Jenseits des Unbehagens „Sublimierung“ von Goethe bis Lacan von Eckart Goebel

»Die wahre Poesie kündet sich dadurch an, daß sie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen, uns von den irdischen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast, der uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive vor uns entwickelt daliegen. Die muntersten wie die ernstesten Werke haben den gleichen Zweck, durch eine glückliche geistreiche Darstellung so Lust als Schmerz zu mäßigen.«
[Goethe, in Dichtung und Wahrheit]

Die Sublimierung verfolgt mich seit etwa 2 Wochen. Auslöser war mein Abbruch von „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ von Goethe, dem jegliche Negativität fehlt, das ich als harmonisch geglättet bezeichnet habe. Natürlich gibt es Differenzen, die werden aber durch die Sublimierung in einer für mich, künstlichen Fröhlichkeit umgelenkt.
Für mich stellte sich Sublimierung als Intensitätsverlust, eine Art Verdrängung dar, die ich nicht sonderlich produktiv einordnen konnte.

Gut, aber nehmen wir jetzt Goethes Luftballon aus dem dem Zitat und sagen, die Sublimierung ist eine Art Vergeistigung, die den Ballast (wie er schreibt) mitnimmt und aus einer anderen Perspektive darstellt, um weiträumiger damit denken zu können oder den Druck des Triebimpulses zu streuen, aber nicht zu vernichten. Er sagt: mäßigen.
Und so argumentiert auch dieses Buch bisher.
Es verweist im Zitat auf das Evangelium, das die Passion beinhaltet – Sterben und Wiederauferstehung. Dies sei der „Inbegriff von Sublimierung: das grob Stoffliche und Vergängliche wird unsterblicher Geist“.
Es folgt ein Verweis auf Jaques Lacan, der Sublimierung als notwendige Streuung des Begehrens versteht.
Am Werther-Brief und der folgenden Elegie wird dieses tragische zu Grunde gehen an der Liebe und die Wiederauferstehung im Gedicht veranschaulicht.
Dh. die Elegie kompensiert durch die Arbeit an ihr die Unerreichbarkeit seines geliebten Objektes.

In seinem Werther-Brief schreibt er

Keins wird vom andern wünschenswert ergänzt,
Von außen düstert’s, wenn es innen glänzt,
Ein glänzend Äußres deckt mein trüber Blick,
Da steht es nah – und man verfehlt das Glück.

Goebel dazu: “ Die Gleichung »Liebesbesitz = Selbstbesitz = Weltbesitz« ging nicht auf.“

Zur Befreiung daraus, schreibt er die Elegie.
Aber auf eine negativ sublime Weise. Das Bild seiner Geliebten flackert in einem Wiederholungszwang immer wieder auf. Der Schmerz der Trennung symbolisiert sich darin, dass er nur die Gegenwart des geliebten Objektes herbeisehnt. Und ihm ist sonnenklar, er kommt aus dem Kreislauf nicht raus. Nur, ist hier nicht der Selbstmord die Lösung, sondern Dankbarkeit. Diese schmerzhafte Liebe, erhebt gleichzeitig die Welt. Nur durch die Liebe, kann er Welt erschließen. Ich würde fast behaupten, der Ballast, wird zum Luftballon sublimiert. Die Trauer bleibt. Aber über diese Form der Sublimation wird die Aggression umgeleitet und wendet sich sich nicht gegen ihn. Mit diesem Kniff bewahrt sich Goethe auf paradoxe Weise seine idealistische Illusion von einer Einheit der Liebe.
Nur, die letzte Liebe, ist immer „die unerträgliche Erfahrung endgültiger Trennung.“

Ich denke hieraus wird klar, dass die Sublimierung keine Erleichterung darstellt. Sie bewirkt vielmehr, etwas in Erscheinung treten zu lassen, eine Ungeheuerlichkeit, die der direkte Affekt ohne symbolische Vermittlung nicht leisten kann. Oder ich sage es so: Sublimierung ermöglicht es, das Ungeheuerliche zu denken, damit weiterzuarbeiten, ihm einen Möglichkeitsraum aufzuspannen, der in der Dehnung der Zeit evtl. auch eine entscheidende Rolle spielt, statt im kurzen Moment der Affektentladung in Selbstverzehrung zu zergehen.
Wenn ich langsamer falle (temporalisierung), kann ich vielleicht mit dem Geist, der Ratio, noch was erreichen.
(Irgendwie hab ich das Gefühl, winkt mir Slavoj Žižek grad zu)
Die Streuung und Umlenkung der Wucht, macht die tiefe Erschütterung erst sichtbar. Und bei Goethe erscheint das Ungeheure nun mal in Form von „Überfülle, Überreichem, Allzuvielem.“

„Sublimierung heißt, dass in der Kunst erfahren werden kann, was im Leben vernichtend ist.
Und das ist Goethes Begriff des Glücks.“