Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger
9. September 2025Die Holländerinnen lese ich als ein Formexperiment mit der Fremdheit. Wie erzählt man etwas, auf das man keinen Zugriff hat?
Der Text bewegt sich durchgehend im Konjunktiv, also in der indirekten Rede. Die vortragende Schriftstellerin steht im Auditorium, und ihre Rede wird wiederum von einer beobachtenden Figur vermittelt. Es entsteht ein diskursives Geflecht, da die Rednerin ihrerseits Reden und Geschichten anderer nacherzählt – fast so etwas wie eine Protokoll-Poetik.
Das klingt dann so:
„Oft, sagt sie, habe der Theatermacher diese Gespräche mit einem Zitat oder einer eigenen Beobachtung eröffnet, was ihr zuweilen altväterlich vorgekommen sei, priesterlich, wie Ida Holmboe irgendwann in einem Nebensatz bemerkt habe. Einmal habe er eine Passage aus Walter Benjamins Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows zitiert, in der es heiße, die Figur des Erzählers sei »uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes«, um dann zu fragen, ob man sich in diesem Sinne nicht auch die Holländerinnen als Erzählerinnen denken könne, die sich fortlaufend von ihnen entfernten, die weit vor ihnen gingen, deren Spuren sich im Dickicht des Urwaldes verlören. Ein andermal habe er über das Nichtidentische bei Adorno gesprochen, über das »Auseinanderweisen von Begriff und Sache«, er habe aus der Dialektik der Aufklärung zitiert, während eine Fledermaus durchs Licht der Lampen geschossen sei, oder er habe Descola, den französischen Anthropologen, hervorgeholt, der irgendwo im oberen Amazonasbecken, so der Theatermacher, das »dualistische Gebäude der Moderne« auf seine Mängel untersucht habe.“
Dieses Zitat zeigt beispielhaft, wie der Text die Unmittelbarkeit des Dschungels und die bedrückende Atmosphäre um die verschwundenen Frauen immer wieder durch essayistisch-diskursive Passagen bricht. Die Wahrnehmung wird durch Zitate legitimiert; Theorie und Erlebnis stehen gleichberechtigt nebeneinander und durchdringen sich gegenseitig.
So entstehen dichte Momente, in denen das Unsagbare über Atmosphäre und sinnliche Spiegelungen verdichtet wird, um sich dann reflexiv wieder in Diskurse zurückzuziehen. Und diese Diskurse werden wiederum durch Körperlichkeit, Absurdes und Unheimliches irritiert.
Scheitern ist hier Strukturprinzip.
Das finde ich einerseits interessant, weil es eine unheimliche, verstörende Stimmung erzeugt. Aber nicht durchgehend. Vielleicht bin ich nicht empfänglich genug für solche Experimente, die sich stark symbolisch rahmen und dann in eine Verintellektualisierung zurückziehen.
Ich war am Ende jedenfalls froh, dass das Buch so kurz ist. Die letzten zwanzig Seiten musste ich mich zwingen, weiterzulesen. Die letzte Geschichte interessierte mich nicht mehr – die Intensität, die diese rationale Form braucht, konnte für mich nicht durchgehend aufrechterhalten werden. Manche Zwischengeschichten wirkten unmotiviert oder zerfaserten. Oder ich hab sie nicht verstanden, was bei diesem Buch sehr wahrscheinlich ist.
Vielleicht muss man stärker auf die Referenzen (Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann, Adorno, Benjamin, Merleau-Ponty etc.) ansprechen, um den Text voll genießen zu können. Für mich bleibt es ein Buch, das wahrscheinlich nur einer begrenzten Leserschaft Freude bereitet.
Alle die gerne identifikatorisch lesen oder auf Plot aus sind – vergesst es!
Man muss schon auf ein gewisses Abstraktionsniveau anspringen, um das hier schätzen zu können.
Ich selbst lese lieber Texte wie die von Jon Fosse, die das Unsagbare nicht nur behaupten, sondern durchgängig erfahrbar machen – durch Wiederholungen, Halluzinationen, Traumgebilde. Dort schreit und ächzt das Unsagbare durch die Brüche der Sprache, statt in einer diskursiven Kapitulation stecken zu bleiben.
Naja, aber formal geht das Ding für mich voll auf, auch wenn ich mich in diesen intellektuellen Künstlerkreisen und damit in diesem Buch überhaupt nicht wohl fühle. Ist aber hier nicht so schlimm, da der Text es einem durch seine Struktur sehr leicht macht, nur die Beobachterposition einzunehmen.