Gym von Verena Kessler
30. September 2025Gym arbeitet mit einer psychotischen IcherzÀhlerin, die Teil der Handlung ist und retrospektiv erzÀhlt.
Der retrospektive IcherzĂ€hler ist eine Wahl der ErzĂ€hlperspektive, die wie bei Christine> von Stephen King eine strukturierende, ordnende, rahmende Funktion erfĂŒllt, die der Geschichte eine gewisse KohĂ€renz verleiht. Die zeitliche Versetzung und Distanz ermöglicht eine strukturelle Kontrolle. Es ist an sich ein hochreflektiertes Stilmittel.
Nun geht Frau Kessler aber den Weg von Nabokovs Lolita – versieht die IcherzĂ€hlerin mit einer psychotischen Persönlichkeitsstruktur und entzieht sich genau der gerade gezeichneten Funktion.
Das ist ein tolles Spannungsfeld, aus dem ein komplexer, spannender Text entstehen könnte. Er muss nur sehr bewusst gestaltet werden, damit er nicht unglaubwĂŒrdig wirkt.
Ich denke, dass Frau Kessler auf ironische Maskierung setzt. Es wird zwar zu Beginn klar, hier spricht eine verstörte und unbeholfene Person, die einfach mal ein Baby erfindet um den Job zu bekommen und sich ziemlich naiv, dĂŒmmlich gebĂ€rdet, aber das kann ja GrĂŒnde haben, die evtl. noch im Laufe plausibilisiert werden. Wie es zB. Bei Jelinek und die Klavierspielerin der Fall ist. Psychotisches Verhalten wird dort fĂŒr den Leser verstĂ€ndlich eingebettet, ohne dass ich ihr glauben muss.
Auf Gym bedeutet dies ĂŒbertragen: wir begleiten die IcherzĂ€hlerin bei ihrer lĂŒgenhaften Selbstinszenierung.
Sprachlich ist sie dabei in realistischer, szenischer Gegenwartsprosa unterwegs, die leicht ironische ZĂŒge hat, mit sozialen Codes, die kommentiert und mit Zeitkolorit versehen werden.
Der Ton bleibt in der Regel kĂŒhl.
Es ereignen sich daraus dann solche GesprÀche :
âIch kann dir einen guten Preis machen«, sagte Ćeyda und sog an ihrem Metallstrohhalm. Ich steckte bis zur Armbeuge im Abwasser und pulte FruchtstĂŒcke aus dem Sieb, damit es ablaufen konnte.
»Du mĂŒsstest dich nur diese Woche noch entscheiden, so lange gilt das Angebot auf die alten Modelle, dann kommen die neuen, aber unter uns, die sind auch nicht besser, alles nur Design-Schnickschnack, keine krassen Funktionen oder so.«
Der Ausguss gurgelte. Es war nicht das erste Mal, dass Ćeyda versuchte, mir einen Thermomix anzudrehen.
»Gerade fĂŒr Babybrei ist der einfach unschlagbar, guck mal, du kannst dir hier die Rezepte raussuchen und direkt an deinen Thermomix senden, dann hat der das drin, und du musst eigentlich nur noch auf Start drĂŒcken, der sagt dir genau, was du machen musst. Also selbst denken musst du da nicht mehr, ist doch geil, oder? FĂŒtterst du schon zu?«
Kurze Panik, Kopfrechnen: Mein Kind mĂŒsste mittlerweile gut vier Monate alt sein, was aĂ man da, hatte man ZĂ€hne, brauchte man welche? Ich meinte, mich dunkel an ein Foto im Hochstuhl mit breiverschmiertem Gesicht zu erinnern, das ich neulich gescreenshottet hatte.
»Ja«, behauptete ich also, »hin und wieder kriegt er ein GlÀschen.«
»Oh«, sagte Ćeyda Also Fertigbrei? Gekauft?«
WeiterlĂŒgen, einfach weiterlĂŒgen.
»Stiftung Ăkotest hat einige mit sehr gut ausgezeichnet. Also von den Biomarken natĂŒrlich.«
»Echt? Welche Marke kaufst du denn?«
Welche Marke, welche Marke.
»Hof Bio Gut.« Klang doch realistisch. »Gibt es nur in wenigen BiomÀrkten.«
Ćeyda nickte, aber ich meinte, leichte Zweifel ĂŒber ihr Gesicht huschen zu sehen.
»Na ja«, sagte sie schlieĂlich. »Mit dem Thermomix ist es auf jeden Fall superschnell gemacht. Auch bio und natĂŒrlich viel gĂŒnstiger. Ăberlegâs dir!â
Hier sieht man bereits wie schlecht die eigene Form trĂ€gt. Es werden zeitrealistische Elemente und Marken verwendet (Thermomix, Ăkotest, Screenshot-Erinnerung), die in kein gröĂeres Motiv ĂŒberfĂŒhrt werden. Es steht unverbunden im Raum.
Die Pointen sind gut âselbst denken musst du da nicht mehrâ, das LĂŒgen, die verlorene Zeitrechnung (Entfremdung, Ăberforderung) nur werden sie nicht ausgespielt. An keiner Stelle des Buches. Pointen ohne Nachhall.
Auch sprachlich ist das mit der erwĂ€hnten Wahl der ErzĂ€hlperspektive viel zu dĂŒnn. Der Werbesprech besitzt keine SchĂ€rfe, wie bei BEE American Psycho, die nötig wĂ€re um diese Struktur der ErzĂ€hlhaltung zu gestalten.
Der Text besteht aus 3 Zeitebenen. Die Zeit aus der erzĂ€hlt wird, auf die wir am Ende treffen, die Zeit im Gym und der Zeit vor dem Gym – die Zeit einer Karrierefrau.
ĂuĂerst fragmentarisch und entkernt erfahren wir aus dieser Zeit vor dem Job im Gym.
Stets nur in kleinen Sznenischen Abschnitten, die in die ErzÀhlung im Gym eingebettet werden.
Es liest sich daher wie eine Montage. Schnittfolgen, denen das SchnittgefĂŒhl fehlt.
Diese Zeiten – VorgĂ€nge im Gym und das Ereignis davor, rasen in immer engeren Schnitten aufeinander zu und durchdringen sich auf ihrem Höhepunkt. FĂŒr mich allerdings auf eine kĂŒnstlich montierte Weise, deren Wahn bei mir auf keine Resonanzebene stöĂt.
Ich denk mir dabei nur: was fĂŒrn ĂŒbersteigerter Unfug. Kommt an den Slapstickcharakter von der Lolita Szene mit Quilti heran. Die AbsurditĂ€t zieht durch diese unbeholfene Montage bei mir null.
Kein Vergleich zu den Szenen von Muratas das Seidenraupenzimmer , die Gym nur in AnsÀtzen versucht zu bedienen.
Ich denke, das liegt auch einfach an der Alltagssprache, mit der Kessler es nicht hin bekommt Àsthetisch zu durchformen.
Ja gut, ist halt ne psychotische ErzĂ€hlerin. Macht das Ganze aber insofern problematisch, als sie sĂ€mtliche HintergrĂŒnde und Motivationen weglĂ€sst, die nur die Reaktionen der ErzĂ€hlerin wiedergeben, ohne dass man versteht wie es dazu kam.
Der Wahn, die Obsession als psychologische Tiefe wird in dieser kĂŒhlen Inszenierung der Figuren und Szenen nicht erfahrbar. Auf mich wirkt der Text wie eine Simulation, da die IcherzĂ€hlerin gar keine Perspektive aus ihrer Figur entwickeln kann, die unproduktiv in ihrer Setzung bleibt.
Es gibt keine innere Kette, die den Zusammenbruch dieser Figur nachzeichnet.
Gut, hab ich mir gedacht. Wahrscheinlich möchte der Text genau diesen Effekt erzeugen. Vielleicht möchte er diese Gegenwart spiegeln, in der es keine Entwicklung, keine Motivation â nur OberflĂ€che und Funktion gibt. Damit rĂŒcken wir im Motiv sehr nah an Hefters Hey guten Morgen, wie geht es dir? heran.
Ein Buch das zeigen will, dass unsere Gegenwart solche Figuren hervorbringt.
Nur mĂŒsste der Text dann Ă€sthetisch radikal handeln.
Wenn ich hier ein leeres TrĂ€ger-Ich inszenieren möchte, kann ich nicht so unentschieden rumspringen. Dann darf es keinen Einbruch ins Emotionale geben, dann mĂŒsste die Fragmentierung aus Ăberladung, Auslöschung oder Entfremdung entstehen, wie es bei Elfriede Jelinek der Fall ist.
Die Figuren mĂŒssen radikal ĂŒbercodiert sein, leer, steril, funktional.
Sie versucht das, das sehe ich. Es gelingt ihr nur nicht. Sie schwimmt zu fahrig herum, schreibt unkonzentriert und schafft es nicht zu zeigen was die IcherzÀhlerin ist. Sie entscheidet sich nicht und springt zwischen NÀhe und Distanz herum.
Zudem wird die Transformation der IcherzĂ€hlerin und ihre Entwicklung der Obsession zu hastig erzĂ€hlt. Die naiv-dĂŒmmliche Art der IcherzĂ€hlerin mutet irgendwann nur noch unglaubwĂŒrdig an. Menschen die eine Obsession entwickeln werden Experten auf ihrem Gebiet. Sie heuert im Studio an ohne scheinbar vorher solche GerĂ€te zu kennen. Sie arbeitet hinter dem Tresen und mixed Shakes und weiĂ nach Wochen nicht wie die GerĂ€te heiĂen, wie viele SĂ€tze mit Wiederholungen man man ĂŒblich macht, welche Lebensmittel geeignet sindâŠ. als hĂ€tte sie unter einem Stein geschlafen. Immerhin ist der Fitness- und Gesundheitstrend ja nichts, das erst seit kurzem im Deutschland aufgeschlagen ist, zumal sie definitiv Instagram nutzt. Und wie sie so richtig fett in der Obsession und gestörtem Essverhalten hĂ€ngt wird sie auf folgendes aufmerksam:
Keine Sorge«, sagte Ferhat, der sich nun auch nach ihr umdrehte. »So sieht man nicht plötzlich aus, weil man aus Versehen zu viel Gewicht aufgelegt hat.«
Jahrelanges Training, eine strenge ErnĂ€hrung und – auch wenn es kaum eine zugab – Steroide seien dafĂŒr nötig.
Ratter.
Ratter.
Klirr.
»Steroide, ja?«
»Das Schlimmste, was du deinem Körper antun kannst, wenn du mich fragst. Also es sei denn, du hast kein Problem damit, zwanzig Jahre frĂŒher abzunippeln als nötig.«
Wie dumm ich war.
Wie naiv.
Ausnahmetalent – jaja.
Harte Arbeit – lĂ€cherlich.
Niemand schaffte es an die Spitze nur mit harter Arbeit und Talent. Man musste die richtigen Leute kennen, die richtigen Tricks, die Mittelchen und Wege. Wann lernte ich es endlich.â
Das kann ich nur als schlecht umgesetzte Satire begreifen. Nicht mal Klischeewissen ist erkennbar.
Und fĂŒr Satire, bzw. Funktionalisierung des Subjekts kippt das Buch am Ende viel zu sehr in metaphorisch aufgeladene Bilder, die zu groĂ fĂŒr den Text sind.
Die IcherzÀhlerin lÀsst nichts als Prozess wachsen und wummert dann Symbole rein, die keine Grundlage haben.
Nee, das liest sich wie Rohmaterial, das nicht durchdrungen wurde.
Dieser Text weià was er erzÀhlen will und kennt das Wie einer inneren Bewegung nicht.
Was bleibt, ist ein verblasstes Abziehbildchen, das wÀhrend des Auftragens schon nicht recht halten möchte.