Malina von Ingeborg Bachmann

Der Roman beginnt mit der Weigerung, sich auf ein „Heute“ festzulegen.
Die Gegenwart – das Jetzt – sei nur etwas für Selbstmörder.
Und hier haben wir die erste Offenbarung ihrer Psyche. Die Gegenwart wird als zerrissene Fläche begriffen, durch die sie hindurchfällt. Die Gegenwart ist nämlich kein neutraler Ort, sondern etwas, das erkämpft, erfahren oder eben verloren werden kann.
Für sie ist die Gegenwart gleichbedeutend mit Selbstmord – weil sie Mut und Offenheit verlangt. In ihr gibt es keinen Rückzugsort. Hier bin ich nackt, sichtbar, verletzbar, unvermittelt, ohne Filter.
Das hält die Ich-Erzählerin nicht aus. Für sie ist das Jetzt keine bewohnbare Zeitform.
Woran mache ich das fest?
Ihre Sprache schließt die Beziehungsebene aus. Sie ist schon längst nicht mehr mit dem Leben verbunden.
Sie spricht von Hoffnung, von Frieden, von einem Wollen. All das ist aber keine befreiende Offenheit. Sie ästhetisiert durch ihren Sprachzauber lediglich das Versagen ihrer Hoffnung.
Und das macht sie gut.
Das Buch ist reinstes Symptom einer Psyche, die keine andere Antwort kennt als den Rückzug in eine übercodierte symbolische Sprachstruktur.
Jegliche Regung, jedes Gefühl, jede Differenz wird verschluckt – und als funktionale Inszenierung wieder ausgespien.

„Glücklich. Ich bin glücklich.
Wenn Ivan es will, baue ich eine Freudenmauer um ganz Wien herum, wo die alten Basteien waren und wo die Ringstraße ist und meinetwegen auch eine Glücksmauer um den häßlichen Gürtel von Wien. Jeden Tag könnten wir dann an diese neuen Mauern gehen und uns ausschütten vor Freude und Glück, denn es heißt glücklich, wir sind glücklich.
Ivan fragt: Soll ich das Licht auslöschen?
Nein, eines brennen lassen, bitte ein Licht lassen!
Ich lösche dir aber einmal alle Lichter aus, schlaf du endlich, sei glücklich.
Ich bin glücklich.
Wenn du nicht glücklich bist – Was dann?
Dann wirst du nie etwas Gutes tun können.
Und ich sage zu mir, glücklich werde ich es tun können.
Ivan geht leise aus dem Zimmer und löscht jedes Licht hinter sich, ich höre ihn gehen, ich liege ruhig da, glücklich.“

Das Subjekt hat selbst keine Sprechposition mehr. Nur noch Wiederholungen in einem künstlichen Singsang.
Im zweiten Kapitel verdichtet sie den Text durch irre gute Traumbilder. Vater wird Mutter, Räume wandeln sich, Personen verschmelzen, Ich-Stimmen lösen sich auf …
Der Text zeigt das Trauma. Und hier beweist Bachmann ihre Brillanz: formal gewaltsam kontrolliert, geschlossen und so dicht, dass diese Selbstabschottung – ihr Schutzraum – ein Ich künstlich am Leben hält. Es ist in seiner Panzerung absolut kohärent – ein zerbrechliches Ich, das sich mit der Gewalt des Symbolischen schützt.
Jede Szene ist durchstrukturiert, gerichtet. Selbst das Vatertrauma wird in eine kontrollierte Sprachgestalt gebracht. Bilder sind nur stellvertretend, überlagert von Bedeutungen, nie frei. Der Affekt bekommt keine Chance. Es ist existenziell völlig entkoppelt. Und das muss man mal hinbekommen – da, wo es um den Schmerz, das Eingemachte geht, keine Bewegung im Imaginären zuzulassen. Krasse Scheiße!
Und damit schafft sie es, das Unsagbare des Traumas im Schema zu belassen, ohne ihm einen Funken einer Chance des Einbruchs zu gewähren.
Er immunisiert sich gegen jegliche Begegnung.
Der Text stirbt lieber ästhetisch, als sich zu öffnen – oder Frau Bachmann.
Das ist in diesem Fall für mich ein und dasselbe.
Insofern lesen sich für mich die Dialoge zwischen Malina und Ich wie aus einem fernen Raum, einer sprachlichen Trance: völlig mechanisch einstudiert, langweilig, abgeklärt, steril.
Es muss Regieanweisungen aus der Musik geben, wie man zu lesen hat. Damit umgeht sie sogar in den Dialogen die Beziehungsebene und kann es als komponiertes Sprachstück oder Exponat – über das sie dann auch hier die volle Kontrolle hat – formen, statt sich der Lebendigkeit eines wahrhaftigen Dialogs auszusetzen.
Der Text tut alles, um nicht berührt zu werden.
Und all das ist aus einer rein analytischen Brille heraus, die nur die Beobachterfunktion kennt, fünf Sterne würdig.
Nur, dass mein literarischer Zugang ein anderer ist…

Für mich hat dieses Buch eine tyrannische Struktur, die mir meine Freiheit als Leserin nimmt. Ich werde nur geduldet, wenn ich mich dem Formwillen, ihrer symbolischen Kontrolle und Struktur unterwerfe. Und wovon darf ich dann Zeugin oder sogar Komplizin werden?
Eines kontrollierten Zusammenbruchs.

Stell dir vor, es ist Literatur, und niemand spricht – zu dir, zu mir.

Wenn ihr eine gelungene, wertschätzende Rezension zu Malina lesen wollt, geht auf den Blog von Alexander Carmele: Rezension Malina.
Malina lässt sich – gut begründet und weitaus präziser, als ich es hier tue – auch vollkommen anders lesen.
Was für mich Rückzug ist, wird bei ihm zu Hoffnung.
Wo ich Schweigen als Abwesenheit empfinde, sieht er Präsenz.
Er heiligt, was für mich nichts als Überlebensstruktur ist.


Ich hatte das Buch zunächst nach 113 Seiten mit folgendem Kommentar abgebrochen:

„Nö, deinen verkapselten intellektuellen Reflexionsraum, in seiner defensiven selbstgefälligen Verdichtung kannste behalten. Auf Sprache als Rüstung, Maskenparade und Verweigerung der Beziehungsebene steh ich nicht. Beobachtung abgelehnt.“

Dann las ich etwas zu Artraud und dachte mir: ok, ich scheine deine Grausamkeit zu sein, da ich ein Leser bin, der versucht deine Schutzzone aufzusprengen. Da Malina nun mal ein radikal autonomer Text ist, der keinen sich bewegenden Leser innerhalb seiner Struktur benötigt und zulässt, sondern nur den Beobachter akzeptiert, respektiere ich den Rückzug und lese von Außen.