wie sie so richtig fett in der Obsession und gestörtem Essverhalten hängt wird sie auf folgendes aufmerksam:

Keine Sorge«, sagte Ferhat, der sich nun auch nach ihr umdrehte. »So sieht man nicht plötzlich aus, weil man aus Versehen zu viel Gewicht aufgelegt hat.«
Jahrelanges Training, eine strenge Ernährung und – auch wenn es kaum eine zugab – Steroide seien dafür nötig.
Ratter.
Ratter.
Klirr.
»Steroide, ja?«
»Das Schlimmste, was du deinem Körper antun kannst, wenn du mich fragst. Also es sei denn, du hast kein Problem damit, zwanzig Jahre früher abzunippeln als nötig.«
Wie dumm ich war.
Wie naiv.
Ausnahmetalent – jaja.
Harte Arbeit – lächerlich.
Niemand schaffte es an die Spitze nur mit harter Arbeit und Talent. Man musste die richtigen Leute kennen, die richtigen Tricks, die Mittelchen und Wege. Wann lernte ich es endlich.“

Das kann ich nur als schlecht umgesetzte Satire begreifen. Nicht mal Klischeewissen ist erkennbar.
Und für Satire, bzw. Funktionalisierung des Subjekts kippt das Buch am Ende viel zu sehr in metaphorisch aufgeladene Bilder, die zu groß für den Text sind.
Die Icherzählerin lässt nichts als Prozess wachsen und wummert dann Symbole rein, die keine Grundlage haben.

Nee, das liest sich wie Rohmaterial, das nicht durchdrungen wurde.
Dieser Text weiß was er erzählen will und kennt das Wie einer inneren Bewegung nicht.
Was bleibt, ist ein verblasstes Abziehbildchen, das während des Auftragens schon nicht recht halten möchte.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Schreib den ersten!

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Neuigkeiten

Melde dich für unseren Newsletter an und erhalte Updates zu neuen Rezensionen und Beiträgen!

Mit der Anmeldung erklärst du dich mit dem Erhalt von E-Mail-Benachrichtigungen einverstanden. Du kannst dich jederzeit abmelden.