V. von Thomas Pynchon und die selbstgenügsame, autonome Form – Struktur als Träger des Romans

Das Bewegungsspiel Pynchons in V. erlebe ich ähnlich befreiend wie Die letzte Welt von Ransmayr. Das Buch hatte ich erst vor ein paar Wochen gelesen. Auch dort wirkt die Leere als Motor.
Durch einen kurzen Austausch ausgelöst, sagte ich, dass V. für mich ohne Kontextwissen auskommt. Obwohl Militärgeschichte, Diplomatie, Spionage, Kolonialismus etc. eine große Rolle in der szenischen Verarbeitung spielen und sicherlich die Pointen noch einmal besser wirken, wenn man dieses Hintergrundwissen hat, ist es keine Bedingung für das Gelingen des Buches oder dafür, dass es bei mir ankommt.
V. und Die letzte Welt schöpfen rein aus ihrem ästhetischen Prinzip.
Ich würde sie als selbstgenügsame Form bezeichnen, die ästhetisch autonom ist.
Mit Autonomie meine ich, dass der Text aus sich selbst heraus besteht und in seiner Bewegung eine tragende Struktur erzeugt.

1.) Wiederkehr von Motiven, leichte Fäden, die sich verschieben, aber doch einen Sog erzeugen.
Pynchon: V. ist nie greifbar, aber Figuren, Zeiten, Orte kreisen darum.
Ransmayr: Ovids Leere → jeder episodische Splitter reflektiert die Abwesenheit des Dichters.
In beiden Fällen wird mit der Leere eine Dynamik erzeugt.
Autonomie entsteht, wenn die Leere ein Feld der Projektion und Bewegung bildet, nicht bloß einen Abbruch.
Es ist also kein bloß chaotisches Feld, in das ich beliebig alles Mögliche hineinwerfe, wie es aktuell beliebt ist: popkulturelle Referenzen hineinmatschen, umrühren und hoffen – passt schon, daran kann man sich abarbeiten, es ist wiedererkennbar und wirkt vielleicht ganz ulkig. Diese Romane hoffen nämlich eher auf die subjektive Resonanz – dass da ein Leser ist, der aus seiner Erfahrungswelt schon etwas damit anfangen kann.
Das ästhetische Prinzip, um das es mir geht, kommt ohne den Leser aus, daher autonom und selbstgenügsam. Aber: Der Leser ist dennoch Spielgefährte dieser Texte, da die Bewegung und Prozesshaftigkeit der Struktur es ihm ermöglicht, mitzudenken und Teil der Struktur zu werden.

2.) Zufällig las ich dann auch noch vor einigen Wochen Moby Dick , und dort wird das Symbolische als Träger der Struktur verwendet. Es ist etwas komplizierter, als ich es hier darstelle. Zu Beginn des Buches herrscht ein anderes Prinzip vor. Ich möchte nur auf die Wissenssemantik eingehen, die auf See eine entscheidende Rolle spielt. Das Erzählen wird durch die Fülle des Wissens und die Katalogisierungen getragen: ein Ordnungssystem inmitten des Ozeanischen, des Nichtwissens und der bevorstehenden Katastrophe, die der traumatisierte Erzähler Ismael retrospektiv erzählt.
Die Gefahr bei solchen Texten ist natürlich, dass das enzyklopädische Wissen als Selbstzweck verwendet wird – und damit als tote Faktensammlung neben dem Rest des Textes vor sich hinschmort.
Melville setzt – wie auch Ransmayr und Pynchon – auf Bewegung (Autonomie), um dies zu durchschreiten. Das Wissen bewegt sich auf die Grenze seines eigenen Zusammenbruchs zu. Entweder scheint es zu scheitern: durch das, was man dennoch nicht weiß, oder durch die Erfahrung, die gemacht wird, oder durch den Durchbruch ins Erhabene. Ismael setzt am Ende solcher Kapitel häufig philosophische Überlegungen, die das Wissen transzendieren.

3.) Und wie es sein soll, las ich dann auch noch Malina von Ingeborg Bachmann vor einiger Zeit, das ebenfalls aus einem reinen Strukturprinzip heraus sich selbst genügt. Es ist der Antipode zu Ransmayr und Pynchon.
Bei ihr finden wir ästhetische Autonomie in Form von symbolischer Verdichtung. Jegliches Bild wird in Bedeutung und symbolische Felder überführt, damit bloß nichts Verdrängtes, über das man keine Kontrolle hat, durchkommen kann. Bachmann arbeitet mit sprachlich-symbolischer Kontrolle im Endstadium.
Die Gefahr hierbei besteht darin, die Form zu stark zu schließen. Die Bedeutungen so festzuziehen, dass keine Bewegung mehr möglich ist und der Text in eine Art didaktische Stasis verfällt.
Wie macht Bachmann das dann mit der Bewegung? Sie überdeterminiert die Symbole und hält durch das Motiv des Verschwindens alles im Fluss. Damit endet das Buch mit einer unabschließbaren Bedeutungsflut, die situativ ständig eingehegt wird, um dann für die nächste Szene weiterreisen zu dürfen.

Das ist für mich eine erste Annäherung an die Fragestellung zur Entstehung der ästhetischen Form von Romanen, die sich allein aus ihrer Struktur speisen und deren Plot in den Hintergrund tritt.

Das gemeinsame Prinzip (scheint mir): Bewegung.
Autonomie = Wissen, Symbolik oder Leere + Bewegung (Sog durch Wiederkehr und Verschiebung, Grenze des eigenen Zusammenbruchs, Überdeterminierung).