V. von Thomas Pynchon – Ein Schelmenroman der an Baudolino von Umberto Eco erinnert
28. August 2025Im Kapitel in Florenz, dreht sich alles um den rätselhaften Begriff „Vheissu“.
Hier zwei Zitate dazu:
„Evan wandte sich langsam seinem Zellengenossen zu. »Aber ich glaube ihnen wirklich«, sagte er ruhig. »Ich will es Ihnen erzählen. Die Geschichte von meinem Vater. Vor dem Einschlafen setzte er sich immer in mein Zimmer und spann sein Garn über Vheissu. Über die Klammeraffen, wie er einmal ein Menschenopfer erlebte, über die Fische in den Flüssen, die bald blau, bald wie Feuer schimmern. Sie umkreisen einen, wenn man badet, es ist wie ein ritueller Tanz, der einen vor Schaden bewahrt. Und es gibt dort Vulkane, in denen Städte sind, die alle hundert Jahre einmal als flammende Hölle ausbrechen, und dennoch leben die Menschen weiter in ihnen. Und Männer in den Bergen mit blauen Gesichtern und Frauen, die nur Drillinge gebären, und Bettler, die in einer Zunft zusammengeschlossen sind und den ganzen Sommer über fröhliche Feste feiern und sich vergnügen.
Sie wissen, wie Söhne sind. Eines Tages kommt die Zeit des Bruchs, der Augenblick, an dem er seinen lang gehegten Verdacht bestätigt sieht, daß der Vater weder Gott noch Orakel ist. Er sieht, daß er nicht das Recht hat, weiterhin daran zu glauben. Und so wurde Vheissu schließlich eine Gutenachtgeschichte oder ein Märchen und der Sohn das verbesserte Abbild seines ganz einfach menschlichen Vaters.“
„Von diesem Augenblick bis jetzt habe ich zwei Regierungen gesehen, die sich fast zum Wahnsinn treiben ließen von diesem Märchen, von dieser Besessenheit, von der ich glaubte, allein mein Vater sei ihr verfallen. Es ist, als rechtfertige nun die Menschlichkeit meines Vaters – die zuvor Vheissu und meine Kinderliebe zu ihm als Lüge erscheinen ließ – beides, es ist, als wäre beides die ganze Zeit hindurch wahr gewesen. Denn die Italiener und die Engländer, und sogar ihre dummsten Beamten, sind Menschen. Ihre Angst ist dieselbe, die meinen Vater befiel, die auch mich nun ankommt und die vielleicht in ein paar Wochen jeder spürt, der in dieser Welt lebt, von der niemand will, daß sie zum Schauplatz einer Massenvernichtung wird. Nennen Sie es eine gemeinsame Aufgabe: irgendwie auf einem verkorksten Planeten überleben, den weiß Gott keiner von uns sehr liebt. Aber es ist nun einmal unser Planet, und wir leben auf ihm.“
Etwas wird zur Wahrheit weil Menschen danach handeln. Ha! Und das ist exakt das worum es auch in Baudolino geht.
Nur das in Baudolino die Lebenslüge zu einer Art Sinnstiftung des Erzählers führt. Der Mythos wirkt stabilisierend auf sein Leben.
Pynchon verkehrt dies, indem er das Individuelle immer wieder dem Massenwahn unterordnet. Der Mythos führt in kollektive Paranoia.
Interessant ist, dass auch Eco den Massenwahn behandelt, nur umgekehrt arbeitet. Die kollektive Paranoia ist ein Außen, auf das der Erzähler (Baudolino) retrospektiv blickt und davon seine Subjektivität abgrenzt. Eco kann durch den retrospektiven Blick natürlich gut ordnen. Bei Pynchon gibt es keine Subjektivierung. Sein Text wird im gegenwärtigen Erleben, aus der Perspektive verschiedener Figuren erzählt. Alles nur Getriebene, die von der Geschichte verspeist werden.
Ich bin in der Literaturtheorie oder Erzähltheorie noch sehr unbewandert. Aber ich glaube, an dem Beispiel kann man gut herausarbeiten wie entscheidend die gewählte Erzählperspektive ist und wie wichtig es ist, eine zu wählen, die den gewünschten Effekt auch plausibilisieren kann.
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