Der grüne Heinrich von Gottfried Keller – Vom Honig zum Realismus in 20 Seiten
12. Februar 2026Bin zum letzten Update nur gerade mal 20 Seiten weiter und es war schon wieder mächtig was los. Dieses Buch macht mich fertig…
Also folgendes:
Bin in Band 2 Kapitel 2 (gegen Ende) und lese das
„Das Haus war weiß getüncht, das Fachwerk rot angestrichen und die Fensterladen mit großen Muscheln und Blumen bemalt, aus den Fenstern wehten weiße Gardinen, und aus der Haustür trat, ein zierliches Treppchen herunter, das junge Bäschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in einem weißen Röckchen und mit einem himmelblauen Bande gegürtet, mit goldbraunen Haaren, blauen Äuglein, einer etwas eigensinnigen Stirne und einem kleinen lächelnden Mündchen. Auf den schmalen Wangen wallte ein Erröten über das andere hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen führte uns Anna, nachdem sie sich mit meinen Basen[245] so zärtlich und feierlich begrüßt hatte, als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen, in das vor Reinlichkeit und Aufgeräumtheit widerhallende Haus, wo uns ihr Vater, in einem saubern grauen Fracke und weißer Halsbinde, in gestickten Pantoffeln einhergehend, herzlich und zufrieden willkommen hieß.“
Auf Goodreads kommentierte ich folgendermaßen: Boa, ich muss dringend, DRINGEND wieder „Maldoror“ lesen… dieses frohlockende Geplätscher ist zersetzender als nen Säurebad…Das ist übrigens dieser Honig in dem die ganzen philosophischen Idealisten als Hans Guck in die Luft mumifiziert und bewegungsunfähig gehalten werden. Eins der wenigen Zitate die mir aus „Moby Dick“ erhalten geblieben sind.Keller nutzt das, um es später zu brechen, als ironische Geste. Bin ich mir sicher. Hat er vorher auch schon gemacht. Ändert aber nichts dran, dass ich durch diese Pampe durch muss… Schlimm!!
Habe uns für den Blog nochmal das genaue Zitat aus Moby Dick rausgesucht:
Es läßt sich kaum ein süßerer Tod denken, höchstens etwa das köstliche Ende jenes Imkers in Ohio, der im Geäst eines hohlen Baumstammes nach wildem Honig suchte und ihn dermaßen in Hülle und Fülle vorfand, daß er sich zu weit vornüberlehnte und, vom Honig verschluckt, bei lebendigem Leibe einbalsamiert wurde. Wie viele sind wohl auf ähnliche Art in Platons Honigseim geraten und seiner Süße zum Opfer gefallen?
Geht weiter mit der Überzuckerung bei Keller:
„Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleich ich den ernsten moralischen Sinn derselben nicht sonderlich faßte, so ergriff ich doch den Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte mich glücklich, mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu wissen; es ging mir ein heller Stern auf, und ich sagte unumwunden »Ja, ich möchte ein Maler werden!“
Daraufhin schreibt Heinrich der Mutter einen Brief, welche sich direkt aufmacht um Rat zu suchen. Und Zack, landen wir im Realismus – Kapitel 3:
„Maler, Landkartenmacher, Blümchenzeichner, Stubensitzer, Herrenknecht! Handlanger der Geldaristokraten, Gehilfe des Luxus und der Verweichlichung, als Landkartenmacher sogar direkter Vorschubleister des bestialischen Kriegswesens! Handwerk, ehrliche und schwere Handarbeit ist uns vonnöten, gute Frau! Wenn Euer Mann lebte, so würde er den Jungen so gewiß durch schwere Handarbeit ins Leben führen, als zwei mal zwei vier sind! Zudem ist der Junge schon ein bißchen schwächlich und verwöhnt durch Euere Weiberwirtschaft; laßt ihn ein Maurer oder Steinmetz werden, oder besser, gebt ihn mir, so wird er die gehörige Demut und damit den rechten Stolz eines Mannes aus dem Volke gewinnen, und bis er imstande ist, einen guten Schuh fix und fertig zu arbeiten, soll er gelernt haben, was ein Bürger ist, wenn er anders seinem Vater nachfolgt, den wir sehr vermissen, wir andere Handwerksleute! Besinnt Euch, Frau Lee! von der Pike auf dienen, das macht den Mann! Waren die neuen Schuhe doch nicht zu eng, die ich letzthin schickte?«
Ach sieh an! „Handlanger der Geldaristokraten?“. Exakt dieselbe Thematik wie in Flaubert’s „Lehrjahre der Männlichkeit“. Übrigens interessant, dass beide Bücher in demselben Zeitfenster geschrieben wurden. Erste Fassung Grüner Heinrich 1854/55, zweite 1879/80 und Flaubert – L’Éducation sentimentale 1869. Und sie könnten nicht unterschiedlicher geschrieben sein. Bei Flaubert ist der Konflikt bereits entzaubert. Der Künstler ist strukturell abhängig, niemand glaubt mehr an heroisches Künstlertum. Liegt es daran, dass Flaubert aus Paris schreibt und Keller aus dem ländlichen Raum berichtet? In Deutschland bzw. der Schweiz, scheint man zu dieser Zeit noch arg um ein Ideal zu ringen. Vielleicht weil man noch keine politisch gescheiterte Generation vor der Nase hatte? Ich las bereits an mehren Stellen im „grünen Heinrich“ über die Erziehung, den Staat und die Moral, wie Figuren sie hoch hängen und man glaubt, sie können etwas bewirken. Keller zeigt zwar eindeutig das Spannungsverhältnis in dem sie zittern und ächzen, aber längst nicht in der Ernüchterung eines Flaubert.
Des Weiteren steckt in dem Zitat die Sozialdisziplinierung: nicht träumen, schuften.
Die Mutter ärgert sich über diese Aussage und möchte ihrem Sohn die Möglichkeit der Selbstverwirklichung geben, lässt sich aber durch weitere Reden verunsichern. In diesem Kapitel wird klar der Diskurs zwischen idealistischer Kunstauffassung und handwerklich-religiöser Arbeitsethik geführt.
Der süße Honig wird scharf gewürzt.
Und ich hab wieder etwas zum Künstlerdiskurs im 19. Jahrhundert gelernt. Das ist cool!
Kommentare
2 KommentareEs passt zu dem, was ich von „Der grüne Heinrich“ als einen der ersten Künstler-Desillusionsromane gehört habe, nämlich das Pragmatische hervorzukehren, obgleich in biederer Form. Tatsächlich hat sich der deutschsprachige Raum zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vom Adel gelöst – in Frankreich dagegen gab es bereits den Versuch, den Adel durch Geistesadel zu ersetzen, was auch scheitert, daher passt Flaubert. Ich bin interessiert, wie sich das beim Heinrich ausgeht – das Biedere erscheint hier eher als Verneinung, denn als Durchschreitung. Hier schreibt einer mit angezogener Handbremse, scheint mir.
Ja, ich lese es momentan auch ehr als Verneinung. Er hält zwar den Pragmatismus nicht unbedingt als Holzhammer dem gegenüber, dafür arbeitet er mit zu feiner Ironie. Aber dennoch bleiben die diskursiven Elemente klar platziert, auch wenn Keller m.E. durch einfache Erfahrung oder Beobachtung wie es läuft, das längst nicht so wie Böll in „Ansichten eines Clowns“ stehen lässt. Ich habe momentan ehr den Verdacht, dass ihm die Schriftstellerische Verantwortung wichtig ist und über das fiktionale Erzählen hinaus nicht in überbordende Höhen abzudriften, sondern das Leben wie es sich in seiner Gnadenlosigkeit zeigt, nicht zu verschleiern. Als würde er gegen eine gewisse romantische Tradition anschreiben.