Fiktionalität und Ästhetik von Jürgen H. Petersen – Wirklichkeitsaussagen, fiktionale Seinsaussagen und Meinungsäußerungen
4. April 2026
Dies ist ein Suchtext, der meine Verwirrung umkreist – Vorweg:
Ich bin wahrlich niemand, der berechtigt ist, eine fundierte Einschätzung oder Kritik zu diesem Sachtext auszusprechen. Dafür fehlt mir die Expertise und Erfahrung.
Mir fällt es nach wie vor schwer, akademische Texte zu lesen und zu besprechen, selbst wenn sie – wie hier bei Petersen – sehr verständlich formuliert werden.
Petersen ist jemand, der einen Drang zur sauberen Trennung hat und von Beginn an harte Differenzen setzt. Er versucht, einen Bereich zu bestimmen und entfernt sämtliche Dinge, die daran gebunden sein könnten. Er setzt eine Ausgangsbehauptung und folgert daraus in einer Kette die nächsten Übergänge. Wenn man aber seiner Prämisse nicht zustimmt, wird es problematisch, da er nun mal (aus meiner Perspektive) sehr verengt denkt. Er denkt für mich zu glatt logisch und geht in eine viel zu radikale Reduktion. Darauf komme ich gleich noch einmal zu sprechen, in Verbindung mit seinem Kommunikationsbegriff.
Er denkt diese Reduktion in einer Sprache der Abstraktion, die auf jemanden wie mich wie ein begriffliches Korsett wirkt. Nicht, weil ich mit Abstraktion ein Problem hätte, sondern weil er für mich direkt zu Beginn „zumacht“. Nichts bekommt die Möglichkeit, sich gegen seine Begriffe zu wehren.
Für mich ist Abstraktion ein Werkzeug und nichts, das den Rahmen setzt und fast wie eine Eigenschaft des Gegenstandes behandelt wird.
Dieses Unbehagen ist mir wichtig zu formulieren, da es einen Unterschied in unseren Denksystemen und Zugangsebenen setzt, der maßgeblich die Produktivität des Textes beeinflusst. Oder anders: Petersen erzeugt bei mir massiven Widerstand. Und ich bin in dem Dilemma, es nicht klar benennen zu können, da mir alle referenzierten Texte, von denen er sich abgrenzen möchte, unbekannt sind und ich nicht weiß, inwieweit er sie verkürzt oder eventuell verzerrt darstellt.
Kapitel 1 – Wirklichkeitsaussagen, fiktionale Seinsaussagen und Meinungsäußerungen
Petersen versucht im ersten Kapitel zu klären, ob Fiktion aus Wirklichkeitsaussagen abgeleitet werden kann – und kommt zu dem Ergebnis, dass sie einen eigenen Redestatus bildet.
Er definiert, dass, wann immer er von fiktional spricht, er poetische Sätze meint.
Er hat also beim Begriff der Poetik keine fein gedrechselten Sätze im Sinn, sondern:
„Fiktionalität als Redestatus poetischen Sprechens“
Das Zitat, das den Kern seiner Abgrenzung von Wirklichkeitsaussagen und Fiktionalaussagen deutlich macht, wäre dieses:
„Fiktionale Aussagen sind prinzipiell und strikt gegen Wirklichkeitsaussagen abzugrenzen. Ihre Unterscheidung beruht nicht darauf, dass sie von unterschiedlichen Inhalten, Gegenständen, Objekten Aussagen machen, sondern besteht in der Art bzw. in der Hinsicht, auf die hin sie ausgesagt werden. Anders formuliert: Der Unterschied zwischen Wirklichkeitsaussagen und Fiktionalaussagen wird durch ihren Redestatus, hingegen nicht durch den Seinsstatus ihrer Gegenstände gebildet.
Wir haben es mit einer ontologischen, nicht mit einer ontischen Differenz zu tun. Sie besteht darin, dass Wirklichkeitsaussagen ihren Inhalt (Gegenstand) als Wirklichsein aussagen, Fiktionalitätsaussagen hingegen nicht. […]
Fiktionalitätsaussagen sagen: Das Ausgesagte ist. Mehr nicht. Indem sie jede Spezifizierung ihres Ist-Sagens abweisen, sind sie absolut. Sie gelten unabhängig vom Seinsstatus ihres Inhalts, des Ausgesagten. … Sie entziehen sich der Unterscheidung „wahr“ oder „falsch“. […]
Sie sagen weder etwas über einen realen Ort noch einen bestimmten Zeitpunkt aus. Insofern sind sie ort- und zeitlos. Da sie jedoch immanente Ortswechsel und Zeitabläufe kennen, spreche ich von reiner Temporalität und reiner Lokalität in Fiktionalaussagen. Schließlich sind diese auch inkommunikativ, da weder ein reales Aussagesubjekt etwas auf sich Bezügliches aussagt noch einen bestimmten, realen Adressaten im Blick hat.“
Also grob gesagt: Fiktionale Aussagen unterscheiden sich nicht durch ihre Inhalte von Wirklichkeitsaussagen, sondern durch ihren Redestatus. Sie behaupten nicht, dass etwas wirklich ist, sondern setzen ihr Ausgesagtes einfach als „ist“, ohne Bezug auf Realität. Dadurch entziehen sie sich wahr/falsch, sind nicht an reale Zeit und Ort gebunden und gelten als nicht kommunikativ.
Soweit, so gut. Diese Definition kann ich gut mitgehen, zumal er an anderer Stelle erwähnt, dass Leser problemlos zwischen Wirklichkeits- und Fiktionalaussagen unterscheiden können. Fiktion wird nicht als falsche Wirklichkeitsaussage missverstanden, sondern als eigener Modus wahrgenommen, der sich der Frage nach wahr oder falsch entzieht. Damit setzt er implizit voraus, dass beide Modi im Bewusstsein parallel verfügbar sind und unterschieden werden können.
Dass dies nun inkommunikativ ist, hängt mit seinem engen Kommunikationsbegriff zusammen, der sich auf das Sender-Empfänger-Modell bezieht. Kommunikation wird implizit auf Informationsübertragung über reale Sachverhalte reduziert.
Die Kröte muss ich jetzt schlucken und seine Argumentation dahingehend einordnen.
Etwas anderes stößt mir viel mehr im ersten Kapitel auf.
Ich sagte ja gerade, dass er Wirklichkeitsaussagen und Fiktionalaussagen als parallele Modi im Bewusstsein begreift.
Viele andere Literaturtheoretiker sehen Fiktionalaussagen als scheinhafte Realaussagen an, die diese Scheinhaftigkeit durch den Gebrauch literarischer Konventionen auch signalisieren → Imitationen von Realaussagen. Petersen folgert folgende Bedeutung daraus: Wirklichkeitsaussagen gehen Fiktionalaussagen voraus und bilden deren Orientierungspunkte.
Dann müsse sich aber auch unmittelbare Wahrheit aus dem Gegensatz von richtig/falsch ergeben, dann müsse reine Temporalität in der bestimmten Zeit, reine Lokalität in der bestimmten Orthaftigkeit fundiert sein. Andernfalls ließe sich die Fiktionalitätsaussage nicht aus der Wirklichkeitsaussage herleiten.
An dieser Stelle wird mir nicht klar, warum er anderen Literaturtheoretikern lineares Denken oder ein Ableitungsverhältnis unterstellt. Auf mich wirkt das wie eine Konstruktion einer Gegenposition, um sich davon abzugrenzen.
Wieso muss ich Schein als bloße Nachahmung verstehen? Er kann doch eine Erscheinungsweise von Wirklichkeit im Bewusstsein sein. Der parallele Modus ist damit nicht aufgehoben. Petersen tut aber so, als würden alle anderen dies linear denken, als würde Fiktion nachträglich aus der Wirklichkeit entstehen.
Jedenfalls möchte er nun folgende Ableitung prüfen, indem er den Schein als Negation bestimmt, wobei mir nicht klar ist, ob die anderen das tatsächlich so sehen:
„…andernfalls lässt sich die Fiktionalaussage nicht aus der Wirklichkeitsaussage herleiten. Und ist sie nicht Nachahmung der Realaussagen, dann bildet sie einen eigenen Rede- und Aussagestatus. Denn auch der Versuch, Fiktionalaussagen durch Deviation oder Negation aus Realaussagen abzuleiten, setzt diese als existent voraus. In diesem Fall muss ich absolutes Sein durch Negation bestimmten Seins, reine Temporalität durch Negation bestimmter Zeit, reine Lokalität durch Negation bestimmter Lokalität, absolute Wahrheit durch Negation von überprüfbarer Richtigkeit herleiten lassen, und wenn man statt Negation Abweichung einsetzt, so ändert sich gar nichts. In diesem Fall würden sich die Elemente der fiktionalen Aussagen nämlich durch Abweichung von realen Aussagen ergeben müssen. Auch dann müssen diese jenen vorausgehen. Ob dies der Fall ist, muss nun geprüft werden.“
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