Die HollÀnderinnen von Dorothee Elmiger

Die HollÀnderinnen lese ich als ein Formexperiment mit der Fremdheit. Wie erzÀhlt man etwas, auf das man keinen Zugriff hat?
Der Text bewegt sich durchgehend im Konjunktiv, also in der indirekten Rede. Die vortragende Schriftstellerin steht im Auditorium, und ihre Rede wird wiederum von einer beobachtenden Figur vermittelt. Es entsteht ein diskursives Geflecht, da die Rednerin ihrerseits Reden und Geschichten anderer nacherzĂ€hlt – fast so etwas wie eine Protokoll-Poetik.
Das klingt dann so:

„Oft, sagt sie, habe der Theatermacher diese GesprĂ€che mit einem Zitat oder einer eigenen Beobachtung eröffnet, was ihr zuweilen altvĂ€terlich vorgekommen sei, priesterlich, wie Ida Holmboe irgendwann in einem Nebensatz bemerkt habe. Einmal habe er eine Passage aus Walter Benjamins Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows zitiert, in der es heiße, die Figur des ErzĂ€hlers sei »uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes«, um dann zu fragen, ob man sich in diesem Sinne nicht auch die HollĂ€nderinnen als ErzĂ€hlerinnen denken könne, die sich fortlaufend von ihnen entfernten, die weit vor ihnen gingen, deren Spuren sich im Dickicht des Urwaldes verlören. Ein andermal habe er ĂŒber das Nichtidentische bei Adorno gesprochen, ĂŒber das »Auseinanderweisen von Begriff und Sache«, er habe aus der Dialektik der AufklĂ€rung zitiert, wĂ€hrend eine Fledermaus durchs Licht der Lampen geschossen sei, oder er habe Descola, den französischen Anthropologen, hervorgeholt, der irgendwo im oberen Amazonasbecken, so der Theatermacher, das »dualistische GebĂ€ude der Moderne« auf seine MĂ€ngel untersucht habe.“

Dieses Zitat zeigt beispielhaft, wie der Text die Unmittelbarkeit des Dschungels und die bedrĂŒckende AtmosphĂ€re um die verschwundenen Frauen immer wieder durch essayistisch-diskursive Passagen bricht. Die Wahrnehmung wird durch Zitate legitimiert; Theorie und Erlebnis stehen gleichberechtigt nebeneinander und durchdringen sich gegenseitig.
So entstehen dichte Momente, in denen das Unsagbare ĂŒber AtmosphĂ€re und sinnliche Spiegelungen verdichtet wird, um sich dann reflexiv wieder in Diskurse zurĂŒckzuziehen. Und diese Diskurse werden wiederum durch Körperlichkeit, Absurdes und Unheimliches irritiert.

Scheitern ist hier Strukturprinzip.

Das finde ich einerseits interessant, weil es eine unheimliche, verstörende Stimmung erzeugt. Aber nicht durchgehend. Vielleicht bin ich nicht empfĂ€nglich genug fĂŒr solche Experimente, die sich stark symbolisch rahmen und dann in eine Verintellektualisierung zurĂŒckziehen.
Ich war am Ende jedenfalls froh, dass das Buch so kurz ist. Die letzten zwanzig Seiten musste ich mich zwingen, weiterzulesen. Die letzte Geschichte interessierte mich nicht mehr – die IntensitĂ€t, die diese rationale Form braucht, konnte fĂŒr mich nicht durchgehend aufrechterhalten werden. Manche Zwischengeschichten wirkten unmotiviert oder zerfaserten. Oder ich hab sie nicht verstanden, was bei diesem Buch sehr wahrscheinlich ist.
Vielleicht muss man stĂ€rker auf die Referenzen (Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann, Adorno, Benjamin, Merleau-Ponty etc.) ansprechen, um den Text voll genießen zu können. FĂŒr mich bleibt es ein Buch, das wahrscheinlich nur einer begrenzten Leserschaft Freude bereitet.
Alle die gerne identifikatorisch lesen oder auf Plot aus sind – vergesst es!
Man muss schon auf ein gewisses Abstraktionsniveau anspringen, um das hier schÀtzen zu können.
Ich selbst lese lieber Texte wie die von Jon Fosse, die das Unsagbare nicht nur behaupten, sondern durchgĂ€ngig erfahrbar machen – durch Wiederholungen, Halluzinationen, Traumgebilde. Dort schreit und Ă€chzt das Unsagbare durch die BrĂŒche der Sprache, statt in einer diskursiven Kapitulation stecken zu bleiben.
Naja, aber formal geht das Ding fĂŒr mich voll auf, auch wenn ich mich in diesen intellektuellen KĂŒnstlerkreisen und damit in diesem Buch ĂŒberhaupt nicht wohl fĂŒhle. Ist aber hier nicht so schlimm, da der Text es einem durch seine Struktur sehr leicht macht, nur die Beobachterposition einzunehmen.

Kommentare

2 Kommentare
  1. Danke fĂŒr die Besprechung! Ich gehöre zu der „begrenzten Leserschaft“, dem die LektĂŒre dieses Buches (BĂŒchleins?) Freude machte! Naja: intellektuell ist Elmiger schon, gell?

    1. Bitte gerne Thomas 😀 Mit intellektuell kenne ich mich nicht aus. Kenne auch Elminger als Person ĂŒberhaupt nicht. Daher kann ich das nicht beurteilen.
      Eigentlich mochte ich das Buch auch, selbst wenn es auf so mancher Ebene nicht mit mir resoniert. Finde das Buch baut dem „einfachen“ Denker eine BrĂŒcke zu dem, wo man noch so hin könnte 😏

      Ich freue mich ĂŒber deine Kommentare! đŸ€—

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Neuigkeiten

Melde dich fĂŒr unseren Newsletter an und erhalte Updates zu neuen Rezensionen und BeitrĂ€gen!

Mit der Anmeldung erklÀrst du dich mit dem Erhalt von E-Mail-Benachrichtigungen einverstanden. Du kannst dich jederzeit abmelden.