Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe – Teil1
2. August 2026Das Spannungsfeld
Mal abgesehen davon, dass Goethe mir mit diesem Buch mein Ressentiment ihm gegenüber genommen und mächtig aufs Maul gehauen hat, worüber ich mich am meisten freue, habe ich einen verblüffenden Bildungsroman gelesen, der in meinen Augen gar keiner ist. Denn so wie sich die letzten beiden Bücher gestalten, wird der liebe Wilhelm ganz artig in die Spießbürgerwelt integriert. Ein Raus-in-die-Welt fand nie statt. Goethe inszeniert eine Farce, ein Enthüllungsmelodram sondergleichen, das die Figuren so eng miteinander verstrickt, dass der scheinbare Aufbruch Wilhelms zu einem orchestrierten, gelenkten Mikrokosmos zusammenschrumpft, in dem der suchende „Held“ ankommen darf.
Daher ist es für mich besonders ergiebig, Goethes dynamisch-systemisches Denken und die Struktur, in der er die Figuren verortet, zu analysieren, was ich jetzt in dieser Besprechung versuchen möchte.
Er schreibt aus einem Spannungsverhältnis zwischen Konstruktion, der Ordnung und Form angehören und der Kontingenz des Lebens, aus den Mustern des Chaos und der sich daraus ergebenen Fragilität in ihren Intensitäten.
Das Halten des Chaos: Über die Kontingenz und den Formwillen in Goethes Wilhelm Meister
Zunächst beginnt es mit Wilhelms jugendlicher Naivität: raus aus den Konventionen des Bürgertums, weg von Papas Erwartungen, rein in die Welt der Heldenhaftigkeit mit spielerischen Werkzeugen. Als Projektionsfläche hierfür dient ihm das Theater.
Ein ähnliches Motiv behandelt auch Joseph Conrad in Lord Jim – die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit.
Und dieses Selbstbild wird von Goethe zu Beginn durch romantisierte Poesie Wilhelms aufgeladen:
„Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei Magnetuhren; was in der einen sich regt, muß auch die andere mit bewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich von ihr zu trennen? Und doch, ich werde fern von ihr sein, werde einen Heilort für unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir haben.“
So, und nun musste ich lernen. Denn ich kannte Goethe fast ausschließlich in diesem Modus und nahm es für bare Münze. Als elendiges Harmonisierungsbedürfnis. Sublimierung wir kommen, ab in die höchsten Höhen, wo wir die Unvereinbarkeit einfach aufheben. Hach, wie schön es doch wäre, das Leben durch eine Metapher kontrollieren zu können. Aber nicht mit Goethe, der mir diese Falle stellt und die entrückte Romantisierung gnadenlos an der Realität zerschellen lässt. Und was für eine Fallhöhe Wilhelm dadurch erreicht. Zufälle, Entscheidungen und andere Figuren, die die Strippen ziehen, Briefe von Mariannen, die Wilhelm nie erreichen, führen zu einer frühen Trennung der beiden und einem bitteren Ende für Mariannen.
Wäre mir die Erzählperspektive früher bewusster gewesen, hätte ich auch anhand dessen schon sehen können, dass die Überfülle Goethes oft aus den Figuren entspringt, aber nicht zwingend aus dem Erzähler. Denn Wilhelm Meisters Lehrjahre wird auktorial erzählt. Die Erzählperspektive ist in vielen Situationen von klinischer Distanz durchzogen. Wie hier, in der Wilhelm einen Moment des Chaos durchlebt:
„Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle Szenen des vergangenen Glücks. Mit der größten Lebhaftigkeit malte er sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur möglichsten Höhe hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien, sah er rückwärts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der Natur die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit zerriß er sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften ist, weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert geben.“
In Jenseits des Unbehagens – „Sublimierung“ von Goethe bis Lacan spricht Eckart Goebel auch vom „Pathos der Distanz“. Und hier passiert etwas Großartiges. Goethe zieht Kreise um Wilhelms Zusammenbruch und innerem Chaos. Dadurch verleiht er dem Chaos eine Form. Wir können seine Emotionen betrachten, ohne darin zu ertrinken. Das ist der Formwille Goethes. Ich bleibe präzise und analysierend, den Abgrund fest im Blick, die Zerstörung sehend und mit ihr resonierend, aber genug Distanz, da er um seine Grenze weiß, um nicht mitgerissen zu werden. Das ist Goethes Luftballon, und das ist seine wahre Poesie:
»Die wahre Poesie kündet sich dadurch an, daß sie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen, uns von den irdischen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast, der uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive vor uns entwickelt daliegen. Die muntersten wie die ernstesten Werke haben den gleichen Zweck, durch eine glückliche geistreiche Darstellung so Lust als Schmerz zu mäßigen.« (Goethe, in Dichtung und Wahrheit)
Nur entwickelt sich der Roman nicht zu einer glücklichen, geistreichen Darstellung. Goethe lässt die Möglichkeit dessen in den Lehrjahren lediglich aufblitzen. Er verhandelt im Wilhelm Meister zunächst ein institutionelles Problem und die Fragilität mancher Seelen. Denn für den Vogelblick darf ich mich nun mal nicht vom irdischen Physischen verabschieden. Ich muss meine Unmöglichkeit, meine Grenze anerkennen, ohne ihr einen Schleier überzuwerfen. Ich kann nur in den Luftballon steigen, wenn ich weiß, dass ich am Boden feststecke. Und auch dann nimmt mir die Poesie nicht den Schmerz; ich nehme ihn mit und kann ihn aus einer anderen Perspektive betrachten.
Im Grunde betreibt Goethe mit diesem Roman die Vorbereitung für die wahre Poesie. Er macht uns sensibel und aufmerksam für die Grenzen. Die Grenzen in uns selbst und die, die andere meinen künstlich ziehen zu müssen, um uns in eine Ordnung zu integrieren. Er macht mit diesem Buch auf die Passion des Evangeliums aufmerksam, im Sinne dessen, dass die Poesie das Leid, den Verrat und den Verlust mitnimmt. Diese sind nicht transzendierbar. Und diese sind auch nicht in eine institutionelle Ordnung integrierbar, in einem Leben als Spießbürger. Der Überschuss, das Nichtintegrierbare bleibt im Raum und an diesem bemesse ich meine Grenze. Und diese muss ich halten. Sie muss zu einem Teil dessen werden, der mich als Subjekt konstituiert. Und dieses Spiel der Kräfte fechtet Goethe hier aus.
Diese Lesart meinerseits macht es auch unnötig, auf das Dichotomiegequatsche von Novalis‘ Kritik an Goethe einzugehen. Sie existiert nicht, wenn man eine andere Perspektive einnimmt.
Um nochmal auf Wilhelm im Kontext des vorangestellten Zitates zu kommen: Sein Thema des Buches wird es sein, einen Umgang mit dem Chaos des Lebens zu finden und zu verstehen, dass er es nicht domestizieren und besitzen kann, indem er es in Metaphern schmückt, um den Geist den Affekt besiegen zu lassen.
Goethe legt diese Thematik äußerst komplex an. Er kreiert Figuren, die einem gewissen Muster entsprechen und es dennoch unterlaufen. Jede der Figuren erzählt eine Geschichte über die vielfachen Möglichkeiten, in einem System zu denken und zu reagieren. Insofern würde ich dieses Buch als äußerst dicht beschreiben, das in dem, was es transportiert, einem Wälzer von 1100 Seiten wie Middlemarch in nichts nachsteht.
Blendwerk und Bruchstellen: Die Zerstörung der Inszenierung in den Lehrjahrenickt
Ein Großteil des Buches spielt in Wilhelms Theatergruppe. Dort finden allerhand Gespräche und Gedanken über das Schauspiel statt, die u. a. den Zeitgeist thematisieren.
Für Wilhelm steht fest: Unter der Maske des Spiels soll es so aufrichtig zugehen wie es geht.
Und direkt wird dies mit der Diagnose einkassiert, dass eine Form des Nationalismus herrscht, die sich darin gefällt, eine Art Identitäts-Cosplay in der Theaterkunst zu veranstalten, um ein Gefühl von Größe und Tradition ohne tieferes Verständnis zu erlangen. Man schmückt sich mit Namen und Gegenständen, lädt die Kulisse mit düsterer Romantik verfallener Schlösser auf und spielt für den Zuschauer ein Blendwerk, um selbst seiner bürgerlichen Existenz zu entfliehen.
Aus vielen Zitaten wird klar, dass Goethe das Theater und auch die Poesie als hohen Ort geistiger Erziehung betrachtete, der nicht in die Hände von Dilettanten fallen darf, die disziplin- und formlos in ihren Rollen rumprobieren, ohne daraus einen Erkenntnisgewinn zu ziehen.
Im Grunde teilt Wilhelm diese Einstellung. Allerdings ist er auch ein Anerkennungs-Junkie, was sich natürlich mit diesen inneren Prinzipien beißt. Und genau dort fällt er dann. Er opfert den Kampf um seine Existenz für die Inszenierung und lässt sich ständig von Formen der Inszenierung (u. a. durch die Schönheit einer Frau) verführen.
Dass Goethe den Erzähler in seiner Weitsicht und „Weltweisheit“ selbst in Verengungen und Kategorisierungen abrutschen lässt, um sich vor der Kontingenz zu flüchten, zeigen solche Stellen:
„Gegen Abend ließ sie [die Gräfin] Wilhelmen auf ihr Zimmer fordern, und da sie eben noch etwas zu tun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten. Er kam und fand nicht ohne Verwunderung statt der gnädigen Frauen das leichtfertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und nötigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkeit.
Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn verfolge und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwärtig hierhergebracht habe; sodann warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor, womit er sie bisher gequält habe, schalt und beschuldigte sich selbst, gestand, daß sie sonst wohl so seine Begegnung verdient, machte eine so aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den sie den vorigen nannte, und setzte hinzu, daß sie sich selbst verachten müsse, wenn sie nicht fähig wäre, sich zu ändern und sich seiner Freundschaft wert zu machen.
Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntnis der Welt, um zu wissen, daß eben ganz leichtsinnige und der Besserung unfähige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit großer Freimütigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zurückzutreten, auf den eine übermächtige Natur sie hinreißt. Er konnte daher nicht unfreundlich gegen die zierliche Sünderin bleiben; er ließ sich mit ihr in ein Gespräch ein und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer sonderbaren Verkleidung, womit man die schöne Gräfin zu überraschen gedachte.“
An dieser Stelle sieht man gut, wie stark der Text flirrt. Denn die Beobachtung ist zunächst eine, die die Differenz zwischen dem, was ein Mensch sagt, und dem, was er tut oder wie er sich darstellt, aufzeigt. Aber gibt es eine übermächtige Natur, die einen gewissen Typus Mensch nahezu deterministisch in dieses Schema zwingt? Ist das tatsächlich lediglich eine Maske, die durchschaut werden muss? Im Falle der Gräfin vielleicht. Im Falle eines anderen Menschen? Schlägt dieser Auszug nicht vielmehr eine Lücke, in der ich mich mit dem tatsächlichen Leid der Person und ihrer Hoffnung auseinandersetzen müsste?
Die Flucht vor der Kontingenz ist meist die Kategorisierung, und diese ist zwangsweise eine Reduktion. Sie macht die Welt besser händelbar. Ist aber etwas, gegen das sich Goethe gewehrt hat. Goethe spielt mit diesem Zitat zum einen dem Rationalismus in die Hände und nutzt es gleichzeitig als Werkzeug einer gewissen Arroganz, die im Verlaufe des Buches beweist: Scheitern ist eine Notwendigkeit. Das Spiel der Extreme ist es, worauf er setzt. Es soll den Boden unter den Füßen wegziehen und die totale Inszenierung zertrümmern – jene des romantischen Idealismus und jene der aufklärerischen Rationalisierung.
Natürlich möchte auch Wilhelm sein Leben beherrschbar machen. In Shakespeare findet er dies:
„Alle Vorgefühle, die ich jemals über Menschheit und ihre Schicksale gehabt, die mich von Jugend auf, mir selbst unbemerkt, begleiteten, finde ich in Shakespeares Stücken erfüllt und entwickelt. Es scheint, als wenn er uns alle Rätsel offenbarte, ohne daß man doch sagen kann: hier oder da ist das Wort der Auflösung. […]
…als wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse man von Kristall gebildet hätte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf der Stunden an, und man kann zugleich das Räder-und Federwerk erkennen, das sie treibt. Diese wenigen Blicke, die ich in Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas andres, in der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwärts zu tun, mich in die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und dereinst, wenn es mir glücken sollte, aus dem großen Meere der wahren Natur wenige Becher zu schöpfen und sie von der Schaubühne dem lechzenden Publikum meines Vaterlandes auszuspenden.“
In der Kunst eine Bedienungsanleitung fürs Leben sehen, da sie scheinbar einen selber spiegelt, in der Vorstellung wie man meint zu sein.
Bevor Hamlet aber aufgeführt werden kann, kommt es noch zu einem Zwischenfall (Zufall oder Schicksal?). Die Theatertruppe wird überfallen. Und wieder arbeitet Goethe zunächst mit Überhöhung durch Naturbeschreibungen – „die Freiheit des Himmels scheint das Gemüt zu reinigen“, man fühlt sich einander näher… da fehlen nur noch der Glitzerregen und die Elfen, die mit Blütenblättern um sich werfen. Und cut! Überfall. Die Realität schlägt zu, der geschundene Körper spürt nach dem Kampf sein irdisches Leid. Aber, aber – schnell in die Erhabenheit schrauben, denn oh Wunder, eine rettende Amazone versorgt die Wunden – das Haupt von Strahlen umgeben.
„Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt unsern Freund auf irgendeinen Weg zu führen, nährten und vermehrten die Unruhe, die er vorher empfunden hatte. Eine heimliche Glut schlich in seinen Adern; bestimmte und unbestimmte Gegenstände wechselten in seiner Seele und erregten ein endloses Verlangen. Bald wünschte er sich ein Roß, bald Flügel, und indem es ihm unmöglich schien, bleiben zu können, sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich begehre. Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er wünschte die seltsamen Knoten aufgelöst oder zerschnitten zu sehen.“
Die Amazone wird noch wichtig. Komme ich im 2. Teil drauf zurück.
Die Form der Grenze und die Wahrheit des Zynikers: Serlos Diagnose über das Menschsein
Wir sind inzwischen im 4. Buch des Wilhelm Meisters angekommen, das für mich eine Schlüsselrolle einnimmt. Es ist mein Lieblingsbuch, neben den Bekenntnissen der schönen Seele.
Hier mischt Serlo – ich glaub, ihm gehört das Theater, in dem das Stück aufgeführt wird – mit. Er trifft eine einschneidende Diagnose zu Hamlet, die sich 1:1 auf Wilhelm und andere Figuren des Romans übertragen oder invertieren lässt:
„er wird bitter gegen die lächelnden Bösewichter, schwört, den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, und schließt mit dem bedeutenden Seufzer: ›Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, daß ich geboren ward, sie wieder einzurichten. In diesen Worten, dünkt mich, liegt der Schlüssel zu Hamlets ganzem Betragen, und mir ist deutlich, daß Shakespeare habe schildern wollen: eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist. Und in diesem Sinne find ich das Stück durchgängig gearbeitet. Hier wird ein Eichbaum in ein köstliches Gefäß gepflanzt, das nur liebliche Blumen in seinen Schoß hätte aufnehmen sollen; die Wurzeln dehnen aus, das Gefäß wird zernichtet.
Ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht, geht unter einer Last zugrunde, die es weder tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig, diese zu schwer. Das Unmögliche wird von ihm gefordert, nicht das Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich ist. Wie er sich windet, dreht, ängstigt, vor-und zurücktritt, immer erinnert wird, sich immer erinnert und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden.“
Es gibt Menschen, die für die Schwere des Lebens nicht gemacht sind.
Die Erkenntnis: Ich kann nicht alles sein.
Die Form ist der limitierende Faktor. Die Form erlaubt überhaupt erst, die Grenze zu sehen, den Möglichkeitsraum abzustecken. Was kann ich? Was passt hinein? Um zu verorten, was liegt außerhalb, was gehört nicht zu mir, ist mir eine Unmöglichkeit. Was er hier bewusst offen lässt, ist ja der Punkt: die Eiche sprengt das Blumentöpfchen, aber dennoch kann auch sie in ihrer sinnlichen Stärke nicht ohne Form in der Welt navigieren. Und das macht die Szene zu einem invertierten Goldmund von Hermann Hesse. Verbraucht sich die affektive, überbordende Lebensenergie eines Menschen, der Körperlichkeit und das Irdische zelebriert wie kein Zweiter, da ihm die Form fehlt, in der er Mäßigung und Orientierung erfährt, erleidet auch der Mensch mit seinen sinnlichen Anlagen ohne symbolisch geformten Geist den vorzeitigen Tod. Hesse führt diesen unausgesprochenen Gedanken Goethes also weiter. Goethe selber gestaltet keine solche Figur.
Serlo, der hier gesprochen hat, ist eine wunderbar ambivalente Figur Goethes. Denn eigentlich ist er ein Unsympath. Er wird als einer beschrieben, der es darauf versteht, mit Masken umzugehen. Er ist derjenige, der die Kontingenz und Unsicherheit des Lebens für sich nutzt, um Menschen emotional zu manipulieren und in Simulationen zu weben. Empathie, Mitgefühl, gemeinsame Leidenschaften, der intellektuelle Tiefgänger – Karten, die er spielt, wie er sie gerade benötigt. Die Welt ist seine Bühne und er steuert die Menschen durch seine Performance. Er beobachtet genau. Seine Figur stellt den Antagonisten zu Wilhelm dar. Er ist kalt, klar und versucht durch sophistisches Störgehabe, jegliche ernsthafte Unterhaltung zu zerstören. Auch seine Schwester Aurelie leidet unter ihm.
Und dennoch führt er mit Wilhelm die prägendsten Unterhaltungen des ganzen Romans (jedenfalls für mich). Denn er versteht sich genauso gut darauf, Verstellungen und selbst gebaute Illusionen zu enttarnen. Wilhelm bekommt in einer Tour Gegenwind. Er warnt ihn davor, in Literatur die eigene Vorstellung von der Welt hineinzulesen. Mir hat Serlo durch seinen unverstellten, zynischen Blick auf die Welt viele Wahrheitsmomente beschert. Wie auch den, dass der Mensch allzu schnell abstumpft und nie verlernen sollte, ein paar vernünftige Worte auszusprechen oder sich hin und wieder mit qualitativer Kunst zu befassen, statt einfach auf alles, nur weil es neu ist, anzuspringen. Das liest sich, als hätte Goethe bereits die Entwertung und Relativierung von Sprache und Begriffen ins Auge gefasst. Er thematisiert damit auch den Verlust der tiefen Versenkung. Ästhetische Wahrnehmung ist eine Fähigkeit, die trainiert werden muss – und nicht, weil es geil ist, den Bildungsdünkel raushängen zu lassen, sondern weil wir damit die Fähigkeit zur Reflexion behalten und Sprache ihr Gewicht nicht verliert. Ich jedenfalls finde es unerträglich, tagtäglich mit leeren Phrasen bombardiert zu werden. Und bei solchen Aussagen von Serlo denk ich mir: Ja, du bist ein Arsch, aber einer, der das System besser durchschaut hat als alle anderen. Du siehst sie alle nackt vor dir stehen.
Für diesen Charakter danke ich Goethe zutiefst. Wahrheit ist nicht an Moral gebunden! Serlo ist der Aufschrei eines verzweifelten Bedürfnisses nach intellektueller Substanz.
Die Falle der Innenschau: Über die Illusion der sozialen Loslösung
Buch 4 deckt außerdem in einem Gespräch mit Aurelie Wilhelms strukturelle Distanz zu anderen Menschen auf. Ihr fällt auf, dass er die Menschen, mit denen er lebt, überhaupt nicht kennt, sogar verkennt. Als seien sie Exponate. Wilhelm antwortet, dass er seit seiner Jugend seinen Geist mehr nach innen gerichtet habe und er daher die Menschen nie gelernt habe zu verstehen. Daher wurde ihm dies in seinem Schauspiel zu Last, wenn man forderte, er solle auch ihre Herzen erreichen. Er will zwar andere durch sein Spiel erheben, aber keine Beziehung eingehen. Das stellt auch sein Verhältnis zur Liebe in ein völlig neues Licht. Er liebt die Idee der Liebe, aber nicht die Arbeit an ihr. Denn dafür müsste man ja wieder mit der Kontingenz und Unmöglichkeit umgehen.
Man beginnt immer mehr zu verstehen, wie Wilhelm tickt. Sein Ideal ist es, sich selbst zu bilden, aber nur durch Innenschau, um anderen eine Art geistige Führung angedeihen zu lassen, die aber so auf Distanz bleibt, dass Menschen bloß keine Dynamiken bei ihm lostreten, die er nicht kontrollieren könnte.
Wenn es in der Innenschau allerdings keine Antworten auf Probleme gibt, muss er dann doch mal den Kopf rausstrecken und andere fragen. Denn ihn erreicht ein Brief über den Tod seines Vaters. Für diesen Zustand ist er noch nicht ausgebildet, und das überfordert ihn. Also sammelt er wie wild fremde Meinungen, ohne auch nur einen Funken seiner Intuition zu vertrauen.
Durch den Briefwechsel mit Werner wird er wieder an seine bürgerlichen Wurzeln erinnert, gegen die er aufbegehrt, und pfeffert Werner einen Brief entgegen, in dem er dem Edelmann den Bürger gegenüberstellt. Dem Bürger sei eine Grenzlinie gezogen und er solle durch seine Persönlichkeit nichts geben. Als könne nur der Edelmann frei wirken und der Bürger lediglich in einer Verwertungslogik leisten und schaffen. Harmonie sei dadurch nicht möglich. Deshalb will er jetzt auch den Nachnamen Meister ablegen.
Vor wie viele Grenzen ist Wilhelm bereits im Leben gestoßen, in seiner Einbildung, er hätte sich losgesagt? Und hier kommt wieder unser Dilemma zum Tragen. Wer die Grenze leugnet, befindet sich im Dauerfall. Und wer sich nicht aktiv daran macht, diese zu verschieben, wenn es ihm zu eng ist, oder sich etwas innerhalb dieser einzurichten, findet keine Harmonie. Daran erinnert Goethe in diesem Buch immer wieder. Das werden wir noch insbesondere an den Figuren von Mignon, Aurelie und dem Harfner sehen.
Übrigens lässt Gottfried Keller im Grünen Heinrich seiner ersten Fassung Heinrich radikal an dieser Grenze der sozialen Einbettung zugrunde gehen. „Ohne Moos nichts los“. Keller geht diesen Weg, den Wilhelm hier nur als Prozessstufe durchmacht, brutal zu Ende, ohne dass das Kerlchen auch nur einen Funken dazu lernt und weiter in seiner idealistischen Verklärung feststeckt.
Kontingenzverleugnung: Das Zurechtzimmern der Welt
Kommen wir aber nochmal zurück zu einem Theatergespräch zwischen Serlo und Wilhelm, das Wilhelms reduktionistisches Denken aufzeigt.
Wir wissen ja nun: Wilhelm will die vollkommene Harmonie. Die sieht er in Shakespeares Stücken. Serlo argumentiert, dass der Schauspieler den Schein der Ganzheit entstehen ließe und es egal sei, ob das Stück zerstückelt oder ganz sei. Die Deutschen hätten in den wenigsten Fällen ein Gefühl für ein ästhetisch Ganzes.
Wilhelm findet einen Weg, das Stück als gelungenes Ganzes zu sehen, indem er über die äußeren Umstände argumentiert, die die Figuren und Handlungen zusammenhalten. Wilhelm arbeitet aus dem Stück eine einfache Aussicht heraus, die Shakespeare aber deutlich komplizierter und verworrener angelegt hat. Wilhelm sagt:
„Bliebe jener Hintergrund selbst mannigfaltig, beweglich, konfus: so täte er dem Eindrucke der Figuren Schaden.“
Ist das nicht ein wunderbares Beispiel für Kontingenzverleugnung? Die Vereinfachung der Welt, um ein Gefühl von Kontrolle und Ordnung zu gewinnen. Jaja, Komplexität ist oft ein störendes Rauschen. Sie macht es der Harmonie verdammt schwer. Und das passt auch wieder zu dem, was ich zu Beginn über Wilhelm schrieb, der sein eigenes Bild der Welt im Inneren hat und es sich solange zurechtzimmert, bis es seinem Bild von Harmonie entspricht, das dann mit dem da Draußen nichts mehr zu tun hat.
Naja, was soll man machen, wenn die Zuschauer – der Deutsche (Bezeichnung aus dem Buch) selber – nur seine Vorstellungsart im Kopf hat und Anderes eh nicht begreift. Dann kann man gleich noch mehr an den Figuren rumschnippeln, um es ins eigene Narrativ zu packen. Und da wird Wilhelm plötzlich munter und wehrt sich. Wie? Die Struktur, das System darf verkürzt werden, aber das heilige Subjekt bleibt unantastbar, Wilhelm? Die Individualität ist heilig, was? In der Innenschau bleibt halt nur die Subjektzentrierung. Ich bin Ich. Die isolierte Insel. Beziehung zum System? Reibung mit der Umwelt? Ach was, vernachlässigbar. Kannst du mir mal verraten, wie du dann im Schauspiel ein Anderer werden willst? Übrigens ebenfalls ein Gegenstand eines Gespräches mit Serlo sein. …
Die Komposition des Abgrunds – Ein Zwischenstopp auf dem Weg
Auch wenn dieser erste Schlussstrich der Besprechung wahrscheinlich unbefriedigend ist, da ich nichts abschließe, sondern auf dem Weg anhalte, halte ich diese Stelle für sinnvoll.
Was folgt, wird ein kurzer kriminalistischer Einschub sein. Goethe beginnt immer mehr Geheimnisse und Undurchschaubares einzubauen, das am Ende in den letzten beiden Büchern aufgedeckt und zusammengeführt wird. Die Frauenfiguren Philine, Aurelie, die schöne Seele, Mignon und Natalie werden satt mit Substanz gefüllt. Denen möchte ich im zweiten Teil die volle Aufmerksamkeit widmen.
Beim Schreiben wird mir klar, wie dicht und verwoben das Buch gestaltet ist. Sobald ich irgendeinen Schnipsel herausgreife, hab ich das Gefühl, in die Unendlichkeit zu stürzen. Mich ängstigt dieser Zustand nicht. Ich mag dieses Gefühl des Fallens, da Goethe eine riesige Halle öffnet, in der der Geist eine Fülle an Assoziationen und Verknüpfungselementen vorfindet, mit denen ein Horizont des Denkens gezogen werden kann.
In dieser Form habe ich noch nie Literatur gelesen. Eine, die in ihre eigene Struktur das Chaos einzieht, in das man sich hineinbegeben kann, wenn man möchte, um ihm etwas zu entreißen. Und das funktioniert so gut, weil er eine Kompositionsebene gestaltet, die genau weiß, wo sie symbolisch stehen muss, um nicht mitgerissen zu werden. An diesen Ankerpunkten des Symbolischen ist es jederzeit möglich, sich von der Kontingenz zu erholen, sich selbst zu ordnen, den Gedanken auszuführen, um dann wieder abzutauchen und sich die nächste strukturelle Verflechtung anzusehen.
Ich verstehe nun zu gut, warum ausgerechnet zwei Chaosforscher Goethe gelesen haben und ihn als Inspiration für ihre wissenschaftliche Arbeit nutzten. Könnt ihr aus meiner Rezension zum Chaos entnehmen.
Kommentare
7 KommentareGoethe hat mit Wilhelm Meister eine für die spätere Pädagogik klare Problemstellung herausgearbeitet – wie kann sich ein Selbst entfalten, aber dennoch Teil eines Systems bleiben, also wie lässt sich eine freie Persönlichkeit mit einer geordneten, der Selbsterhaltung dienenden gesellschaftlichen Ordnung denken. Das spiegelt für mich in deiner Besprechung Chaos/Symbolisierung als Pole wieder, oder Exzess und Repression mit der Durchschreitung der Sublimierung. Die Kunst selbst wird bei Goethe mehr und mehr in die Schranken verwiesen, da sie eben eine Scheinlösung anbietet, du hast das in dem Zitat gebracht:
„Diese wenigen Blicke, die ich in Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas andres, in der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwärts zu tun, mich in die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und dereinst, wenn es mir glücken sollte, aus dem großen Meere der wahren Natur wenige Becher zu schöpfen und sie von der Schaubühne dem lechzenden Publikum meines Vaterlandes auszuspenden.“
D.h. erst muss Wilhelm etwas erleben, erfahren, in der wirklichen Welt, bevor er davon berichten kann. Die Armut der Kunst, wie sie in Wilhelm Meisters Lehrjahre durch das Theater dargestellt wird, liegt darin, dass die Künstler nichts als Liebe/Intrige/Privileg erfahren haben, deshalb zerschellt das unternehmen, und Wilhelm muss erfahren, dass nur ein Arzt, ein Wundheiler, ihm das Leben rettet, aber nicht die Kunst. Die Zerstörung des naiven Paradies, des Privilegs, in welchem sich Wilhelm Meister wälzt, wird nach und nach zerstört – da die Frage, wer ernährt wem wichtig wird, oder wer rettet wem das Leben, wer schützt vor Räubern etc … da dies alles am Anfang der Moderne geschieht, besitzt das noch etwas Unrundes. Bei Hesse wird dieser Konflikt in „Narziss und Goldmund“ krasser herausgearbeitet.
In der Ich-Konstituierungsproblematik, wie du sie hier ausführst, wäre ein Vergleich zu Jean-Jacques Rousseaus Pädagogikvorstellung extrem hilfreich, gegen die er sich hier implizit wendet – überhaupt legst du den Finger in die Wunde, wie in sozial differenzierten System überhaupt die Illusion von persönlicher Freiheit realisiert werden kann. Nichts hat Goethe mehr herumgetrieben – wie kann der gesellschaftliche Fortschritt versöhnt werden mit einer holistischen Persönlichkeit (Edelmann/Bürger – die Stelle zitierst du, und sie ist auch für mich zentral). Ich denke, und das ist ungewöhnlich, Goethe schlägt: als Unternehmer, nämlich keiner, der parasitär Geld herumschiebt und verwaltet, sondern wagt zu bauen, zu investieren, in die Welt zu ziehen. Das hat Goethe nicht sehr beliebt gemacht, und kommt in „Wanderjahre“ noch klarer heraus.
Freue mich auf Teil 2.
Danke für diesen wunderbaren Kommentar. Das erweitert mein „Wie“ sehr elegant um das „Wozu“.
Rousseau werde ich mir dahingehend anschauen. Solche Hinweise sind Gold wert, da ich tatsächlich viel zu wenig aus der Zeit weiß und die Einbettung der Themen nicht ganz nachzeichnen kann. Ich hatte mich nur am Rande etwas mit Goethes Verhältnis zur Kirche befasst.
Dass ihn ein Arzt nur heilen kann, lässt mich daran denken, dass Goethe auch dort ironisch, subtil vorgeht und es nie bei einer Sicht belässt.
Der Arzt ist es, der das Manuskript der Schönen Seele aushändigt und bei Aurelie für Seelenheil sorgt. Der Seelenheiler, also Geistliche, bringt den Harfner in eine physische Aufgabe, eine Ordnung, um ihn ins Leben zurück zu führen, ihn seelisch zu heilen. Wie wir wissen, geht das am Ende nicht auf. Und ich denke, diese feinen „Rollenwechsel“ der Heilerfunktion verdeutlichen, der Weg zum Geist/Seele geht über die Physis und umgekehrt. Na, wenn Hermann Hesse nicht derjenige war, der das dann weiter verarbeitet hat 😬…irgendwie hab ich auch Nietzsche dabei im Nacken…
Und der Gedanke geht ja noch weiter. Der Harfner wurde ja einfach beliebig in eine Struktur gepfropft. Hauptsache beschäftigt- also Domestizierung. Niemand stellt die Frage ob die Tätigkeit denn die Erfüllung bringt, ob sie die Seele heilt, ihn resilient macht. Damit wäre ich wieder bei meiner geliebten Resonanz.
Jetzt hab ich was vom 2. Teil der Besprechung vorweg genommen, den ich noch gar nicht geschrieben habe.
Auf die Wanderjahre bin ich jetzt extrem neugierig. Die schiebe ich nach dem Grünen Heinrich (Zweite Fassung) und dem Agathon von Wieland nach.
Vielen Dank für diese innovative Lesart eines Klassikers, der alles andere als verstaubt und moderner ist als so mancher Gegenwartsroman. Vielleicht interessiert Dich Karl Schlechtas Buch zu WM, der Goethes Romane WML und WMW gegen den Strich liest und von einem Zerstörungsroman spricht, in dem Wilhelm nach und nach klein gemacht und vollkommen desillusioniert wird, bis ihm nicht viel anderes übrigbleibt, als sich in die bräsige Bürgertum zu retten. Menschen wie Mignon und der Harfner bleiben auf der Strecke. Schlechta schreibt, aus einem lebendigen unverwechselbaren Individuum werde ein Begriff, ein fast schon lächerlicher Mensch.
😆…. ja geil, ziemlich genau so lese ich WML auch! Teil 2 wird exakt das beinhalten und noch etwas mehr. Ich bin ja großer Fan der schönen Seele und hab den Verdacht, dass Goethe damit Martin Wieland einen freundschaftlichen Gruß da lässt. Danke für den Tipp, Schlechta sehe ich mir definitiv an! — so Schlechtas Buch ist soeben gekauft worden 😬
Schön, dass man Karl Schlechtas Buch noch kaufen kann. Ich habe es in den 1980-Jahren gelesen, während des Studiums, und damals galt sein Ansatz als Majestätsbeleidigung. Ich fand seinen Anti-Mainstream-Ansatz faszinierend, wie ich auch die Eigenständigkeit Deiner Interpretation und Rezension sehr gelungen finde.
Ach wie interessant! Liest du heute Bücher anders, die im Studium noch „konservativ“ gelehrt, besprochen wurden? Da ich über keinerlei Vorbildung diesbezüglich verfüge und ziemlich naiv und autodidaktisch an die Literatur herangehe, ist mir vieles unbekannt, wie in den Literaturwissenschaften Werke besprochen oder rezipiert wurden. Oft denke ich, es ist ein Segen so wild und unbedarft mit Literatur spielen zu können, ohne zu wissen ob das aus theoretischer Sicht haltbar ist. Ich lese etwas an Sachtexten oder Philosophie und sehe plötzlich eine Verbindung zu einem Text, den ich lese. Und ich denke das passiert hier mit mir und Goethes WML. Dann wiederum merke ich, wie viel Kontext mir fehlt um gewisse Stellen oder andere Werke produktiv lesen zu können. Frage mich aber, ob es mich behindern oder beeinflussen würde, wenn ich mir den klassischen Weg über Germanistik bzw. Literaturwissenschaften erschlossen hätte. Einerseits möchte ich mir eine fundierte Basis schaffen, anderseits mir meinen Spieltrieb nicht kaputt machen. Hihi, passt zum Wilhelm Meister oder? Hab da selber noch keine Antwort drauf.
Wie progressiv, bzw dynamisch hast du das Studienfach erlebt? Oder ist ehr Standortabhängig?
Schlechtas Buch habe ich gebraucht erstanden. Neu scheint es das nicht mehr zu geben.
Tatsächlich unterscheidet sich mein jetziger Zugang zur Literatur und mein Umgang mit Literatur erheblich von dem während des Studiums und nach dem Studium. Beides möchte ich nicht missen, aber es ist heute schön, zum Beispiel einen Roman „naiv“ und ohne den germanistischen Blick genießen zu können (oder auch nicht).
Bei Deinen Rezensionen finde ich es toll und angenehm, wie Du mit einem Text ringst und Dich intensiv mit ihm auseinandersetzt. Das ist erhellender – und informativer und unterhaltsamer – zu lesen als so manche kluge, auch theoretische Darstellung, wobei aber auch diese oft ihre Reize hat.
Beide Zugangsweisen haben ihre Berechtigung.